Warren William Zevon (* 24. Januar 1947 in Chicago, Illinois; † 7. September 2003 in Los Angeles, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Rock-’n’-Roll-Musiker und Songwriter. Gekennzeichnet hat ihn vor allem seine ironische, fast zynische Lebensauffassung, die sich in seinen oft schwarzhumorigen Songs widerspiegelt – Zevon griff oft politische oder historische Themen auf.
Er war nicht nur Freund diverser Autoren wie Hunter S. Thompson, Carl Hiaasen, Ross Macdonald, Thomas McGuane oder Paul Muldoon, er war auch ein ausgezeichneter Kenner von Musik, Kunst, Film und Literatur. Dieses kulturelle Wissen fand sich oft nach Art der Postmoderne in Anspielungen und Zitaten in seiner Musik wieder. Zudem arbeitete Zevon gerne mit befreundeten Autoren zusammen und schrieb mit ihnen Songs. Alle obengenannten Autoren haben in Kooperation mit Zevon mindestens ein Lied geschrieben.
Zevon blieb einem größeren Publikum als One-Hit-Wonder mit dem Song Werewolves of London in Erinnerung, war aber unter Kollegen einer der meistgeschätzten Songwriter. Auf ihn trifft der Begriff Kultstar zu – er verkaufte, abgesehen von Werewolves of London und dem dazugehörigen Album Excitable Boy, nie große Mengen von Tonträgern, hatte und hat aber eine treue Fangemeinde.
Jugend und erste musikalische Erfahrungen
Zevons Kindheit war geprägt von schwierigen, ungewöhnlichen Familienverhältnissen. Die Familie väterlicherseits ist russisch-jüdischer Herkunft. Sein Vater, William Zevon – als William Rubin Zivotovsky 1903 in Kiew in der heutigen Ukraine geboren – kam 1907 nach Amerika. Nach der Ankunft passten er und sein Bruder den Familiennamen amerikanischen Verhältnissen an – aus Zivotovsky wurde Zevon. William Zevons von Armut geprägte Kindheit in Brooklyn, New York mündete schon in jungen Jahren in eine Karriere als professioneller Spieler und Kleinkrimineller. Sein Spitzname Stumpy resultierte aus seiner geringen Körpergröße. William Zevons kriminelle Aktivitäten und die daraus resultierende Ablehnung der Familie von Warrens Mutter bescherten dem jungen Warren eine schwierige Kindheit. Er verarbeitete diesen Teil der Familiengeschichte in dem Lied Mama Couldn’t Be Persuaded (von dem 1976 entstandenen Album Warren Zevon).
Andererseits wurde Zevons musikalisches Talent als Pianist schon früh gefördert. Mit 14 Jahren traf er Igor Stravinsky. Unter Stravinskys Schüler und Assistenten Robert Craft vertiefte er sein Studium klassischer Musik. In seinem letzten Jahr an der Fairfax High School in Los Angeles lernte er Violet Santiago kennen. Zusammen gründeten sie das Duo Lyme & Cybelle. Warren (alias Lyme, benannt nach einem Rasierwasser) schrieb zu diesem Zeitpunkt Folksongs, die er in einer sehr viel höheren Stimmlage sang als zu erfolgreicheren späteren Zeiten. Unter dem Produzenten Bones Howe nahmen Zevon und Santiago als Lyme & Cybelle für die kleine Plattenfirma White Whale zwei Singles auf, denen jedoch kein großer nationaler Erfolg bestimmt war.
Follow Me wurde immerhin in Kalifornien ein kleinerer Hit. Nachdem jedoch die Nachfolgesingle – ein Cover des Bob Dylan-Songs If You Gotta Go, Go Now – ebenfalls kein Erfolg wurde, trennten sich Zevons und Santiagos musikalische Wege. Santiago nahm noch eine weitere Single unter dem Namen Lyme & Cybelle auf, allerdings mit einem anderen Lyme. Zevon blieb bei White Whale und versuchte sich als angestellter Liedautor für andere Künstler. Seine Folkballade Like The Seasons (bereits zu Lyme-&-Cybelle-Zeiten geschrieben) wurde von The Turtles als B-Seite eingespielt, sie nahmen außerdem sein Lied Outside Chance auf. Trotzdem gelang Warren nicht der künstlerische Durchbruch. Einige Demoversionen der Songs aus dieser Zeit sowie seine Aufnahmen als Lyme & Cybelle wurden 2003 als The First Sessions veröffentlicht.
Sein Debütalbum nahm Zevon 1969 wiederum für eine sehr kleine, unabhängige Plattenfirma auf, Imperial. Unter dem Produzenten Kim Fowley entstand Wanted Dead Or Alive, das unter dem Namen Zevon veröffentlicht wurde. Dem Album war kein kommerzieller Erfolg beschieden, und auch künstlerisch war Zevon noch auf der Suche nach einem passenden persönlichen Stil.
Von ihm selbst beschrieben als ein Versuch, sein Idol, den Blues-Musiker John Hammond Jr. zu imitieren, schwankt Wanted Dead Or Alive zwischen ziellos wirkenden Bluesversuchen, der Ballade Tule’s Blues (geschrieben für seine damalige Ehefrau Tule Livingston) und dem ersten Lied, der Mordballade A Bullet for Ramona. Das hier ebenfalls enthaltene Lied She Quit Me wurde – in weiblicher Interpretation als He Quit Me – in dem Film Midnight Cowboy verwendet, der im darauffolgenden Jahr mit dem Academy Award als bester Film des Jahres (Oscar) ausgezeichnet wurde.
Nachdem Zevon sich einige Zeit als Studiomusiker sowie als Komponist von Werbe-Jingles verdingt hatte, bekam er durch den gemeinsamen Freund David Marks (ein Gründungsmitglied der Beach Boys, der jedoch nur ein paar Monate in der Band verblieb) Kontakt zu den Everly Brothers und bekam von ihnen eine Stelle als Pianist und musikalischer Leiter der Liveshows. In dieser Funktion lernte er auch Waddy Wachtel kennen, einen der besten Gitarristen der Musikszene in Los Angeles, dessen Gitarrenspiel Warrens Alben bis ins Jahr 1990 und dem Album Mr. Bad Example begleitete.
Obwohl er sich in dieser Zeit mit vielen Mitgliedern der dortigen musikalischen Szene anfreundete, darunter Jackson Browne und Lindsey Buckingham (später bei Fleetwood Mac), schien seine Karriere nicht voranzukommen. Frustriert zog Zevon 1974 für ein paar Monate nach Sitges, Spanien an die Costa del Garraf, wo er sich als Barpianist in einem irischen Pub (The Dubliner) verdingte. Dessen Besitzer war ein Ex-Söldner namens David Lindell. Seine Erzählungen mündeten in den gemeinsam geschriebenen Song Roland the Headless Thompson Gunner.
Es war schließlich Jackson Browne, der Zevon davon überzeugte, nach L.A. zurückzukommen. Browne hatte bei dem Chef seiner Plattenfirma Asylum Records, David Geffen, vorgesprochen und seinem Freund Zevon einen Plattenvertrag mit Asylum verschafft. Zurück in L.A. nahm Zevon mit Browne als Produzent und der renommierten Session-Band The Section jenes schlicht Warren Zevon betitelte Album auf, das allgemein als sein künstlerischer Durchbruch gilt. Zevon hatte die lange Zeit zwischen seinem Debütalbum und dem Nachfolger genutzt, um eine Reihe beeindruckender Lieder zu schreiben. Warren Zevon beinhaltet so klassische Songs wie Carmelita (später von unter anderem Dwight Yoakam und den Counting Crows gecovert), The French Inhaler und Desperados Under the Eaves. Dutzende bekannte Musiker wie Phil Everly, Lindsey Buckingham & Stevie Nicks (von Fleetwood Mac), Carl Wilson (von den Beach Boys), David Lindley, Glenn Frey & Don Henley (von den Eagles) und Browne selbst sangen und spielten auf diesem Album.
Trotzdem blieb auch nach Veröffentlichung des von Kritikern hochgelobten Warren Zevon zunächst der Erfolg aus. Es war Linda Ronstadt, die Zevon erstmals Zuspruch und Einkommen brachte, indem sie mehrere seiner Songs wie Hasten Down the Wind, Mohammed’s Radio und Poor Poor Pitiful Me aufnahm und bekannt machte.
1978 veröffentlichte Zevon dann sein Album Excitable Boy, mit dem er endgültig den Durchbruch schaffte. Diese Platte enthält auch seinen einzigen weltweiten Hit, Werewolves of London (eine Hommage an den Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson, mit dem Warren sich anfreundete), der vielerorts in die Hitparaden kam und sich seitdem in den Vereinigten Staaten vor allem zur Halloweenzeit enormer Beliebtheit erfreut. Der Titelsong der Platte und Lawyers, Guns and Money wurden oft im Radio gespielt und letzteres Lied ist auch heute noch auf vielen Sendern in den Vereinigten Staaten zu hören, die AOR-Musik spielen. Von der historischen Ballade Veracruz über den mit Jackson Browne geschriebenen und gesungenen Popsong Tenderness on the Block bis hin zum Discobeat von Night Time in the Switching Yard zeigt dieses Album Zevons musikalische Bandbreite.
Fast während der gesamten Dekade hatte Zevon mit einem Alkoholproblem zu kämpfen. Sowohl im Studio als auch bei Livekonzerten sang er oft in alkoholisiertem Zustand. 1979 unternahm er eine Entziehungskur. Sein Kampf mit Alkoholismus wurde von ihm offen thematisiert, etwa in einem Interview für das Musikmagazin Rolling Stone im Jahr 1981 oder in dem späteren Song Detox Mansion, nachdem Zevon Mitte der 1980er rückfällig geworden war.