Vincent Neil Wharton (* 8. Februar 1961 in Hollywood, Los Angeles, Kalifornien) ist ein US-amerikanischer Musiker und Sänger der Glam-Metal-Band Mötley Crüe.
Vince Neil wurde als Sohn von Clois Odell Wharton, genannt Odie, und Shirley Wharton, geborene Ortiz, geboren. Sein Vater war halb indianischer Abstammung, stammte aus Paris, Texas und war Automechaniker für Polizeiwagen. Seine Mutter hatte mexikanische Wurzeln und kam aus New Mexico. Seine Schwester, Valerie Wharton Saucer, ist sechzehn Monate jünger als er. Während der 1960er Jahre zog seine Familie quer durch Südkalifornien von Inglewood nach Watts, bevor sie sich endgültig in Glendora niederließ. Als die Familie für einige Zeit in dem Stadtteil Compton lebte, hatte Vince Neil die beiden rivalisierenden Straßengangs Crips und AC Deuceys als Nachbarn. Von vier Gangmitgliedern wurde Neil seines Taschengelds beraubt, indem eines der Gangmitglieder ihm mit einem Messer die Wange und das Kinn aufschlitzte. Neil besuchte die Sunflower Intermediate School, später die Royal Oak High School, wo er auch erstmals Tommy Lee traf. Neil bekam wegen verschiedener Auseinandersetzungen und Drogenmissbrauchs auf dem Schulgelände Schwierigkeiten und wurde schließlich der Schule verwiesen. Neben der Musik interessierte er sich in seiner Jugend für das Surfen, Basketball, Baseball, Football und Wrestling.
Vince Neil ist Legastheniker. Nachdem Vince Neil in Compton als Schüler nachmittags mit vier Freunden heimlich in ein Lagerhaus für Strandsouvenirs eingestiegen war und dort Rucksäcke voll mit Artikeln wie Muscheln und Korallenketten entwendet hatte, verkaufte er die gestohlenen Gegenstände auf der Straße weiter. Von dem Geld kaufte sich Neil seine erste Musikkassette, das Album Cloud Nine der Soul-Band The Temptations von 1969. Auf diese Weise entdeckte der Jugendliche die Soul-Musik für sich und wurde Fan von Al Green, The Spinners und The Four Tops. Solche im Gospel verwurzelten Künstler waren in jener Siedlung, in der Neil aufwachsen musste, beliebte Ghetto-Musik. Ferner verdiente sich Neil etwas Geld, indem er einzelne herausgerissene Seiten aus einem Taschenbuch mit pornografischen Fotos, das er zufällig auf der Straße fand, auf dem Schulhof für je 25 Cent verkaufte, bis Neil deswegen für einige Tage von der Schule suspendiert wurde.
Erste Erfahrungen sammelte Neil als Sänger in einer lokalen Band namens Rockandi, die von James Alverson (Gitarre) gegründet wurde, und zu der neben Neil noch der Schlagzeuger Robert Stokes und der Bassist Joe Marks gehörten. Die eigenwillige Schreibweise des Bandnamens war dabei bewusst gewählt. Bei einem Auftritt von Rockandi wurde Neil von Tommy Lee und Nikki Sixx für Mötley Crüe engagiert.
Als Nikki Sixx 1980 für seine Band Mötley Crüe, zu der zu dieser Zeit schon Mick Mars und Tommy Lee gehörten, nach Ersatz für den ausgestiegenen Sänger Greg Leon suchte, machte Lee ihn auf Neil aufmerksam. Sie sahen sich ein Konzert von Rockandi an und boten Neil den Job an. Der lehnte zunächst ab, änderte aber seine Meinung, als die übrigen Mitglieder von Rockandi beschlossen, sich zukünftig mehr in Richtung New Wave zu orientieren. Er stieß 1981 zu Mötley Crüe und komplettierte das Quartett.
Neil nahm vor dem Beginn seiner Solo-Karriere fünf Alben mit Mötley Crüe auf, nämlich Too Fast for Love (1981), Shout at the Devil (1983), Theatre of Pain (1985), Girls, Girls, Girls (1987) und Dr. Feelgood (1989).
Im Dezember 1984 besuchten ihn Mitglieder der Band Hanoi Rocks während ihrer Tour durch die USA in seinem Haus in Los Angeles. Als das Bier ausging, fuhr er mit Razzle (bürgerlich Nicholas Charles Dingley), dem Schlagzeuger von Hanoi Rocks, mit 1,7 Promille stark alkoholisiert in seinem grellroten Sportwagen der Marke Ford Pantera zu einem Schnapsladen. Auf dem Rückweg stieß Neil als Fahrer in einem hügeligen Stadtviertel auf nasser und gewundener Küstenstraße mit einem entgegenkommenden Auto zusammen. Razzle war sofort tot. Neil flüchtete und wurde wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Er musste Schadensersatzzahlungen von 2,6 Millionen Dollar an die Opfer leisten sowie eine Haftstrafe von 30 Tagen und 200 Stunden gemeinnützige Arbeit auf sich nehmen. Um die Sozialstunden abzuleisten, besuchte Vince Neil mehrere Schulen und hielt dort Vorträge über die Gefahren von Alkohol und Drogen. In der Haft, die direkt nach der Tournee zu dem Mötley-Crüe-Album Theatre of Pain begann und die Vince Neil in einem Gefängnis in der kalifornischen Stadt Torrance antrat, musste der Rockmusiker anderen Häftlingen das Essen in der Zelle servieren, Zellen sauber machen und Polizeiwagen waschen. Wegen guter Führung durfte Neil das Gefängnis bereits nach 19 Tagen wieder verlassen.
Während einer Japan-Tournee mit Mötley Crüe im Zuge der Veröffentlichung des Albums Girls, Girls, Girls 1987, bei der das Quartett dreimal im Budokan auftrat, geriet Vince Neil in einem Roppongi-Restaurant in der Hauptstadt Tokio mit vier Mitgliedern der Yakuza in Streit, als Neil vollkommen betrunken deren Tisch mit beiden Händen packte und umwarf, woraufhin ihn die Yakuza-Männer mit gezogenen Pistolen bedrohten. Später nahm Neil die Freundin eines Yakuza-Mitglieds für Sex mit auf sein Zimmer, aus Rache dafür stahl ihm die Yakuza-Gang eine teure Armbanduhr der Marke Rolex.
Nachdem die Band 1991 das Greatest-Hits-Album Decade of Decadence veröffentlichte, ging sie erneut ins Studio, um den Nachfolger zu Dr. Feelgood einzuspielen. Während der Sessions zu diesem Album kam es zu Streitigkeiten, und Neil verließ die Gruppe, er wurde durch John Corabi ersetzt. Infolge der Trennung verklagte er seine drei ehemaligen Bandkollegen auf 25 Prozent ihrer zukünftigen Einkünfte und auf Schadenersatz. Neil kehrte nach dem vorläufigen Ende seiner Solokarriere 1997 als Sänger auf Vertragsbasis zur Crüe zurück, wird aber weiterhin zu einem Viertel an allen Einnahmen beteiligt.
In der Filmbiographie The Dirt – Sie wollten Sex, Drugs & Rock’n’Roll (2019) über Mötley Crüe wird er von Daniel Webber gespielt.
Weil die übrigen Bandmitglieder Neils Aktivitäten außerhalb der Gruppe nicht mehr duldeten, wurde er gefeuert. Nach seiner Entlassung von Mötley Crüe startete er eine Solo-Karriere. Der größte Coup bei der Zusammenstellung seiner Band war die Verpflichtung des Billy-Idol-Gitarristen Steve Stevens; weitere Mitglieder der Gruppe waren Dave Marshall, Robbie Crane und Vik Foxx.
1992 erschien der Soundtrack zum Film Encino Man (deutscher Titel: Steinzeit Junior), auf dem der Titel You're Invited (But Your Friend Can't Come) enthalten war, der von Vince Neil, Jack Blades und Tommy Shaw geschrieben worden war. Am 27. April 1993 veröffentlichte Warner Brothers Records das Album Exposed, das auf Platz 13 der Billboard 200 einstieg und sich 13 Wochen in den US-Charts hielt. In Deutschland reichte es nur für Platz 96. Die Titel Sister of Pain und Can't Change Me wurden als Singles ausgekoppelt, außerdem enthielt das Album das Sweet-Cover Set Me Free. Auf der Maxi-CD zu Sister of Pain wurde außerdem eine Coverversion des Rod-Stewart-Songs Blondes Have More Fun sowie von I Wanna be Sedated (Ramones) veröffentlicht. Die Band tourte als Vorgruppe für Van Halen durch die USA.
Dem zweiten Solowerk, Carved in Stone, das am 4. August 1995 erschien, war nicht so viel Erfolg beschieden. Stevens hatte die Band verlassen und war durch Brent Woods ersetzt worden, Vince Neil hatte das Album zusammen mit The Dust Brothers produziert und klanglich in eine andere Richtung gebracht: Industrial-Klänge dominierten die CD, das Album fuhr kaum positive Kritiken ein. Stephen Thomas Erlewine schrieb: Neil experimentiert mit Hip-Hop und Industrial und hat ein Album abgeliefert, das weder einem imaginären neuen Publikum, noch seinen alten Fans gefallen wird. Das Album hat seine Momente, und zwar immer dann, wenn Neil bei seinem bewährten Drei-Akkord-Sleaze-Metal bleibt. Im Großen und Ganzen ist das Album aber ein Reinfall. Die in Deutschland veröffentlichte Ausgabe von Carved in Stone enthielt zwei Coverversionen, nämlich Lust for Life von Iggy Pop und 25 or 6 to 4 der Gruppe Chicago.