Walter Frevert (* 13. Oktober 1897 in Hamm; † 30. Juli 1962 im Forstamt Kaltenbronn, Gernsbach) war ein deutscher Forstmann, Jäger, Jagdschriftsteller und Kriegsverbrecher, der aufgrund seiner verschiedenen publizistischen Tätigkeiten seit den 1930er Jahren großen Einfluss auf das deutsche Jagdwesen ausübte. Er verwaltete als Oberforstmeister von 1936 bis 1945 das Staatsjagd- und Naturschutzgebiet Rominter Heide (Ostpreußen) und war während des Zweiten Weltkriegs in Kriegsverbrechen im Umfeld des Urwalds von Białowieża verstrickt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er für das Staats- und Repräsentationsjagdgebiet Kaltenbronn im nördlichen Schwarzwald zuständig, wo er die bereits in Rominten gepflegte Jagddiplomatie nunmehr im Interesse des neu gegründeten Landes Baden-Württemberg fortführte.
Frevert ist Herausgeber und Autor von als Standardwerken geltenden Büchern zur deutschen Jagd, wie dem zuerst 1936 im Auftrag von Hermann Göring und des Reichsbundes deutsche Jägerschaft erschienenen Jagdlichen Brauchtum. Diese Bücher sind bis heute Bestseller und gelten als Klassiker der deutschen Jagdliteratur, die Generationen von Jägern geprägt haben. Trotz ihrer Genese im ideologischen Kontext des Nationalsozialismus, beziehungsweise trotz revisionistischer Romantisierung des vormaligen deutschen Ostens (insbesondere in Rominten, 11. Auflage 2008) werden sie ohne historisierende Kommentierung bis in die Gegenwart neu aufgelegt.
Walter Frevert war der Sohn des Zahnarztes und Gutsbesitzers Gustav Frevert und dessen Frau Bertha, geborene Overhoff. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in seiner Geburtsstadt Hamm sowie von 1906 bis 1915 auf Gut „Haus Gierken“ bei Schlangen. Nicht zuletzt über seinen Onkel, Forstmeister Wilhelm Frevert, kam er schon früh mit dem Waidwerk und dem Forstberuf in Verbindung, was ihn zu dem Wunsch führte, selbst den Forstberuf zu ergreifen. Er besuchte das humanistische Gymnasium in Paderborn und das Gymnasium in Lemgo.
Im Ersten Weltkrieg und forstliche Ausbildung
Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs rückte er am 21. Juni 1915 als Feldartillerist in der Ersatzabteilung beim 1. Kurhessischen Feldartillerie-Regiment Nr. 11 in Kassel freiwillig ein. Bei dieser Einheit blieb er den gesamten Krieg über, wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und kämpfte unter anderem vor Verdun und Cambrai.
Unmittelbar nach Kriegsende nahm er dann im Wintersemester 1918/19 ein Studium der Forstwissenschaften an der Forstakademie Eberswalde auf. Weitere Stationen seiner Studienjahre waren Hann. Münden, München und Halle. Im Frühjahr 1922 folgte das Referendariat, das er in mehreren preußischen Forstämtern absolvierte. Anfang 1924 legte er die Große Forstliche Staatsprüfung ab. Anschließend fand er als Forstassessor von 1924 bis 1928 im Forstamt Wolfgang bei Hanau Verwendung.
Zum 1. April 1928 wurde Walter Frevert dann zum Forstmeister befördert und zum Leiter des Forstamtes Battenberg bestellt, wo er bis Ende November 1936 wirkte. Freverts Interesse an der Bewirtschaftung des Rotwildes und am jagdlichen Brauchtum sowie seine Erfolge in der Führung des Hannoverschen Schweißhundes machten ihn früh in der deutschen Jägerschaft bekannt.
Frevert war seit 1928 Mitglied des Deutschen Reichskriegerbundes Kyffhäuser. Er trat zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.273.868) und gehörte ab Sommer 1933 auch der SA-Reserve an. In beiden NS-Organisationen trat er allerdings nicht politisch oder sonst wie aktiv hervor.
Zum 1. Dezember 1936 veranlasste Ulrich Scherping, Leiter des Jagdamtes in Berlin, Freverts Versetzung in die Rominter Heide, wo er zunächst das Forstamt Nassawen leitete und ab 1. April 1938 zusätzlich Forstinspektionsbeamter für alle vier Forstämter der Rominter Heide wurde. Er war Nachfolger von Ferdinand Wallmann, der nach 29 Jahren an das Regierungsforstamt Hannover versetzt worden war. Mit Wirkung zum 16. Dezember 1938 wurde Frevert zum Oberforstmeister befördert. Mit seiner Berufung ins Forstamt Nassawen trat er 1936 auf eigenen Antrag sowohl aus dem Deutschen Reichskriegerbund Kyffhäuser als auch aus der SA aus. Als Walter Frevert eine Affäre mit Heinke Barckhausen, der 24-jährigen Witwe seines Kollegen Forstmeister Paul Barckhausen, angefangen hatte, erschoss sich seine Frau Gertrud, geborene Habich, am 14. Oktober mit der Flinte ihres Mannes. Frevert heiratete dann später Heinke Barckhausen, die ihn um 35 Jahre überleben sollte.
Neben Forstwirtschaft und Wildhege gehörte zu Freverts Hauptaufgaben in Rominten die Betreuung der Jagdgäste von Reichsjägermeister Hermann Göring und damit die Pflege persönlicher und politisch relevanter Netzwerke durch die Jagd. In seinen Veröffentlichungen explizit erwähnt werden unter anderem der britische Botschafter Sir Nevile Henderson, König Boris von Bulgarien, internationale Diplomaten und Aristokraten sowie hochrangige NS-Politiker und Militärs.
Kriegsverbrechen in Bialowies/Białowieża
Während des Zweiten Weltkriegs fand Frevert -1943 zum Major der Reserve befördert– verschiedene Verwendungen, in denen sich jagdlich-naturschützerische und militärische Tätigkeiten überlagerten. Schon in Rominten profitierten Jagd und Naturschutz vom rassenideologisch motivierten Eroberungsfeldzug. Auf Görings Befehl erweiterte Frevert 1941 das Reichsnaturschutzgebiet der Rominter Heide im Südosten um ein rund 20.000 ha großes Gebiet auf erobertem polnischem Territorium. Zur Einrichtung des sogenannten Forstamtes „Adlerfelde“ wurden die Bewohner von zehn betroffenen Dörfern kurzerhand ins Generalgouvernement ausgesiedelt.
Nationalsozialistisch radikalisierte Rassenideologie, jagdliche Urwildfantasien, militärische Gewalt und der Versuch der administrativen Ordnung des eroberten „Lebensraums“ im Osten ergänzten und durchdrangen sich dann wechselseitig in der Besetzung des sogenannten „Urwaldes“ von Bialowies/Białowieża. Das im heutigen Grenzgebiet von Polen und Belarus gelegene Waldgebiet hatte seit Jahrhunderten als Jagdgebiet polnischer Könige und russischer Zaren gedient und gehörte aufgrund einer der letzten Populationen freilebender Wisente zu den mythischen Orten eines jagdlich motivierten Naturschutzes in Europa. Als Göring im Frühling 1941 den Befehl erteilte, die reservierte Fläche im Kerngebiet des eroberten „Urwalds“ um 100.000 auf 260.000 Hektar zu vergrößern und zunächst als Reichsjagdgebiet, später dann als reguläres Staatsjagdrevier einzurichten, bot sich Frevert und dem mit ihm abgeordneten Ulrich Scherping die Möglichkeit, seit dem Kaiserreich auf diesen „Urwald“ projizierte Fantasien einer mitteleuropäisch-germanischen Urwildnis, in die Praxis umzusetzen. Nach der Etablierung des „Oberforstamtes Bialowies“ in einem alten Jagdhaus des Zaren ordnete Göring im Juli 1941 an, das Waldgebiet von „Juden“ und „Partisanen“ zu „säubern“. Das Gebiet sollte zu einem „germanischen Urwald“ mit „urdeutschen“ Jagdtieren werden. Unter anderem sollten dazu die vom Berliner Zoodirektor Lutz Heck gezüchteten Heckrinder, die ein ungefähres Abbild des ausgestorbenen Auerochsen darstellten, ausgewildert werden. Frevert wurde mit der Ausführung beauftragt, erhielt umfassende Vollmachten und eine Hundertschaft des Forstschutzkorps und ging mit äußerster Rücksichtslosigkeit vor. Dörfer wurden eingekesselt, die Bewohner erhielten eine halbe Stunde Zeit, ihre Habe zusammenzupacken und auf Wagen zu laden, um dann in Trecks in östlicher Richtung „evakuiert“ zu werden. Die ausnahmslos in Holzbauweise errichteten Dörfer wurden hinterher einfach niedergebrannt. Allein vom 24. bis 31. Juli 1941 wurden auf diese Weise 34 Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und über 7.000 Menschen vertrieben. Das Polizeibataillon 322, das Frevert zur Ausführung dieser Aktionen unmittelbar unterstand, erschoss im Zuge eines Sonderauftrages auf Befehl des Höheren SS- und Polizeiführers vom 23. Juli bis 21. August 1941 zudem sämtliche männlichen Juden in dem Gebiet – die Zahl der Todesopfer wird hier mit mindestens 584 angegeben. Die übrigen jüdischen Einwohner, meist Frauen und Kinder, wurden in das Ghetto von Kobryn in der Nähe von Brest-Litowsk deportiert.