Wilhelm Bodewin Johann Gustav Keitel (* 22. September 1882 in Helmscherode; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war ein deutscher Heeresoffizier (ab 1940 Generalfeldmarschall) und von 1938 bis 1945 Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. Nach der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht durch Alfred Jodl unterzeichnete Keitel die zweite, ratifizierende Urkunde im Hauptquartier der Roten Armee.
Er gehörte zu den 24 im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof angeklagten Personen, wurde am 1. Oktober 1946 in allen vier Anklagepunkten schuldig gesprochen, zum Tod durch den Strang verurteilt und mit neun weiteren Verurteilten am 16. Oktober 1946 in Nürnberg hingerichtet.
Kaiserreich und Erster Weltkrieg
Wilhelm Keitel war der älteste Sohn des Gutsbesitzers Carl Keitel (1854–1934) aus Helmscherode am Harz und dessen Frau Apollonia geb. Vissering (1857–1889), Tochter des Landwirts und Reichstagsmitglieds Friedrich Vissering (1826–1885). Seine Kindheit verbrachte er auf dem Familiengut. Die Mutter starb 1889 nach der Geburt des jüngeren Bruders Bodewin, eines späteren Generals der Infanterie, am Kindbettfieber. Keitel erhielt zunächst Hausunterricht und besuchte später das Humanistische Gymnasium in Göttingen, das heutige Max-Planck-Gymnasium. Seine schulischen Leistungen hielten sich im Klassendurchschnitt. Genau wie sein Vater wollte Keitel Landwirt werden, was aber nicht möglich war, weil der Vater das Gut weiterhin selbst bewirtschaften wollte. Daher trat er nach dem Abitur 1901 in die preußische Armee ein, wie es bei Gutsbesitzersöhnen üblich war. Aus Standes- und Kostengründen entschied sich Keitel gegen die Kavallerie und für den Dienst bei der berittenen Feldartillerie.
Einige Historiker gehen auf die Prägung Keitels durch seine Herkunft ein. Samuel W. Mitcham und Gene Mueller rechnen sein loyales und gehorsames Verhalten gegenüber der Obrigkeit zu den Erfahrungen der Jugendjahre. Die Beschreibung als „typisch preußischer Junker“, die in der älteren Forschung verbreitet war, wird dagegen abgelehnt, weil er aus einer hannoverschen Familie stammte, die der preußischen Uniform eher kritisch gegenüberstand.
Am 18. April 1909 heiratete Keitel Lisa Fontaine (1887–1958), Tochter von Anna und Armand Fontaine, der in Hannover das Rittergut Wülfel und die Brauerei Wülfel besaß. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor, von denen eines früh starb. In einigen biografischen Darstellungen wird Lisa Keitel als ihrem Ehemann überlegen geschildert. Sie habe einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf der Karriere ihres Mannes genommen, denn bis zum Ersten Weltkrieg und auch später gab Keitel seinen Wunschtraum, Landwirt auf dem Familiengut zu werden, nicht auf. Nach dem Tod seines Vaters am 10. Mai 1934 reichte er ein Rücktrittsgesuch beim Chef der Heeresleitung, General Werner Freiherr von Fritsch, ein. Seine Entscheidung, doch beim Militär zu bleiben, wurde nicht nur von einer in Aussicht gestellten Beförderung, sondern auch vom Wunsch seiner Ehefrau, lieber die Frau eines Offiziers als die eines Landwirtes zu sein, entscheidend beeinflusst.
Keitel begann seine militärische Laufbahn als Fahnenjunker im Niedersächsischen Feldartillerie-Regiment Nr. 46 in Wolfenbüttel. Ein Jahr später erfolgte die turnusgemäße Ernennung zum Leutnant. Ab 1908 wurde er als Regimentsadjutant eingesetzt und 1910 zum Oberleutnant befördert. Gleich am Anfang des Ersten Weltkriegs verletzte ein Granatsplitter seinen rechten Unterarm. Wieder genesen kehrte er als Hauptmann und Batterieführer zu seinem Regiment zurück. 1914 lernte er Major Werner von Blomberg kennen, der seine spätere berufliche Laufbahn stark beeinflusste. Im Frühjahr 1915 wechselte Keitel ohne die bis dahin übliche Ausbildung in den Generalstab. 1916 wurde er Erster Generalstabsoffizier (Ia) der 19. Reserve-Division, 1918 dann Ia des Marinekorps Flandern. Zum Einsatz kam er in den Schlachten von Namur, an der Marne, in den Vogesen, vorübergehend an der Ostfront, dann wieder bei Verdun und schließlich in Flandern. Insgesamt erhielt er während des Krieges zwölf Auszeichnungen, unter anderem das Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern.
Auch nach Kriegsende blieb Keitel beim Militär. Er wurde in die Reichswehr der Weimarer Republik übernommen und zunächst Taktiklehrer an der Kavallerieschule in Hannover. Drei Jahre später folgte die Versetzung zum Stab des 6. (Preußischen) Artillerie-Regiments. 1923 stieg er zum Major auf, von 1925 bis 1927 war er Gruppenleiter in der Heeres-Organisationsabteilung (T 2) im Truppenamt. 1927 wurde Keitel zum Kommandeur der II. Abteilung des 6. (Preußischen) Artillerie-Regiments in Minden ernannt und 1929 zum Oberstleutnant befördert. Von Oktober 1929 bis Oktober 1933 war er wiederum im Reichswehrministerium eingesetzt, diesmal als Abteilungschef „T 2“. Dabei beteiligte er sich an dem geheimen Ausbau der Reichswehr, mit dem im Falle eines nationalen Notstandes die Möglichkeit einer Vergrößerung der Armee von 10 auf 30 Divisionen bestand. 1931 reiste Keitel mindestens einmal in die Sowjetunion, um dort geheime Ausbildungslager der Reichswehr zu inspizieren.
Mueller beschreibt ihn als gewissenhaften und fleißigen Stabsarbeiter, was auch auf Kosten seiner Gesundheit ging und 1933 zu einer Krankheit und Beurlaubung führte. Während seines Aufenthalts in einem tschechoslowakischen Sanatorium in der Hohen Tatra fand die sogenannte Machtergreifung durch Adolf Hitler in Deutschland statt.
Vorkriegszeit und Aufstieg zum Chef des OKW
Im Oktober 1933 kehrte Keitel als Artillerieführer III und stellvertretender Kommandeur der 3. Division in den Truppendienst zurück. Obwohl man von Offizieren der Reichswehr offiziell politische Neutralität verlangte, sympathisierte er erkennbar mit Hitler und dem nationalsozialistischen Gedankengut. Von seiner ersten Begegnung mit Hitler im Juli 1933 und dessen Rede auf dem Tempelhofer Feld in Berlin war Keitel sehr beeindruckt. Im April 1939 erhielt er das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP, die daraus eigentlich resultierende Aufnahme in die Partei erfolgte erst, als Keitel diese 1944 beantragte und rückwirkend zum 1. März 1939 aufgenommen wurde (Mitgliedsnummer 7.039.699).
Am 1. März 1934 wurde Keitel zum Generalmajor ernannt und im Oktober 1934 als Infanterieführer VI und Kommandant von Bremen mit der Aufstellung der 22. Infanterie-Division beauftragt. Ab dem 1. Oktober 1935 war er Chef des Wehrmachtamts im Reichskriegsministerium. Diesen Posten erhielt er auf Betreiben von General Ludwig Beck, dem Chef des Generalstabs des Heeres, der sich damit gegen Reichswehrminister Blomberg durchsetzen konnte. Im neuen Amt versuchte Keitel, die Koordinierung zwischen Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe durch einen gemeinsamen Führungsstab zu verbessern. Dieser Plan scheiterte aber am Widerstand der Generäle. Am 1. Januar 1936 wurde er zum Generalleutnant und am 1. August 1937 zum General der Artillerie befördert.
Nach der Blomberg-Fritsch-Krise und der damit verbundenen Veränderung der Kommandostruktur der Wehrmacht, wie die Reichswehr seit 1935 offiziell hieß, berief man ihn zum Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Diese Dienststelle war im selben Jahr neu eingerichtet worden und ersetzte das Amt des Reichskriegsministers, das Hitler pro forma selbst übernahm. Die Neuorganisation der militärischen Führung hatte Keitel selbst monatelang gemeinsam mit dem damaligen Oberst Alfred Jodl ausgearbeitet, mit dem er auch in Zukunft eng kooperieren sollte. Er selbst war als Chef des OKW direkt Hitler unterstellt. Während die operativen Aufgaben der Kriegführung vom Wehrmachtführungsstab unter Alfred Jodl besorgt wurden, lagen in Keitels Verantwortung die Bereitstellung von Soldaten und Kriegsgerät, die Spionage, die Versorgung der Kriegsgefangenen und Verwundeten sowie die Verwaltung der Wehrmacht und des Heeresgebietes, in dem sie tätig war. Er gab die Befehle Hitlers weiter und hielt während der gesamten Dauer des Zweiten Weltkrieges die Verbindung zwischen Hitler und seinen Generälen aufrecht.