Wanli (chinesisch 萬曆, Pinyin Wànlì – „Zehntausend Jahre“; Geburtsname: Zhū Yìjūn 朱翊鈞, Tempelname: Shénzōng 神宗 (Göttlicher Ahne), * 4. September 1563 in Peking; † 18. August 1620 ebenda) war seit dem 19. Juli 1572 der dreizehnte und mit einer Regierungszeit von 48 Jahren der am längsten amtierende Kaiser der chinesischen Ming-Dynastie. Unter Wanli erreichte der Ausbau der Chinesischen Mauer seinen Gipfel, außenpolitisch griff China 1592 in den Imjin-Krieg gegen Japan ein. Seine Herrschaft war gekennzeichnet von einem wirtschaftlichen Aufschwung, der Stabilisierung des Reiches und einer kulturellen Blüte. Zum Ende seiner Amtszeit mehrten sich jedoch Anzeichen für staatliche und wirtschaftliche Defizite, die schließlich in die Staatskrise des 17. Jahrhunderts führen sollten. Die Wanli-Ära markiert damit einen späten Höhepunkt der Ming-Dynastie, aber zugleich auch deren beginnenden Untergang.
Wanli wurde am 4. September 1563 als einziger Sohn des späteren Kaisers Longqing und seiner Nebenfrau Xiaoding († 1614) geboren. Als sein Großvater Kaiser Jiajing 1567 starb, übernahm Wanlis Vater ein Reich mit außen- und innenpolitischen Problemen. Die konnte er aber mit Hilfe fähiger Beamter, allen voran der Großsekretär Zhang Juzheng, meistern. Wichtige Maßnahmen waren die Einschränkung der Hofausgaben, die Beschneidung der Rechte von Großgrundbesitzern, der Ausbeutungsschutz der Bauern, der Ausbau der Großen Mauer gegen die Mongolen, Friedensverträge mit Altan Khan, die Gesamtregulierung des Flusssystems in China, der Neuaufbau der Seeflotte zum Schutz der Küsten vor den Wokou und die Wiederherstellung des Seehandels mit Europa und Asien. All diese Maßnahmen führten schließlich zu einem, wenn auch kurzen, Wiedererstarken im 3. Jahrhundert der Ming-Dynastie (1550 bis 1644) und es war Longqings Wille, dass sein Sohn als Nachfolger die Reformpolitik des Großsekretärs Zhang weiter unterstützte.
Erste Phase der Wanli-Ära (1572 bis 1582)
Nach dem plötzlichen Tod des 35-jährigen Kaisers Longqing erbte Prinz Zhu Yijun den Drachenthron mit gerade einmal acht Jahren und nahm den Äranamen Wanli an. Auf Drängen der Kaiserinwitwe Xiaoding stand er unter dem Einfluss von Zhang Juzheng, der zum Erzieher des jungen Kaisers ernannt wurde. Da Zhang Juzheng praktisch die Regentschaft über China ausübte, war die erste Phase der Wanli-Ära eine der fruchtbarsten in der Geschichte der Ming-Dynastie. Der Entwicklungsprozess fand seine Ausprägung im sozialen Wandel: ein Proletariat und ein städtisches Kleinbürgertum entstanden, die bäuerliche Welt wurde vom städtischen Einfluss durchdrungen und sogar eine Klasse von Kaufleuten und Geschäftsmännern entstand. Die Bankiers und Geldwechsler aus Shanxi mit ihren Zweigstellen in Peking, die reichen Kaufleute vom Dongting-See in Hunan, die Schiffseigner von Quanzhou und Zhangzhou in Süd-Fujian, die sich durch den Seehandel bereichert hatten und die Großkaufleute von Xin’an bildeten eine neue gesellschaftliche Klasse wohlhabender Städter. Die reichsten Kaufleute fungierten als Lieferanten für das Heer. Gehandelt wurde mit Massenkonsumartikeln: Reis, Salz, Getreide und Stoffen. Diese Entwicklung zeigte ihre Wirkung auch im Aufleben der Literatur und des philosophischen Denkens.
Auch wurden Fortschritte in der Technik gemacht. Seidenwebstühle mit drei bis vier Haspeln wurden eingeführt und die Verwendung von Baumwollwebstühlen perfektioniert. Verfahren zum Druck von drei- bis vierfarbigen Holzschnitten wurden zu Wanlis Zeit verbessert, so dass von nun an auch fünffarbige Holzschnitte erstellt werden konnten. Damit erreichte der Blockdruck einen Höhepunkt. Ebenfalls hatte sich die Buchdruckkunst weiterentwickelt, was eine vermehrte Publikation zur Folge hatte. Seit 1517 waren die Druckereien Nord-Fujians, die eine Anzahl von mehrbändigen Enzyklopädien herausgaben, eines der Hauptzentren des Buchdrucks. In Songjiang wurden sogar Erfindungen wie eine Kupfer- und Bleilegierung für das Gießen beweglicher Lettern und ein Verfahren zur Herstellung von weißem Zucker und von Zuckerguss gemacht.
Die technischen Fortschritte betrafen aber auch die Landwirtschaft, wodurch diese diversifiziert wurde. Es wurden neue Maschinen für die Bodenbearbeitung, neue Verfahren für die Bewässerung, die Aussaat und die Verarbeitung der landwirtschaftlichen Produkte beschrieben. Die Methoden der Bodenmelioration und die Einführung neuer Kulturen hatten dadurch bis zum Ende der Ming-Zeit zu einem verbesserten Arbeitsumfeld für die Landbevölkerung geführt.
1581 begann Zhang Juzheng das Große Projekt zur Reform der Staatsfinanzen, das sich ebenfalls positiv auf die Staatseinnahmen des Reiches auswirkte. Auch die seit dem 15. Jahrhundert in Umlauf befindliche Silbermenge hatte sich bis dahin infolge des Schwarzhandels mit Japan, dem Hauptexporteur dieses Metalls, und durch die Entwicklung der einheimischen Produktion stark erhöht. Dieses wirtschaftliche Wachstum verstärkte sich am Ende des 16. Jahrhunderts und nach der Ansiedlung der Spanier auf den Philippinen 1564 wurden enorme Mengen amerikanischen Silbers in die Küstenprovinzen eingeführt. Von diesem Zeitpunkt an wurden die meisten Steuern in Silber bezahlt. Die Bevölkerung wuchs in Folge dieser Wohlstandsphase bis zum Jahr 1600 auf 150 Millionen Einwohner an.
Zweite Phase der Wanli-Ära (1582 bis 1620)
Vernachlässigung der Reformpolitik
1582 starb Zhang Juzheng unerwartet, kurz darauf begannen Hofbeamte Zhang wegen angeblicher Verfehlungen beim Kaiser zu verleumden. Weil er seit längerer Zeit mit General Qi Jiguang befreundet war (der die Große Ming-Mauer zum Schutz vor den Mongolen unter Altan Khan ausbauen ließ) wurde ihm nach seinem Tod vorgeworfen, sich mit Qi Jiguang gegen Wanli verschworen, sich an den Staatseinnahmen bereichert und selber nach der Kaiserkrone gestrebt zu haben. Die Kosten für den Mauerbau betrugen bereits über 200 Tonnen Silber, was den damaligen Staatseinnahmen von einem Jahrzehnt entsprach. Der Mauerausbau wurde nun endgültig eingestellt und General Qi legte auf kaiserlichen Befehl sein Amt als Oberbefehlshaber der nördlichen Grenztruppen nieder, wonach er sich in seinen Heimatort in der Provinz Guangdong zurückzog und 1588 starb. Schließlich schenkte der erst zwanzigjährige Wanli den Anschuldigungen Glauben und enthob 1583 Zhang Juzheng posthum aller Ämter und Titel und ließ sogar dessen gesamte Familie bestrafen.
Von da an begann der Kaiser immer weniger Interesse für die alltäglichen Staatsangelegenheiten zu zeigen, woraufhin die Eunuchen bis 1620 zunehmend die Kontrolle über das Reich gewannen, deren Streben besonders der persönlichen Bereicherung galt. Den größten Einfluss auf Bürokratie und Kaiser gewann der Eunuch Wang An. Seine Macht sollte auch den Aufstieg des später gefürchteten Obereunuchen Wei Zhongxian fördern.
Wanli wurde zwar nach 1582 immer eigensinniger, zeigte sich aber bezüglich der Staatspflichten noch immer als pflichtbewusst. Von 1585 bis 1586 ordnete er Bewässerungsarbeiten in der Region von Peking an. Die Leitung überließ der Kaiser dem bewährten Verwaltungsbeamten Pan Jixun, der für die Reorganisation des chinesischen Flusssystems verantwortlich war. Dennoch kam es 1587 zu einem Dammbruch des Gelben Flusses in Kaifeng. Als Pan Jixuan 1595 starb, fand Wanli keinen ebenbürtigen Ersatzmann und das Flusssystem wurde allmählich vernachlässigt. Die Folge waren um 1604 schwere Überschwemmungen in Hebei, dann in der Region von Peking und in der Provinz Zhejiang und um 1607 und 1609 in Fujian, bei dem fast 100.000 Menschen ums Leben kamen. Im gleichen Jahr ereignete sich das Erdbeben von Gansu, wobei fast 400 Kilometer der Großen Mauer zerstört, die Schäden aber nicht behoben wurden.
Ab 1582 kam es immer häufiger zu Unruhen, anfänglich in Hangzhou. Die Große Epidemie von 1585 bis 1589 hatte einen Bevölkerungsrückgang in der Nordchinesischen Tiefebene und in Jiangnan zur Folge. 1589 folgte eine Rebellion in der Region des Taihu-Sees. Als dann noch Eunuchen zu Steuerkommissären ernannt wurden und sich an den Staatseinnahmen bereicherten, folgten zahlreiche Handwerker- und Kaufmannsaufstände in den Städten. Um 1600 brachen in Guizhou Volksaufstände aus, die nur mit viel Mühe niedergeschlagen werden konnten. Die allgemeine Wirtschaftslage verschlechterte sich nach 1600. Wanli widmete sich nun immer seltener den Staatsgeschäften, wohl aus tiefer Frustration über die Beamtenschicht und gekränkt von deren Bevormundung. Weder empfing er fortan Staatsgäste, noch ließ er seine Minister vor noch nahm er irgendwelche Berichte zur Kenntnis. Von 1589 bis 1615 verweigerte er sogar konsequent die Teilnahme an den kaiserlichen Audienzen und so mussten die Hofbeamten über Jahre hinweg einem leeren Thron ihren Respekt zollen. 1601 folgten städtische Unruhen in Wuchang und Suzhou und 1611 Handwerkeraufstände in den Seidenwebereien von Suzhou. Letztlich kam es auch zu einer schweren Hungersnot in Shandong, worauf erneut Aufstände ausbrachen.