Voltairine de Cleyre (* 17. November 1866 in Leslie, Michigan; † 20. Juni 1912 in Chicago) war eine US-amerikanische Autorin und Anarchistin.
Geboren in der Kleinstadt Leslie in Michigan, wurde sie als Teenager in ein katholisches Kloster geschickt, da der Vater die Familie nicht ernähren konnte. Dadurch wurde sie eher zum Atheismus als zum Christentum getrieben. Das Kloster befand sich in Sarnia (Ontario), Kanada. Über die dort verbrachte Zeit sagte sie:
… es war wie das Tal des Schattens des Todes, dort sind weiße Narben auf meiner Seele, wo Ignoranz und Aberglaube mich mit ihrem Höllenfeuer in diesen drückenden Tagen verbrannten.
Sie versuchte wegzulaufen und schwamm nach Port Huron (Michigan); sie wanderte 17 Meilen, wo sie Freunde ihrer Familie traf, die ihren Vater kontaktierten und sie zurückschickten. Sie rannte nochmals weg und ging nie mehr zurück.
Familiäre Verbindungen zur Bewegung der Abolitionisten und der Underground Railroad, zusammen mit der harten und dauerhaften Armut, in der sie aufwuchs, sowie nach dem Philosophen Voltaire benannt zu sein, trugen zur radikalen Haltung bei, die sie nach ihrer Jugend entwickelte. Nach der Ausbildung im Kloster begann de Cleyre ihr intellektuelles Engagement im stark antiklerikalen freethought movement, in dem sie Vorträge hielt und Artikel in Freidenker-Publikationen veröffentlichte.
Während ihrer Zeit in der Freidenkerbewegung der mittleren und späten 1880er wurde de Cleyre besonders von Thomas Paine, Mary Wollstonecraft und Clarence Darrow beeinflusst. Weitere Einflüsse kamen von Henry David Thoreau, Big Bill Haywood und später Eugene Debs. Nach der Erhängung der Haymarket-Demonstranten 1887 wurde sie Anarchistin: „Bis dahin glaubte ich an das Wesen der Gerechtigkeit der amerikanischen Gesetze durch die Geschworenengerichte“, schrieb sie in einem autobiographischen Essay, „danach konnte ich das nie mehr“.
1887 lernte sie den Anarchismus kennen, zunächst in der Gestalt des individualistischen Anarchismus. Sie dehnte jedoch ihren Horizont rasch aus und akzeptierte anarchistische Positionen jeglicher Richtung als legitim – ob militant oder pazifistisch, ob mutualistisch, individualistisch oder kommunistisch – und bezeichnete sich selbst lediglich als Anarchistin ohne einschränkendes Beiwort. So schrieb sie über die verschiedenen ökonomischen Modelle, die von Anarchisten vertreten wurden:
Ich glaube, dass diese und viele andere an verschiedenen Orten durchaus mit Erfolg erprobt werden können; ich möchte, dass sich die Instinkte und Lebensgewohnheiten der Menschen in jeder Gemeinschaft in freier Auswahl ausdrücken können; und ich bin mir sicher, dass verschiedene Umgebungen unterschiedliche Lösungen verlangen. Obwohl ich anerkenne, dass die Freiheit unter jedem dieser ökonomischen Modelle außerordentlich vergrößert werden würde, gestehe ich offen, dass mich keines davon befriedigt. Sozialismus und Kommunismus verlangen ein Maß an gemeinsamer Anstrengung und Verwaltung, die mehr Regulierung mit sich bringt, als es mit dem idealen Anarchismus vereinbar ist; Individualismus und Mutualismus erfordern die Einrichtung einer privaten Polizei, da sie auf dem Eigentum beruhen, was sich mit meinen Vorstellungen von Freiheit überhaupt nicht verträgt. Mein Ideal wäre eine Situation, in der alle natürlichen Ressourcen für immer frei für alle zugänglich sind, und der Arbeiter individuell alles zur Befriedigung seiner Grundbedürfnisse herstellen kann, wenn er mag, so dass er Arbeit und Muße nicht an den Zeiten der anderen ausrichten muss. Ich glaube, eine solche Zeit wird kommen, aber nur durch die Entwicklung neuer Produktionsweisen und eines anderen Geschmacks der Menschen. Einstweilen rufen wir alle mit einer Stimme nach der Freiheit des Versuchens.
Und zu den unterschiedlichen Methoden, die vorgeschlagen wurden, meinte sie:
Ihr fragt nach einer Methode? Fragt ihr den Frühling nach seiner Methode? Was ist notwendiger, Sonnenschein oder Regen? Sie schließen einander aus – richtig; sie vernichten einander – richtig, doch aus dieser Vernichtung wachsen die Blumen. Jeder wähle die Methode, die seine Eigenheit am besten ausdrückt und niemand verurteile einen anderen, weil er sein Selbst auf andere Weise ausdrückt.
Zwischen 1889 und 1910 lebte sie in Philadelphia, wo sie jüdische Einwanderer Englisch lehrte. Sie legte stets Wert darauf, für sich selbst aufzukommen und nahm keine Honorare für ihre anarchistischen und freidenkerischen Vorträge, die ihr bald überregionale Bekanntheit verschafften.
Seit 1892 engagierte sich de Cleyre in der Ladies Liberal League (Frauenfreiheitsverein), ab Mitte der 1890er Jahre für die Radical Library in Philadelphia, die bis in die 1940er Jahre existierte. Einem weiteren Publikum wurde sie vor allem durch ihre Gedichte und Kurzgeschichten bekannt, in denen sie neben sozialen und freidenkerischen Texten die Naturlyrik pflegte. Im Jahre 1897 reiste sie nach England, wo sie Max Nettlau, Peter Kropotkin, Louise Michel und Fernando Tarrida del Mármol kennenlernte.
Sie zog 1910 nach Chicago, um an der Ferrer Sunday School und der ähnlich ausgerichteten Chicago Modern School zu lehren. Ihr letztes Engagement galt der mexikanischen Revolution, zu deren Unterstützung sie sogar einen Umzug nach Kalifornien erwog. Es gelang ihren Freunden, kurz nach ihrem Tod 1912 einen Sammelband ihrer literarischen und theoretischen Arbeiten herauszubringen.
Sie war als herausragende Sprecherin und Autorin bekannt – nach ihrem Biograph Paul Avrich war sie „ein größeres literarisches Talent als jeder andere amerikanische Anarchist“ – und eine nimmermüde Vertreterin der anarchistischen Sache, deren „religiöser Eifer“, so sagte Goldman, „alles was sie tat auszeichnete.“ Die Freundschaft mit Emma Goldman litt unter der Verschiedenheit der Lebensauffassung beider Frauen: Voltairine de Cleyre sah in der lebensfrohen Art Goldmans Ansätze zu einer Verbürgerlichung, eine Konzession an die bürgerliche Überschätzung der Dinge gegenüber den Menschen. Emma Goldman legte ihr diese Kritik als Kleinlichkeit aus.
De Cleyres Beziehungen zu Männern waren turbulent. Sie war nah befreundet mit Dyer D. Lum, von dem sie auch inspiriert wurde: „ihr Lehrer, ihr Vertrauter, ihr Genosse“ aber Lum beging 1893 Suizid. Am 12. Juni 1890 gebar sie ihren Sohn Harry, dessen Vater der Freidenker James B. Elliot war. Das Kind wurde ihr weggenommen, als sie das Zusammenleben mit Elliot verweigerte.
Während ihres ganzen Lebens wurde sie von Krankheit und Depression geplagt, beging mindestens zweimal Suizidversuche und überlebte einen Mordversuch am 19. Dezember 1902. Ihr Angreifer, Herman Helcher, war ein früherer Schüler, den eine Fiebererkrankung in der Kindheit geisteskrank gemacht hatte. Als der Senator Hawley in der Hysterie nach der Ermordung Präsident McKinleys (1901) ein Kopfgeld auf Anarchisten aussetzte, bot sie sich ihm in einem offenen Brief als Zielscheibe an. Tatsächlich wurde im folgenden Jahr ein Attentat auf sie verübt, wenn auch nicht von dem Senator. Sie wurde schwer verletzt, trotzdem rief sie traditionsgemäß die anarchistische Bewegung zur Unterstützung des Attentäters während seiner Gerichtsverhandlung auf. Sie vergab ihm sofort und schrieb:
Es wäre ein Verbrechen gegen die Zivilisation, ihn für das Ergebnis eines kranken Gehirns in ein Gefängnis zu stecken.
Die Kugeln konnten aus ihrem Körper nicht entfernt werden und untergruben ihre ohnehin schlechte Gesundheit weiter. Der Angriff ließ sie mit chronischen Ohrenschmerzen und Kehleninfektion zurück, die ihre Konzentrations- und Redefähigkeit nachhaltig zum Nachteil beeinflussten.