An diesem Tag

Wiborada

Inklusin in St. Gallen, Heilige der katholischen Kirche

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Wiborada (latinisiert aus ahd. Wiberat; † 1. Mai 926 in St. Gallen) war eine Einsiedlerin, geweihte Jungfrau und Märtyrin der katholischen Kirche. Sie lebte als Inklusin in St. Gallen und wurde während eines Ungarneinfalls getötet. Ihre letzte Ruhestätte in der Kirche St. Mangen war lange Zeit unbekannt, dennoch über Jahrhunderte hinweg Ziel vieler Wallfahrer.

Wiborada wurde im Jahr 1047 von Papst Clemens II. heiliggesprochen und war damit die erste Frau weltweit, die von einem Papst heiliggesprochen wurde. In der seit dem 15. Jahrhundert überlieferten Ikonografie wird Wiborada im Habit dargestellt; als ikonografische Heiligenattribute sind ihr eine (anachronistische) Hellebarde als Verweis auf das Martyrium und ein Buch beigegeben. Sie gilt als Schutzpatronin der Pfarrhaushälterinnen, Köchinnen, Bibliotheken und Bücherfreunde. Ihr Gedenktag wird am 2. Mai als Eigenfeier des Bistums St. Gallen begangen.

Noch im 10. Jahrhundert wurde auf Anregung des Bischofs Ulrich von Augsburg eine Lebensbeschreibung (Vita) niedergeschrieben. Etwa hundert Jahre später wurde auf deren Grundlage eine zweite, erweiterte und dem neueren Stil angepasste Vita verfasst. Diese beiden Vitae sind die Hauptquellen zu Wiboradas Leben. Darüber hinaus bieten sie generelle Informationen zur Kultur- und Alltagsgeschichte ihrer Zeit. Allerdings kann nur der Lebensabschnitt nach Wiboradas Inkludierung im Jahr 916 als weitgehend verlässlich dargestellt betrachtet werden. Dies liegt wohl daran, dass die Verfasser der Vitae über diese Zeit besser informiert waren als über Wiboradas Jugend. Die historische Analyse erweist sich als schwierig, weil die beiden Vitae als typische Heiligenlegenden der religiösen Erbauung und Belehrung dienten. Sie weisen Schemata und Erzählungsmotive auf, die allgemein in der Hagiographie verbreitet sind und den historischen Gehalt verfälschen.

Die ältere Vita nennt in ihrem Epilog den Dekan Ekkehard I. als Verfasser. Der Epilog führt die Entstehung der Vita I auf ein Wunder zurück: Ekkehard sei durch das Bussgewand Wiboradas von einer Krankheit geheilt worden und habe zuvor das Versprechen abgelegt, ihre Lebensgeschichte zu verfassen, sollte er geheilt werden. Bischof Ulrich von Augsburg, der früher Klosterschüler in St. Gallen gewesen sei, habe ihn bei einem Besuch gefragt, weshalb er sein Versprechen bisher nicht eingelöst habe. Auf diese Weise sei Ekkehard von Ulrich mit dem Niederschreiben der ersten Vita beauftragt worden. Auf diesen Epilog bezieht sich auch der Verfasser der jüngeren Vita, Herimannus von St. Gallen (zu ihm siehe unten), in seinem ausführlichen Prolog. Um dem durch die Neubearbeitung im Raum stehenden Vorwurf der Respektlosigkeit gegenüber seinem bedeutenden Vorgänger zu entgehen, fügte er als Hommage an diesen an passender Stelle, beim Vorrücken der Ungarn nach St. Gallen, ein – in der kritischen Edition nicht nachgewiesenes – Zitat (Vers 51, zitiert in c. 34) aus dessen Jugendwerk, dem Waltharius, ein. In anderen Quellen wird der Verfasser der Vita I nicht erwähnt.

Die Vita I ist in drei Handschriften erhalten. Sie ist einerseits im dritten Band des Stuttgarter Passionale (Bibl. fol. 56–58) überliefert, des Hauptstückes der Handschriften des Klosters Zwiefalten, die seit 1802 in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart aufbewahrt werden. Der dritte Band des Stuttgarter Passionale ist nahezu vollständig erhalten und enthält neben der Vita Wiboradas 45 weitere Heiligenlegenden, darunter diejenigen der St. Galler Heiligen Gallus, Otmar und Magnus. Der Band wurde um 1144 geschrieben und stammt, wie Untersuchungen der Initialen ergaben, aus dem Kloster Hirsau, von wo er ins Kloster Zwiefalten und nach dessen Säkularisation in die Württembergische Landesbibliothek gelangte. Die Vita umfasst 46 Kapitel. Die zweite Handschrift, die von 1464 datiert, stammt aus der Reichsabtei Sankt Ulrich und Afra in Augsburg und wird in der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek aufbewahrt. Von zwei Manuskripten der Vita I in den Klöstern Dillingen und Wiblingen, die als Grundlage einer fehlerhaften Edition der Bollandisten aus dem 17. Jahrhundert dienten und als verschollen galten, ist das aus Wiblingen wiederentdeckt (London, Brit. mus. addit. 10933) und in seinem Wert für die Textgestaltung erkannt worden.

Die jüngere Vita wurde um 1075, etwa hundert Jahre nach der ersten und 28 Jahre nach Wiboradas Heiligsprechung, niedergeschrieben. Als Autor der Vita II nennt sich, kalligraphisch verschlüsselt, ein Mönch namens Herimannus, der vermutlich identisch mit dem im Widmungsvers genannten Schreiber des ältesten Manuskripts ist. Dieses liegt im Corpus sanktgallischer Heiligenleben (Codex 560) der Stiftsbibliothek St. Gallen vor und ist also möglicherweise die eigenhändige Niederschrift des Verfassers. Auf ihm basieren die Abschriften in den Codices 564, 610 und 1034 der St. Galler Stiftsbibliothek. Zudem überliefert der Codex 586, geschrieben um 1430/36 von Friedrich Kölner, neben weiteren Heiligenlegenden die älteste bekannte Verdeutschung der Vita II. Er enthält auch die älteste Darstellung von Wiborada, mit einem Buch und einer Hellebarde (die allerdings erst im 13. Jahrhundert entwickelt wurde). Vor 1451/60 entstand eine Übersetzung mit 53 Miniaturen, erhalten im Codex 602 der St. Galler Stiftsbibliothek.

Da Wiboradas Geburtsjahr und ihr Todesalter in keiner Quelle genannt werden, ist ihr Geburtsjahr nicht bekannt. Auch der Geburtsort ist unbekannt. Die vielfältigen Versuche, ihr Elternhaus zu lokalisieren, etwa in Konstanz oder in Altenklingen, wo die Herren von Klingen um 900 eine der frühsten Burgen mit einem Sakralgebäude bauten, können nicht belegt werden und bleiben deshalb Vermutungen.

Nach dem Bericht der Annales Sangallenses maiores und der Weltchronik von Hermann von Reichenau wurde Wiborada 916 bei der Kirche St. Mangen in St. Gallen inkludiert. Das Priesteramt der Kirche, deren Gründung am 13. Oktober 898 von Kaiser Arnulf von Kärnten bestätigt worden war, bekleidete zu dieser Zeit Wiboradas Bruder Hitto.

Das Datum des Martyriums, das Wiborada beim Ungarneinfall am 1. Mai 926 erlitten hatte, wurde von den Mönchen der Abtei St. Gallen in ihr Professbuch eingetragen. Sie schrieben: KALENDIS MAIIS WIBERAT reclusa a paganis interempta („An den Kalenden des Mais wurde die Rekluse Wiberat von Heiden getötet“). Auf diese Notiz folgten drei Einträge im Codex 915 der Stiftsbibliothek St. Gallen, von denen einer fälschlicherweise das Jahr 925 nennt. Die Annales Sangallenses maiores notieren den 2. Mai als Wiboradas Todestag, der ein Montag gewesen sein soll. Obwohl dieses Datum in vielen Quellen übernommen wurde, kann davon ausgegangen werden, dass Wiborada am 1. Mai 926 gestorben ist. Die wahrscheinlich falsche Datierung wird auf die Vita I zurückgeführt, deren Angabe, dass Wiborada von den Ungarn zunächst schwer verletzt liegen gelassen worden sei, so interpretiert worden sein könnte, dass Wiborada erst am darauffolgenden Tag, also am 2. Mai, verstarb.

Wiborada, die aus einer adligen alamannischen Thurgauer Familie stammte, wird als ein sehr frommes und tugendhaftes Kind beschrieben. Ihre Vorbilder sah sie laut den Vitae in Martha von Bethanien (als Vertreterin der Vita activa) und Maria von Bethanien (als Vertreterin der Vita contemplativa). In den Vitae wird eine kleinere Schwester von Wiborada erwähnt, die früh starb, da sie, anstatt mit ihren Altersgenossen zu spielen, Gott im Gebet um Erlösung vom Erdendasein bat. Auch in ihrer Jugend führte Wiborada ein äußerst gottgefälliges Leben. Täglich ging sie zur Kirche und forderte auch ihre Eltern unentwegt zum Kirchgang auf.

Nach dem Tod ihres Vaters pflegte sie ihre kranke Mutter. Durch ihren Bruder, Priester Hitto, eignete sich Wiborada geistliche Bildung an und erlernte 150 lateinische Psalmen. Mit ihm machte sie auch eine Wallfahrt nach Rom.

In der Vita II wird ihre Tugendhaftigkeit eingehender beschrieben, ihr zufolge fastete Wiborada häufig drei Tage hindurch und kasteite ihren Körper. An einem Festtag ritt Wiborada einmal mit ihrer Mutter und ihren Gefährten zu Pferd zur Kirche. Sie hatte ein plötzliches Berufungserlebnis, legte daraufhin ihren Schmuck ab und stieg vom Pferd. Von da wandte sie sich von jeglichem Überfluss ab.

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