Madeleine Beth McCann, oft Maddie genannt (* 12. Mai 2003 in Leicester, Vereinigtes Königreich), verschwand am Abend des 3. Mai 2007 aus einer Ferienwohnung in Praia da Luz, Portugal. Das Mädchen wurde mutmaßlich entführt und wird seitdem vermisst. Der Fall Madeleine oder Fall Maddie wurde durch die weitreichenden Suchaktivitäten ihrer Eltern und das anhaltende internationale Medienecho weltweit bekannt. Erstmals wurde mit allen möglichen Mitteln der Kommunikation, der Public Relation und des Internet nach einer vermissten Person gesucht.
Im Juli 2008 stellte Portugals Polizei ihre Ermittlungen zunächst ein. Im Mai 2011 eröffnete der britische Metropolitan Police Service eigene Ermittlungen und fand neue Spuren. Im Oktober 2013 nahm Portugals Polizei die Ermittlungen wieder auf. Seit 2020 verdächtigt die Staatsanwaltschaft Braunschweig den Deutschen Christian B. als mutmaßlichen Entführer und Mörder Madeleines.
Das Ärztepaar Kate und Gerald McCann aus Rothley (Leicestershire) war im April und Mai 2007 mit seiner knapp vierjährigen Tochter Madeleine und den zweijährigen Zwillingen im Urlaub an der portugiesischen Algarve. Sie wohnten zusammen mit drei befreundeten Paaren, deren Kleinkindern und einer begleitenden Großmutter in der Ferienanlage Ocean Club in Praia da Luz. Am Abend des 3. Mai 2007 aßen alle neun Briten in einem Restaurant der Ferienanlage; die Kinder schliefen in den Ferienwohnungen.
Die McCann-Kinder schliefen im etwa 180 Meter vom Restaurant entfernten Appartement 5A im Erdgeschoss eines Eckgebäudes. Direkt daneben befand sich ein Parkplatz für die Mietwagen, der mit einer knapp 150 cm hohen Mauer an eine öffentliche Straße grenzte. Vom Parkplatz aus konnte man unbeobachtet durch ein kleines Tor zum Haupteingang des Appartements gelangen. Die Haustür soll unverschlossen, eine gläserne Schiebetür zur Terrasse einen Spalt offen gewesen sein. Nach Aussagen der Paare sah je ein Elternteil abwechselnd jede halbe Stunde nach den Kindern. Das vierte Paar verwendete ein Babyphone. Gerald McCann bezeugte, er habe bei seinem letzten Kontrollgang um 21:05 Uhr alle drei Kinder schlafend vorgefunden. Sein Freund Matthew Oldfield bezeugte, ihm sei bei seinem Rundgang um 21:30 Uhr nichts aufgefallen. Er habe jedoch nur an der Tür gelauscht, ob alle Kinder ruhig waren, nicht in ihr Zimmer geschaut. Kate McCann ging um 22:00 Uhr als Nächste zum Appartement und schrie nach übereinstimmenden Zeugenaussagen kurz danach laut: „They have got her, they have got her“ („Sie haben sie, sie haben sie“). Nach ihrer Aussage stand die Tür des Kinderschlafzimmers weit offen, ebenso ein zuvor geschlossenes Fenster, und die Jalousien seien nun hochgezogen gewesen. Ein Stofftier Madeleines habe nun in einem Regal statt in ihrem Bett gelegen.
Der für die Kinderbetreuung im Club zuständige Hotelmanager erfuhr um 22:28 Uhr jenes Abends telefonisch von dem vermissten Kind. Nach seinen Angaben suchten schon um 22:33 Uhr mehr als hundert Gäste in der Umgebung nach Madeleine. Die Freunde der McCanns nahmen an, sie sei aufgewacht und habe die Wohnung durch die Terrassentür verlassen, um ihre Eltern zu suchen, und sich dabei verlaufen. Sie wollten zuerst versuchen, sie selbst zu finden. Um 22:40 Uhr alarmierte die Clubrezeption die Schutzpolizei Guardia Nacional Republicana, die um 22:50 Uhr eintraf. Kurz nach Mitternacht trafen auch Kriminalbeamte der Policia Judiciaria im Club ein. Von da an leitete Kommissar Gonçalo Amaral die Ermittlungen.
Nach späteren Berichten versäumte die Polizei eine professionelle Spurensicherung im Appartement der McCanns und dessen Umgebung. Weil man glaubte, Madeleine sei nur weggelaufen, begann die Suchaktion erst nach Stunden. Bis dahin wurde das Appartement nicht abgeriegelt und wichtige Spuren wurden verwischt. Ein Spürhund verfolgte Madeleines Geruchsspur bis zu einem 500 m entfernten Supermarkt. Doch die Spur wurde als veraltet eingestuft, die Wohnungen um den Markt herum wurden nicht sofort durchsucht. Eine Überwachungskamera eines benachbarten Hotels, die den Straßenabschnitt beim Appartement der McCanns abdeckte, war abgestellt.
In den nächsten Stunden und Tagen durchsuchten hunderte Polizeibeamte, Feuerwehrleute und freiwillige Helfer die Ferienanlage und deren nähere Umgebung. Die Polizei vermutete nun eine Kindesentführung und alarmierte die Behörden an Flughäfen und Grenzübergängen. Sie ging davon aus, dass Madeleine lebte und im Umkreis von drei bis fünf Kilometern um die Ferienanlage festgehalten wurde.
Bis zum 10. Mai 2007 durchsuchte die Polizei 500 Wohnungen in Praia da Luz. Sie nahm zeitweise drei Briten unter dem Verdacht fest, sie hätten das Mädchen für einen internationalen Pädophilenring oder für einen Ring, der Kinder zur Adoption ins Ausland verkauft, entführt. Britische Zeitungsberichte warfen Portugals Polizei vor, sie habe die Grenzpolizei zu spät alarmiert und mutmaßlichen Entführern so die Flucht ins Ausland ermöglicht. Die Durchsuchung der näheren Umgebung blieb ergebnislos und wurde am 11. Mai 2007 eingestellt.
Am 8. Mai 2007 bezeugte eine Nachbarin der Ferienanlage, am Tatabend gegen 22:00 Uhr habe ein „kleines, wahrscheinlich graues“ Auto direkt unter dem Fenster des Appartements 5A gestanden. Ein Kellner des Ocean Club widersprach der Angabe der neun Briten, sie hätten alle 30 Minuten nach den Kindern geschaut.
Anfangs galt der Brite Robert Murat, der nahe der Ferienanlage wohnte, als Hauptverdächtiger. Er war durch aufdringliche Hilfsangebote bei der Suche und Ausfragen der McCanns aufgefallen. Er gab an, er sei am 3. Mai 2007 den ganzen Abend im Haus seiner 71-jährigen Mutter gewesen. Diese bestätigte sein Alibi. Zwei britische Urlauberinnen bezeugten jedoch, er habe sich nach 22:30 Uhr beim Appartement der McCanns aufgehalten, der Polizei als Dolmetscher bei der Suche geholfen, danach in seiner eigenen Wohnung seine Kleidung gewechselt und erklärt, er habe diese den ganzen Tag lang getragen. Sein Anwesen wurde mehrmals ergebnislos durchsucht. Bis 2018 erhielt Murat eine hohe Entschädigung für Medienberichte, die ihn zu Unrecht als Pädophilen dargestellt hatten.
Der Russe Sergey Malinka hatte am Abend des 3. Mai 2007 als Aushilfskellner im Restaurant des Ocean Club gearbeitet. Wegen eines langen Telefonats mit einem portugiesischen Geschäftsmann wurde er kurzzeitig als möglicher Entführer verdächtigt, bald darauf aber entlastet. Er bezeugte 2017, Portugals Polizei habe ihn zu einem Schuldbekenntnis und Falschaussagen zu nötigen versucht, und Unbekannte hätten ihn zu ermorden gedroht.
Jane Tanner, eine Freundin der McCanns, sagte aus, sie habe kurz nach ihrem Kontrollgang am 3. Mai gegen 21:15 Uhr einen Mann gesehen, der vom Appartement der McCanns hergekommen sei und ein Bündel getragen habe, eventuell ein Kind mit einem hellen oder rosafarbenen Schlafanzug. Erst am 24. Mai 2007, auf Druck des neugewählten britischen Premierministers Gordon Brown, gab Portugals Polizei ihre Beschreibung des Mannes bekannt.
Der britische Urlauber Julian Totman teilte der lokalen Polizei am 3. Mai 2007 mit, er habe abends seine zweijährige Tochter aus der Kinderkrippe der Ferienanlage geholt, um sie nach Hause zu bringen. Nach ersten Berichten über Jane Tanners Aussage sagte Totman der Polizei, sie habe wahrscheinlich ihn gesehen, als er am Appartement der McCanns vorbeiging. Die Polizei und die Detektive der McCanns meldeten sich jedoch nie bei ihm zurück, sondern suchten weiter nach dem „Tannerman“, den sie für Madeleines Entführer hielten. Im Oktober 2007 veröffentlichten die McCanns eine Zeichnung von ihm nach Jane Tanners Beschreibung.
Das Ehepaar Smith aus Irland, ihr Sohn, dessen Frau sowie ihre fünf Enkel waren am 3. Mai gegen 22:00 Uhr zu Fuß vom Strand unterwegs in ihr Feriendomizil. Nach Aussage von Martin Smith von Ende Mai 2007, die seine Angehörigen bestätigten, begegneten sie etwa 500 m vor der Ferienanlage einem etwa 35 bis 40 Jahre alten Mann. Er habe ein etwa drei- bis vierjähriges, blondes, barfüßiges, schlafendes, mit einem weißen oder rosaroten zweiteiligen Schlafanzug bekleidetes Mädchen in seinen Armen in Richtung Strand getragen. Smith habe ihn freundlich gefragt, ob seine kleine Tochter eingeschlafen sei und jetzt ins Bett gebracht werde, doch der Mann sei schweigend weitergegangen. Portugals Polizei hatte die Aussage als von in Medien publizierten Fotografien Madeleines beeinflusst und als zeitlich und örtlich unpassend bewertet, weil sie Jane Tanners Zeugenaussage Vorrang gab und den Zeitpunkt der vermuteten Entführung danach bestimmte.