An diesem Tag

Wilhelm Leuschner

Reichstagsabgeordneter, Widerstandskämpfer, NS-Opfer

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Karl Friedrich Wilhelm Leuschner (* 15. Juni 1890 in Bayreuth als Karl Friedrich Wilhelm Dehler; † 29. September 1944 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Gewerkschafter und sozialdemokratischer Politiker, der im Widerstand gegen den Nationalsozialismus kämpfte. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er als eine der Personen des 20. Juli 1944 denunziert, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Wilhelm Leuschner wurde am 15. Juni 1890 als Karl Friedrich Wilhelm Dehler im ersten Stock des Hauses Moritzhöfen 25 in Bayreuth geboren. Seine Mutter war Marie Dehler, sein Vater Wilhelm Leuschner war Werkmeister in einer nahegelegenen Ofenfabrik. Im März 1899 wurde er, nach der Heirat seiner Eltern, als eheliches Kind im städtischen Standesamtsregister eingetragen und trug fortan den Nachnamen seines Vaters.

1904 begann er eine Lehre als Holzbildhauer, nach deren Abschluss 1907 er in die Gewerkschaft eintrat. Anschließend ging er im Juli 1907 auf Wanderschaft, arbeitete u. a. in Leipzig und gelangte anlässlich der Jugendstilausstellung 1908 nach Darmstadt, wo er in der Hofmöbelfabrik Ludwig Alter arbeitete. 1909 ging er nach Bayreuth zurück und studierte von Oktober 1909 bis März 1910 an der königlichen Kunstgewerbeschule Nürnberg (heute Kunstakademie). Im Sommer 1911 heiratete er in Darmstadt Elisabeth Batz und hatte zwei Kinder mit ihr (Wilhelm, geb. 1910, und Katharina, geb. 1911). Er arbeitete ab 1911 als Holzbildhauer bei der international tätigen Möbelfabrik Glückert und gründete 1921 die Volkshochschule Darmstadt als eingetragenen Verein.

Wilhelm Leuschner war seit dem 7. Februar 1923 Mitglied der Freimaurerloge Johannes der Evangelist zur Eintracht in Darmstadt.

Gerade in den Briefen seiner Freunde kristallisiert sich die demokratische Einstellung Leuschners heraus. Denn als hessischer und sozialdemokratischer Innenminister versuchte er, die Demokratie in seinem Land zu bewahren, und unterstützte all diejenigen, die die Demokratie in Deutschland stärken wollten und gegen das nationalsozialistische, antidemokratische Regime Widerstand leisteten.

So gratulierte Ludwig Hoch, ein sächsischer Polizeibeamter und guter Freund Leuschners, am 24. Februar 1928 Leuschner zu seinem Wahlsieg, denn die SPD ging nicht nur aus der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 mit 29,8 Prozent als großer Wahlsieger hervor, auch Leuschner selbst wurde im selben Jahr zum hessischen Innenminister ernannt. Hoch war sehr glücklich über den Aufstieg der SPD und freute sich, „dass in diesem Jahr die Fraktion endlich einmal ernst macht[e] mit jahrelangen Forderungen“, und behauptete auch, dass Leuschner von der Presse in Sachsen positiv dargestellt würde. Doch wies der Polizist seinen Freund auch auf die Schwierigkeiten hin, die Leuschner in seinem Amt bewältigen müsste. Leuschner wurde von Hoch gewarnt, seinen Mitarbeitern nicht zu sehr zu vertrauen, da es selbst in den eigenen Reihen, also unter den SPD-Mitgliedern, Gefahren gebe. Denn viele, die behaupteten, wahre SPD-Mitglieder zu sein, entpuppten sich im Endeffekt als Verräter. Als Beispiel nannte Hoch den hessischen Polizisten Hamberger, der nicht loyal gegenüber der SPD gehandelt hätte. Letztendlich formuliert Hoch sein Ziel, eine demokratische Polizei sowohl in Sachsen als auch in Hessen aufzubauen, wobei die Umsetzung jedoch sehr problematisch gewesen sei.

Leuschner hatte auch eine gute Beziehung zu den Mitgliedern des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, da er selbst eine bedeutende Rolle in dieser Organisation hatte. Das Reichsbanner hatte sich das Ziel gesetzt, die Demokratie zu verteidigen und zu schützen. So auch die Spitze des Reichsbanners, Otto Hörsing, welcher sich ebenfalls in einem Brief an Leuschner dazu bekannte, gegen rechts- und linksradikale Organisationen oder Parteien und somit für die Demokratie zu kämpfen. Das Reichsbanner bestand zu 90 Prozent aus SPD-Mitgliedern, den restlichen Anteil bildeten Anhänger der Zentrumspartei und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP). Die demokratische Ausrichtung erklärt auch, warum das Reichsbanner, aufgrund seines Widerstands gegen das NS-Regime, 1933 von der nationalsozialistischen Regierung verboten wurde.

Im Oktober 1916 wurde der 26-jährige Leuschner zum Militärdienst eingezogen. Er diente in einem sogenannten Lichtmesstrupp, dessen Aufgabe es war, anhand der Mündungsfeuer die Entfernung der feindlichen Stellungen zu bestimmen. Er gelangte per Eisenbahn von Frankfurt über Görlitz, Brockau und Warschau nach Pinsk in Weißrussland, wo er zunächst stationiert war. Im Mai 1917 wurde er an die Westfront in die Nähe von Verdun versetzt.

In Weißrussland kam Leuschner zum ersten Mal in Kontakt mit orthodoxen Juden. Mit großem Interesse besuchte er die dortigen orthodoxen Synagogen und Kirchen der ansässigen Bevölkerung. Leuschner war fasziniert von den Menschen und ihrem Glauben und wie sie diesen, anders als die ihm bekannte deutsche Bevölkerung, ausübten. Er beschrieb in seinen Tagebüchern den Kriegsalltag und zeigte deutlich auf, wie er den Krieg wahrnahm. Mit Beginn der Novemberrevolution am 9. November 1918 wurde Leuschner einstimmig zum Vorsitzenden eines Soldatenrates an der Westfront in der Nähe von Verdun gewählt.

Beeindruckend sind Leuschners Aktivitäten während des Krieges, er lernte Englisch und Französisch so gut, dass er sich während seiner Stationierung in Frankreich gut mit den Leuten dort unterhalten konnte. Neben dem Erlernen von Sprachen ließ sich Leuschner die Trigonometrie erklären und las Bücher verschiedener Art, um sich weiterzubilden.

Gewerkschafter und hessischer Innenminister

1909 wurde er Leiter des Darmstädter Bezirks des Bildhauerverbandes. 1913 trat er in die SPD ein und engagierte sich weiter in der Gewerkschaft. 1916 musste er während des Ersten Weltkrieges als Soldat an die Ostfront, später auch in den Westen. 1919 wurde er Stadtverordneter und Vorsitzender der Darmstädter Gewerkschaften und zog 1924 als SPD-Abgeordneter in den Landtag des Volksstaates Hessen (d. h. südliches Hessen bzw. ehem. Großherzogtum Hessen-Darmstadt) ein. 1927 fungierte er als ein Vertreter der Arbeitnehmerinteressen im Verwaltungsrat der neu gegründeten Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung. 1928 wurde er Innenminister des Volksstaates Hessen. Leuschner, der zuvor in der SPD-Landtagsfraktion als Polizeiexperte galt, exponierte sich dabei als Verteidiger der demokratischen Verfassung. Zu seinen engsten Mitarbeitern im Ministerium zählten Ludwig Schwamb und Carlo Mierendorff.

Leuschner bekannte sich ausdrücklich zur Gleichberechtigung aller Staatsbürger, und zwar „gleichgültig welcher Abstammung und sozialen Herkunft“ sie auch sein mögen. Während seiner Amtszeit als Hessischer Innenminister wurde das von seinem Amtsvorgänger Ferdinand Kirnberger (Zentrum) vorgelegte Gesetz zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens (Zigeunergesetz) in einer abgeschwächten Form vom Hessischen Landtag beschlossen. Obwohl Kirnberger nach wie vor als Justizminister dem Kabinett angehörte, war die Definition von Zigeunern anhand ihrer „Rassenzugehörigkeit“ gestrichen worden. Im Landtags-Ausschuss hatten SPD-Abgeordnete die Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes angezweifelt und die komplette Streichung des Begriffes „Zigeuner“ gefordert. Während der beschlussgebenden Landtagsdebatte sprach sich jedoch lediglich ein Abgeordneter der KPD gegen die Regierungsvorlage aus. Hinsichtlich der Sinti und Roma war das Gesetz Ausdruck des seinerzeit selbst unter Demokraten weit verbreiteten Antiziganismus, weshalb das Gesetz allgemein zur Vorgeschichte der systematischen Ermordung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus gezählt wird.

Leuschner war entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Nachdem er die Veröffentlichung der Boxheimer Dokumente, von dem NSDAP-Abgeordneten Werner Best verfasste Pläne zur Machtergreifung, veranlasst hatte, wurde dieser zu einem persönlichen Feind und Leuschner einer der meistgehassten Gegner der Nationalsozialisten. Die Boxheimer Dokumente ließen die beabsichtigte Errichtung eines Terrorregimes deutlich erkennen, sie zeigten an, dass der Legalitätskurs der Nationalsozialisten bloße Fassade war.

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