Wladislaw Alexandrowitsch Tretjak (russisch Владислав Александрович Третьяк; * 25. April 1952 in Orudjewo, Oblast Moskau, Russische SFSR) ist ein ehemaliger russischer Eishockeyspieler. Mit der sowjetischen Nationalmannschaft wurde er mehrfacher Olympiasieger und Weltmeister. Während seiner aktiven Zeit galt Tretjak als weltbester Eishockeytorwart und trug den Spitznamen „Mann mit den tausend Händen“.
Wladislaw Tretjak wurde am 25. April 1952 in einem Dorf nahe Dmitrow geboren. Er stammt aus einer ukrainischen Familie, seine beiden Eltern kamen ursprünglich aus Sumy. Sein Vater war 37 Jahre lang Pilot der sowjetischen Luftwaffe, während seine Mutter als Sportlehrerin arbeitete. Wie sein älterer Bruder begann er als Kind mit dem Schwimmsport, probierte aber auch das Tauchen und Turmspringen. Mit seinen Eltern ging er jeden Sonntag zum Eislauf in den Gorki-Park.
Später entdeckte er den alten Feldhockeyschläger seiner Mutter und verwandelte den Hof und Garten der elterlichen Wohnung in einen Eishockeyübungsplatz. Im Alter von 11 Jahren meldete ihn seine Mutter in der Kinder- und Jugendsportschule des ZSKA Moskau an, an der er aufgrund seiner Vorkenntnisse im Schlittschuhlaufen angenommen wurde. Unter Trainer Witali Jerfilow spielte er zunächst als Stürmer. Aufgrund der Knappheit von Spielerausrüstungen wechselte er bald auf die unbesetzte Position des Torhüters, da er dadurch sofort eine komplette Ausrüstung erhielt.
Seine erste Verletzung erlitt er im Alter von 12 Jahren, als er einen Pucktreffer im Gesicht erhielt. Aus Angst, aus dem Team geworfen zu werden, meldete er die Verletzung nicht sofort.
Im Sommer 1967 interessierte sich erstmals der Cheftrainer der Herrenmannschaft, Anatoli Tarassow, für Wladimir Tretjak und ließ ihn als vierten Torhüter beim Training der Herren mitwirken.
Zwischen Dezember 1967 und Anfang Januar 1968 fand in Finnland die erste U19-Europameisterschaft statt, bei der Tretjak mit der U19-Nationalmannschaft die Silbermedaille gewann. Der damalige U19-Nationaltrainer, Nikolai Putschkow, charakterisierte Tretjak in einem Zeitungsinterview als hervorragenden Torhüter: „Im Allgemeinen mache ich jungen Leuten keine Komplimente …, aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme. Ich habe einen Jungen namens Wladik, der mich mit seiner erstaunlichen Reaktionsfähigkeit, Beweglichkeit und Mut begeistert.“
Während der Saison 1968/69 debütierte er in der sowjetischen Meisterschaft, der damaligen Klass A, für die Herrenmannschaft des ZSKA und absolvierte insgesamt drei Partien bis zum Saisonende. Parallel dazu spielte er weiter für die U19-Juniorenmannschaft des Armeesportklubs, wurde mit dieser 1969 Juniorenmeister der UdSSR und als bester Torhüter der U19-Junioren ausgezeichnet. Außerdem nahm er mit der U19-Nationalmannschaft an der Junioren-Europameisterschaft 1969 teil, bei der er zwei Partien absolvierte und die Goldmedaille gewann.
Aufstieg zum Stammtorhüter beim ZSKA und der Sbornaja
In der Saison 1969/70 gewann er mit dem ZSKA seinen ersten sowjetischen Meistertitel und absolvierte dabei 34 der 44 Saisonspiele, womit sein Aufstieg zum Stammtorhüter – trotz seines Alters von 17 Jahren – besiegelt war. Der ZSKA beendete die Saison mit zehn Punkten Vorsprung vor Spartak Moskau. Im Dezember 1969 debütierte er als 17-Jähriger in der sowjetischen A-Nationalmannschaft, der sogenannten Sbornaja, beim Iswestija-Pokal, einem in Moskau ausgetragenen Wettbewerb für Nationalmannschaften. Dort trat die Nationalmannschaft mit zwei sehr jungen Torhütern an – Wladimir Schepowalow mit 21 Jahren und Wladislaw Tretjak. Sein erstes A-Länderspiel war die Partie gegen Finnland, im weiteren Turnierverlauf absolvierte er die zweite Hälfte des Spiels gegen Kanada, die Partie gegen Schweden sowie zehn Minuten Eiszeit gegen die Tschechoslowakei.
Außerdem gewann er im Januar 1970 die Goldmedaille bei der Junioren-Europameisterschaft. Bei der Eishockey-Weltmeisterschaft 1970 in Stockholm debütierte er im März 1970 als zweiter Torhüter hinter Wiktor Konowalenko, wurde in insgesamt sechs Spielen eingesetzt und gewann am Turnierende seine erste Goldmedaille bei Herren-Weltmeisterschaften mit der Sbornaja. Im Januar 1971 gewann Tretjak seinen dritten Junioren-Europameistertitel, zudem wurde er in das All-Star-Team des Turniers gewählt und als bester Torhüter ausgezeichnet. Am Ende der Saison 1970/71 gewann er mit dem ZSKA die sowjetische Meisterschaft, wurde in das All-Star-Team der Wysschaja Liga gewählt und gewann die Goldmedaille bei der Weltmeisterschaft in der Schweiz. 1972 nahm Tretjak erstmals an den Olympischen Winterspielen, die damals in Sapporo stattfanden, teil. Im Turnierverlauf erreichte das sowjetische Nationalteam vier Siege und ein 3:3-Unentschieden gegen Schweden, so dass es seine vierte olympische Goldmedaille seit seinem Debüt im Jahr 1956 gewann. Für Tretjak war es sein erster Olympiasieg, wobei er vier der fünf Turnierspiele absolvierte und damit zum Stammtorhüter der Sbornaja avancierte.
Einige Monate später gewann Tretjak mit dem ZSKA seine dritte nationale Meisterschaft in Folge. Auf internationaler Ebene gewann die Nationalmannschaft durch eine Niederlage gegen die gastgebende Tschechoslowakei die Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft 1972.
Internationaler Durchbruch bei der Summit Series 1972
Aufgrund des 1970 beschlossenen Rückzugs des kanadischen Eishockeyverbands von Eishockey-Weltmeisterschaften und Olympischen Winterspielen fehlten zu Beginn der 1970er Jahre sportliche Vergleiche zwischen der besten europäischen Mannschaft, der Sbornaja, und den besten Spielern der National Hockey League. Daher wurde 1972 eine Serie von acht Spielen zwischen ebendiesen Kontrahenten eingeführt, die später als Summit Series bekannt wurde.
Wladislaw Tretjak war 1972 in Nordamerika mehr oder weniger unbekannt. Von den kanadischen Scouts wurde er als das schwächste Glied der sowjetischen Mannschaft bewertet. Diese Fehleinschätzung ist auf die einzige Erkundungsreise durch Vertreter des Team Canada zurückzuführen. Die Scouts Bob Davidson und John McLellan verbrachten nur vier Tage in Moskau und sahen Tretjak in nur einem einzigen teaminternen Spiel, wobei er in der schwächeren Mannschaft spielte und insgesamt acht Tore zuließ. Wie Tretjak später berichtete, hatte er die Nacht zuvor mit Feiern verbracht, da er am folgenden Tag heiratete und sich nicht wirklich konzentrieren konnte. Später gab er zu, dass dies vielleicht auch ein Trick war, um die Kanadier hinters Licht zu führen.
Vor dem ersten Spiel der Serie besuchte der NHL-Spitzentorhüter Jacques Plante Tretjak in der Kabine der Sowjets, um ihm Tipps zu geben, wie er gegen die NHL-Stars Mahovlich, Esposito, Cournoyer und Henderson agieren sollte. Er tat dies, da er eine Demütigung des sowjetischen Torhüters und einen sehr hohen Sieg der Kanadier erwartete.
Die Spieler des kanadischen Teams glaubten den Beobachtungen ihrer Scouts und fanden sich durch zwei frühe Tore zu Beginn des ersten Spiels in Montreal bestätigt. Aber vom Zeitpunkt des zweiten Gegentores an steigerte sich Tretjak, „tauchte anscheinend aus dem Nichts auf“, um kanadische Schüsse zu blocken, und frustrierte seine Gegner, die ihn ständig mit Torschüssen traktierten. Letztlich gewannen die Sowjets das Spiel mit 7:3.
Das kanadische Team generierte in sechs der acht Spiele der Serie mehr Torschüsse als die Sowjets. Im dritten Drittel des vierten Spiels hielt Tretjak alle 21 Schüsse auf sein Tor. Tretjaks Fangquote von 88,4 Prozent gab der Sbornaja immer die Möglichkeit, zu gewinnen, sein Agieren war für die damaligen Verhältnisse spektakulär. Im letzten Spiel der Serie musste Tretjak 34 Sekunden vor Spielende ein Tor von Paul Henderson zum 6:5-Endstand hinnehmen. Diesen Treffer bezeichnete er im Nachhinein als das „ärgerlichste Tor“ seiner Karriere, da Henderson kurz zuvor an der Bande hinter dem Tor gestürzt war und nur so zum richtigen Zeitpunkt vor Tretjak auftauchen konnte, um den Abpraller eines zuvor abgewehrten Schusses auszunutzen.
Tretjak wurde nicht nur in seiner Heimat, sondern auch in Kanada als überragender Spieler der Serie gefeiert. Durch seine Spielweise erreichte er den Respekt der Kanadier und verbrachte Stunden mit dem Geben von Autogrammen.