Vinzenz Lachner (* 19. Juli 1811 in Rain am Lech; † 22. Januar 1893 in Karlsruhe) war ein deutscher Komponist, Hofkapellmeister, Dirigent und Musikpädagoge.
Vinzenz Lachner kam am 19. Juli 1811 um 8 Uhr morgens in dem ärmlichen Organistenhaus am Kirchplatz in Rain am Lech zur Welt. Er wurde in eine musikalische Familie geboren. Er war das achte und jüngste überlebende von zehn Kindern des Uhrmachers und Organisten Anton Lachner (1756–1820) und dessen zweiter Ehefrau Maria Anna Kunz (1774–1846). Seine älteren Brüder Franz und Ignaz sowie sein Halbbruder Theodor wurden ebenfalls Komponisten, die beiden Schwestern Thekla (1801–1869) und Christina (1805–1858) waren als Organistinnen tätig.
Ersten Musikunterricht erhielt er von seinem Vater, der in Rain als Stadtpfarrorganist wirkte. Zur Theorie kam schon möglichst früh die praktische Musikausübung dazu. In der Regel fing man mit einem Streichinstrument – Violine oder Violoncello – an, dann folgte das Klavier und schließlich kam die Orgel dazu. Sobald die Kinder einigermaßen auf ihren Instrumenten spielen konnten, nahm sie der Vater mit auf die von Vinzenz Lachner scherzhaft genannten »Kunstreisen«. Von 1824 bis 1827 besuchte Vinzenz Lachner das Gymnasium zu Augsburg in Augsburg, da er nach dem Willen des Vaters Lehrer werden sollte. Lachner entschied sich allerdings anders. 1829 nahm er nach Intervention seines Bruders Franz eine Stelle als Haus- und Musiklehrer beim Grafen Josef Mycielski in Chocieszwice Preußisch-Lissa im Kreis Posen an. Dort machte er unter anderem die Bekanntschaft des Komponisten und Politikers Anton von Radziwill, dem er erste Kompositionen vorspielte. In Lissa lernte er den Tonsatz im Wesentlichen nach Johann Georg Albrechtsbergers Gründlicher Anweisung der Komposition zum Selbstgebrauche und studierte die Instrumentalmusik vor allem von Ludwig van Beethoven. Während seiner ersten Anstellung entstanden Werke für Klavier, ein Rondino, das er der ältesten Tochter des Grafen, Marie Mycielski widmete, erschien 1836 im renommierten Wiener Musikverlag Anton Diabelli & Co. Im Jahr 1831 kündigte Lachner die Stelle in Lissa und setzte sein Studium bei seinem älteren Bruder Franz in Wien fort. Im Oktober 1832 erhielt er eine Anstellung als Vizekapellmeister und Bratschist am Kärntnertortheater. Zwei Jahre später »erbte« er von seinem Bruder Franz, der Kapellmeister in Mannheim wurde, zusätzlich dessen hauptamtliche Organistenstelle an der evangelischen Kirche Augsburger Konfession in der Dorotheergasse 18 in Wien.
1836 ging Vinzenz Lachner – wieder in Nachfolge seines Bruders Franz – als Kapellmeister an das Mannheimer Nationaltheater, wo er bis zu seiner bedingt durch die Querelen mit den Wagner-Partei um Emil Heckel vorzeitig eingereichten Pensionierung im Jahre 1873 blieb. Unterbrochen wurde diese Tätigkeit nur zweimal: 1842 leitete er für eine Saison die Deutsche Oper in London und 1848 versah er für einige Wochen die unbesetzte Kapellmeisterstelle in Frankfurt am Main. In den fast 37 Jahren seiner Kapellmeistertätigkeit erwarb er sich große Verdienste um das Mannheimer Musikleben. Allein in den ersten 25 Jahren brachte er insgesamt 159 Opern von 56 verschiedenen Komponisten zur Aufführung. Mannheims Opernrepertoire war zu dieser Zeit das umfangreichste, das eine deutsche Bühne überhaupt zu bieten hatte und das darüber hinaus viele zeitgenössische Werke enthielt. Im Sinne einer qualitätvollen Aufführung war Lachner allerdings häufig gezwungen, die Werke fremder Komponisten auf die lokalen Theaterverhältnisse einzurichten. Mit seinen spektakulären Strichen in Richard Wagners Oper Die Meistersinger von Nürnberg, die ausschließlich den Mannheimer Theaterverhältnissen geschuldet waren, ging er als angeblicher Wagnerfeind in die Musikgeschichtsschreibung ein. In seiner Funktion als musikalischer Leiter war Vinzenz Lachner auch für die Konzerte, die »Musikalischen Akademien«, zuständig, die aus einem bunten Wechsel von Sinfonie, Ouvertüre, Opernfragmenten oder virtuosen Solostücken bestanden. Diese Vielfalt nutzte Lachner neben der Repertoirepflege auch dazu, das Publikum mit neuen, zeitgenössischen Kompositionen bekannt zu machen.
In Mannheim war Vinzenz Lachner aber nicht nur im musikalischen Bereich aktiv. 1851 war er Mitgründer der dort ansässigen Rheinischen Gasgesellschaft, die das Gaswerk in Heidelberg betrieb, und gehörte zeitweise deren Aufsichtsrat an.
Im Juni 1873 übersiedelte Vinzenz Lachner nach Karlsruhe. Hier wirkte er zunächst als Privatlehrer, ab 1884, mit der Gründung des Großherzoglich Badischen Konservatoriums durch Heinrich Ordenstein, unterrichtete Lachner dort die Fächer Höhere Kompositionslehre, Partiturspiel und Anleitung zum Dirigieren. Auch im Ruhestand gab er zahlreiche Konzerte, unter anderem in München und Mannheim (1874, 1879, 1887), Baden-Baden (1879, 1888), Karlsruhe (mehrfach), Köln (1880), Heidelberg (1886), Neustadt (1890) oder Pforzheim (1891). In dieser Zeit, den Jahren 1873 bis zu seinem Tod im Januar 1893 schuf er außerdem zahlreiche neue Kompositionen.
Unter seinen Zeitgenossen schätzten ihn vor allem Johannes Brahms und Clara Schumann als brillanten Analytiker und umfassend gebildeten Musiker, aber auch Komponisten wie Heinrich Esser, Albert Lortzing, Carl Reiss, Julius Rietz, Georg Aloys Schmitt und Wilhelm Taubert, das Verlegerehepaar Betty und Franz Schott, die Pianistin Emma Brandes, der Pianist Max von Pauer, die Dichter Joseph Viktor von Scheffel und Rudolf Baumbach, Sängerpersönlichkeiten wie Frieda Hoeck-Lechner, Agnes Pirscher, Helene Seubert-Hausen, Henriette Ullrich-Rohn, Franz Betz, Joseph Staudigl oder Joseph Tichatschek gehörten zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis.
Zu seinen bekanntesten Schülerinnen und Schülern zählen: Jean Becker, Max Bruch, Ernst Deurer, Robert Kahn, Friedrich Klose, Ferdinand Langer, Hermann Levi, Max von Pauer, Julie Schumann (1845–1872, Tochter Clara Schumanns) oder Clara Faisst.
Vinzenz Lachner war seit 1837 mit Antonia Brand (1820–1871), Tochter des Mannheimer Chorleiters und Theaterkorrepetitors Franz Brand, verheiratet. Die beiden bekamen drei Kinder, die alle vor ihrem Vater starben: Peter Vinzenz (1838–1876, Musiklehrer und Fotograf), Rosina Anna Antonia (1839–1860) und Karl Friedrich Franz (1856–1885, Ingenieur). Der Sohn Peter Vinzenz wanderte nach Costa Rica aus, wo seine Nachkommen bis heute leben. Der costa-ricanische Arzt und Pädagoge Vicente Lachner Sandoval war Vinzenz Lachners Enkel.
1855: Ritterkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen
1861: Ritterkreuz mit Eichenlaub vom Zähringer Löwen
1887: Kommandeurkreuz II. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen
Seine Geburtsstadt Rain würdigt Vinzenz Lachner mit einem Straßennamen, dem Gebrüder-Lachner-Museum, das im Geburtshaus untergebracht ist, sowie der Benennung der Gebrüder-Lachner-Mittelschule. In Karlsruhe und Mannheim wurden ebenfalls Straßen nach Vinzenz Lachner benannt.
Lachners kompositorisches Gesamtschaffen ist geprägt durch seine langjährigen Tätigkeiten als Kapellmeister, Pädagoge und Dirigent, insbesondere als Festdirigent großer Musik- und Sängerfeste.
In der Funktion als musikalischer Leiter des Theaters und der Akademiekonzerte gehörte es zu seinen Pflichten, zu bestimmten Anlässen Musik zu komponieren. Auf diese Weise entstanden die Schauspielmusiken zu Caligula (1838, Text: Eduard Jerrmann), Alboin (1839, Text: Anton Pannasch), Turandot (1843, Text: Friedrich Schiller), Die Araber (1848, Text: Philipp Jakob Düringer) und Die Hasmonäer bzw. Die Makkabäer (1856, Text: Leopold Stein). Außerdem schrieb er Sinfonien, Märsche und Ouvertüren (unter letzteren eine zu Demetrius und die preisgekrönte Festouvertüre op. 30) sowie Einlagearien zu den Opern Undine (Albert Lortzing), Das Tal von Andorra, Die Jüdin (Fromental Halévy) und Vineta (Richard Wüerst). Diese Werke sind Kapellmeistermusik im besten Sinn, die zwangsläufig gewissen Gesetzmäßigkeiten unterworfen waren: Das Sujet der Komposition wurde durch die konkreten Anlässe vorgegeben, und die Musik selbst nahm auf das technisch-musikalische Vermögen der Ausführenden Rücksicht. Auch der große Zeitdruck unter dem diese Werke in der Regel entstanden, ist für ihre Beurteilung von Bedeutung.