Wim Wenders (* 14. August 1945 als Wilhelm Ernst Wenders in Düsseldorf) ist ein deutscher Regisseur und Fotograf. Zusammen mit anderen Autorenfilmern des Neuen Deutschen Films gründete er 1971 den Filmverlag der Autoren. Mit Filmen wie Paris, Texas oder Der Himmel über Berlin erreichte er ab den 1980er Jahren weltweite Bekanntheit. Wenders sieht sich als „der Reisende und dann erst Regisseur oder Fotograf“.
Von 1991 bis 1996 war Wenders Vorsitzender der Europäischen Filmakademie und anschließend bis Ende 2020 auch ihr Präsident. Außerdem war er von 2002 bis 2017 Professor für Film an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.
Wilhelm „Wim“ Wenders wurde als Sohn des Chirurgen Heinrich Wenders (1916-1989) geboren und wuchs in einem konservativen römisch-katholischen Elternhaus auf. Der von den Eltern gewünschte niederländische Vorname Wim kam in der Familie seiner Mutter vor, wurde aber beim Standesamt mit der Begründung abgelehnt, es handele sich nicht um einen deutschen Vornamen. Deshalb erhielt Wenders den amtlichen Vornamen Wilhelm. Die ersten Jahre lebte die Familie in einem Haus an der Klever Straße im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort. 1949 kam der Bruder Klaus zur Welt, und die Familie zog nach Koblenz.
1960 wurde der Vater Chefarzt am St.-Josef-Hospital in Oberhausen-Sterkrade. Dort besuchte Wenders das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Vorher hatte er das Schloss-Gymnasium in Düsseldorf-Benrath besucht. Er wollte bis zum 16. Lebensjahr Priester werden, was er unter dem Einfluss des Rock ’n’ Roll jedoch verwarf. Populäre Musik wurde später ein wichtiges Gestaltungsmittel seiner Filme und besonders seiner Roadmovies. Für Wenders ist „ein Road-Movie ohne Musik praktisch undenkbar“. In seinen Dokumentarfilmen Buena Vista Social Club und Viel passiert – Der BAP Film nimmt Musik die Hauptrolle ein.
Nach dem Abitur Ostern 1965 studierte Wenders zunächst zwei Semester Medizin in München, dann ein Semester Philosophie in Freiburg und beschäftigte sich intensiv mit Aquarellmalerei. Er ging nach Düsseldorf, arbeitete dort drei Monate lang halbtags als Aushilfsbürokraft bei United Artists, schrieb sich an der Universität Düsseldorf für Soziologie ein, brach das Studium dann aber endgültig ab. Seiner Frustration über den lieblosen kommerziellen Umgang mit Filmen, den er bei United Artists erlebte, gab er in dem 1969 in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Artikel Verachten, was verkauft wird Ausdruck.
Im Oktober 1966 zog Wenders nach Paris, um sich an der Filmhochschule Institut des hautes études cinématographiques (IDHEC) zu bewerben, wurde aber nicht einmal zur Bewerbung zugelassen. Er erlernte dann im Atelier des deutschen Künstlers Johnny Friedlaender in Montparnasse die Techniken der Radierung und des Kupferstichs. Die Nachmittage und Abende verbrachte er in der Cinémathèque française, wo er sich bis zu fünf Filme am Tag ansah. Nach einem Jahr hatte er über tausend Filme gesehen. Wie Wenders in dem Dokumentarfilm Wim Wenders, Desperado von 2020 erklärte, spielte dabei auch eine Rolle, dass der Kinosaal im Filminstitut im Gegensatz zu seiner winzig kleinen Studentenwohnung beheizt war.
1967 bewarb Wenders sich an der gerade gegründeten Hochschule für Fernsehen und Film in München und wurde in den ersten Ausbildungsjahrgang aufgenommen, der am 6. November 1967 den Lehrbetrieb aufnahm. Neben seinem Studium schrieb er Filmkritiken für die Zeitschriften FilmKritik, Twen und Der Spiegel sowie für die Süddeutsche Zeitung. 1970 drehte er den zweieinhalbstündigen Abschlussfilm Summer in the City auf 16-mm-Film und in Schwarzweiß. Kameramann war Robby Müller. Unüblich an dem Film war neben seiner Länge auch die Synchronisation der Stimmen in indirekter Rede, was wegen der Unachtsamkeit des Tonaufnehmers notwendig geworden war. Wegen der unautorisierten Übernahme von Musiktiteln kann der Film nicht verliehen werden, er wird nur auf Festivals gezeigt.
1971 gründete Wenders mit anderen Autorenfilmern des Neuen Deutschen Films den Filmverlag der Autoren. Zu seinem Frühwerk zählen die Romanadaptionen Die Angst des Tormanns beim Elfmeter von Peter Handke und Der scharlachrote Buchstabe von Nathaniel Hawthorne. Letztere empfindet der Regisseur selbst als misslungen und hat aus dieser schmerzlichen Erfahrung gelernt, „nie mehr einen Film zu machen, bei dem ich nicht genau weiß, ob ich es überhaupt in mir habe, diese Geschichte zu erzählen“. Anschließend gelang ihm mit Alice in den Städten 1974 der künstlerische Durchbruch. Im Lauf der Zeit erhielt den internationalen Kritikerpreis der FIPRESCI-Jury in Cannes. Mit Der amerikanische Freund nach einer Vorlage von Patricia Highsmith wurde er auch in den USA bekannt. 1976 machte er sich mit einer eigenen Produktionsfirma unabhängig; mit der Road Movies Filmproduktion in Berlin produzierte er später auch Filme anderer Regisseure. In den frühen Filmen wie der Road-Movie-Trilogie Alice in den Städten, Falsche Bewegung und Im Lauf der Zeit stellen Züge einen zentralen Gegenstand der Handlung dar. Außerdem begeben sich die auftretenden Figuren in diesen Filmen auf ausgedehnte Spaziergänge, ob in der Abendsonne (Die linkshändige Frau) oder in hügeligen Weinbergen (Falsche Bewegung), um sich über das Leben und das Schreiben tiefschürfend zu unterhalten.
Auf Einladung von Francis Ford Coppola kam Wenders 1977 in die Vereinigten Staaten, um für dessen Produktionsfirma Zoetrope einen Film über den Krimiautor Dashiell Hammett zu drehen. Als junger Mensch haderte Wenders mit seiner deutschen Identität, was mit ein Grund war, weshalb er seinen Lebensmittelpunkt in die USA verlegte. Aufgrund von Streitigkeiten über das Drehbuch und die Besetzung verzögerte sich die Fertigstellung, erst 1982 kam Hammett ins Kino. In der Zwischenzeit drehte Wenders Nick’s Film – Lightning Over Water (1980), einen halbdokumentarischen Film über die letzten Monate des krebskranken Regisseurs Nicholas Ray. Der Film Der Stand der Dinge (1982) handelt von den Schwierigkeiten des Filmemachens, darin verarbeitete er so manchen selbst durchlebten Konflikt, dem er bei den Dreharbeiten zu Hammett ausgesetzt war.
Im selben Jahr inszenierte Wenders für die Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule Über die Dörfer von Peter Handke.
Im 18-minütigen essayistischen Kurzdokumentarfilm Reverse Angle von 1982 erläutert Wenders, während er in einem Bildband des Malers blättert, welche Bedeutung Edward Hopper für ihn als Inspirationsquelle besitzt und die Parallelen zwischen Malerei und Filmemachen. Außerdem habe Wenders zur damaligen Zeit, wie er in dem Kurzdokumentarfilm schildert, über den Roman Meine Freunde (Mes Amis) des französischen Autors Emmanuel Bove „nach Tagen voller Blindheit den Sinn und die Lust am friedlichen Sehen“ wiederentdeckt.
Nach einer Vorlage von Sam Shepard erschien 1984 der Film Paris, Texas, der im selben Jahr bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes die Goldene Palme erhielt. Erst nach einem langwierigen Streit mit dem Filmverlag der Autoren über die Verleihrechte, der auch vor Gericht ausgetragen wurde, kam der Film 1985 schließlich in die deutschen Kinos. Zuvor konnte das deutsche Publikum den Film nur auf dem Festival Internationale Hofer Filmtage sehen, auf dem Wenders bereits seine ersten Werke gezeigt hatte und dem er seitdem die Treue hält. Neben Der Himmel über Berlin (1987) war Paris, Texas einer der kommerziell erfolgreichsten Filme von Wenders.
1989 begann Wenders mit den Dreharbeiten zu seinem ambitionierten Science-Fiction-Projekt Bis ans Ende der Welt. Bereits seit 1977 in Planung, wurde der Film nach anderthalbjährigen Dreharbeiten 1991 fertiggestellt. Die ursprüngliche 280-Minuten-Fassung, die für den Kinostart in Deutschland auf 180 und in den USA auf 158 Minuten gekürzt wurde, erhielt mittelmäßige Kritiken. Auch mit seinen nachfolgenden Filmen In weiter Ferne, so nah! (1993), Lisbon Story (1994), Am Ende der Gewalt (1997) und The Million Dollar Hotel (2000) konnte er nur teilweise an seine früheren Erfolge anknüpfen.
Ein Welterfolg wurde die Musiker-Dokumentation Buena Vista Social Club (1999), die eine Oscar-Nominierung und den Europäischen Filmpreis erhielt und ein Revival der kubanischen Son-Musik in Gang setzte.