Winfried Kretschmann (* 17. Mai 1948 in Spaichingen) ist ein ehemaliger deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen). Er war von Mai 2011 bis Mai 2026 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und damit als erster und bis dahin einziger Grüner Regierungschef eines deutschen Bundeslandes.
Bis zum Amtsantritt seines Nachfolgers Cem Özdemir war er der älteste und zugleich dienstälteste der zu diesem Zeitpunkt amtierenden Ministerpräsidenten Deutschlands. Kretschmann zählt zu den prominentesten Vertretern des pragmatischen und öko-konservativen Flügels seiner Partei.
Herkunft, Studium und berufliche Tätigkeit (1948–1980)
Kretschmann wurde 1948 als Sohn des römisch-katholischen Volksschullehrers Fritz Kretschmann und dessen Frau Dora in Spaichingen geboren und wuchs in Egesheim, einer Gemeinde auf dem Heuberg, auf. Seine Eltern stammen aus Frauenburg im heute zu Polen gehörenden Ermland, einer „katholischen Exklave“ im damals mehrheitlich protestantischen Ostpreußen, von wo sie mit Kretschmanns älteren Geschwistern 1945 vertrieben wurden und dann lange in Dänemark interniert waren. Ein Bruder starb auf der Flucht als Säugling. Sein Vater wünschte, dass sein Sohn Winfried katholischer Priester werde; 1969 starb der Vater nach einem Autounfall. Seinen Vater bezeichnet Kretschmann als „sehr liberal“, seine Mutter als „völlig unpolitisch“. Er habe „eine sehr, sehr harmonische Kindheit gehabt“.
Winfried Kretschmann besuchte nach der Volksschule in Sonderbuch bei Zwiefalten ein katholisches Internat in Riedlingen, das er aber mit 16 Jahren wieder verließ, um das Abitur 1968 am Staatlichen Gymnasium Sigmaringen, dem heutigen Hohenzollern-Gymnasium, abzulegen. Er wiederholte die 11. Klasse. In seiner Jugend war er Oberministrant und wollte eine Zeitlang Priester werden. Während seiner Internatszeit gab er den Wunsch auf, Priester zu werden, da er mit den als Lehrer tätigen Patres zum Teil sehr schlechte Erfahrungen machte: Sie verteilten Ohrfeigen und Stockschläge, auch auf den Kopf.
Nach seinem Abitur 1968 leistete er bis Anfang 1970 seinen Grundwehrdienst bei der Bundeswehr ab. Von 1970 bis 1975 studierte er an der Universität Hohenheim Biologie und Chemie für das Lehramtsstudium an Gymnasien. 1975 legte er das Wissenschaftliche Staatsexamen ab, 1977 das Pädagogische Staatsexamen.
Zu Beginn seines Studiums wurde er Mitglied der katholischen Studentenverbindung Carolingia Hohenheim (nichtschlagend, im CV), trat aber nach drei Semestern wieder aus. Während des Studiums war Kretschmann mehrere Jahre Vorsitzender des Allgemeinen Studentenausschusses (AStA) der Universität Hohenheim. Er engagierte sich von 1973 bis 1975 in der Hochschulgruppe des Kommunistischen Bundes Westdeutschland und stand dem Maoismus nahe.
Wegen zweier Kandidaturen zum Studentenkonvent, 1972 für die „Kommunistische Studentengruppe / Marxisten-Leninisten“ (Hochschulgruppe des KABD) und 1973 auf der Plattform des „Sozialistischen Zentrums“ und der „Kommunistischen Hochschulgruppe“ (KHG des KBW), drohte ihm aufgrund des Radikalenerlasses ein Berufsverbot. Die Kandidaturen hatte der Verfassungsschutz dem Oberschulamt gemeldet.
2011 bezeichnete er diese „68er-Sozialisation“ als „fundamentalen politischen Irrtum“.
Kretschmann unterrichtete zunächst an einer privaten Kosmetikschule in Stuttgart. Nach einer Überprüfung war er verbeamteter Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Ethik in Stuttgart, Esslingen am Neckar (Theodor-Heuss-Gymnasium), Mengen, Bad Schussenried und zwischen 1988 und 1995 am Hohenzollern-Gymnasium in Sigmaringen. Für die Wahrnehmung seiner parlamentarischen Mandate wurde er mehrmals beurlaubt. In einem Interview bezeichnete sich Kretschmann 2024 als Lehrer vom Typ „Töpfer“, der seine Schüler formen will. Im Biologieunterricht habe er auch ungewöhnliche Versuche mit seinen Schülern durchgeführt. Er habe sie zum Beispiel an Kröten lecken lassen, um zu zeigen, dass deren Haut Abwehrstoffe bilden kann, die beim Menschen eine erhöhte Pulsfrequenz hervorrufen. Bei seiner Unterrichtsgestaltung habe er sich insgesamt wenig um den Lehrplan gekümmert, sondern vor allem versucht, für das jeweilige Fach Interesse zu wecken.
1979/80 war Kretschmann Mitbegründer der Grünen Baden-Württemberg, denen er sich aus „einer emphatischen Liebe zur Natur“ angeschlossen hatte. Der praktizierende Katholik gilt als liberal-konservativer Vordenker seiner Partei und war in den 1980er Jahren gemeinsam mit Wolf-Dieter Hasenclever ein Protagonist des kleinen ökolibertären Flügels der Grünen. Dieser bildete sich Ende 1983 als innerparteiliche Opposition zum ökosozialistischen Flügel.
Landespolitiker in Baden-Württemberg (1980–2026)
Bei der Landtagswahl 1980 wurde er erstmals für die Grünen in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt. 1983 wurde er als Nachfolger von Wolf-Dieter Hasenclever Fraktionsvorsitzender. Von 1982 bis 1984 gehörte Kretschmann als Nachrücker auch dem Kreistag des Landkreises Esslingen an.
In der Legislaturperiode von 1984 bis 1988 gehörte er nicht dem Landtag von Baden-Württemberg an, da die Grünen aufgrund eines Fristversäumnisses keine Kandidaten in den drei Wahlkreisen des Landkreises Esslingen aufgestellt hatten.
1986 und 1987 war er als Ministerialrat Grundsatzreferent im ersten grünen Umweltministerium in Hessen bei Minister Joschka Fischer.
Bei der Landtagswahl im März 1988 wurde Kretschmann wieder in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt. 1992 verfehlte er den Wiedereinzug ins Landesparlament und kehrte in den Schuldienst zurück. Gründe dafür waren ein innerparteilicher Streit um Müllverbrennung sowie die Kandidatur von Helmut Palmer im Landtagswahlkreis Nürtingen. Seit den Landtagswahlen 1996 bis 2026 war er ununterbrochen Mitglied des Landtags (bis 2011 per Zweitmandat, seit 2016 per Direktmandat im Wahlkreis Nürtingen). Als Alterspräsident leitete er die Eröffnung der 17. Wahlperiode des Landtags.
Von 1996 bis 2001 war Kretschmann Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt und Verkehr im baden-württembergischen Landtag. Nach der Wahl von Dieter Salomon zum Oberbürgermeister der Stadt Freiburg im Breisgau wurde Kretschmann 2002 zu dessen Nachfolger als Fraktionsvorsitzender der Grünen gewählt. Zudem war Kretschmann – viele Jahre gewähltes, als Ministerpräsident kooptiertes – Mitglied des Parteirates von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg.
Ministerpräsident von Baden-Württemberg (2011–2026)