Die Württembergischen Staatstheater Stuttgart sind ein aus der Staatsoper Stuttgart, dem Stuttgarter Ballett und dem Schauspiel Stuttgart bestehendes Dreispartentheater in der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart. Die neuklassizistischen Theatergebäude im Oberen Schlossgarten, das Große Haus für die Oper und das Kleine Haus für das Schauspiel, wurden 1909 bis 1912 durch König Wilhelm II. vom Architekten Max Littmann als württembergische Hoftheater errichtet. Das Kleine Haus wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt, danach abgerissen und 1962 durch einen modernistischen Neubau ersetzt. Das Große Haus wurde 1956 umgebaut und 1984 restauriert. Mit rund 1.400 Mitarbeitern und 500.000 Zuschauern sind die Württembergischen Staatstheater Stuttgart das größte Dreispartentheater Europas.
Neubau der Königlichen Hoftheater (1909–1912)
Seit dem 17. Jahrhundert fanden Opern-, Ballett- und Schauspielaufführungen in Stuttgart im Festsaal des Neuen Lusthauses statt. Als erste Opernaufführung gilt das Singspiel Der Raub der Proserpina (1660) des Stuttgarter Hofkapellmeisters Samuel Capricornus. Vier Jahre später sind feste Bühneneinrichtungen nachweisbar (1664). 1750 wurde das Neue Lusthaus zum Opernhaus sowie 1811 und 1845 zum Königlichen Hoftheater umgebaut. In der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1902 brannte das alte königliche Hoftheater nieder. Im Kern ging dieses Gebäude noch auf das Neue Lusthaus aus dem Jahr 1593 zurück. Bereits im Oktober 1902 konnte das Königliche Interimstheater als vorübergehende Spielstätte eröffnet werden, erbaut von Ludwig Eisenlohr. Das Interimstheater diente für die Zeit bis zur Eröffnung der neuen Theatergebäude 1912 als Spielstätte. Heute befindet sich an diesem Standort der Landtag von Baden-Württemberg. Darüber hinaus fanden in dieser Zeit Aufführungen im Wilhelma-Theater sowie zahlreiche Gastspiele, u. a. im Konzerthaus Ravensburg sowie in weiteren Städten des Deutschen Reichs statt.
Nach ausführlichen Beratungsgesprächen im Frühjahr 1908 wurde beschlossen, dass an eine begrenzte Zahl von erfahrenen Theaterbauarchitekten eine Ausschreibung zum Wettbewerb für den Neubau der Königlichen Hoftheater stattfinden sollte. Die Arbeit des anerkannten Architekten Max Littmann wurde von dem Preisgericht von 23 eingereichten Entwürfen auf den ersten Platz gewählt. In der darauffolgenden Umsetzung konnte allerdings nicht das genaue Wettbewerbsobjekt realisiert werden, da der Architekt sich mit weiteren Bearbeitungen befassen musste. Der generelle Grundrissgedanke und die Grundidee des Aufbaus blieben jedoch erhalten. Nun wurde klar, dass der Platz neben dem Alten Schloss in Stuttgart für den geplanten Theaterkomplex mit zwei Häusern nicht genügte. Die alte Planmappe aus dem Archiv des Hauses Württemberg in Altshausen zeugt mit großformatigen Lageplänen und dem aus Pappe geschnittenen Grundriss des geplanten Theaters davon, dass man sich bei der Suche nach einem geeigneten Standort intensiv mit der Thematik auseinandersetzte. Als Standort wurde schließlich der Schlossgarten mit See gewählt. Dieser bot für das geplante Zwei-Häuser-System eine Gelegenheit der bewegten Gliederung um den See herum und steigerte die Verwendbarkeit der Anlage.
1909 bis 1912 wurden die neuklassizistischen Theatergebäude als Zweihausanlage mit Großem und Kleinem Haus erbaut. Die Innenausstattung gestaltete Franz Vlasdeck. Max Reinhardt bezeichnete das Kleine Haus als das schönste Theater der Welt. Baubeginn war im September 1909, Fertigstellung im Sommer 1912, am 14. und 15. September folgte die Eröffnungsfeier. Schon bald galt das neue Opernhaus als Zentrum des klassischen und modernen Musiklebens, an dem berühmte Sänger und Dirigenten und Regisseure wirkten und arbeiteten. Die Anlage besteht bis heute aus Großem und Kleinem Haus und den diese verbindenden Verwaltungs- und Kulissengebäuden. Littmann gelang eine ausgewogene Verteilung der baulichen Massen. Max Littmann hatte nicht vor, mit dem Kleinen Haus eine Kopie des Großen Hauses zu schaffen, er wollte das Gemeinsame in der Baugesinnung durch ähnliche Proportionen kennzeichnen. Bei der Ausgestaltung der Anlage wurden renommierte Künstler, vor allem Stuttgarter Künstler, hinzugezogen. Nach dem Sturz der Monarchie wurden die Königlichen Hoftheater umbenannt in Württembergische Landestheater. Seit 1924 stehen die Gebäude unter Denkmalschutz. Laut Georg Jacob Wolf (1931) ist der Theaterbau in Stuttgart der größte von Littmann und sein Hauptwerk.
Umbau der Württembergischen Staatstheater (1959–1962)
Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Kleine Haus beschädigt und danach abgerissen, wodurch das ursprüngliche Ensemble aus Großem und Kleinem Haus zerstört wurde. Nachdem die amerikanischen Truppen sich in Stuttgart niedergelassen hatten, richteten sie im Großen Haus ihren PX Club ein, in dem sie ihre Freizeit u. a. mit Ping Pong verbrachten. Am frühen Abend, vor Beginn der Sperrstunde, durften auch die Einheimischen, wenn sie Heizmaterial mitbrachten, allerdings nur ins Parkett. Nach der Umstellung der Währung gab die Besatzungsmacht das Große Haus frei und es war wieder möglich, Theaterkarten zu kaufen. Das Theatergebäude wurde bis auf die kurze Zeit nach dem Krieg ausschließlich für Vorstellungen von Opern, Balletten und Schauspielen genutzt. Das Große Haus überstand den Zweiten Weltkrieg weitgehend intakt, während das Kleine Haus durch eine Fliegerbombe im Herbst 1944 ausbrannte. Nach dem Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949 setzten Überlegungen ein, die zur Modernisierung und Umgestaltung des Großen Hauses im Jahr 1956 führte. Die staatliche Denkmalpflege wurde nicht einbezogen. Zu dieser Zeit gab es in mehreren Punkten Kritik an der Gestaltung des Großen Hauses, wie zum Beispiel am Farbklang der Innengestaltung von Grausilber, Violett und Honigfarbton, mit der Littmann den Raum in kühle Eleganz getaucht hatte. Des Weiteren war die Bühnenbeleuchtung nicht mehr zeitgemäß, da sie begrenzt an den Proszeniumslogen angebracht worden war. Die Akustik des Orchestergrabens war seit der Entfernung des in den 1920er Jahren angebrachten Schalldeckels problematisch. Außerdem waren die Zugänge in den zweiten und dritten Rang durch die engen Treppenhäuser erschwert.
Damalige Bühnenbildner kritisierten den monumentalen Portalrahmen des Großen Hauses. Der Architekt Paul Stohrer, ein Teilnehmer des Wettbewerbs um den Neubau des Kleinen Hauses, wurde schließlich mit der Modernisierung des Großen Hauses beauftragt. Mit der Umgestaltung sollten die Haustechnik, vor allem die Lüftung, modernisiert und der verpönte Stuck und die damals nicht wertgeschätzten Lüster entfernt werden. Stohrer ließ für das Orchester ein Hubpodium einbauen und den Portalrahmen mit patinierten Sperrholzplatten verkleiden, um die Trennung von Publikum und Bühne zu minimieren. Man wollte lediglich die Grundgliederung des Theatergebäudes bewahren, ihm aber eine glatte, eher funktionale Oberfläche verleihen. Die grausilbernen Rangbrüstungen wurden mit einem Weißgrau aufgehellt und die gelbgoldene Wandbespannung wurde durch eine silbergraue ersetzt. Die Speichen der Deckenrosette wurden mit weißgrauem Putz verdeckt, wodurch man glaubte, das Kuppelbild von Julius Mössel besser zur Geltung zu bringen. Das zuvor goldgelbe Gestühl wurde mit einem blauvioletten Stoff bespannt. Nach den Umbauten waren die Ziele der Neugestaltung erreicht worden: festlicher, hellerer Innenraum, funktional verbessert und befreit vom Stuck. Nach der Entfernung von Stuck und Verzierungen las man zunächst durchgehend positive Kritiken in der Stuttgarter Lokalpresse. Aus heutiger Perspektive macht man den Zeitgeschmack der Nachkriegszeit für die Modernisierung der Innenarchitektur verantwortlich. Auch erhoffte man sich, dass die Entfernung des Stucks und der Verzierungen den Schall in alle Richtungen brechen ließe und so die Akustik im Großen Haus verbessert würde. Dies stellte sich jedoch als Irrtum heraus.
Kurz nach dem Umbau behauptete der Musikkritiker Otto Erich Schilling, dass der Klang feinfühliger und hellhöriger sei. Dennoch teilte die Zeitschrift Der Spiegel ein Jahr später mit, dass sich die Akustik verschlechtert habe und es sogar Ensembles gebe, die ihren Vertrag mit dem Opernhaus kündigen wollten. Das Problem lag weniger im Zuschauerraum, als vielmehr auf der Bühne. Die Künstler nahmen ihre Stimmen und Instrumente verzerrt wahr. Durch die Polstergarnituren wurde die Reflexion des Schalls auf die Bühne vermindert. Nach den ganzen Problemen mit dem Klang schlug Keilholz vor, einen Schalldeckel an der Theaterdecke anzubringen, der in diesen Maßen einmalig war. Nachdem immer mehr Spezialisten sich mit dem Thema beschäftigt hatten, wurde die Optik des Raumes eher verschlechtert als verschönert. Anstatt in einem festlichen Saal zu sitzen, befand man sich in einer Art dunkler Höhle. Im Nachhinein scheint es nun so, als wären die funktionalen, technischen und spielbedingten Gründe der Modernisierung nur der Anlass gewesen, das Große Haus demonstrativ von seiner Vergangenheit zu befreien. Außerdem wurde nach dem Abriss des Kleinen Hauses in zwei Wettbewerben über einen Ersatzneubau entschieden. 1959 bis 1962 wurde unter der Leitung des Architekten Hans Volkart das heutige Kleine Haus errichtet. Volkart entwarf schließlich auch den 1962 eröffneten Neubau des Kulissengebäudes an der Konrad-Adenauer-Straße. Durch den Verlust des ursprünglichen Kleinen Hauses ging die von Max Littmann beabsichtigte Ensemblewirkung mit dem erhaltenen Großen Haus verloren. Zur Bundesgartenschau 1961 war außerdem die Anfang des 19. Jahrhunderts durch Nikolaus Friedrich von Thouret geschaffene, klassizistische Gestaltung des Oberen Schlossgartens mit dem Ovalsee vor dem Großen Haus zerstört worden, was die architektonische Wirkung des Großen Hauses seither zusätzlich beeinträchtigt.