Vicente Martín y Soler, valencianisch Vicent Martín i Soler, italienisch Vincenzo Martini, deutsch Vincenz Martini, russisch Висе́нте Марти́н-и-Соле́р (* 1750/1751 oder 2. Mai 1754 in Valencia; † 11. Februar 1806 in Sankt Petersburg) war ein spanischer Komponist, der unter anderem in Madrid, Neapel, Venedig, Wien und London wirkte, aber nur in Sankt Petersburg zu festen Einkünften gelangte. Obwohl er um 1790 seinen Zeitgenossen Mozart an Popularität übertraf, geriet er später für lange Zeit in Vergessenheit.
Martín schrieb hauptsächlich italienische Opern und Ballettmusik. Am erfolgreichsten waren seine Drammi giocosi Una cosa rara (1786), L’arbore di Diana (1787) und La capricciosa corretta (1795) nach Libretti von Lorenzo Da Ponte. Von Letzterem stammt, was Christophe Rousset die wohl schönste Würdigung von Martíns Werk nannte:
Das lateinische Motto seines Porträts von Jakob Adam nach Joseph Kreutzinger rückt Martín in die Nähe des mythischen Sängers Orpheus. (Bei einer andern verbreiteten Darstellung handelt es sich in Wirklichkeit um Pompeo Batonis Bildnis des spanischen Ministers Floridablanca.)
Die Eltern des Komponisten waren Francisco Xavier Martín, der als Sänger im Dienst der erzbischöflichen Kathedrale von Valencia stand, und María Magdalena Soler, beide aus Teruel. Von 1760 an sang Martín im Chor der besagten Kirche. Die Angabe, er sei einige Zeit Organist in Alicante gewesen, ist irrig.
1768 übersiedelte Martín nach Madrid. Dort wurde er Mitglied des Orchesters der königlichen Sommersitze sowie Kapellmeister des Fürsten von Asturien und späteren Königs von Spanien Karl IV. 1774 heiratete er die sizilianische Ballerina Oliva Musini oder Masini. Dieser Ehe entstammte der Pianist Federico Martín, der 1812 in Moskau Napoleon vorspielte. In San Ildefonso bei Segovia führte Martín seine erste Oper Il tutore burlato (Der betrogene Vormund) auf. Es ist die Geschichte von Violante aus Frascati, in die sich deren Vormund Fabrizio und der Ritter Lelio verlieben. Die Schöne aber schenkt ihr Herz dem Hirten Pippo, der sie befreit, als der Adlige sie entführt. Das Werk wurde später unter dem Titel La Madrileña zu einer Zarzuela in spanischer Sprache umgearbeitet.
Ein angebliches Studium Martíns bei Padre Martini in Bologna ist nicht nachgewiesen. 1777 ging der Komponist an den Hof des jüngeren Bruders Karls IV., König Ferdinand IV. von Neapel und Sizilien. 1778 amüsierte er die Menge mit einer Sinfonie, während welcher der König zwanzig Kanonen abfeuern ließ. Erhalten sind zwei traditionelle Opere serie, die Martín am größten Theater Europas, am Teatro di San Carlo, zur Aufführung brachte: Ifigenia in Aulide (1779) und Ipermestra (1780). Weiter komponierte er Ballettmusik für den Choreografen Charles Lepicq (1744–1806) – eine Zusammenarbeit, die er später in Sankt Petersburg fortsetzte.
Venedig, Turin, Parma (1782–1785)
1782 verließ Martín Neapel und begann ein Wanderleben in Norditalien. Im erwähnten Jahr führte er in Venedig die Opera buffa In amor ci vuol destrezza (In der Liebe braucht es Gewandtheit) auf. Nachdem er für Turin bereits 1780 die Opera seria Andromaca komponiert hatte, ließ er dieser 1783 eine weitere – Vologeso – folgen. 1784 schrieb er in Venedig das Dramma giocoso Le burle per amore (Die Streiche aus Liebe) und für eines der berühmten Mädchenkonservatorien der Stadt sein einziges Oratorium Philistaei a Jonatha dispersi (Die von Jonathan zerstreuten Philister). Für Parma schuf er 1785 das Dramma giocoso La vedova spiritosa (Die geistreiche Witwe).
Seine größten Erfolge feierte Martín in Wien am Hof Kaiser Josephs II. Er verdankte sie dem Kunstsinn des Monarchen, unter dessen persönlicher Leitung das Burgtheater das wichtigste Zentrum der Opera buffa nördlich der Alpen wurde. Martíns drei Wiener Opern entstanden unter dem Eindruck der Reformen, mit denen Joseph II. Forderungen der Aufklärung erfüllte, und enthalten implizite Kritik an Kirche und Adel. Die Libretti schrieb der kaiserliche Theaterdichter Lorenzo Da Ponte (1749–1838), welcher auch mit mehreren anderen in Wien tätigen Komponisten zusammenarbeitete. Seinem Urteil gemäß war Martín unter diesen nach Mozart das größte Genie, wobei seine Art zu komponieren jener Mozarts diametral entgegengesetzt gewesen sei. Protegiert habe ihn die Gattin des spanischen Botschafters in Wien, Isabel de Llano (1751–1821).
Il burbero di buon cuore (1786)
Die bürgerliche Oper Il burbero di buon cuore (Der Griesgram mit dem guten Herzen) hatte Goldonis Komödie Le Bourru bienfaisant zur Grundlage. Die italienisch-britische Sopranistin Nancy Storace (1765–1817) verkörperte Angelica, die auf ihr Glück mit Valerio verzichten und ins Kloster gehen soll, weil ihr Bruder Giocondo seiner ahnungslosen Frau Lucilla zuliebe Schulden macht – von denen ihn aber schließlich der vermeintlich menschenfeindliche Onkel Ferramondo befreit. Da Ponte schreibt von der Schwester des Komponisten Stephen Storace: „Sie war in ihrer Blüte und das ganze Entzücken Wiens.“ Das Werk machte Martín zum Lieblingskomponisten Josephs II. Am Burgtheater erlebte es dreizehn und 1789 sieben weitere Aufführungen, wobei Mozart die Arien der Lucilla der neuen Besetzung anpasste. Es folgten Inszenierungen in Prag, Venedig, Triest, Dresden, Rom, Bologna, Paris, Madrid, London, Barcelona und Sankt Petersburg.
Als der Kaiser ein weiteres Werk Da Pontes und Martíns bestellte, wählte der Dichter nach eigenen Angaben dem Komponisten und dessen Protektorin zu Gefallen einen Stoff aus deren Heimat, die Komödie La luna de la Sierra (Der Mond des Gebirges) von Luis Vélez de Guevara. Er konfrontierte – wie in den Libretti zu Le nozze di Figaro (1786) und Don Giovanni (1787) von Mozart – die Ehrbarkeit des Volkes mit der moralischen Korruption der Adligen, die sich das Ius primae noctis anmaßten. Die Rolle der schönen Lilla aus der Sierra, die der Werbung des Königssohns Giovanni widersteht, war für Nancy Storace geschrieben. Laut Da Ponte brauchten er und Martín nur je dreißig Tage, um Una cosa rara o sia Bellezza ed onestà (Eine seltene Sache oder Schönheit und Ehrbarkeit) fertigzustellen. Vielleicht nie zuvor habe die Kaiserstadt „eine so reizende, so ansprechende, so neue und so volkstümliche Musik“ gehört. Das Publikum habe vor Vergnügen geschrien, der Kaiser entgegen der Hausordnung die Wiederholung eines Duetts („Pace, mio caro sposo“) verlangt. Die Frauen hätten sich alla Cosa rara gekleidet und Martín, aber auch ihn selber vergöttert. Da Ponte fährt fort: „Wir hätten mehr Liebesabenteuer haben können als alle fahrenden Ritter der Tafelrunde (…) Das Spanierlein (…) profitierte davon in jeder Weise.“ Binnen fünf Jahren wurde die Oper in Wien 55-mal in italienischer und 87-mal in deutscher Sprache aufgeführt. Bis 1810 gab es Inszenierungen in 19 heutigen Staaten – allein in Italien in 29 Städten – sowie Übersetzungen in neun Sprachen. Mozart, dessen Nozze di Figaro von Martíns Oper aus dem Spielplan des Burgtheaters verdrängt wurden, zitiert das Sextett „O quanto un sì bel giubilo“ im Finale seines Don Giovanni.
Da Ponte wurde von Joseph II. gebeten, eine weitere Oper für „diesen braven Spanier“ zu machen. So schrieb er – gleichzeitig mit Don Giovanni für Mozart und Axur für Salieri – L’arbore di Diana (Der Baum der Diana), mit seinen Worten „ein gefälliger Stoff, geeignet für seine weichen Melodien, die alle innig mitfühlen, aber nur ganz wenige nachahmen können“ Die Nymphen, über deren Keuschheit der titelgebende Apfelbaum wacht, sollten an die Nonnen erinnern, denen – mit den Worten des früheren Abate – ein „heiliges Dekret“ des Kaisers die Freiheit wiedergegeben hatte, indem es „die barbarische Institution der Klöster“ aufhob. Was Erfindung und Poesie anbelangt, hielt Da Ponte das „Drama“ für sein bestes: „Wollüstig, ohne lasziv zu sein, interessiert es das Publikum (…) von Anfang bis Ende.“ Mit 65 Aufführungen in fünf Jahren war L’arbore di Diana Martíns größter Erfolg am Burgtheater. Es folgten über 40 Inszenierungen von Madrid bis Moskau, von Mailand bis London und Übersetzungen ins Deutsche, Französische, Polnische und Russische. L’arbore di Diana ist als Modell für Così fan tutte von Da Ponte und Mozart bezeichnet worden. In der Zauberflöte von Schikaneder und Mozart erinnert die Königin der Nacht mit ihren Damen an Diana mit ihren Nymphen, der Naturmensch Papageno an den Schäfer Doristo, seine Bestrafung mit Stummheit an die unkeusche Nymphe Britomarte und der Angriff der Obskuranten auf den Tempel der Weisheit an jenen Amores auf das Reich der Diana.