An diesem Tag

Vandana Shiva

Indische Globalisierungskritikerin und Aktivistin

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Vandana Shiva (Hindi: वन्दना शिवा, Vandanā Śivā; * 5. November 1952 in Dehradun) ist eine indische soziale Aktivistin und Globalisierungskritikerin. Für ihr Engagement in den Bereichen Umweltschutz, biologische Vielfalt, Frauenrechte und Nachhaltigkeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr wurde 1993 der Right Livelihood Award – inoffiziell auch Alternativer Nobelpreis genannt – verliehen, weil sie die Themen Frauen und Ökologie in den Mittelpunkt des Diskurses um moderne Entwicklungspolitik gestellt hat. Sie ist Gründungsmitglied beim World Future Council.

Kritisiert wird Shiva wegen einer Reihe von Falschaussagen und Verschwörungstheorien.

Vandana Shiva wurde in Dehradun im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh (mittlerweile Uttarakhand) geboren. Ihre Eltern waren wohlhabend und akademisch gebildet. Sie entstammten der obersten Kaste, den Brahmanen, legten sich während ihres Engagements in der indischen Unabhängigkeitsbewegung aber den kastenneutralen Namen ‚Shiva‘ zu. Der Vater war Forstbeamter, die Mutter arbeitete zunächst als Schulinspektorin und später in der Landwirtschaft. Die feministische Mutter versuchte ihre Tochter ohne die kulturell geprägten geschlechtsspezifischen Vorurteile aufzuziehen. Während ihrer Kindheit begleitete Shiva ihre Eltern auf mehrtägigen Reisen durch die Wälder der Vorberge des Himalayas, die sie zu Fuß oder mit Pferd und Maultier bewältigten. Diese Zeit hinterließ einen bleibenden Eindruck bei ihr und führte zu einer tiefen Wertschätzung dieser Landschaften. Shiva besuchte zunächst die „St Mary’s School“ in Nainital und danach den „Convent of Jesus and Mary“ in Dehradun. Schon zu dieser Zeit äußerte sie den Wunsch, Wissenschaftlerin werden zu wollen. Ihr damaliges Vorbild war Albert Einstein.

Vandana Shiva studierte Physik und Naturwissenschaften an der Panjab University in Chandigarh mit dem Master-Abschluss in Physik (M. Sc.) und ließ sich 1973/74 als Kerntechnikerin am Forschungszentrum Bhabha Atomic Research Centre bei Bombay an einem experimentellen Brutreaktor ausbilden, wandte sich dann aber nach eigenen Aussagen davon ab, als sie sich mit den Gefahren von ionisierender Strahlung näher befasste.

Sie wandte sich der Wissenschaftstheorie zu und erwarb 1976 einen zweiten Master-Abschluss an der University of Guelph in Wissenschaftsphilosophie. 1978 wurde sie an der Philosophischen Fakultät der University of Western Ontario über Grundlagenfragen der Quantenmechanik promoviert (Titel der Dissertation: Hidden variables and locality in quantum theory). Nach Angaben der Universität ist die Dissertation im Teilgebiet der Wissenschaftstheorie (Philosophy of Science) nicht der Naturwissenschaft erfolgt.

Sie engagierte sich in den 1970er Jahren in der ersten indischen Umweltbewegung, der Chipko-Bewegung. Diese Bewegung wurde mehrheitlich von indischen Frauen getragen und richtete sich gegen die kommerzielle Abholzung von Wäldern und die damit verbundene Zerstörung der Lebensgrundlagen. Eingesetzte Mittel waren zum Beispiel Umarmen der Bäume oder Anketten an diese, um die Abholzung zu verhindern. Die Bewegung erreichte, dass die Regierung Kredite zur Verfügung stellte, mit denen die örtlichen Gemeindewälder erhalten werden konnten. Ihre Entscheidung, der Physik den Rücken zu kehren und für Umweltbelange zu kämpfen, begründet Shiva mit dem Wert für andere. Von ihren umweltbezogenen Aktivitäten und wissenschaftlichen Arbeiten würden viele Menschen und auch nachfolgende Generationen profitieren.

Nach ihrem Studium in Kanada kehrte sie nach Indien zurück. Ihr Tätigkeitsgebiet war dort die interdisziplinäre Forschung von Technik, Umwelt und Politik am „Indian Institute of Science“ und am „Indian Institute of Management“ in Bangalore, wo sie eine Professorenstelle innehatte.

1981 erhielt Shiva vom indischen Umweltminister den Auftrag, die Folgen des Bergbaus in Dehradun zu untersuchen. In diesem Zusammenhang griff sie auf ihre alten Kontakte zur Chipko-Bewegung zurück, die sich mittlerweile auch für die Berge engagierte.

Shiva hat einen Sohn und lebt geschieden.

The Research Foundation for Science Technology and Ecology

1982 gründete sie das Institut „The Research Foundation for Science Technology and Ecology“ (RFSTN) in Dehradun. Ein Projekt im RFSTN war seit 1991 Navdanya. Navdanya bedeutet „Neun Saaten“ oder „Neue Gabe“. Navdanya errichtete 40 Saatgutbibliotheken in Indien und brachte Landwirten die Vorteile des Nachbaus ihrer besonderen eigenen Landsorten nahe. Mehr als 70.000 Bauern haben sich als Mitglieder Navdanya angeschlossen. Mit dem Königreich Bhutan, das 2011 beschlossen hat, seine Landwirtschaft zu 100 % auf biologischen Anbau umzustellen, besteht eine Kooperation. Navdanya schult bhutanesische Landwirte hinsichtlich biologischer Landwirtschaft sowohl in Bhutan als auch auf der Navdanya-Farm.

Im Jahr 2001 gründete Vandana Shiva in der Nähe von Dehradun Bija Vidyapeeth, eine Schule und Farm für nachhaltiges Leben. Konzeptionelles Vorbild ist das in Großbritannien ansässige Schumacher College. Die angebotenen Kurse haben mehrheitlich Themen wie Biodiversität, biologische Bewirtschaftung und Earth democracy zum Inhalt. Die Philosophie von Gandhi wird ebenso behandelt wie die Frage nach der Bedeutung der Menschenrechte angesichts einer von Großunternehmen dominierten wirtschaftlichen Globalisierung.

Nach einer empirischen Studie über die Wirkungen der westlichen landwirtschaftlichen Entwicklungsstrategien in Indien, die sie geleitet hat, argumentiert Shiva, dass diese eine Fehlentwicklung sind, die auf mehreren falschen, männlich dominierten Annahmen basieren und des Weiblichen beraubt sind. Zusammen mit Maria Mies untersuchte sie in Ecofeminism (1993; deutsch: Ökofeminismus. Beiträge zur Praxis und Theorie, 1995) den Zusammenhang von patriarchaler Gesellschaft und Umweltzerstörung.

Die Rolle der ökologischen Bewegung sieht Shiva darin, die Natur und deren Rechte ernstzunehmen. Dies bedeutet für sie, den Wert der Natur nicht länger am finanziellen Wert, den diese für einige männliche Vertreter der Industrie darstellt, auszurichten. Für die Verbindung von Ökologie und Feminismus bearbeitet Shiva zum einen die Frage, in welcher Form männlich geprägte Werte zu ökologischer Zerstörung, Militarismus und Ausbeutung beitragen. Zum anderen formuliert sie spezifisch weibliche Werte für den Umgang mit der Welt. Nach der Theorie des Ökofeminismus gemäß Shiva basieren patriarchalische Gesellschaften seit Jahrtausenden auf hierarchischen Strukturen, wobei Konkurrenz ein wichtiges Prinzip ist. Erfolg wird hier nicht in dem Wert für das Gemeinwohl gesehen, sondern bemisst sich im individuellen Machtzuwachs, welcher repressive Kontrollmechanismen zu seiner Absicherung benötigt. Im Bereich der Gentechnik übernehmen nach Shiva männlich geführte Unternehmen zunehmend Kontrolle über das Leben an sich. Sie interpretiert diesen Prozess als Kolonisierung von Pflanzen, Tieren und Menschen wie auch der Zukunft und führt ihn auf patriarchalische Werte zurück. Vandana Shiva fordert in diesem Zusammenhang eine neue Definition des Machtbegriffes ein. Sie stellt dem männlich geprägten Begriff von ‚Macht‘, der auf die „aggressive Überwindung, Dominanz und Beherrschung ausgerichtet ist“, einen Begriff von Macht als innere Macht entgegen, der allen Formen der Unterdrückung eine klare Absage erteilt, auf Ermutigung ausgerichtet ist und nicht um des eigenen Vorteils willen die Vernichtung des anderen in Kauf nimmt.

Unabhängig davon weist Vandana Shiva deutlich auf das Ungleichgewicht zwischen dem Frauenanteil an Aktiven und deren Repräsentation in Führungspositionen der ökologischen Bewegung hin.

Beitrag zur Globalisierungsdebatte

Als Globalisierungskritikerin engagiert sich Shiva vor allem gegen die Monopolstellung transnationaler Wirtschaftsunternehmen, die aus ihrer Sicht versuchen, zunehmend Einfluss auf die indische Landwirtschaft zu nehmen. Sie sieht die hier engagierten Bauern in der Tradition Mahatma Gandhis. Der Slogan „Quit India“, der ursprünglich den englischen Kolonisatoren galt, wird nun von ihnen auf internationale Gentech-Firmen wie Cargill, Monsanto oder Ricetec übertragen. Sie kritisiert: „Manches westliche Unternehmen erinnert mich an einen Arzt, der einen Kaiserschnitt vornimmt und behauptet, er habe auch das Kind gemacht“. Sie führt aus, dass die großen Handelsnationen ihr Patentdenken nun auch auf die sogenannte Dritte Welt übertragen wollen, und zwar auf Pflanzen, die es dort schon immer gab: „Heute müssen sie nicht mehr so tun, als wollten sie mit Gentechnologie das Hungerproblem der Welt lösen, heutzutage wollen sie die Weltmarktherrschaft.“ Über ihr Institut The Research Foundation for Science Technology and Ecology war Shiva gemeinsam mit der International Federation of Organic Agriculture und anderen Bewegungen durch einen Einspruch beim Europäischen Patentamt (EPA) gegen die Patenterteilung der Firma Grace auf Öl des Samens des Niembaums erfolgreich. 2005 wies das EPA nach einem Widerspruch der Firma die Patentierung endgültig zurück. Shiva setzt sich insbesondere für die Entstehung basisdemokratisch aufgebauter Organisationen innerhalb der globalen Zivilgesellschaft ein. Sie entwickelte als Alternative zur neoliberalen Globalisierung ihr Konzept der Erd-Demokratie, das auf zehn Prinzipien gründet und im Wesentlichen davon ausgeht, dass alle Spezies, Völker und Kulturen einen inneren Wert besitzen, den es zu respektieren gilt.

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