An diesem Tag

Wilhelm I. (Deutsches Reich)

Deutscher Kaiser und König von Preußen (1861/1871–1888)

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Wilhelm I., mit vollem Namen Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen (* 22. März 1797 in Berlin; † 9. März 1888 ebenda), aus dem Haus Hohenzollern war von 1861 bis zu seinem Tod König von Preußen und seit der Reichsgründung 1871 erster Deutscher Kaiser. Als zweitgeborener Sohn Friedrich Wilhelms III. wurde er zunächst nicht auf die Aufgaben eines Monarchen vorbereitet, sondern schlug eine militärische Laufbahn ein. Infolge des Dekabristenaufstandes 1825 in Russland und der Julirevolution von 1830 in Frankreich entwickelte Wilhelm eine ausgeprägte Revolutionsfurcht. Da sein älterer Bruder König Friedrich Wilhelm IV. kinderlos blieb, avancierte Wilhelm zum Thronfolger. Die Öffentlichkeit nahm ihn als Symbolfigur der antiliberalen Militärpartei am preußischen Hof wahr. Wilhelms Haltung während der Märzrevolution 1848 ist in der Forschung umstritten. Der Prinz wird von Historikern aber meist als Befürworter eines gewaltsamen Vorgehens gegen die Demonstranten angesehen. 1849 ließ er als Oberbefehlshaber die Revolutionen in der Pfalz und in Baden blutig niederschlagen. Den deutschen Nationalismus betrachtete er zunehmend als ein mögliches politisches Instrument für Preußens Krone.

1858 übernahm Wilhelm für seinen erkrankten Bruder die Regentschaft. In der politischen Öffentlichkeit förderte der Thronwechsel Hoffnungen auf eine Neue Ära. Da der Prinzregent, ab 1861 König von Preußen, jedoch auf eine konservative Heeresreform hinarbeitete, eskalierte kurz darauf ein Streit mit dem Abgeordnetenhaus zu einem Verfassungskonflikt. Im Kampf gegen das Parlament berief Wilhelm 1862 Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten. Mit dessen Unterstützung wurde der Verfassungskonflikt 1866 beigelegt. Durch die drei Einigungskriege 1864–1871 erreichte Preußen eine gewaltige Machtsteigerung. Nach der Reichsgründung wurde Wilhelm am 18. Januar 1871 im Schloss Versailles bei Paris zum Deutschen Kaiser proklamiert. In der Innenpolitik setzte Wilhelm auf eine konservative Linie, um einer weiteren Parlamentarisierung des Deutschen Reiches entgegenzuwirken. Er unterstützte Bismarcks Maßnahmen gegen die Sozialdemokratie. Außenpolitisch betrieb er bis Anfang der 1880er Jahre vor allem eine Annäherung an das Zarenreich, anschließend befürwortete er einen territorialen Status quo zwischen Österreich-Ungarn und Russland auf dem Balkan. Inwieweit der Kaiser von Bismarck dominiert war oder doch eigenständig agierte, ist in der Forschung umstritten. Die Öffentlichkeit im Deutschen Kaiserreich nahm Wilhelm zunehmend als eine nationale Identifikationsfigur wahr. Hierzu trugen insbesondere öffentlichkeitswirksame Inszenierungen durch Massenmedien, Memoiren, fotografische Vervielfältigungen, Paraden, Einzüge und Denkmäler bei.

Kindheit und Erfahrung der napoleonischen Kriege (1797–1815)

Wilhelm war der zweitgeborene Sohn des Kronprinzenpaares Friedrich Wilhelm und Luise von Preußen. Deshalb stand sein älterer Bruder, der spätere König Friedrich Wilhelm IV., vor ihm in der Thronfolge. Entsprechend widmete ihr gemeinsamer Hauslehrer Johann Friedrich Gottlieb Delbrück seine Erziehung und Lehre hauptsächlich Friedrich Wilhelm. Von seinem vierten bis zwölften Lebensjahr stand Wilhelm unter Delbrücks Obhut, der zuvor als Rektor am Magdeburger Pädagogium tätig gewesen war. Als Verfechter des Philanthropismus, eines aufklärerischen Erziehungskonzeptes, gestand Delbrück den Kindern Freiheiten wie Spielen und Tanzen zu. Wilhelm verbrachte an der Seite seines Bruders eine glückliche Kindheit. Obwohl das Hofprotokoll nur einen zeitlich begrenzten Kontakt zu den Eltern vorsah, stand Wilhelm vor allem zu seiner Mutter Luise in einem engen Verhältnis.

Sein Vater, seit November 1797 als Friedrich Wilhelm III. König von Preußen, sah für ihn eine militärische Laufbahn vor. Er entwickelte sich, wie Wolfram Siemann meint, „durch und durch [zu einem] Soldaten“. Das Militärische blieb für ihn zeit seines Lebens von großer Bedeutung. Auf Wilhelm wirkte sich auch die Niederlage Preußens im Vierten Koalitionskrieg prägend aus. Er floh 1806 zusammen mit seinen Geschwistern vor den anrückenden französischen Truppen aus Berlin nach Memel, an den äußersten Rand des preußischen Königreiches. An seinem zehnten Geburtstag wurde er zum Fähnrich ernannt, den damals niedersten Offiziersrang der Infanterie, im Oktober 1807 trat er in das 1. Garde-Regiment zu Fuß ein. In der folgenden Zeit wurde er im Exerzieren und dem Abnehmen von Paraden geschult. Nach Meinung seines Umfeldes, etwa der Königin, zeigte sich der häufig kränkelnde Wilhelm in seinen Offiziersaufgaben überfordert. Als der Prinz 13 Jahre alt war, starb seine Mutter Luise. Zu einer Art Ersatzmutter für Wilhelm entwickelte sich seine Tante Luise Radziwiłł. In deren Tochter Elisa Radziwiłł fand er eine Spielgefährtin, in die er sich als Jugendlicher verliebte.

Im Winter 1813/1814 gab Friedrich Wilhelm III. dem seit Beginn der Befreiungskriege geäußerten Wunsch des Prinzen nach, ihn ins Feld ziehen zu lassen, sorgte jedoch dafür, dass er an den Schlachten stets nur aus sicherer Entfernung teilnahm. Das Geschehen sollte dem jungen Prinzen als Anschauungsmaterial bei der Erlernung des Kriegshandwerks dienen. Entsprechend unterrichtete ihn ein Oberst in militärstrategischen Überlegungen. Die Gelegenheit, selbst an einer Schlacht teilzunehmen, erhielt er am 27. Februar 1814 in der Schlacht von Bar-sur-Aube. Zusammen mit dem König fand sich Wilhelm – ohne dass es geplant war – im gegnerischen Gewehrfeuer wieder. Zu Pferd begleitete der Prinz den Angriff eines Kavallerieregiments. Für den kurzen Einsatz erhielt er am 5. März 1814 den russischen St.-Georgen-Orden und am 10. März 1814 das Eiserne Kreuz. Wilhelm selbst äußerte, dass die Auszeichnung ihm nur aufgrund seines Ranges zuerkannt worden sei.

Jugend: Eheschließung, diplomatische Aufträge, Offizierslaufbahn und Residenzgestaltung

Seit den 1820er Jahren zog ihn der König zu diplomatischen Beratungen heran. Wilhelm erhielt Informationen von den preußischen Gesandtschaften, führte einführende Unterredungen mit neu eingesetzten Diplomaten und wurde auf außenpolitische Missionen geschickt. Nach dem Tod Zar Alexanders I. stattete Wilhelm 1826 Nikolaus I. einen Antrittsbesuch ab.

Sein Aufenthalt fiel in die Zeit kurz nach dem Dekabristenaufstand, dessen blutige Niederschlagung und die sich anschließenden Hinrichtungen er als vorbildlich bewertete. Gleichzeitig ließ der Aufstand bei ihm eine Furcht vor Revolutionen entstehen. Wie viele Monarchen und Politiker des Vormärz glaubte er fortan an geheime Verschwörungen, die auf einen Sturz der gekrönten Häupter Europas hinarbeiten. Er zog daraus die Schlussfolgerung, dass jedes Zugeständnis an eine Volkssouveränität durch repressive Mittel verhindert werden müsse. Wilhelms diesbezügliche Sympathien für das autokratisch regierte Russland gewannen auch politisch an Bedeutung, denn der neue Zar war mit seiner Schwester Charlotte verheiratet.

Wilhelm wollte die polnische Prinzessin Elisa Radziwiłł heiraten. Ein Gutachten stufte sie aber aufgrund ihrer Abstammung väterlicherseits als seinem Rang nicht ebenbürtig ein, weshalb sein Vater die Erlaubnis verweigerte. Versuche durch Gegengutachten den König umzustimmen oder Elisa durch Adoption in ihrem Rang aufzuwerten, schlugen fehl. Als Wilhelms jüngerer Bruder Carl mit Marie von Sachsen-Weimar-Eisenach vermählt werden sollte, knüpfte der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach daran die Bedingung, dass Wilhelm allenfalls eine morganatische Ehe mit Elisa eingehen dürfe. Eine solche nicht standesgemäße Verbindung wollte Friedrich Wilhelm III. verhindern und untersagte Wilhelm im Juni 1826 eine Heirat mit Elisa. Der Prinz fügte sich. Da inzwischen abzusehen war, dass Wilhelms älterer Bruder, der spätere Friedrich Wilhelm IV., ohne eigene Nachkommen bleiben würde, kam Wilhelm nun die Aufgabe zu, einen legitimen dynastischen Erben sicherzustellen. So arrangierte sein Vater 1829 seine Heirat mit Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Die Verbindung versprach die Bande Preußens mit Russland zu festigen, denn Augusta war eine Nichte von Zar Nikolaus I. In der Ehe gab es Spannungen, da die politischen Ansichten und intellektuellen Interessen der beiden Ehepartner weit auseinander lagen. Andererseits erfüllte das Paar mit der Geburt zweier Kinder 1831 und 1838 seine „dynastische Pflicht“. Der zuerst geborene Sohn Friedrich Wilhelm wurde später als Friedrich III. deutscher Kaiser. Die Tochter Luise wurde mit dem späteren Großherzog von Baden verheiratet.

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