An diesem Tag

Willi Münzenberg

Deutscher Politiker (KPD), MdR und Verleger

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Wilhelm „Willi“ Münzenberg (* 14. August 1889 in Erfurt; † Juni 1940 in Saint-Marcellin, Département Isère, Frankreich) war ein deutscher Politiker (KPD), Verleger und Filmproduzent. Mit dem Neuen Deutschen Verlag, den Zeitungen Welt am Abend, Berlin am Morgen und vor allem der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (A-I-Z), gehörte Münzenberg zu den einflussreichsten Vertretern der KPD in der Weimarer Republik. Er wandte sich nach 1937 von der offiziellen Parteilinie ab, wurde ein Jahr später statutenwidrig aus dem ZK der Partei ausgeschlossen und trat 1939 aus der KPD aus.

Von der Dorfschule zur Kommunistischen Jugendinternationale

Münzenberg war Sohn eines Dorfgastwirts und Enkel eines Freiherrn von Seckendorff. Er besuchte unregelmäßig die Dorfschulen in Friemar und Eberstädt und bis 1904 ein Jahr lang die Volksschule in Gotha. Nach einer abgebrochenen Barbierlehre arbeitete er von 1904 bis 1910 ungelernt in Erfurter Schuhfabriken.

1906 trat Münzenberg in einen Propaganda genannten Arbeiterbildungsverein ein, wurde nach knapp einem Jahr Vorsitzender und schloss ihn mit neuem Namen Freie Jugend Erfurt dem Norddeutschen Jugendverein an. Nachdem er Agitator geworden war, wollte ihm kein Erfurter Betrieb mehr Arbeit geben, es folgten Monate als Wandergeselle. Von August 1910 bis Ende 1913 arbeitete er als Hilfskraft in einer Apotheke in Zürich. Dort schloss er sich einer Gruppe der sozialistischen Jugendorganisation der Schweiz an und beschäftigte sich intensiv mit der in anarchistischen Kreisen gängigen Literatur wie die Gegenseitige Hilfe von Pjotr Kropotkin, Der Einzige und sein Eigentum von Max Stirner oder die Propaganda der Tat von Johann Most. Ende Juli 1912 wurde er Mitglied des Zentralvorstands der sozialistischen Jugendorganisation der Schweiz und Redakteur der Monatszeitschrift Die freie Jugend. Im Ersten Weltkrieg leitete er das Internationale Jugendsekretariat in Bern und nahm an der Kientaler Konferenz teil und lernte Lenin kennen. Nach einer Demonstration wurde Münzenberg im November 1917 in Zürich festgenommen und am 10. November 1918 als „missliebiger Ausländer“ und „Anhänger der Oktoberrevolution“ der Schweiz verwiesen. Er schloss sich in Berlin dem Spartakusbund an und war Gründungsmitglied der KPD. Beim Spartakusaufstand gefasst, sollten Münzenberg und andere Revolutionäre im Januar 1919 beim Transport nach Ulm „auf der Flucht erschossen“ werden. Der damit beauftragte württembergische Sicherheitswehrmann Karl Matthäus Löw ließ sie jedoch frei, was Münzenberg ihm nicht vergessen sollte. Im Sommer 1919 wurde Münzenberg Vorsitzender der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI).

Von Grigori Sinowjew war Münzenberg 1921 als Sekretär der KJI wieder abgesetzt worden, doch geschah nun, was ihm zur späteren Sonderstellung in Komintern und KPD verhalf und Ursache für seine weitgehende Unabhängigkeit war: Er erhielt von Lenin den ganz privaten Auftrag, die Internationale Arbeiterhilfe (IAH) für die Sowjetunion zu organisieren. Dazu gründete Münzenberg die Illustrierte Sowjetrussland im Bild, die 1926 zur Arbeiter Illustrierten Zeitung wurde. 1924 übernahm er den Neuen Deutschen Verlag von Felix Halle für die IAH. Leiterin dieses Verlages wurde seine Lebensgefährtin Babette Gross. Von 1924 bis 1933 gehörte Münzenberg als Abgeordneter dem Reichstag an. Von 1924 bis 1925 war er Mitglied des Zentralausschusses und ab 1927 Mitglied des Zentralkomitees der KPD. Er war Gründer und eine der wichtigsten Figuren der Liga gegen Imperialismus, deren größter Erfolg 1927 ein internationaler Kongress in Brüssel war. Ab 1926 trug er wesentlich zur Entstehung antikolonialer Vereine in Berlin bei, so zum Beispiel der 1929 in Berlin gegründeten Liga zur Verteidigung der Negerrasse.

Von Stalin, dem er etwa drei Mal persönlich begegnete, wurde Münzenberg die absolute Selbstverleugnung abverlangt, als dieser im Juli 1931 von der KPD verlangte, einen vom Stahlhelm initiierten Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtages zu unterstützen. Mit dem Volksentscheid wollten Stahlhelm, NSDAP und andere Rechtsparteien die SPD-Regierung in Preußen zu Fall bringen. Anfänglich den Volksentscheid ignorierend, musste sich die KPD ihn plötzlich auf Moskauer Anordnung als „Roter Volksentscheid“ zu eigen machen.

Stalins Absicht, die alten Bolschewisten physisch auszurotten, offenbarte sich Münzenberg nach Berichten über den „Großen Terror“ und den ersten Schauprozess. Seine anschließend trotzdem unternommene letzte, gefahrvolle Reise nach Moskau hing zusammen mit der Verantwortung, die er als bewährter Organisator nach dem Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges übernommen hatte.

Er war „Propaganda-Chef der Kommunistischen Internationale für die westliche Welt“ und baute für jene das nach dem deutschnationalen Hugenberg-Konzern zweitgrößte Medienunternehmen der Weimarer Republik auf, zu dem die auflagenstarken Berliner Tageszeitungen Welt am Abend, Berlin am Morgen und besonders die illustrierte Wochenzeitung A-I-Z gehörten. Auch der Eulenspiegel hatte hier seine Wurzeln. Als Produktionschef hat er auch das Programm der beiden proletarischen Filmgesellschaften Prometheus Film und Filmkartell Weltfilm GmbH geprägt. 1927 bezogen er und Gross eine Wohnung in dem Magnus Hirschfeld gehörenden Haus In den Zelten 9a. Anders als die meisten kommunistischen Funktionäre ließ er ein Auto für sein Büro kaufen, zuletzt eine Lincoln-Limousine. Derlei brachte ihm die Bezeichnung „roter Millionär“ ein, ohne dass er wirklich jemals Millionär gewesen war. Den Vorwurf, dass es sich bei seinen Unternehmen, um einen Konzern handle, verneinte Münzenberg nicht, weil er durchaus vorhatte „einen großen roten Konzern wirtschaftlicher Unternehmungen auf[zu]bauen“. Er sah diesen jedoch nicht als seinen oder des KPD-Vorsitzenden Heinrich Brandler an, sondern als „Konzern einer proletarischen Organisation unter der Kontrolle und zur unmittelbaren Unterstützung dieser Organisation“. In diesem Zusammenhang sah er es als bedeutend an über „wirtschaftliche Unternehmungen als Stützpunkte für eine breite revolutionäre Massenpropaganda und Agitation“ zu verfügen.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch Hindenburg organisierte Münzenberg gemeinsam mit Sozialdemokraten am 19. Februar 1933 im Festsaal der Berliner Kroll-Oper den Kongress Das Freie Wort, an dem neben vielen anderen Geistesgrößen auch Ferdinand Tönnies teilnahm. Erich Everth hielt ein flammendes Plädoyer für die Erhaltung der Pressefreiheit. Unter den verlesenen Begrüßungsadressen waren auch Erklärungen von Albert Einstein und Thomas Mann. Münzenberg selbst musste nach dem Reichstagsbrand als einer der meistgesuchten Kommunisten sofort nach Paris emigrieren. Im August 1933 wurde ihm mit dem Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt, und sein Name erschien auf der am 25. August veröffentlichten, ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs. Alle von der IAH herausgegebenen Zeitungen, Zeitschriften sowie deren Verlage und eine Buchgemeinschaft (Universum Bücherei) wurden bereits 1933 verboten. Die A-I-Z und Unsere Zeit erschienen im Ausland weiter.

Dringlich war nun ein Erfolg im Reichstagsbrandprozess, der „Schlacht um Dimitroff“, wobei der vertrauteste Mitarbeiter, Otto Katz, die Arbeiten und Recherchen koordinierte.

Das in diesem Zusammenhang erschienene erste Braunbuch 1933 wurde bereits am 1. August 1933 auf einer international beachteten Pressekonferenz vorgestellt. Der Reichstagsbrandprozess begann dagegen erst am 21. September 1933. Das Buch erschien unter dem Titel Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror in Paris mit einem Vorwort des englischen Labourpolitikers Lord Marley und zuerst unter dem Titel Livre brun sur l'incendie du Reichstag et la terreur hitlérienne bei Editions du Carrefour in Paris, einer Gründung des deutschen Komintern-Mitglieds Münzenberg. In diesem Verlag erschien z. B. 1934 auch Eintritt verboten von Egon Erwin Kisch. Herausgeber des Braunbuchs war Alexander Abusch gemeinsam mit Albert Norden. Das Buch war Teil einer sehr erfolgreichen Kampagne, zu der auch die Arbeit einer „Internationalen Untersuchungskommission zur Aufklärung des Reichstagsbrandes“ in London gehörte, einer Gegenveranstaltung zum Reichstagsbrandprozess. Damit inszenierte Münzenberg mit gut recherchierten Beweisen, bloßen Vermutungen und zum Teil reinen Erfindungen eine neue Form des kommunistischen Antifaschismus, der nun auch demokratischen Sozialisten offenstand. Im Zentrum stand nicht mehr eine Analyse des Klassencharakters der Nationalsozialisten als Werkzeuge des Kapitals, sondern ein an einen Kriminalroman gemahnendes Narrativ über ihre Intrigen, moralischen Verkommenheiten und Verbrechen. Gegen die nationalsozialistische Verschwörungstheorie, der Reichstagsbrand wäre das Fanal zu einem kommunistischen Aufstand setzte Münzenberg die Gegen-Verschwörungstheorie, in Wirklichkeit seien die Nationalsozialisten selber die Brandstifter. Der im brennenden Gebäude aufgegriffene geständige Marinus van der Lubbe wäre der „Lustknabe“ des homosexuellen SA-Führers Ernst Röhm und als solcher nur ein willenloses Werkzeug, mit dem sich das Regime einen Vorwand geschaffen habe, alle seine Gegner rücksichtslos vernichten zu können. Dieses Bild blieb über Jahrzehnte wirkungsmächtig, allerdings unterschätzte Münzenberg damit die Nationalsozialisten. Wie der amerikanische Historiker Anson Rabinbach feststellt, konnte er sich nicht vorstellen, dass das NS-Regime zu noch wesentlich zynischeren und verbrecherischen Taten fähig war als denen, die auf den Reichstagsbrand folgten.

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