Ferdinand Wilhelm Riedel (* 13. Juni 1829 in Cottbus; † 23. Januar 1916 in Berlin) war ein deutscher Tuchfabrikant und Wohltäter. Aus einfachen Verhältnissen stammend, gründete er 1853 seinen ersten Betrieb in Peitz. 1861 zog er nach Berlin um, wo er sein Geschäft deutlich erweitern konnte, sodass er am Ende seines Geschäftslebens mehrere Tuchfabriken besaß. Im Ruhestand engagierte er sich in seiner Geburtsstadt Cottbus für wohltätige Zwecke. So gründete er zunächst eine Stiftung, die Witwen und Waisen kostenlosen Wohnraum zur Verfügung stellte. Später folgten weitere Stiftungen, die jungen Menschen aus armen Verhältnissen einen guten Start in ihr Berufsleben ermöglichen sollten. Zudem sorgte er auch für kostenlosen Wohnraum für arme Alte. Für sein Engagement wurde er 1903 zum Ehrenbürger von Cottbus ernannt. Teile der von seinen Stiftungen errichteten Gebäude existieren noch heute. Sie werden vom Seniorenzentrum Riedelstift genutzt, das vom Arbeiter-Samariter-Bund betrieben wird.
Wilhelm Riedel wurde 1829 als ältestes von fünf Kindern des Tuchappreteurs Ferdinand Riedel und seiner Frau Charlotte in Cottbus geboren. Sein Vater starb 1838 nach zweijähriger Krankheit. In der Folgezeit musste seine Mutter die Familie mit Nähen ernähren. Damit ihr dafür genügend Zeit blieb, musste Wilhelm verschiedene Hausarbeiten übernehmen. Zudem verdiente er nebenbei etwas Geld, unter anderem mit Botengängen für seinen Lehrer. Riedels Mutter ging später eine zweite Ehe mit einem Nagelschmied ein und zog mit ihm und der Familie nach Forst. Doch auch ihr neuer Mann starb bereits nach etwa einem Jahr. Die Familie blieb in Forst und bezog dort eine kleine Mietwohnung. Da Wilhelm Riedel ein sehr guter Schüler war, wollten ihn sein Lehrer und sein Pfarrer auf den Lehrerberuf vorbereiten. Wilhelm lehnte jedoch ab, weil er in diesem Beruf nicht viel Geld verdienen konnte. Schon in diesen Jahren hatte er den Traum, später eine Fabrik zu besitzen.
Um seine Familie finanziell zu unterstützen, arbeitete er bereits mit 12 Jahren in der Tuchappretur-Firma Carl Ortmeyer. Dort bestand seine Aufgabe darin, Karden zu putzen. Um dieser Tätigkeit nachgehen zu können, wurde er zunächst halbtags von der Schule befreit. Später erwirkte seine Mutter eine ganztägige Befreiung. 1843 begann er seine Lehre in demselben Betrieb, die er 1846 als Geselle beendete. Mit 19 Jahren begab er sich für über ein Jahr auf Wanderschaft und war unter anderem in Brandenburg an der Havel, Schwerin und Hamburg tätig. In Hamburg wurde er vom Sohn seines dortigen Chefs in die bessere Gesellschaft eingeführt. Dabei gab Riedel, der sonst sehr sparsam war, seinen gesamten Verdienst aus, sodass er für seine Rückkehr nach Forst Teile seines Sparguthabens auf der Forster Sparkasse und die finanzielle Hilfe einer Verwandten in Berlin benötigte. In Forst erhielt er seine alte Stellung bei seinem Lehrherrn zurück. Später wurde er von Wilhelm Klaschke aus Cottbus angestellt, wo er eine Appretur einrichten sollte. Mit 21 Jahren wurde er Werkführer bei Adolf Graß in Forst. In dieser Zeit heiratete er Auguste Stamm, die Tochter eines Glasermeisters aus Forst.
Am 13. Juni 1853 wurde Wilhelm Riedel zum Meister gesprochen. Zum Start in die Eigenständigkeit hatte ihm sein Chef Graß eine Schermaschine geschenkt. Riedel hatte in Peitz das ehemalige Kommandanturgebäude der Festung angemietet, wo er diese aufstellte. Damit war er dem Rat seines Lehrherrn Ortmeyer gefolgt, der ihn darauf hingewiesen hatte, dass in Peitz ein „tüchtiger Appreteur“ benötigt würde. Noch am Tag seiner Ernennung zum Meister begann Wilhelm Riedel seine Tätigkeit in Peitz. Die Geschäfte liefen sehr gut. Bereits nach wenigen Jahren war Wilhelm Riedel schuldenfrei und konnte sein Geschäft sogar um eine Spinnerei erweitern, weswegen er in die Fabrik von Carl Schultz umzog. Bei einem Brand am 29. Juli 1859 gelang es Riedel, zusammen mit seinen Angestellten lose Maschinenteile zu retten. Riedels Werkstatt war nicht gegen Feuer versichert. Da es zuvor bereits in Cottbus und Forst zu zwei großen Bränden gekommen war, die beide durch Spinnereien ausgelöst worden waren, erhöhte die Magdeburger Feuerversicherungs-Gesellschaft die Beiträge deutlich. Riedel suchte, im Gegensatz zu Schultz, längere Zeit nach einer günstigeren Versicherung. Zwar hatte er eine solche bereits vor dem Brand gefunden, der Vertrag war jedoch noch nicht zustande gekommen. Trotz dieser Umstände erwarb Riedel bereits einen Tag nach dem Brand in einer Gubener Tuchfabrik, die sich in Liquidation befand, Maschinen für eine neue Appretur. Für seine neue Fabrik pachtete er Räume im Peitzer Hüttenwerk. Einige Zeit später konnte er auch die Spinnerei wieder eröffnen, wobei für die neuen Maschinen aus dem Feuer gerettete Teile verwendet wurden. Diese Teile waren jedoch durch die Hitze weich und weniger widerstandsfähig geworden, sodass die Qualität der produzierten Garne deutlich abnahm. Zudem sah sich Riedel dem Neid seiner Mitmenschen auf seinen Erfolg ausgesetzt. Deshalb folgte er dem Rat seines Cousins, der in Berlin erfolgreich als Teilhaber einer Appretur tätig war und ihm vorschlug, ebenfalls sein Glück in Berlin zu versuchen. Riedel verkaufte die Peitzer Spinnerei; die Appretur betrieb er weiter. Die Leitung übertrug er dem dritten Mann seiner Mutter namens Neumann, den sie 1845 geheiratet hatte und der vorher bei Riedels Lehrherrn Ortmeyer tätig gewesen war.
1861 zog Wilhelm Riedel nach Berlin. Hier war er zunächst in der Georgenkirchstraße tätig. Später mietete er die Gebäude einer ehemaligen Silberschmelze in der Brunnenstraße 123. 1864 starb seine Mutter. Sein Stiefvater fiel nun durch übermäßigen Alkoholkonsum auf und war nicht mehr in der Lage, den Peitzer Betrieb ordentlich zu leiten. So verkaufte Riedel auch die übrig gebliebene Appretur in Peitz. In den kommenden Jahren konnte er sein Geschäft weiter ausbauen. Zunächst erweiterte er seine Fabrik in der Brunnenstraße um eine Walkerei und eine Färberei. 1868 erwarb er das Just’sche Geschäft in der Neuen Königsstraße 30 und schloss einen zehnjährigen Pachtvertrag über die Fabrikräume. Da die dortige Färberei jedoch nur fleckige Ware erzeugte, suchte er nach einem neuen Standort und fand ihn in der Köpenicker Straße 50. Das Grundstück lag direkt an der Spree. Dadurch konnte er das weiche Wasser der Spree nutzen und damit Geld sparen. Konkurrenten, die nicht an der Spree gebaut hatten, mussten Leitungswasser kaufen, da Brunnenwasser zu hart war. Das für den Erwerb des Grundstücks notwendige Kapital erwirtschaftete er unter anderem mithilfe der Deckenproduktion für die Preußische Armee im Deutsch-Französischen Krieg. Die Stoffe dafür brachten auch ungefärbt denselben Preis wie gefärbte Stoffe ein und waren damit ein gutes Geschäft. Die neue Färberei konnte am 13. Juli 1871 eröffnet werden. Sie war vom Maurermeister Gause gebaut worden, der der Nachbar Riedels in der Neuen Königsstraße sowie sein väterlicher Freund war. Nachdem der Eigentümer von Riedels Grundstück in der Neuen Königsstraße dieses an eine Aktiengesellschaft verkauft hatte, drohte Riedel die Zwangsräumung seiner Fabrik. Der zehnjährige Pachtvertrag war nur mündlich vereinbart worden. Aus diesem Grund benötigte Riedel eine neue Fabrik, um die 132 Maschinen unterzubringen. Das Geld dafür konnte er jedoch nicht aufbringen. Daraufhin half ihm sein Freund Gause, der ihm die Fabrik für eine kleine Anzahlung auf dem Grundstück in der Köpenicker Straße baute. Sie konnte im Juli 1873 eröffnet werden.
Die Gründerkrise brachte auch Riedels Geschäft in Bedrängnis. Er wurde zu den waghalsigen Spekulanten gerechnet und man hielt ihn für unsicher. Man bot ihm zwar noch Rohware zum Betrieb seines Geschäfts an, aber zu erhöhten Preisen. Diese Behandlung führte zu seinem Entschluss, sein Geschäft unter Liquidation zu stellen. Auf einer Gläubigerversammlung rieten seine Kunden und Geschäftsfreunde aus der Zeit vor 1871 jedoch davon ab. Stattdessen bewogen sie die Gläubiger dazu, Riedel seine Schulden ein Jahr zu stunden. In der Folge liefen Riedels Geschäfte wieder deutlich besser und nach vier Jahren war er schuldenfrei. 1881 plante er den Bau einer weiteren Fabrik. Da die Stadt Berlin jedoch an seinem Grundstück in der Köpenicker Straße eine Uferstraße plante, für die er einen 17 Meter breiten Uferstreifen hätte abtreten müssen, war auf diesem Grundstück nicht mehr genug Platz für seine neue Fabrik. Daraufhin erwarb er Fabrikgebäude in der Mühlenstraße auf der anderen Spreeseite. Sie sollten auch als Umzugsmöglichkeit für die Fabrik in der Köpenicker Straße dienen, falls die Uferstraße gebaut würde. Dazu kam es jedoch in den folgenden 30 Jahren nicht.