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Wettlauf um Afrika

Kolonialisierung des afrikanischen Kontinents zwischen 1880 und 1914

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Als Wettlauf um Afrika wird die Kolonialisierung des afrikanischen Kontinentes in der Hochphase des Imperialismus von 1880 bis zum Ersten Weltkrieg bezeichnet.

Ab dem Jahr 1880 änderte sich der europäische Imperialismus. War bis dahin ein „informeller“ Imperialismus angewandt worden, geprägt durch militärische und wirtschaftliche Überlegenheit, kristallisierte sich um das Jahr 1880 immer mehr ein direkter Imperialismus heraus. Sein Merkmal war die direkte Einflussnahme europäischer Staaten in Angelegenheiten Afrikas. Alle Versuche, den imperialistischen Wettbewerb in geregelte Bahnen zu bringen (zum Beispiel durch die Kongokonferenz), scheiterten. Die Konflikte um die afrikanischen Kolonien waren Teil des weltpolitischen Machtstrebens vieler europäischer Staaten, das zum Ersten Weltkrieg führte (siehe Kriegsziele im Ersten Weltkrieg).

Die Erkundung und Kartografierung des inneren Afrikas durch europäische Forscher begann Anfang des 19. Jahrhunderts. Bereits im Jahr 1835 war die Erforschung Nordwestafrikas abgeschlossen. Zu den prominentesten europäischen Afrikaforschern zählen David Livingstone (1813–1873), der große Teile des inneren Afrikas erforschte, und Serpa Pinto (1846–1900), der das südliche Afrika und Zentralafrika durchquerte und kartographierte. In zahlreichen weiteren Expeditionen in den 1850ern und 1860ern entdeckten Richard Burton, John Speke und James Grant die großen Seen (Tanganjikasee, Viktoriasee, Albertsee, Eduardsee, Kiwusee, Malawisee) und die Nilquellen. Gegen Ende des Jahrhunderts hatten weitere europäische Forscher und Abenteurer, unter ihnen Henry Morton Stanley, das Ehepaar Florence und Samuel White Baker sowie Romolo Gessi, den Nil in seiner ganzen Länge, den Kongo, den Niger und den Sambesi erforscht und kartographiert. Zugleich setzte eine erhebliche Nachfrage nach Rohstoffen (z. B. Erzen) und nach Kolonialwaren (z. B. Elfenbein, Naturkautschuk, Tee, Kaffee) aus Afrika ein.

Zu dieser Zeit waren etwa zehn Prozent Afrikas unter europäischer Kontrolle. Die damals wichtigsten Kolonien waren Algerien, dessen Kolonisation Frankreich bereits seit den 1830er Jahren vorantrieb, die Kapkolonie, die zum Britischen Weltreich gehörte, und Angola, das von Portugal besetzt war.

Technische Fortschritte auf zahlreichen Gebieten erleichterten die Expansion in Afrika. Die Industrialisierung ermöglichte große Fortschritte in den Bereichen Transport und Kommunikation, besonders durch verbesserte Nautik, Telegrafie und die Eisenbahntechnik. Die Dampfschifffahrt erleichterte es, Flüsse flussaufwärts zu befahren. Auch medizinische Fortschritte waren wichtig, insbesondere bei der Bekämpfung von Malaria und anderen tropischen Krankheiten.

Gründe für den Wettlauf um Afrika

Eine der letzten Regionen der Welt, die noch nicht mit dem „informellen“ Imperialismus in Kontakt war, war Subsahara-Afrika. Daher war es für die europäischen Eliten attraktiv, dort neue Märkte zu erobern sowie in moralischem Überlegenheitsgefühl der einheimischen Bevölkerung vermeintliche Errungenschaften ihrer Zivilisation zu bringen. Da sich Europa von 1873 bis 1896 in einer langen Depression („Gründerkrise“) befand und die europäischen Märkte schrumpften, gleichzeitig deren Abschottung aber zunahm, bot sich in Subsahara-Afrika für Großbritannien, Deutschland, Frankreich und andere (europäische) Staaten eine gute Möglichkeit, Waren abzusetzen und die chronisch negativen Handelsbilanzen zu verbessern.

Besonders für Großbritannien, das als erstes Land in das postindustrielle Zeitalter vorstieß, waren ausländische Märkte von enormer Bedeutung. Durch Finanzexporte und deren Gewinne konnte man die höchst defizitäre Handelsbilanz entlasten. Weltweit wichtige Märkte für Großbritannien waren damals Afrika, Kolonien mit weißen Siedlern, der mittlere Osten, Südasien, Südostasien sowie Ozeanien.

Investitionen in Übersee waren oft profitabler als in der Heimat. Das lag an billigen Arbeitskräften, wenig Wettbewerb und sehr leicht verfügbaren Rohstoffen. Neben diesen Vorteilen bot Afrika auch Ressourcen, die die europäischen Staaten brauchten, in Europa aber nicht oder kaum existierten. Hier sind besonders Kupfer, Baumwolle, Kautschuk, Tee und Zinn zu nennen. Die europäischen Verbraucher hatten sich an die Kolonialprodukte gewöhnt. Beispielsweise war Kupfer für die Ende des 19. Jahrhunderts beginnende Elektrifizierung essentiell.

Allerdings investierten die Europäer relativ wenig Kapital in Afrika im Vergleich zu anderen Kontinenten. Südafrika war die einzige Kolonie mit einer nennenswerten Anzahl weißer Siedler. Die Firmen, die in Afrika investierten, waren relativ klein, ausgenommen Cecil Rhodes’ Bergbaugesellschaft De Beers, die in Rhodesien Diamanten schürfte. Lange Zeit war es für weiße Siedler, Soldaten, Händler oder Beamte noch gefährlich und unattraktiv, in Afrika zu leben, vor allem in den Tropen. Das änderte sich langsam durch Fortschritte in der Tropenmedizin, die Festigung der Fremdherrschaft sowie den Ausbau von Infrastrukturen.

Diese Beobachtungen hätten eigentlich die Argumente der Befürworter des Imperialismus wie den Alldeutschen Verband, Francesco Crispi oder Jules Ferry schwächen müssen. Sie nahmen an, dass die Märkte Afrikas die Probleme der Überproduktion und der niedrigen Preise, initialisiert durch die Depression, lösten.

Laut John A. Hobson, der immerhin Autoren wie Lenin, Trotzki und Hannah Arendt beeinflusste, haben gleichwohl die schrumpfenden europäischen Märkte den neuen Imperialismus verursacht. Spätere Historiker vermuten jedoch, dass dies nur Schein-Argumente waren. Tatsächlich habe die Kontrolle über das tropische Afrika in einer Zeit der imperialen Rivalität der Großmächte strategischen Zwecken gedient. Zum Beispiel brauchte eine Seemacht – Großbritannien war damals die mit Abstand führende Seemacht der Welt – einige afrikanische Küstenhäfen mit Infrastruktur als Stützpunkte für den Seeverkehr mit ihren Kolonien in Süd- und Südostasien. Britisch-Indien war Großbritanniens größte Kolonie. Durch die Eröffnung des Suezkanals im November 1869 verlor dieser Aspekt an Bedeutung.

Der Goldrausch in Witwatersrand, der zur Gründung von Johannesburg führte, war der Hauptgrund für den Zweiten Burenkrieg und stellte nach Hannah Arendt (1906–1975) ein neues Element des Imperialismus dar. Der Goldrausch hatte zur Folge, dass „überflüssiges Kapital und überflüssige Arbeitskräfte sich die Hand gaben und das Land (in dem Fall Großbritannien) verließen“.

Zwar wurde im tropischen Afrika insgesamt relativ wenig investiert, dafür war es aber strategisch umso wichtiger, den 1869 eröffneten Suezkanal zu schützen. Dieser war strategisch von enormer Bedeutung, um lukrative Märkte wie Indien, China oder die Ostküste Afrikas zu erreichen. Daher war die britische Regierung großem Druck, besonders von Seiten der Konservativen Partei, ausgesetzt, die Schlüsselwasserwege unter ihre Kontrolle zu bringen. Es gab Rivalitäten zwischen dem Britischen Weltreich, Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern.

Das gerade gegründete Deutsche Reich hatte vor der „neuen Periode“ im Imperialismus noch keine Kolonien zur Verfügung und nahm eifrig am Rennen um Afrika teil. Das Kaiserreich hatte jedoch einige Schwachstellen: Es war noch nicht in der Lage, Überseegebiete zu kontrollieren, da es keine Erfahrungen in moderner Nautik besaß, spät geeint wurde und noch immer sehr fragmentiert war. Dies änderte sich jedoch unter Bismarck. Nachdem er die Fundamente für die Isolierung Frankreichs durch sein Doppelbündnis mit Österreich-Ungarn, das später zum Dreibund mit Italien wurde, gelegt hatte, berief er in den Jahren 1884/1885 die Kongokonferenz ein, die Regeln für die effektive Kontrolle ausländischer Territorien festlegte.

Deutschlands Expansionsdrang führte schließlich zum Tirpitz-Plan, der vorsah, die zweitgrößte Flotte hinter Großbritannien aufzubauen („Risikoflotte“). Großbritannien reagierte gereizt darauf, da es unbedingt auf Kolonialwaren angewiesen war. Es konnte nicht einmal die auf der Insel benötigte Nahrung selbst produzieren. Daher startete im Jahr 1898 ein Wettrüsten der Kaiserlichen Marine und der Royal Navy. 1914 war die deutsche Marine schließlich die zweitgrößte der Welt, aber immer noch 40 Prozent kleiner als die britische. Laut Tirpitz wurde diese aggressive Flottenaufrüstung eher von der Nationalliberalen Partei als von den konservativen Parteien unterstützt. Das deutet darauf hin, dass der Imperialismus seinen größten Rückhalt im Bürgertum hatte.

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