Wilhelm I., mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Karl von Württemberg (* 27. September 1781 in Lüben; † 25. Juni 1864 in Cannstatt), war von 1816 bis 1864 der zweite König von Württemberg.
Nachdem Wilhelms Jugend von Auseinandersetzungen mit seinem Vater König Friedrich geprägt war, übernahm er die Herrschaft in Württemberg im von Missernten und Hungersnot geprägten „Jahr ohne Sommer“ 1816. Nach seinem Amtsantritt leitete er umfassende Reformen ein, die sich in der Zustimmung der württembergischen Landstände zur Verfassung am 25. September 1819 manifestierten. In seiner 48 Jahre andauernden Regierungszeit wandelte sich das Königreich Württemberg von einem heterogenen, von konfessionellen Gegensätzen der früheren Fürstentümer geprägten Agrarstaat zu einem Verfassungsstaat mit einer gemeinsamen Identität und einer durchorganisierten Verwaltung.
Neben seiner erfolgreichen Innenpolitik verfolgte er während seiner gesamten Regierungszeit eine ambitionierte auf Deutschland und Europa ausgerichtete Außenpolitik, die auf eine Veränderung des vom Wiener Kongress geschaffenen europäischen Machtsystems abzielte. Neben den Großmächten Preußen und Österreich sah er in den Königreichen Bayern, Sachsen, Hannover und Württemberg Kristallisationskerne einer dritten deutschen Großmacht. Auch wenn diese Triaspläne nie zum Erfolg führten, gewährleisteten sie während seiner gesamten Regierungszeit eine durchgängige, schlüssige und zielgerichtete Politik.
Als einziger deutscher Monarch sah Wilhelm sich gezwungen, die Reichsverfassung von 1848 anzuerkennen. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49 verfolgte er eine restaurative Politik, die sein liberales Image aus der Zeit vor der Revolution konterkarierte. Er starb 1864 auf Schloss Rosenstein in Cannstatt. Sein Grab befindet sich in der Grabkapelle auf dem Württemberg.
Verwandtschaftliche Einordnung
Friedrich Wilhelm Karl, Prinz von Württemberg, war der älteste Sohn von König Friedrich I. von Württemberg und von Prinzessin Auguste Karoline von Braunschweig-Wolfenbüttel. Wilhelms Vater war (über dessen Großmutter mütterlicherseits, Sophie Dorothea Marie) ein Großneffe Friedrichs des Großen. Friedrich der Große war zudem der Großonkel von Wilhelms Mutter Auguste Karoline. Wilhelms Vater und sein Großvater begannen ihre militärische Laufbahn in Preußen.
Die Schwester von Wilhelms Vater, Elisabeth, wurde 1788 die erste Ehefrau des österreichischen Thronfolgers und späteren Kaisers Franz II. Nachdem dieser in der Zwischenzeit mit zwei weiteren Frauen verheiratet war, heiratete Kaiser Franz am 10. November 1816 in vierter Ehe die von Wilhelm geschiedene Karoline Auguste von Bayern. Kaiser Franz war damit sowohl zunächst der Ehemann von Wilhelms Tante als auch später der Ehemann von dessen geschiedener Frau.
Beziehungen zum russischen Zarenhaus
Eine weitere Tante Wilhelms väterlicherseits, Sophie Dorothee von Württemberg, wurde 1776 mit dem Sohn Katharinas der Großen und späteren Zaren, Paul, verheiratet und nahm als Zarin den Namen Maria Fjodorowna an. Diese verwandtschaftliche Beziehung zum Zarenhaus hatte für das spätere Königreich Württemberg seit der Reorganisation Europas im Zuge des Wiener Kongresses wichtige politische Folgen.
Wilhelm heiratete 1816 kurz vor seiner Thronbesteigung in zweiter Ehe Großfürstin Katharina Pawlowna, die Tochter seiner Tante, der Zarin Maria Fjodorowna. Nachdem Katharina Pawlowna bereits 1819 verstorben war, wurde die verwandtschaftliche Beziehung zu Russland durch die Hochzeit Prinz Karls, des ältesten Sohnes Wilhelms, erneuert. Prinz Karl heiratete 1846 Großfürstin Olga. Olga war die Enkelin von Wilhelms Tante, der Zarin Maria Fjodorowna, und die Nichte seiner zweiten Frau, Katharina Pawlowna. Olgas Vater war Zar Nikolaus I., der Nachfolger ihres Onkels, des Zaren Alexander I. Die Mutter Olgas, Zarin Alexandra Fjodorowna, war wiederum die Schwester der Preußenkönige Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I.
Sonstige Beziehungen zu den europäischen Herrscherhäusern
Wilhelms Schwester Katharina wurde 1807 mit Jérôme Bonaparte verheiratet, dem Bruder des französischen Kaisers Napoleon.
Zum britischen Königshaus bestanden Beziehungen über Augusta von Hannover, Wilhelms Großmutter mütterlicherseits und ältere Schwester des britischen Königs Georg III. Georgs Tochter Charlotte Auguste war die zweite Frau König Friedrichs von Württemberg und damit Wilhelms Stiefmutter. Wilhelms Onkel Ludwig von Württemberg, der Vater seiner dritten Frau Pauline, ist der Urgroßvater der britischen Queen Mary, welche Großmutter von Königin Elisabeth II. war. Sophie von Württemberg, Wilhelms zweite Tochter aus der Ehe mit Katharina, heiratete 1839 ihren Cousin Wilhelm III. von Oranien, den späteren König der Niederlande. Wilhelm III. war ein Sohn von Katharinas Schwester Anna Pawlowna.
Als Friedrich Wilhelm Karl, der als Kind Fritz genannt wurde und sich erst mit Beginn seiner Regierungszeit Wilhelm nannte, 1781 im preußischen Lüben auf die Welt kam, war das Verhältnis seiner bei der Geburt noch nicht 17 Jahre alten Mutter mit dem zehn Jahre älteren Vater bereits von Streit und Disharmonie geprägt. Sein Vater, der 1774 in den preußischen Militärdienst eingetreten war, fiel 1781 bei seinem Großonkel, König Friedrich II. von Preußen, in Ungnade und wechselte kurz nach Wilhelms Geburt in den Dienst der russischen Zarin Katharina. Sie ernannte ihn zum Generalgouverneur des Gouvernements Finnland. Auch wenn Wilhelms Mutter Auguste im Februar 1783 seine Schwester Katharina, am 24. Dezember 1783 die bereits 1784 verstorbene Auguste und im Januar 1785 den Prinzen Paul gebar, verschlechterte sich das Verhältnis zwischen den Eltern weiter. Zarin Katharina zwang Friedrich im Dezember 1786 mit seinen Kindern zum Verlassen Russlands und gab Auguste in die Obhut des ehemaligen Hofjägermeisters Reinhold Wilhelm von Pohlmann, von dem sie schwanger wurde. Sie starb 1788 qualvoll an einer Fehlgeburt, da Pohlmann, um die Schwangerschaft zu verheimlichen, ärztliche Hilfe verweigerte. 1790 übersiedelte Friedrich mit seinen beiden Söhnen nach Ludwigsburg. Er sorgte dafür, dass seine Söhne Erzieher bekamen, die in Württemberg verwurzelt waren. Die Erziehung war auf Geheiß des Vaters detailverliebt, geregelt und sehr streng.
Mit dem Tod Herzog Carl Eugens am 24. Oktober 1793 endete dessen Herrschaft nach 56 Jahren. Da er keine ehelichen Nachkommen hatte, ging das Herzogtum nacheinander an seine Brüder. Herzog Ludwig Eugen regierte von 1793 bis 1795; Friedrich Eugen, der Großvater Friedrich Wilhelms, übernahm die Herrschaft im Mai 1795. Friedrich Wilhelms Vater Friedrich wurde Erbprinz und nach dem Tod Friedrich Eugens am 23. Dezember 1797 selbst Herzog von Württemberg. Ab November 1797 waren Friedrich und seine zweite Ehefrau Charlotte Auguste Mathilde auf der Suche nach einer Ehefrau für Friedrich Wilhelm. Neben der Schwester von Kaiser Franz II. Erzherzogin Maria Amalia (1780–1798) von Österreich waren auch die Großfürstinnen Alexandra und Maria von Russland im Gespräch.
Das Verhältnis Herzog Friedrichs zu seinem Sohn verschlechterte sich immer mehr. Friedrich Wilhelm lehnte sich häufig gegen die Erziehung und seinen Vater auf. Aus dem Jahr 1798 ist überliefert, dass bei ihm pornographische Schriften entdeckt wurden. 1799 wurden Fluchtpläne Friedrich Wilhelms aus Württemberg bekannt, so dass sein Vater ihn vorübergehend in Arrest nehmen ließ. Nach seiner Freilassung begann Friedrich Wilhelm ein Studium an der Universität Tübingen. Im Zuge des 1797 ausgebrochenen Zweiten Koalitionskriegs marschierten die Franzosen unter Napoleon Bonaparte im Frühjahr 1800 in Württemberg ein. Friedrich Wilhelm, der als Freiwilliger in die österreichische Armee eingetreten war, nahm im Dezember 1800 an der Schlacht von Hohenlinden teil. 1803 erlangte er den Rang eines kaiserlichen Generalmajors. Zeitgenossen bescheinigten ihm bereits damals profunde militärische Kenntnisse, Mut und Tapferkeit.
Nach der Rückkehr nach Württemberg im Jahr 1801 begannen Friedrich Wilhelm und sein Bruder Paul Liebschaften zu den Töchtern des Landschaftskonsulenten Konradin von Abel. Friedrich Wilhelm verliebte sich in die vier Jahre ältere Therese von Abel. Zu dieser Zeit gab es Auseinandersetzungen zwischen Herzog Friedrich und den Landständen über innen- und außenpolitische Fragen. Konradin von Abel vertrat die außenpolitischen Interessen der Landstände und wurde dabei von Friedrich Wilhelm unterstützt, der damit gegen die Interessen und die Politik seines Vaters Stellung bezog. 1803 floh Friedrich Wilhelm aus Württemberg nach Paris, Wien, Schaffhausen und Saarburg. In Saarburg brachte Therese von Abel Zwillinge zur Welt, die kurz nach ihrer Geburt starben. Obwohl der inzwischen zum Kurfürsten aufgestiegene Friedrich seinen Sohn durch eingesetzte Vermittler nach Württemberg zurückholen wollte, ging Friedrich Wilhelm im Oktober nach Paris, wo er bereits am 14. Oktober 1803 vom Ersten Konsul Napoleon Bonaparte empfangen wurde. Kurfürst Friedrich konnte durch diplomatische Interventionen die geplante Heirat seines Sohnes mit Therese von Abel verhindern. Zur Trennung der beiden kam es aber erst im Herbst 1804. Während seiner Zeit in Paris wurde Friedrich Wilhelm von den württembergischen Landständen und später von Napoleon finanziell unterstützt.