Als der Verlorene Zug, der Verlorene Transport oder Zug der Verlorenen wird der letzte von drei Zügen bezeichnet, mit denen während der Zeit des Nationalsozialismus in der Endphase des Zweiten Weltkrieges Häftlinge vom Konzentrationslager Bergen-Belsen abtransportiert wurden, als sich die britischen Truppen dem Lager näherten. Dazu wurden zwischen dem 6. und 11. April 1945 drei Transportzüge mit insgesamt rund 6800 von der SS „Austauschjuden“ genannten Personen, de facto Geiseln, zusammengestellt und zur Abfahrt gebracht. Deren Fahrtziel sollte das Konzentrationslager Theresienstadt auf dem Gebiet des Protektorats Böhmen und Mähren sein.
Der letzte dieser Züge, mit ursprünglich 2400 Häftlingen, hielt schließlich nach einer Irrfahrt durch noch unbesetzte Teile Deutschlands in der Nähe der brandenburgischen Gemeinde Tröbitz auf offener Strecke an. Am 23. April 1945 fanden vorrückende Truppen der Roten Armee den Zug und befreiten die Häftlinge aus den Waggons. Etwa 200 von ihnen hatten die Fahrt nicht überlebt. In den nachfolgenden Wochen starben weitere 320 Menschen an den Nachwirkungen des Todestransports durch eine Epidemie.
Der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, hatte im März 1944 befohlen, im Falle des Vorrückens des Feindes auf die Konzentrationslager diese unter Leitung höherer regionaler SS- und Polizeiführer evakuieren zu lassen. Bei Annäherung feindlicher Truppen wurden KZ-Häftlinge von der SS zu Todesmärschen gezwungen oder teils auch mit Zügen zu anderen Orten und Lagern abtransportiert. Eines der Ziele war Bergen-Belsen, das bald völlig überfüllt war.
In diesem Lager waren seit 1943 ausgewählte jüdische Häftlinge – teils mit der gesamten Familie – interniert worden, wenn sie die Staatsangehörigkeit neutraler oder gegnerischer Staaten besaßen oder besondere Verbindungen dorthin hatten. Als internierte „Austauschjuden“ sollten sie gegen deutsche Zivilinternierte oder durch Devisenzahlung ausgelöst werden und das Wohlverhalten neutraler Staaten bewirken. Als die britischen Truppen sich dem Konzentrationslager Bergen-Belsen im Landkreis Celle näherten, wurden für diese insgesamt 6800 Personen vom 6. bis 11. April 1945 drei Züge mit etwa 45 Waggons (teils ältere Personenwagen dritter Klasse, teils Güterwagen) zusammengestellt, um sie in das Konzentrationslager Theresienstadt zu überführen. Eine Räumung des gesamten Lagers war nicht vorgesehen: Mit Einverständnis Himmlers kam es am 12. April 1945 zu einem lokalen Waffenstillstandsabkommen, und das überfüllte Lager wurde am 15. April 1945 der Britischen Armee übergeben.
Der erste dieser Transporte mit 2500 Menschen fuhr am 6. April 1945 vom Lagerbahnhof in Bergen-Belsen ab. Seine Fahrtroute verlief südlich sowie westlich der Elbe über Uelzen, Salzwedel und Stendal. Ein weiterer Transport mit 179 Menschen am Folgetag erhielt Anschluss an den ersten Transport. Am 13. April 1945 wurde er in der Nähe der Orte Farsleben und Zielitz bei Magdeburg von amerikanischen Truppen befreit.
Ein zweiter Transportzug mit 1712 Menschen, in welchem sich hauptsächlich ungarische Juden befanden, verließ am 9. April 1945 Bergen-Belsen und erreichte nach zweiwöchiger Fahrt am 21. April 1945 das Ziel Terezín/KZ Theresienstadt. Das weitere Schicksal der Abtransportierten ist nicht bekannt. Das KZ Theresienstadt wurde am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit.
Fahrt des Verlorenen Zuges von Bergen-Belsen bis Tröbitz
Der letzte dieser drei Todeszüge mit 2400 Menschen wurde am 9. April 1945 auf dem Lagerbahnhof mit 24 älteren Personenwagen dritter Klasse sowie 22 Güterwagen zusammengestellt und verließ in der Nacht zum 11. April 1945 das mit Typhus verseuchte KZ Bergen-Belsen, nur fünf Tage vor dessen Befreiung. Im Zug befanden sich jüdische Männer, Frauen und Kinder aus mehr als zwölf Nationen.
Es begann eine qualvolle Fahrt durch weite Teile des noch unbesetzten Deutschlands. Der Transport setzte sich zuerst über Soltau, Lüneburg und Büchen in Bewegung, dann in Richtung Berlin, wo er am 18. April 1945 eintraf. Ab Berlin-Spandau fuhr der Zug über Siemensstadt-Fürstenbrunn und den Südring bis nach Neukölln und über die Verbindungsbahn in Richtung Berlin-Baumschulenweg. Die Durchquerung des schwer zerstörten Berlins dauerte länger als einen Tag. Von hier fuhr er auf der Bahnstrecke Berlin–Görlitz weiter südwärts über Königs Wusterhausen, Lübben und Lübbenau nach Senftenberg. Auf der Schippchenbahn fuhr der Zug nach Schipkau, wo er in der Nähe der Autobahn Berlin–Dresden einen zweitägigen Zwischenstopp hatte und die Fahrt wegen der nur noch dreißig Kilometer entfernten, von Osten heranrückenden Front fast zu Ende schien. Nachfolgend ging es über Finsterwalde und Doberlug-Kirchhain in Richtung Falkenberg.
In den letzten Kriegstagen fuhr der Zug durch den immer enger werdenden nicht besetzten Korridor in Mitteldeutschland. Während seiner Fahrt wurde er durch tieffliegende Flugzeuge mit Maschinengewehrfeuer und Bomben angegriffen, was auch zu Todesopfern im Zug führte. Daraufhin befahl der Zugführer, die Waggons mit allen auffindbaren weißen Laken und Tüchern zu bespannen (vgl. Parlamentärsflagge).
Dreimal kam es während der Fahrt zu einem Zusammentreffen mit dem zweiten Transportzug, dessen Fahrstrecke bis kurz vor Berlin identisch war: das erste Mal bei Lüneburg, dann bei Hagenow und am 17. April kurz vor Berlin. In der vorhergehenden Nacht wurde der zweite Zug bei einem Luftangriff schwer getroffen, was über 50 Tote und ungefähr 250 Verletzte unter seinen Insassen zur Folge hatte.
Beim dritten und letzten Transportzug kam es durch die katastrophalen sanitären und hygienischen Verhältnisse schließlich zu einer Fleckfieber-Epidemie unter den geschwächten und teils schwerkranken Häftlingen. Viele starben während der Fahrt an Krankheiten oder Hunger. Wenn der Zug hielt, wurden die Waggontüren geöffnet, die Toten ausgeladen und neben den Gleisen verscharrt.
Am 20. oder 21. April 1945 rollte der Zug, an dem weiße Fahnen flatterten, in Richtung Falkenberg/Elster durch Tröbitz und blieb vor der inzwischen gesprengten Elsterbrücke nahe dem Dorf Langennaundorf bei Kilometer 101,6 stehen. Am 22. April 1945 wurden dort 16 Tote in einem Sammelgrab beerdigt. An der Stelle wurde im Jahre 1989 eine Gedenkstätte errichtet.
Am 23. April 1945 morgens fanden die vorrückenden Truppen der 1. Ukrainischen Front der Roten Armee den Transport unweit von Tröbitz bei Kilometer 106,7. Dorthin war der geteilte Zug am Vortag mit einer kleinen Lokomotive der Beutersitzer Braunkohlenwerke auf Verlangen der Wehrmacht noch gebracht worden, da man an der nahegelegenen Reichsstraße 101 mit Kampfhandlungen rechnete und sich ein Teil des Wachpersonals mit der Lok, die den Zug schob, bereits in Richtung Doberlug-Kirchhain abgesetzt hatte. Den sowjetischen Soldaten bot sich ein schreckliches Bild, da in vielen Waggons Tote inmitten von Überlebenden lagen. 28 Menschen wurden an Ort und Stelle beigesetzt. Am Ende waren 198 Menschen während der Fahrt gestorben.
Die Überlebenden des Transportes hatten auch nach der Befreiung weiter zu leiden. Die Schwerkranken verblieben zunächst im Zug, welcher am 24. April 1945 bis zur Blockstelle der Grube Hansa am Bahnkilometer 108,9 abermals umgesetzt wurde, da es von hier aus der kürzeste Weg zum Tröbitzer Nordfeld war, wo ein notdürftiges Lazarett eingerichtet wurde. Hier wurden noch einmal 26 inzwischen Verstorbene am Bahndamm beigesetzt.
Die Bergarbeitergemeinde Tröbitz mit ihren damals etwa 700 Einwohnern sah sich plötzlich mit rund 2000 ausgehungerten todkranken Menschen konfrontiert, denen schnell geholfen werden musste. Viele Tröbitzer leisteten Hilfe, und Angehörige der Roten Armee leiteten Maßnahmen ein, um die Not der Menschen zu lindern sowie eine Ausbreitung der im Zug bereits aktiven Fleckfieber-Epidemie zu verhindern. Die sowjetische Besatzungsmacht richtete ihre Kommandantur in einem Gebäude in der Tröbitzer Hauptstraße ein.
Diejenigen Überlebenden des Transports, die noch kräftig genug waren, bildeten ein Komitee, welches die Verteilung der von der Roten Armee gelieferten Lebensmittel und die Unterbringung in einem ehemaligen Barackenlager für Zwangsarbeiter, dem Nordfeld, sowie die Beerdigungen an verschiedenen Grabstätten organisierte. Das im Nordfeld eingerichtete Lazarett wurde von sowjetischen Ärzten geleitet. Jüdische Ärzte – bis dato selbst Gefangene – halfen bei der Pflege und Behandlung der Kranken. Einige erkrankten selbst und starben, wie die Namenstafeln auf dem jüdischen Friedhof in Tröbitz belegen. Mädchen und Frauen aus dem Ort wurden als Pflegepersonal eingesetzt.