Werner Gustav Schulz (* 22. Januar 1950 in Zwickau; † 9. November 2022 in Berlin) war ein deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen). Er war 1990 Mitglied der letzten und einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR, anschließend bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2009 bis 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments. Schulz galt als der einzige profilierte Bürgerrechtler aus der DDR, der sich in seiner Partei dauerhaft durchsetzen konnte.
Ausbildung und Beruf als Wissenschaftler
Werner Schulz wuchs in Zwickau als Sohn eines selbständigen Fuhrunternehmers und ehemaligen Berufsoffiziers aus einer sozialdemokratisch geprägten Familie auf. Er absolvierte dort von 1964 bis 1968 die Erweiterte Oberschule „Käthe Kollwitz“ und erlernte gleichzeitig im Rahmen des Abiturs mit Berufsausbildung den Beruf des Lokomotivschlossers. Zu den Jungen Pionieren zu gehen, verbot ihm sein Vater. Nach dem Abitur 1968 absolvierte Schulz ein Studium der Lebensmitteltechnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, das er 1972 als Diplomingenieur beendete. Ab 1974 war er als wissenschaftlicher Assistent an der Humboldt-Universität tätig.
Schulz wurde wesentlich durch den Prager Frühling politisiert. Eine prägende, Selbstvorwürfe hervorrufende Erfahrung war, dass er auf äußeren Druck gegen seine Überzeugung eine Erklärung unterschrieb, mit der die Unterzeichnenden den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes begrüßten.
Seit den 1970er Jahren war Schulz in der kirchlichen Friedens-, Ökologie- und Menschenrechtsbewegung aktiv. Von 1976 bis 1978 leistete er seinen Wehrersatzdienst als Bausoldat ab. 1976 engagierte er sich für den ausgebürgerten Wolf Biermann. Wegen seines öffentlichen Protests gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan wurde ihm 1980 kurz vor Abgabe seiner Dissertation seine Stelle an der Universität gekündigt. Seit 1982 gehörte er zu den Teilnehmern des Pankower Friedenskreises, des ersten unabhängigen Friedenskreises unter dem Dach der Kirche.
Einige Zeit nach seiner Entlassung von der Universität wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sekundärrohstoffwirtschaft (Recyclingtechnologie). Von 1988 bis 1990 war er Leiter des Bereiches Umwelthygiene in der Kreishygieneinspektion Berlin-Lichtenberg.
Im Mai 1989 kritisierte er offen die gefälschten Kommunalwahlen in der DDR.
Die politischen Umbrüche 1989/1990
Schulz engagierte sich ab Herbst 1989 im Neuen Forum. Zunächst nur als Kontaktperson des Neuen Forums von Berlin nach Sachsen entsandt, erlebte er am 9. Oktober 1989 die große Montagsdemonstration in Leipzig mit und verlegte sein politisches Engagement für die nächsten Jahre nach Sachsen. Er vertrat das Neue Forum sechsmal am Zentralen Runden Tisch der DDR.
Von März bis Oktober 1990 war er Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR und einer von drei Sprechern der Fraktion Bündnis 90/Grüne. Eigentlich war Martin Böttger gewählt worden, dieser verzichtete jedoch auf sein Mandat zugunsten von Werner Schulz. Ab dem 3. Oktober 1990 war er von der Volkskammer entsandtes Mitglied des Deutschen Bundestages und arbeitete im Finanzausschuss.
Die Ausgestaltung der Wiedervereinigung kritisierte Schulz. Er beteiligte sich am Runden Tisch an der Ausarbeitung eines Verfassungsentwurfes und hoffte auf eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten nach Artikel 146 des Grundgesetzes. Der Beitritt nach Artikel 23 zur Bundesrepublik mit der Folge, dass es keinen gemeinsamen Neuanfang gab, war eine Enttäuschung für ihn. Schulz sprach sich wegen der besonderen historischen Bedeutung des Datums für den 9. November statt des 3. Oktober als Nationalfeiertag aus.
Sprecher der Bundestagsgruppe Bündnis 90/Grüne (1990–1994)
1990 zog die Listenverbindung „Bündnis 90/Grüne – BürgerInnenbewegung“ mit 6,0 Prozent der Stimmen im ostdeutschen Wahlgebiet in den Bundestag ein. Da die westdeutschen Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten, erreichten die acht ostdeutschen bündnisgrünen Abgeordneten nicht die Fraktionsstärke, sondern bildeten die Bundestagsgruppe Bündnis 90/Grüne. Werner Schulz wurde ihr Sprecher und zugleich Parlamentarischer Geschäftsführer.
Am 21. September 1991 gründete er mit Mitgliedern von Demokratie Jetzt, Initiative Frieden und Menschenrechte sowie Teilen des Neuen Forums das Bündnis 90 als politische Partei. Schulz gehörte damit zu denjenigen Mitgliedern des Neuen Forums, die zum Bündnis wechselten. Von 1991 bis 1993 war Schulz einer von neun gleichberechtigten Sprechern der Partei „Bündnis 90“ und leitete die Verhandlungsdelegation zum Zusammenschluss mit der Partei „Die Grünen“. Am 14. Mai 1993 erfolgte dieser zur Partei „Bündnis 90/Die Grünen“. Die westdeutschen Grünen hatten bereits Ende 1990 mit der Grünen Partei in der DDR fusioniert. Die Voranstellung im heutigen Parteinamen hatte Schulz durchgesetzt.
Auf einem Sonderparteitag der vereinigten Partei zum Bosnienkrieg am 9. Oktober 1993 gehörte Schulz zu den wenigen Befürwortern einer Militärintervention. Diese Position wurde von nur 46 Delegierten unterstützt, setzte sich aber später anlässlich des Kosovokrieges in der Partei durch.
Schulz kritisierte mit der „parlamentarischen Gesäßgeographie“ den starren Links-rechts-Schematismus westdeutscher Prägung und plädierte dafür, dass sich die Bündnisgrünen in Sachsen eine schwarz-grüne Koalition nach der Landtagswahl 1994 bewusst offen halten sollten. Er wiederholte die Forderung nach einer Öffnung seiner Partei für Koalitionen mit der Union in den folgenden Jahren mehrmals. Zugleich sprach er sich stets deutlich gegen eine Regierungszusammenarbeit mit der SED-Nachfolgepartei PDS aus.
Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion (1994–1998)
Die Position des parlamentarischen Geschäftsführers der Bundestagsfraktion behielt er auch nach dem Wiedereinzug der Grünen in Fraktionsstärke in den Deutschen Bundestag von 1994 bis 1998. Den Fraktionsvorsitz übernahm dagegen Joschka Fischer.