An diesem Tag

Volkshaus zum Mohren

Bauwerk in Gotha, Thüringen, abgerissen 2007

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Das ehemalige Volkshaus zum Mohren in Gotha, Mohrenstraße 18, war ein historischer Gasthof, ein wichtiges Versammlungslokal und ab 1907 ein bekanntes Volkshaus in Thüringen.

Das Volkshaus zum Mohren lag in der sogenannten Mohrenvorstadt von Gotha im geschützten Tal des Flutgrabens. Hier kreuzte sich der alte, in Ost-West-Richtung verlaufende Handelsweg Frankfurt–Leipzig, die Via Regia (heute Bundesstraße 7), mit der Nordsüdverbindung Ohrdruf–Langensalza (heute Bundesstraße 247). Die Lage außerhalb des ummauerten mittelalterlichen Stadtkerns hatte den Vorteil, dass Handelswaren nicht der Stadt gegenüber deklariert werden mussten und zudem mehr Platz für die Fuhrwerke zur Verfügung stand als in den engen Gassen der Altstadt.

Die Herkunft und Bedeutung der Bezeichnung Zum Mohren konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Sie kommt häufiger bei Gasthöfen und Apotheken vor und verweist hier wohl auf den heiligen Mauritius (der Maure), einem römischen christlichen Soldaten, der aus Theben im südlichen Ägypten stammte und als Kommandeur um 290 beim Übergang über die Alpen den Märtyrertod starb, weil er nicht gegen Christen ziehen wollte. Er wird seit dem 4. Jahrhundert als Heiliger verehrt und ist Schutzpatron unter anderem des aus dem 937 gegründeten Mauritiuskloster hervorgegangenen Magdeburger Doms und der im 12. Jahrhundert um die Morizkirche herum entstandenen Stadt Coburg.

Der Gasthof in der frühen Neuzeit: Von Zinzendorf, Goethe und andere

1553 wurde das Haus „Zum Mohren“ erstmals erwähnt.

1661 empfahl Jeremias Wittich den Gasthof ad insigne Aethiopsis (mit dem Bildnis des Mohren) als Absteigequartier. Es war das einzige Wohnhaus außerhalb der Stadt, das beim Bau der barocken Stadtbefestigung 1660 bis 1663 unter Ernst dem Frommen stehen bleiben durfte. 1664 erfolgte die Ersterwähnung bei August Beck. 1730 gehörte das Gasthaus „Zum Mohren“ dem Auditeur Johann Jacob Catterfeld (1684–1749). In einer gleichzeitig durch den Augsburger Kupferstecher Matthäus Seutter (1678–1757) hergestellten Luftansicht Gothas ist das Gasthaus links unten als ein vierflügliger Bau mit Innenhof dargestellt, der direkt am Flutgraben in der damals ca. 50 Häuser umfassenden Vorstadt vor dem Erfurter Tor liegt.

1740 tagte die Weltsynode der Herrnhuter Brüdergemeine im „Mohren“, nachdem ihr Gründer Nikolaus Graf von Zinzendorf zwei Jahre zuvor endgültig aus Kursachsen vertrieben worden war. Diese protestantisch-christliche, pietistische Glaubensbewegung war von ihm 1722 durch Aufnahme von mährischen und böhmischen Exulanten auf Zinzendorfs Gut in der Oberlausitz gegründet worden und hatte sich von dort aus durch intensive Missionstätigkeit in der ganzen Welt verbreitet. Bereits seit 1735 bestanden Gemeinden in Amerika und Afrika. Nach der Gothaer Synode entstand 1743 auch im benachbarten Neudietendorf eine Kolonie der Brüdergemeine. Heute umfasst die Herrnhuter Brüdergemeine ca. 850.000 Mitglieder, vor allem in Afrika, Amerika und Europa.

1749 wurde das Haus durch Tobias Samuel Riede (1704–1757) erworben und 1757 nach dessen Tod an seine Frau Dorothea Margaretha Friederika Riede und seinen Sohn Paul Christoph Riede (1733–1757) weitervererbt. 1760 heiratete die verwitwete Dorothea Riede den Kammerdiener Johann Philipp Freytag (1725–1772) und feierte im „Mohren“ die Hochzeit. Das Haus kam so in Eigentum der Familie Freytag. 1772 übernahm das Haus der Haushofmeister Heinrich Gottfried Freytag (1731–1792). Am 27. Dezember 1775 fand im Mohren ein Maskenball statt, bei dem Johann Wolfgang Goethe teilnahm und anschließend im Haus übernachtete.

1777 bis 1907: Kaiser Napoleon, König Friedrich von Preußen, Herzog August

1777 ließ Heinrich Gottfried Freytag das Haus durchgreifend umbauen und mit einem Rokoko-Zwerchgiebel versehen. Wahrscheinlich stammt auch die noch vorhandene, puttenhafte Mohrenfigur mit dem äthiopisch-koptischen Kreuz von diesem Umbau. 1794 war Johann Philipp Freytag Gastgeber Zum Mohren. Am 7. Dezember fand im Hause die Hochzeit seiner jüngsten Tochter Auguste Eleonore Freytag mit Georg Bernhard Schäfer (1749–1845) statt. Das Haus kam so in Eigentum der Familie Schäfer.

1801 gab das Liebhabertheater im Mohren eine Jahrhundertfeier, bei der August Wilhelm Ifflands Aussteuer und August von Kotzebues Das Neue Jahrhundert dargeboten wurden. 1805 wurde durch Herzog August (Sachsen-Gotha-Altenburg) die reisende Schauspielergesellschaft von Witter engagiert und im Mohren untergebracht. Sie blieb dort bis 1812 und wohnte danach in der Steinmühle.

1813 übernachtete Kaiser Napoléon Bonaparte auf seinem Rückzug von der Völkerschlacht bei Leipzig vom 25. bis 27. Oktober im Mohren. Bis in die 1920er-Jahre wurde Gästen das Napoleonzimmer gezeigt, auf dessen Tapete sein Adjutant Collendière eine handschriftliche Notiz hinterlassen hatte: Cette piéce était en Novembre 1813 la de-meure du grand Napoléon en retraite ápres la bataille de Leipzig. Collendière. (Dieses Zimmer war im November 1813 die Unterkunft des großen Napoleon auf seinem Rückzug nach der Schlacht von Leipzig.) Das gerahmte Tapetenstück mit der Inschrift wird heute im Schloss Friedenstein aufbewahrt. Zwei Wochen später traf der preußische König Friedrich Wilhelm III am 11. November im Mohren ein, übernachtete und wurde dort von Herzog August empfangen.

1814 wurde am 27. Mai der Gastgeber Georg Bernhard Schäfer für seine Verdienste im Postwesen unter der französischen Besatzung zum Postmeister ernannt. 1815 gab der Komponist Johann Ludwig Böhner im Mohrensaal ein „Vocal- und Instrumental-Concert“. 1824 bestand eine Expedition der Extrapost, die von Johann Georg August Galletti beschrieben wurde. 1825 übernachtete am 16. Oktober König Friedrich Wilhelm III. von Preußen erneut im Mohren. 1828 am 1. November hielt dort der allseits bestaunte erste „Eilwagen“ der Post. 1830 entstand am 24. Mai ein großer Schaden durch ein schweres Gewitter mit Hagelschlag und Überschwemmung.

1845 starb G. B. Schäfer am 27. Juni infolge einer Blasenkrankheit. Er hatte den Gasthof über 50 Jahre lang geführt. Erben wurden sein Sohn Poststallmeister Carl Friedrich August (1796–1880) und seine Schwester Dorothea Gelbke. 1846 verkauften die Erben das Haus an Gastgeber Johann Andreas Fuchs aus Nürnberg. 1848 wurde am 8. Mai zwischen dem Eigentümer und den Poststallmeistern Gustav Malinckrodt Vater und Sohn ein Mietvertrag über 200 Taler jährlich abgeschlossen. 1856 erwarb die Neue Casinogesellschaft den Mohren für 15.100 Taler.

1881 war Poststallmeister Anton Müller Besitzer des Hauses. Er richtete dort in den folgenden Jahren eine Bierhalle „Zur Themse“ ein und ließ durch Franz Brack die Ufermauer zum Flutgraben erneuern. 1897 erwarb die Dampfbierbrauerei M. Soller den gesamten Gebäudekomplex und ließ die Restauration „Zur Themse“ durch den Baugewerksmeister Hermann Erdmann umbauen. Die erste Etage des Hintergebäudes wurde als Werkstelle des Hoffortepianofabrikanten Ernst Munck genutzt.

1907 bis 1933: „Volkshaus“ für die Arbeiterbewegung

1907 erwarb der langjährige Gothaer Sozialdemokrat Wilhelm Bock (1846–1931) das repräsentable Gebäude mit großem Garten inmitten der Stadt für 140.000 Mark mit Einschluss der Wirtschaftsgeräte vom Brauereibesitzer Grosch. Er ließ es restaurieren und verkaufte es anschließend zum gleichen Preis, den Kauf und Umbau gekostet hatten, an die hierzu gegründete SPD-eigene Volkshaus mit Herberge GmbH. Die Idee, solche Volkshäuser für die Arbeiterbewegung zu gründen, stammt aus den USA und wurde in Thüringen erstmals 1904 mit dem Bau des Volkshaus Jena verwirklicht. Auch in anderen europäischen Ländern wurden damals Volkshäuser gegründet, so beispielsweise 1910 das Volkshaus Zürich.

Auf dem Grundstück zwischen dem Gasthof und dem Flutgraben wurde nach Plänen des Architekten Carl Stehmann (1872–1933) ein mehrgeschossiger Neubau für eine Druckerei und die Gewerkschaft errichtet. In seinen 1927 verfassten Erinnerungen stellte er zu den damaligen Gothaer Bauaktivitäten zufrieden fest: „Nun haben Partei und Gewerkschaften ihr eigenes Heim, sie konnten nebeneinander tagen. Die Gründung des Volkshauses förderte die Bewegung mächtig“.

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