Werner Wilhelm Jaeger (* 30. Juli 1888 in Lobberich; † 19. Oktober 1961 in Cambridge, Massachusetts) war ein deutscher Klassischer Philologe. Als einer der führenden Vertreter seines Fachs im 20. Jahrhundert hatte er traditionsreiche Lehrstühle in Basel, Kiel und Berlin inne. Viele seiner Werke wurden in fremde Sprachen übersetzt. Er gründete wissenschaftliche Zeitschriften und Vereinigungen, die teilweise heute noch bestehen.
Jaeger war der Hauptvertreter des Dritten Humanismus und emigrierte aufgrund seiner distanzierten Haltung zum Nationalsozialismus in die USA. Dort wurde er der erste Leiter des Institute for Classical Studies an der Harvard University. Für seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt er zahlreiche Ehrungen. In seinem Hauptwerk Paideia (Paideia) idealisierte er den griechischen Bildungsgedanken als Fundament der abendländischen Kultur.
Werner Jaeger war das einzige Kind Karl August Jaegers und seiner Frau Helene Birschel. Das Elternhaus war protestantisch geprägt. Sein Vater hatte vom Großvater August Jaeger eine kleine Druckerei übernommen, in der Visitenkarten, Briefbögen und dergleichen angefertigt wurden. Nach vier Jahren Volksschule besuchte Werner Jaeger die Katholische höhere Knabenschule in Lobberich. 1902 wechselte er an das Kempener Gymnasium Thomaeum. Ein Gesprächspartner, der für Jaegers Entwicklung bedeutend wurde, war in diesen Jugendjahren Louis Birschel, der belesene Großvater mütterlicherseits. Im Alter von sechzehn Jahren las Jaeger bereits Wilamowitz’ Griechisches Lesebuch sowie dessen Ausgabe von Euripides’ Herakles mit Einleitung und Kommentar. Rückblickend charakterisierte er seine Schulzeit:
1907, im Todesjahr Louis Birschels, bestand er das Abitur mit einem glänzenden Zeugnis. Noch im selben Jahr nahm er das Studium der Philosophie und Altphilologie in Marburg auf, wechselte aber bereits nach einem Semester nach Berlin. 1909 starb sein Vater. 1911 wurde er in Berlin unter der Anleitung von Hermann Diels mit einer Arbeit über Aristoteles promoviert. Nach mehr als 40 Jahren wurde in seiner Fakultät dafür erstmals das Prädikat summa cum laude vergeben. Jaeger stellte die Auffassung, dass die Metaphysik des Aristoteles eine einheitliche Abhandlung sei, in Frage. Sie sei vielmehr eine Sammlung von Vorträgen, die Aristoteles zu unterschiedlichen Zeiten gehalten habe und in denen sich die Entwicklung seines Denkens zeige. Jaeger hat damit die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Brüche und Widersprüche in der Philosophie des Aristoteles ihr immanent sind und hermeneutisch nicht überwunden werden können.
Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff wurde zu Jaegers Mentor. Er nahm regelmäßig an den ungezwungenen Abenden bei Wilamowitz teil, zu denen dieser begabte Studenten einlud. Zwischen ihnen entstand eine echte Freundschaft, von der auch der erhaltene Briefwechsel zwischen 1911 und 1928 zeugt. 1913 habilitierte sich Jaeger in Berlin mit einer Schrift über Nemesius von Emesa, nachdem er zuvor in Italien Handschriften studiert hatte. Während des folgenden Weltkriegs wurde Jaeger aus gesundheitlichen Gründen nicht einberufen und konnte sich, anders als viele Gleichaltrige, seiner gewohnten Tätigkeit widmen.
Am 28. März 1914 heiratete Jaeger Theodora Dammholz, die aus einer reichen Familie stammte. Der 26-Jährige wurde 1914 nach Basel auf den Lehrstuhl berufen, den einst Friedrich Nietzsche innehatte. Schon im folgenden Jahr wurde Werner Jaeger als ordentlicher Professor zum Nachfolger Siegfried Sudhaus nach Kiel berufen. 1921 wurde er Nachfolger seines Mentors Wilamowitz-Moellendorff an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin, wo er 16 Jahre lang lehrte. Er hatte nun den renommiertesten altphilologischen Lehrstuhl der Welt inne. Dort gehörte Wolfgang Schadewaldt zu seinen Schülern, der die charismatische Wirkung Jaegers beschrieb:
Ab Oktober 1924 war Jaeger als Fachgutachter für die Gräzistik Mitglied der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der Vorgängerin der heutigen Deutschen Forschungsgemeinschaft. Ebenfalls 1924 wurde Jaeger in die Preußische Akademie der Wissenschaften gewählt. Während dieser Jahre entstanden zahlreiche Textausgaben, Abhandlungen und Monographien wie zum Beispiel Aristoteles. Grundlegung einer Geschichte seiner Entwicklung (1923, in die englische, spanische und französische Sprache übersetzt). Dieses Werk beherrschte die Deutung wie die historische Kritik des Aristoteles mehr als ein halbes Jahrhundert. Es folgten Platons Stellung im Aufbau der griechischen Bildung (1928) und sein Hauptwerk Paideia. Die Formung des griechischen Menschen (1934–1947, in die englische, spanische und italienische Sprache übersetzt). Die dreibändige Paideia zeichnet ein idealisierendes Bild der griechischen Geisteswelt von Homer über Platon bis Demosthenes. Werner Jaeger sah das Bemühen um die Antike stets in seinem Wert für die Meisterung der Gegenwart. Sein wissenschaftliches Lebenswerk zeichnet sich dadurch aus, dass der Gedanke nie losgelöst vom Handeln betrachtet wird, sondern immer auch in die Praxis hineinwirken soll. Er hatte außerdem einen starken Sinn für die durch alle geschichtlichen Veränderungen durchgehenden geistigen Kontinuitäten.
Einsatz für humanistische Bildung
Werner Jaeger hatte die Novemberrevolution 1918/19 in Kiel als Augenzeuge miterlebt. In der Krisenstimmung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sah er eine gewaltsame Erschütterung der Tradition. Er wandte sich gegen eine „rationalistische Entleerung und Abplattung des Lebens“, „Überhandnahme des Materialismus“, „Entfremdung von der Kultur“ und „Vernichtung der geistigen Individualität“. Zudem sah er durch Reformbestrebungen das humanistische Gymnasium mit seiner altsprachlichen Tradition bedroht und setzte sich für dessen Bewahrung ein. Jaeger gründete 1924 die Gesellschaft für antike Kultur und 1925 die Zeitschrift Die Antike (1924–1944), mit der die wissenschaftliche Erkenntnis der antiken Kultur für das Geistesleben der Gegenwart fruchtbar gemacht werden sollte. Er gab in direkter Nachfolge seines Vorgängers Wilamowitz die Reihe Neue Philologische Untersuchungen heraus (1926–1937). Gemeinsam mit Emil Kroymann gründete er 1925 in Berlin den Deutschen Altphilologenverband. Ebenfalls 1925 gründete er mit dem Gnomon eine Rezensionszeitschrift für die gesamte klassische Altertumswissenschaft, deren Schriftleitung sein Schüler Richard Harder übernahm. Jaeger und seine Mitstreiter hielten zahlreiche Vorträge in Universitäten und bei Versammlungen zur Unterstützung des humanistischen Gymnasiums. Mit seiner Familie lebte Jaeger zu dieser Zeit in dem Berliner Vorort Steglitz in der Kaiser-Wilhelm-Straße 11. Das großbürgerliche Haus, von Wilamowitz ironisch als Schloss bezeichnet, hatte hohe Räume und Mansardenzimmer im Obergeschoss. Es war von einem Garten mit Rosen und Bäumen umsäumt. Wie sein Mentor lud Jaeger Kollegen und Studenten nach Hause ein. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau heiratete Jaeger am 29. Dezember 1931 Ruth Heinitz. Sie war Studentin und gebar bald darauf eine Tochter. Wilamowitz hatte die Scheidung noch auf dem Totenbett missbilligt. Ruths Vater Dr. Georg Heinitz war jüdischen Glaubens und als Gründungsdirektor langjähriger Heimleiter der Mosseschen Erziehungsanstalt für Knaben und Mädchen in Wilmersdorf, ihr Bruder war Ernst Heinitz.
Nationalsozialismus und Emigration
In der Zeit des Nationalsozialismus stand Jaeger diesem distanziert gegenüber, insgesamt war er eher unpolitisch eingestellt. Seine bildungspolitischen Ansichten trug er im Juli 1933 dem preußischen Kultusminister Bernhard Rust vor. Der Versuch, mit neuen Leitsätzen für den Altphilologen-Verband Einfluss auf die nationalsozialistische Bildungspolitik zu gewinnen, scheiterte. Es folgte eine heftige Kontroverse mit dem nationalsozialistischen Pädagogen Ernst Krieck. Jaeger galt den Nationalsozialisten als Vertreter eines intellektualistischen Modells, das ihnen zu gedanklich und zu wenig vital erschien und mit dem unterordnungswilligen und militarisierten Männlichkeitstypus nicht in Einklang zu bringen war. Jaeger wollte eine gefährdete zivilisatorische Tradition erhalten. Es zeichnete sich ab, dass der Dritte Humanismus in der Diktatur keine Zukunft hatte. 1934 las Jaeger als „Sather Professor“ an der Universität Kalifornien zu Berkeley. 1936 wurde er auf eigenen Wunsch aus dem preußischen Landesdienst entlassen. Das offizielle Dankesschreiben vom 12. November 1936 ist von Hitler und Göring unterzeichnet. Im selben Jahr wanderte er in die USA aus. Auch die jüdische Herkunft seiner zweiten Frau Ruth machte die Emigration der Eheleute Jaeger und seiner vier Kinder Otto, Heidi, Erhard und Therese nötig.