Wilhelm Friedemann Bach und oft nur Friedemann Bach genannt (* 22. November 1710 in Weimar; † 1. Juli 1784 in Berlin) war ein deutscher Komponist und Organist des Spätbarock im Übergang zur Klassik.
Wilhelm Friedemann Bach war das zweite Kind und der älteste Sohn von Johann Sebastian Bach und seiner ersten Frau Maria Barbara (1684–1720), einer Cousine zweiten Grades des Vaters. Vor ihm kam in seiner Familie 1708 seine Schwester Catharina Dorothea in Weimar zur Welt. Sein Vater besaß um diese Zeit eine Stellung als Hoforganist und Kammermusikus bei dem streng lutherischen Herzog Wilhelm Ernst in Weimar; dieser galt in jener Zeit als einer der vornehmsten, gebildetsten und kunstsinnigsten Fürsten Mitteldeutschlands. Die zwei Vornamen des Bach-Sohns leiten sich von den beiden Taufpaten her: Baron Wilhelm Ferdinand von Lyncker (1687–1713), einem Adeligen aus dem Haus des Herzogs, und Paul Friedemann Meckbach (1674–1713), Jurist in Mühlhausen und Sohn des dortigen Bürgermeisters – beides Bekannte Johann Sebastians aus dessen Mühlhäuser Zeit. Entsprechend den damaligen Gepflogenheiten kam als Taufpatin Anna Dorothea Hagedorn hinzu, eine noch junge Freundin von Wilhelm Friedemanns Mutter. Die Taufe war am 24. November 1710. Die Wohnung der Familie lag am Markt 16 in der Nähe von Schloss Wilhelmsburg, in dem der Landesherr residierte.
Im Hause Bach bekam Wilhelm Friedemann, nach Aussage des Bach-Biografen Johann Nikolaus Forkel, „vom frühen Kindesalter an gute Musik zu hören“, noch bevor er zur Schule ging; hierzu trugen auch Schüler seines Vaters bei, insbesondere Johann Caspar Vogler. Noch in der frühesten Zeit Wilhelm Friedemanns, als er gerade gut zwei Jahre alt war, gebar seine Mutter am 23. Februar 1713 Zwillinge, nämlich Johann Christoph, der noch am Tag der Geburt starb, und Maria Sophia, die ihm nach drei Wochen in den Tod folgte. Nach einem weiteren Jahr, am 8. März 1714, wurde Carl Philipp Emanuel geboren; nochmals ein Jahr später, am 11. Mai 1715, kam Johann Gottfried Bernhard als dritter Sohn Johann Sebastian Bachs zur Welt. Zwischenzeitlich, am 2. März 1714, war Vater Johann Sebastian Bach zum Konzertmeister ernannt worden und schlug gleichzeitig das Stellenangebot an der Marktkirche zu Halle aus. Die neue Position erwies sich für die Familie als wesentliche materielle Verbesserung.
1716 war der Kapellmeister der sächsischen Hofkapelle in Weimar, Johann Samuel Drese, verstorben, nachdem er sich in den letzten 20 Jahren meistens durch seinen Sohn Johann Wilhelm hatte vertreten lassen. Für die Nachfolge versuchte der Herzog Georg Philipp Telemann, der in Frankfurt wirkte, zu gewinnen, und nach dessen Ablehnung bekam der Sohn Johann Wilhelm Drese die Stelle, ohne dass Johann Sebastian Bach überhaupt nur gefragt wurde. Seit dieser Übergehung trachtete dieser danach, Weimar baldmöglichst zu verlassen. Dies schlug sich in mehreren vergeblichen Entlassungsgesuchen nieder, zuletzt Anfang November 1717 mit besonderer Dringlichkeit. Dies hatte zur Folge, dass der Landesherr ihn wegen seiner Halßstarrigen Bezeügung und zu erzwingenden dimission verhaften ließ, ihn vom 6. November bis 2. Dezember 1717 im Arrest hielt und anschließend „mit angezeigter Ungnade“ entließ. Wilhelm Friedemann feierte somit seinen siebenten Geburtstag ohne den Vater, und es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass der älteste Sohn gespürt haben muss, dass der Vater sich hier in einer wichtigen Angelegenheit behauptet hatte. Zuvor schon, im August 1717, hatte Johann Sebastian beim Fürsten von Anhalt-Köthen einen Vertrag unterzeichnet, der ihn zum dortigen Hofkapellmeister mit einer deutlichen Erhöhung seiner Bezüge machen würde. Die Familie beging das Weihnachtsfest noch in Weimar und lebte dann ab Anfang 1718 in Köthen. Das ganze Fürstentum hatte damals etwa zehntausend Einwohner.
Der noch nicht fünfundzwanzigjährige und musikalisch gebildete Fürst Leopold von Anhalt-Köthen hatte Italien bereist und war dabei von dem Komponisten Johann David Heinichen begleitet worden. Er hatte eine gut ausgebildete Bass-Stimme und wirkte möglicherweise in seiner Hofkapelle zeitweilig als Violinspieler mit. Er war auch stolz auf seinen neuen Kapellmeister Johann Sebastian Bach, und es entwickelte sich zwischen beiden eine lebenslange Freundschaft. Wilhelm Friedemann Bach besuchte hier ab 1718 die lutherische Lateinschule. Dort drängten sich im Klassenraum des Lehrers Paul Berger bis zu 117 Kinder.
Dass es im Gegensatz dazu mit der häuslichen und musikalischen Ausbildung gut stand, zeigt das Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann Bach, ein Geschenk des Vaters vom Jahresanfang 1720 mit folgendem Deckblatt:
C l a v i e r - B ü c h l e i n
Dies war ein Heft im Kleinoktav-Format, eine Fibel, die erst im Entstehen war und nach und nach mit Stücken im stetig fortschreitenden Schwierigkeitsgrad bis 1725/1726 ausgefüllt wurde. Diese Stücke reichen von den zweistimmigen Inventionen BWV 772–786 zu den noch schwierigeren dreistimmigen Sinfonien (oder Fantasien) BWV 787–801 und Stücken aus dem 1. Teil des Wohltemperierten Klaviers. Außer Kompositionen von Bach-Vater enthält dieses Lehrwerk noch Stücke von Johann Christoph Richter, Georg Philipp Telemann und Gottfried Heinrich Stölzel. Darüber hinaus beinhaltet dieses kleine Lehrwerk eingetragene Fingersätze und eine Verzierungstabelle nach D’Anglebert sowie Friedemanns erste eigene Kompositionsversuche.
Während sein Vater seinen Dienstherrn zu den Quellen nach Karlsbad begleitete, starb am 5. Juli 1720 Wilhelm Friedemanns Mutter. Als Vater Bach am 7. Juli zurückkehrte, war seine Frau bereits beerdigt und der 36-jährige Bach musste nun mit vier kleinen Kindern alleine zurechtkommen. Bach engagierte im Frühsommer 1721 Anna Magdalena Wilcke (1701–1760), eine gute Sängerin und Tochter des Trompeters der Köthener Hofkapelle, als Fürstliche Köthener Kammermusikerin. Am 3. Dezember 1721 heirateten die beiden. Es wird berichtet, dass Anna Magdalena Bach durch ihr freundliches Wesen schnell in ihre neue Rolle als Familienmutter hineinfand, insbesondere zu den vier schon vorhandenen Kindern.
Nachdem Fürst Leopold im Jahr 1721 Friederike Henriette von Anhalt-Bernburg geheiratet hatte, kühlte sich das Verhältnis zwischen Vater Bach und dem Köthener Hof ab, weil die Gattin seines Dienstherrn nach Bachs Ansicht eine Amusa war und nur wenig Sinn für musikalische Aktivitäten hatte. Als im Juni 1722 das Amt des Leipziger Thomaskantors nach dem Tod des bisherigen Amtsinhabers Johann Kuhnau frei geworden war, suchte der Leipziger Rat für Kuhnau einen würdigen Nachfolger. Es wurden zunächst Georg Philipp Telemann, dann der Darmstädter Kapellmeister Christoph Graupner, Schüler von Johann Kuhnau, in die engere Wahl gezogen. Johann Sebastian Bach meldete sich erst gegen Ende des Jahres, nachdem die beiden anderen Kandidaten von ihren jeweiligen Dienstherren nicht freigegeben worden waren. Nach der Vorführung des Probestücks am 7. Februar 1723 wurde J. S. Bach am 5. Mai offiziell ernannt und am 31. Mai in sein Amt eingeführt; er war hier in Leipzig ein Angestellter der Stadt, nicht der Kirche. Die Familie bezog die Kantorenwohnung im linken Flügel des Thomasschulgebäudes.
In seine Leipziger Zeit, in einer Stadt mit damals 30.000 Einwohnern, fällt für Wilhelm Friedemann (ebenso wie für seine jüngeren Brüder Carl Philipp Emanuel und Johan Gottfried Bach) zunächst der Besuch der dortigen Thomasschule; aus dieser Zeit sind vier Schulhefte aus den Jahren 1723 bis 1726 erhalten. Von September 1724 bis August oder September 1726 hat er nachweislich Kantatenstimmen seines Vaters ausgeschrieben. Von Juli 1726 bis April 1727 erhielt er bei Johann Gottlieb Graun in Merseburg Violinunterricht. Außerdem begleitete er in den späten 1720er Jahren seinen Vater mehrfach nach Dresden, und er machte sich hier schon mit der Stätte vertraut, an der er einige Jahre später eine Stelle bekommen sollte. Darüber hinaus ist belegt, dass Wilhelm Friedemann Bach bei einem Besuch in Halle im Jahr 1729 Georg Friedrich Händel eine Einladung seines Vaters übermittelte. Nachdem Vater Bach seinen ältesten Sohn schon 1723 als Depositus an der Universität Leipzig hatte vormerken lassen, wurde dieser am 5. März 1729 an dieser Hochschule immatrikuliert und hörte Vorlesungen über Jura, Philosophie und Mathematik; es wird berichtet, dass ihn das letztere Fach besonders interessierte.