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Wiener Zeitung

Österreichische Tageszeitung

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Die Wiener Zeitung wurde 1703 als Wiennerisches Diarium von Johann Baptist Schönwetter gegründet und war ab ihrer Gründung rund eineinhalb Jahrhunderte lang führend auf dem österreichischen Zeitungsmarkt. 1857 übernahm der österreichische Staat das Blatt. Die letzte gedruckte Ausgabe erschien am 30. Juni 2023. Als älteste bis dahin noch gedruckt erscheinende Tageszeitung der Welt nahm die Wiener Zeitung in der Mediengeschichte Österreichs eine besondere Stellung ein. Seit Juli 2023 erscheint ein Nachfolgeprodukt in digitaler Form.

In seiner allerersten Ausgabe vom 8. August 1703 enthält das Wiennerische Diarium, wie das Blatt ursprünglich hieß, als Begrüßung an die Leserschaft eine Art Grundsatzerklärung, und zwar in der Form einer immerhin eine ganze Zeitungsseite umfassenden „Anmerckung“, worin kundgetan wird, dass die in der Redaktion einlauffenden Begebenheiten / ohne einigen Oratorischen und Poëtischen Schminck / (…) sondern der blossen Wahrheit derer einkommenden Berichten gemäß (…) ordentlich vorgestellt werden. Damit wurde in der Berichterstattung von Beginn an Sachlichkeit zur obersten Maxime erhoben. In der ersten Ausgabe finden sich unter anderem Berichte über die Armee in Süddeutschland, über ein Gefecht mit den Franzosen am Gardasee, über Unruhen in Ungarn sowie über eine Hofjagd in Ungarn, bei welcher der Kaiser mit eygener Hand etliche Hirschen von ungewöhnlicher Größe erlegt hatte. Neben weiteren Meldungen wurde auch eine Lista von Sterbefällen und Vermählungen abgedruckt. Die Erscheinungsweise wurde im Titelblatt der ersten Ausgabe mit Mittwoch und Samstag festgelegt. Das Blatt behielt auch weiterhin Form und Gliederung der ersten Ausgabe bei. Den Zeitumständen entsprechend überwogen Berichte von den Schauplätzen des spanischen Erbfolgekriegs. Kriegsberichte respektive mit dem Krieg in Zusammenhang stehende Meldungen machten oft vier Fünftel des Blattumfanges aus.

Gründer und Herausgeber des Wiennerischen Diariums war Johann Baptist Schönwetter (1671–1741). Das erste Redaktionslokal befand sich (1703 bis 1721) im ehemaligen Haus „Zum roten Igel“ am Wildpretmarkt, der Druck erfolgte im Regensburgerhof am Lugeck. Die Leitung des Blatts behielt sich Schönwetter selbst vor. Mit der redaktionellen Arbeit betraute er Hieronimus Gmainer, der als erster Redakteur Wiens gilt. Auf seinem Grabstein fand sich die Berufsbezeichnung „Zeitungsschreiber“. Für Übersetzungsarbeiten zog Schönwetter seinen sprachkundigen Korrektor Anton Hedlinger heran.

Die Schreibweise Wiennerisches Diarium entspricht den Usancen im 17. und 18. Jahrhundert. Beispielsweise lautete auch der auf das Wiener Pestjahr 1679 bezogene Titel von Abraham a Sancta Claras berühmtestem Werk Mercks Wienn (erschienen 1680). Auf Plänen von Wien aus jener Zeit scheint ebenfalls die Bezeichnung „Wienn“ auf. Ab dem 11. Mai 1712 erschien das um ein „n“ verkürzte Wienerische Diarium. In den Ausgaben vom 3. und 7. Jänner 1722 wurde ausnahmsweise nochmals der alte Titel verwendet. Ab der Folgeausgabe vom 10. Jänner wurde sodann bis zur Umbenennung auf Wiener Zeitung am 1. Jänner 1780 konsequent der Name Wienerisches Diarium beibehalten.

Die Ära Johann Peter van Ghelens und seiner Erben

Im Jahr 1721 schlug eine vom Kaiserhof ins Leben gerufene Hofkommission vor, dass die Mittel für den Bau der neuen Hofbibliothek durch eine „Impost“ genannte Abgabe auf Kalender und Zeitungen aufgebracht werden sollten. Ursprüngliche Bedenken gegen diesen Plan waren mit dem Hinweis zerstreut worden, dass die Wiener Zeitungsherausgeber Johann Baptist Schilgen (der den Mercurius herausbrachte), Johann Jakob van Ghelen (dem die italienischsprachige Zeitung Coriere ordinario gehörte) und Johann Baptist Schönwetter (Inhaber des Wiennerischen Diariums) durch ihre Privilegien wohlhabende Leute geworden seien, weshalb deren finanzieller Beitrag für die Hofbibliothek gerechtfertigt sei. Diese Auffassung entsprach zudem der Tatsache, dass die Einzelexemplare ihrer Zeitungen in Wien um 7 Kreuzer verkauft wurden und das Jahresabonnement 12 Gulden kostete. Das Jahresgehalt eines mittleren Beamten überstieg damals kaum 100 Gulden.

Bei der auf Vorschlag der Hofkommission den Wiener Zeitungsherausgebern abverlangten Abgabe handelte es sich weniger um eine Zeitungssteuer als um einen Pachtbetrag für die Gewährung der entsprechenden Privilegien. Johann Baptist Schönwetter allerdings weigerte sich beharrlich, die verlangte Gebühr von 3.000 Gulden jährlich zu entrichten. Infolgedessen wurde verfügt, dass bei weiterer Weigerung das Privileg dem Meistbietenden zuzuschlagen sei. Nach fortgesetzter Weigerung Schönwetters zu bezahlen wurde das Privileg schließlich am 18. Dezember 1721 Johann Peter van Ghelen (dem Sohn des Privilegieninhabers des Coriere ordinario) gewährt, der die Gebühr anstandslos beglich. Wie Franz Stamprech in seiner Geschichte der Wiener Zeitung betont, begann mit der Übernahme des Blatts durch Johann Peter van Ghelen für dieses „eine neue Ära“, zumal dieser auch den „Mercurius“ kaufte, wodurch er „alleiniger Zeitungsherr auf dem Wiener Platz“ wurde.

Immer mehr Raum erhielten im Blatt nun die bezahlten Einschaltungen. Umgestellt wurde auch auf zweispaltigen Zeilenumbruch der redaktionellen Seiten und die Auslandsmeldungen rückten an die Spitze der Berichterstattung. In weiterer Folge wurde im Zuge der Trennung des Versatzamtes und des Fragamtes 1721 das Kundschafts=Blätl mit dem „Wienerischen Diarium“ vertrieben. 1728 wurde sodann mit den „Posttäglichen Wiener Frag= und Anzeigungs=Nachrichten“ ein eigenes Amtsblatt herausgegeben, welches 1729 dem Wienerischen Diarium weitgehend angeschlossen wurde. Als Johann Peter van Ghelen 1754 verstarb, blieb das Schicksal des „Wienerischen Diariums“ auch weiterhin mit dem der Familie van Ghelen verknüpft.

1780, im Jahr des Beginns der Alleinregentschaft Kaiser Josephs II., wurde das Blatt auf Wiener Zeitung umbenannt. Die Auflage dürfte zu dieser Zeit schon einige Tausend erreicht haben. Der redaktionelle Teil erfuhr eine wesentliche Verbesserung, als die Ghelen’schen Erben im Jahr 1782 Conrad Dominik Bartsch (1759–1817), einen Schüler des Aufklärers Joseph von Sonnenfels engagierten. Bereits als 23-Jähriger hatte dieser die Redaktion der Wiener Zeitung, und damit des wichtigsten Periodikums der Monarchie, übernommen. Ungeachtet der auch die Wiener Zeitung überwachenden Zensur schickte er sich an, aufklärerisches Gedankengut zu vermitteln.

Überaus bemerkenswert ist die Tatsache, dass er 1789 die französische Menschenrechtserklärung, die für damalige Verhältnisse unerhörte Sätze wie Alle Menschen sind frey geboren, und bleiben frey und gleich in Ansehung der Rechte oder Der Grund aller Souverainität ist in der Nazion ins Deutsche übertrug und über die Wiener Zeitung erstmals in der Monarchie verbreitete. Bartsch platzierte die Sensationsmeldung nicht auf der Titelseite, sondern unauffällig mitten im Blatt, dafür aber in vollem Wortlaut. Eine bemerkenswerte Episode stellte im Jahr 1798 der Durchbruch der Theaterkritik im Blatt dar. August von Kotzebue, der damals die Stelle eines Hoftheatersekretärs (Intendant) bekleidete, veröffentlichte unbekümmert um die Zensurvorschriften in der Wiener Zeitung die ersten wirklich kritischen Artikel über Novitäten des von ihm geleiteten Theaters. Die Polizeidirektion bewertete es als „sehr unschicksam und auffallend“, dass Kotzebue bestimmte Lieblingsschauspieler, die er engagiert hatte, „mit offenbarer Vorliebe behandelt[e]“, über andere dagegen „hämische Bemerkungen“ ergoss. In einer Eingabe an Kaiser Franz bat sie den Regenten um „allerhöchsten Befehl, von der Einrückung dergleichen Kritiken im Wiener Diario wieder abzukommen“. Die Theaterkritik in der Wiener Zeitung fand hierdurch ein Ende, und die Redaktion musste sich wieder mit gelegentlichen Ankündigungen über Kunstereignisse und dem Abdruck von Nekrologen über dahingeschiedene Bühnenkünstler begnügen.

Zur Zeit der Napoleonischen Kriege mischte sich der Hof zusehends in redaktionelle Belange ein. Als Napoleon Bonaparte in den Jahren 1805/06 und 1809 Wien okkupierte, hatte dies auch Auswirkungen auf die Wiener Zeitung. Aus Paris brachte er einen eigenen Redakteur mit. Das Blatt kam nun erstmals täglich heraus. 1811 kehrte Conrad Dominik Bartsch zurück. Er vergrößerte zu Beginn des Jahres 1812 das Format von dem seit 1703 traditionellen Quart auf einen Satzspiegel von 17,5 und 26 Zentimeter, womit das Blatt nun eine seinem Ansehen adäquate Größe erhielt. Allerdings wurde Bartsch auf Veranlassung von Klemens Wenzel Lothar von Metternich 1815 seines Postens wieder enthoben. Der die kaiserliche Politik beherrschende Staatsmann plante die Wiener Zeitung gänzlich zu eliminieren, um seinem Privatblatt, dem Oesterreichischen Beobachter, ein Monopol zu verschaffen. Die Herausgeber der Wiener Zeitung stellten nun einen betont kulturaffinen Mann, nämlich den mit Ludwig van Beethoven befreundeten Joseph Carl Bernard (ca. 1781–1850) an, welcher innenpolitische Themen in den Hintergrund rückte und den Fokus stärker auf das Ausland sowie kulturelle Aspekte richtete. Solcherart gelang es, das Blatt zu retten.

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