Der Wintergarten ist ein Varietétheater an der Potsdamer Straße in Berlin-Tiergarten.
Der erste Standort des Theaters befand sich südlich des Bahnhofs Friedrichstraße in Berlin-Mitte, das nach Vorbild der Wiener Theater um 1887 entstand. Die Spielstätte, der Wintergarten des Central-Hotels, fungierte als Namensgeber. 1895 wurde der Wintergarten das weltweit erste kommerzielle Filmtheater mit den Bioskop-Vorführungen der Brüder Skladanowsky und begründete damit seinen internationalen Ruf. Die Entwicklung als Varietétheater und als Bühne endete nach einem Bombenangriff im Jahr 1944. Unter dem traditionsreichen Namen eröffnete 1946 an der Berliner Hasenheide ein Kino-Varieté und 1992 erneut am heutigen Standort.
Der Wintergarten und seine Bedeutung für das Varietés
Das Central-Hotel und sein Wintergarten
Um 1880 erhielt Berlin aufgrund seiner geographischen Lage die Stellung eines Zentrums zwischen Ost und West, was zu einem starken Verkehrsaufkommen und anschwellenden Besucherströmen führte. Durch den Ausbau des lokalen Schienennetzes und dessen Anbindung an den internationalen Eisenbahn-Verbund, welcher nun mitten durch den Stadtkern führen sollte, entstand neben dem Potsdamer Bahnhof am Potsdamer Platz ein neuer zentraler Bahnhof am Spreeübergang der Friedrichstraße, der heutige Bahnhof Friedrichstraße.
Hermann Gebers, Eigentümer des Gartenlokals „Stadtpark“ an der Friedrichstraße, kaufte rund um den neuen Central-Bahnhof Grundstücke auf, riss die alten Gebäude ab und begann 1877 mit der Errichtung des Central-Hotels. Geplant war ein Haus, das sich in Umfang, Glanz und Komfort mit den großen Hotels in Paris, London und New York messen konnte.
Das neue Hotel sah zwei Teile vor, einen Hotelbereich und einen Palmengarten, wie sie im wilhelminischen Kaiserreich en vogue waren. Der Wintergarten sollte nicht nur den Gästen als Erholungsstätte, sondern auch als Veranstaltungsort von Konzerten und Theatervorstellungen dienen.
Der damalige Wintergarten war ein langgestreckter Raum mit 75 Meter Länge und 23 Meter Breite und wurde durch eine große Zahl von Gasleuchten erhellt. Er hatte eine Gesamtfläche von etwa 1.700 Quadratmeter. Der Raum besaß eine gewölbte Kuppel aus Glas, und an dem höchsten Punkt maß die Decke 18 Meter.
Der Wintergarten als Veranstaltungsort
Im Herbst 1881 hatte sich der Wintergarten aufgrund seines luxuriösen Interieurs auch bei dem wohlhabenden und reichen Berliner Publikum, das bis dahin meist in die Philharmonie gegangen war, als musikalisch-unterhaltender Veranstaltungsort durchgesetzt. Der Erfolg des Varietés hatte in diesen musikalischen Programmen seine Wurzeln.
Bis 1886 bestanden die Veranstaltungen vorwiegend aus instrumentalen Konzerten. Es überwogen die bekannten und beliebten Unterhaltungsmelodien. Erst ab der Saison 1886 wurden die Programme erweitert und auch Tänzerinnen und Sängerinnen engagiert. Die Suche nach neuen dramaturgischen Prinzipien begann, gegen die logisch-ordnenden Textvorlagen, für offene Geschichten, wie sie der Circus oder die Revue boten, ohne Anfang, ohne Ende, willkürlich, doch nicht zufällig. Gegen die Vorherrschaft des Wortes wurden Bilder gesetzt, Montagen entwickelt, neue Aufführungsorte erprobt; der Alltag und das theatralische Spiel durchdrangen sich.
Die Kapelle füllte nun die Pausen zwischen den Auftritten der Tänzer und Sänger und nicht umgekehrt. Durch die Verbindung von Kapelle, Sängerinnen und Tänzerinnen entstand das erste Varietéprogramm im Wintergarten. Es fanden sich immer neue Künstler, und Geschäftsleute traten an, die mit Formen theatralisch-artistischer Darbietung experimentierten. Der Reiz des Unwahrscheinlichen, die Lust am Staunen, die Sehnsucht nach tosendem Gelächter nahm großen Einfluss auf die Ausrichtung des Programms. Im Herbst des Jahres 1886 übernahmen der Berliner Schauspieler Franz Dorn (hieß eigentlich Grüger) und der Ungar Julius Baron den Wintergarten und nach Umbauarbeiten im Sommer 1887 kündigten sie das Premierenprogramm „Großes Konzert und Vorstellung“ an.
Im Herbst 1887 wurde der Wintergartens als Varieté eröffnet. Der Wintergarten avancierte zum berühmtesten Nummerntheater Berlins und des Kaiserreichs.
Durch den – für ein Varieté typischen – häufigen Programmwechsel sah man sich gezwungen, mit immer neuen noch größeren Sensationen aufzuwarten.
Am 1. November 1895 fand somit die erste öffentliche und kommerzielle Filmvorführung im Wintergarten statt, wo die Brüder Max und Emil Skladanowsky ihren Bioscop im Rahmen des Varietéprogramms zeigten.
Im Jahre 1900 wurde der Wintergarten abermals umgebaut, wodurch er sein spezifisches Gesicht erhielt, welches bis zur Zerstörung im Kriegsjahr 1944 beibehalten wurde. Die Pläne für den Umbau lieferte der durch den Bau des Theater des Westens bekannt gewordene Bauherr Bernhard Sehring. Unter anderem wurde die Glaskuppel von außen mit flexiblen Platten abgedeckt und der Raum erhielt einen für ein Theater typischen Innenraum. Nach einer Idee von
Bernhard Sehring wurden Glühbirnen an die Decke angebracht, um einen Sternenhimmel zu imitieren. Der Berliner Lokal-Anzeiger berichtete damals: „Im Wintergarten wurde gestern […] der neue Sternenhimmel eröffnet. Im Glanze unzähliger funkelnder Sterne, ‚goldener Lügen im himmelblauen Nichts‘, erstrahlte der neue alte Saal, zu dessen Wiedertaufe sich alles eingefunden hatte, was in Berlin zu jenen gehört, die überall zu finden sind, wo was los ist.“
1928 übernahm Ludwig Schuch als Direktor das Haus. Unter seiner Regie wurde es abermals umgebaut und war mit fast 3.000 Sitzplätzen neben dem Großen Schauspielhaus eines der größten und modernsten Theater Europas. Während der „wilden“ Zwanziger zeigte man exzentrische Mode im Parkett und originelle Talente wie die „schnodderige“ Diseuse Claire Waldoff und den Coupletsänger Otto Reutter. Das Orchester war vor der breiten Bühne in einem Graben versenkt. Der Platz auf der Terrasse, wo man während der Vorstellung auch speisen konnte, kostete sechs Mark, im Entree konnte man für eine Mark stehen. Berlin zeigte sich als internationale Hauptstadt des Vergnügens und der Wintergarten war der angesagte Treffpunkt.