William Henry Harrison (* 9. Februar 1773 im Charles City County, Kolonie Virginia; † 4. April 1841 in Washington, D.C.) war ein amerikanischer Generalmajor und Politiker. Im Jahr 1841 war er für einen Monat der neunte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und der erste, der im Amt verstarb.
Harrison entstammte einer prominenten Familie Virginias. Nach dem Tode des Vaters, der zu den Gründervätern der Vereinigten Staaten zählt, trat er mit Unterstützung von Gouverneur Richard Henry Lee mit einem Offizierspatent in die neu gegründete United States Army ein. Wegen der Indianerkriege in Fort Washington im Nordwestterritorium stationiert, wurde er Aide-de-camp von General Anthony Wayne. Im August 1794 kämpfte Harrison in der Schlacht von Fallen Timbers gegen ein Bündnis unterschiedlicher Indianervölker. Gegen erhebliche Widerstände des Schwiegervaters heiratete er 1795 Anna Symmes. Aus der Ehe gingen zehn Kinder und in der folgenden Generation der spätere Präsident Benjamin Harrison hervor. Nach dem Austritt aus der Armee war Harrison Sekretär von Territorialgouverneur Arthur St. Clair und Delegierter für das Nordwestterritorium im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten, bis er 1800 von Präsident John Adams zum Gouverneur des Indiana-Territoriums ernannt wurde.
Harrisons wichtigste Aufgabe als Gouverneur war die Indianerpolitik im Sinne der Zentralregierung, deren Ziel Gebietsgewinne für die weiße Besiedlung und die Verdrängung der östlich des Mississippi River lebenden indigenen Bevölkerung nach Westen war. Dazu kaufte er in mehreren Verträgen den unterschiedlichen Indianervölkern etliche Millionen Hektar Land ab. Die Shawnee-Führer Tecumseh und sein Bruder Tenskwatawa lehnten die Landabtretungen ab und gründeten eine Konföderation unterschiedlicher indigener Völker mit Sitz in Prophetstown. Zunehmende Spannungen führten 1811 zur Schlacht bei Tippecanoe, bei der reguläre Streitkräfte und Milizen unter dem Kommando von Harrison siegten und Prophetstown zerstörten. Kurz danach begann der Britisch-Amerikanische Krieg und Harrison trat wieder in die Armee ein. Er führte die Nordwest-Armee gegen ein von Oberkanada aus operierendes Bündnis von Tecumseh und Briten. Harrison siegte im Oktober 1813 in der Schlacht am Thames River, in deren Verlauf Tecumseh fiel, und ging neben Andrew Jackson als Nationalheld des Krieges von 1812 in die amerikanische Geschichte ein.
Im Anschluss wurde Harrison mehrfach in den Bundes- und Staatssenat sowie das Repräsentantenhaus gewählt; bei vier Wahlen blieb er ohne Erfolg. Von immer drückenderen Geldsorgen geplagt, weil seine geschäftlichen Unternehmungen regelmäßig scheiterten, drängte er ab den 1820er Jahren auf eine einträgliche Anstellung, bis ihn schließlich Präsident John Quincy Adams 1828 zum Botschafter in Großkolumbien ernannte. Bereits im folgenden Jahr verfügte Adams’ Nachfolger Jackson die Entlassung von Harrison, der wegen eines Konfliktes mit der Staatsführung um Simón Bolívar Großkolumbien in Eile verlassen musste. Zurück auf seiner Farm in North Bend in Ohio vergrößerten sich in den nächsten Jahren Harrisons Geldnöte. Gegen 1834 wurde die United States Whig Party, die sich als wesentliche Opposition gegen den Jacksonianismus der Demokraten etabliert hatte, auf ihn aufmerksam, weil er sich mit seinem militärischen Ruhm als Gegenmodell zu Jackson eignete und politisch noch nicht exponiert hatte. Bei der Präsidentschaftswahl 1836 wurde er einer von mehreren Whig-Kandidaten gegen den am Ende erfolgreichen Martin Van Buren.
Durch die verheerende Wirtschaftskrise von 1837, die Van Buren nicht in den Griff bekam, verbesserten sich die Siegeschancen der Whigs für die Präsidentschaftswahl 1840 signifikant. Im Dezember 1839 bestimmte der Nominierungsparteitag Harrison zum Präsidentschaftskandidaten, womit er den Vorzug vor der Führungsfigur der Whigs Henry Clay erhielt, und John Tyler zu seinem Running Mate. Der anschließende Wahlkampf ging als log cabin campaign („Blockhütten-Kampagne“) in die amerikanische Politikgeschichte ein. Um Harrison wurde die Legende eines ruhmreichen Generals aus vergangenen Tagen gestrickt, der als Farmer in einer einfachen Blockhütte im Frontier lebte und nicht wie Van Buren zum wohlhabenden politischen Establishment gehörte. Massenkundgebungen in Form von Volksfesten hoben den populären Kampagnencharakter der Präsidentschaftswahlkämpfe auf ein neues Niveau. Ein Novum in der Präsidentengeschichte war, dass Harrison selbst aktiv in den Wahlkampf eingriff und auf Kundgebungen Reden hielt. Am Ende siegte er mit einer deutlichen Mehrheit im Wahlmännerkollegium und einer absoluten Mehrheit im Popular Vote.
Sein früher Tod nur einen Monat nach der Amtseinführung warf verfassungsrechtliche Fragen über die Rechte und Kompetenzen des ihm nachfolgenden Vizepräsidenten auf und machte ihn zum Präsidenten mit der bislang kürzesten Amtszeit. Die Überlieferung, Harrison habe sich in der Winterkälte bei der bisher längsten Antrittsrede der amerikanischen Geschichte eine tödliche Lungenentzündung zugezogen, konnte nie bestätigt werden.
Erziehung und Ausbildung (1773–1791)
William Henry Harrison, der auf der Berkeley Plantation im Charles City County in der damaligen Colony of Virginia als jüngstes von sieben Kindern geboren wurde, entstammte der angesehenen Pflanzer- und Politikerfamilie der Harrisons. Diese ging auf Benjamin Harrison I (1594–1648) zurück, der 1633 nach Jamestown ausgewandert war. Harrisons Vater, der Plantagenbesitzer Benjamin Harrison V (1726–1791), gehörte im Jahr 1776 zu den Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung und war zwischen 1781 und 1784 Gouverneur von Virginia. Der Großvater von Harrison V war mütterlicherseits Robert „King“ Carter, einer der reichsten Männer in den Dreizehn Kolonien. Harrisons Mutter, Elizabeth Bassett (1730–1792), war eine Verwandte von Martha Washington. Aufgrund des damaligen Anerbenrechts in den Kolonien blickte er als jüngster von drei Brüdern einer ungewissen Zukunft entgegen. Anders als bei den älteren Brüdern betrieben die Eltern mit Harrisons Ausbildung wenig Aufwand und bis zum Alter von 14 Jahren wurde er zuhause unterrichtet. Möglicherweise durch die Freundschaft zu Benjamin Rush inspiriert, planten Harrison V und seine Frau für ihren jüngsten Sohn eine medizinische Laufbahn, wobei unklar ist, ob er jemals eine Neigung in diese Richtung verspürt hatte. Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs eroberten britische Truppen unter dem Überläufer Benedict Arnold 1781 das Anwesen der Familie, stahlen das Vieh und zerstörten die Inneneinrichtung. Daneben führte die in ganz Virginia verbreitete Bodenerosion auf der Berkeley Plantation dazu, dass die Ernteerträge stetig zurückgingen, während sich die Harrison-Familie immer weiter vergrößerte.
Anders als in der Harrison-Familie gewöhnlich der Fall schickten ihn die Eltern nicht auf das angesehene College of William & Mary, sondern ab 1787 auf das kleine und ländlich geprägte Hampden-Sydney College im Prince Edward County. Typisch für die Zeit umfasste Harrisons Lehrplan neben englischer Grammatik die Klassiker des antiken Roms wie Cäsar, Sallust, Vergil und Cicero. Möglicherweise durch Berichte beunruhigt, dass unter den Studenten in Hampden-Sydney die Erweckungsbewegung zunehmend Anhänger fand, schickten ihn die stramm episkopalistischen Eltern 1790 nach Richmond. Hier setzte Harrison, der bei seinem älteren Bruder Benjamin Harrison VI. lebte, bei dem Mediziner Andrew Leiper sein Studium fort und kam in Kontakt mit Abolitionisten, die sich um den Quäker Robert Pleasants in der Humane Society organisierten. Bald darauf versetzten ihn die Eltern an die University of Pennsylvania, um dort, wie viele andere später geborene Söhne wohlhabender Pflanzer auch, Medizin zu studieren. Zur herrschenden Klasse Virginias gehörend gingen die Harrisons davon aus, dass William Henry eines Tages wegen des Ehrenkodexes, der die sozialen Beziehungen in der Pflanzeraristokratie bestimmte, mit entsprechender politischer Unterstützung für eine Wahl in die Virginia General Assembly oder in ein anderes politisches Amt rechnen durfte.