Váša Příhoda (* 22. August 1900 in Vodňany, Königreich Böhmen, Österreich-Ungarn; † 26. Juli 1960 in Wien) war ein tschechischer Violinist.
Příhoda wurde in der südböhmischen Stadt Wodnian (Vodňany) im Hause der Eltern seiner Mutter geboren, wuchs aber in Prag auf. Sein Vater Alois Příhoda gründete nach dem Staatsexamen für Violine und Musik 1896 in Prag-Pankrác eine Musikschule. 1919 ließ er sich endgültig in Prag-Nusle nieder. Er nannte sein Institut fortan „Erste tschechoslowakische Musikschule des Herrn Direktor Alois Příhoda in Nusle“. Alois Příhoda unterrichtete seinen Sohn bis 1910. Danach ging Váša Příhoda bis 1919 als Privatschüler zu Jan Mařák. Darüber hinaus war Příhoda im wesentlichen Maße Autodidakt; Konservatoriumsausbildung hatte er keine.
Am 30. September 1912 absolvierte Váša Příhoda seinen ersten öffentlichen Auftritt. Am 12. Dezember 1913 spielte er zum ersten Mal im Prager Mozarteum. Während des Ersten Weltkrieges konnte er durch gelegentliche Konzerte zum Unterhalt der Familie beitragen. 1915 trat er drei Mal im Prager Smetana-Saal auf. Seine erste Nachkriegs-Tournee führte ihn 1919 in die Schweiz. In Zürich konnte er bei einem Herrn Kučera logieren – was bei den geringen Einnahmen eine fühlbare Hilfe war. Danach nahm ihn sein Impresario Richter – zusammen mit der Pianistin Asta (Augusta) Doubravská – mit nach Mailand und nach Jugoslawien. Ein selbst finanziertes Konzert in Triest brachte gute Kritiken, aber kein Honorar. Příhoda kehrte völlig mittellos nach Mailand zurück.
Die Wende kam am 27. Dezember 1919 durch ein Konzert im „Café Ristorante Grande Italia“ in Mailand. Auf dem Programm standen Paganinis Variationen über „Nel cor più non mi sento“. Ein Journalist konnte Arturo Toscanini bewegen, sich den jungen Geiger anzuhören. Nach dem Konzert sagte Toscanini zu Příhoda: „Paganini konnte nicht besser spielen“. Toscaninis Fürsprache verhalf Příhoda zum endgültigen Durchbruch. Der italienische Manager Frattini konnte für die nächsten fünf Monate eine große Anzahl von Konzerten organisieren. Die handschriftlich geführte Konzertliste führt 48 Konzerte in Italien auf.
Příhodas Manager Rudolf Richter plante nach diesen Erfolgen den Sprung nach Süd- und Nordamerika. Die Abfolge der Tournee zeigt die gründliche Vorbereitung. Insbesondere die Hintergründe des USA-Debüts in der Carnegie-Hall zeigen die Mobilisierung „wichtiger“ Mäzene. Zu erwähnen ist vor allem Fortune Gallo und Gertrude Vanderbilt sowie der Pfadfinderinnen-Club „Firecamp Girls“. Im Juni 1920 reiste Richter mit Příhoda und Asta Doubravská von Genua aus nach Südamerika. Nach Konzerten in Buenos Aires und São Paulo folgte der Sprung in die USA. Seine Konzerte in der Carnegie Hall in New York City, sowie in Chicago, Detroit, Cleveland und anderen großen Städten brachten Příhoda große Erfolge. 1921 nahm die Edison-Company eine erste Schallplatten-Serie auf. Partnerin am Klavier war erneut Asta Doubravská, mit ihr arbeitete er mindestens bis 1925 zusammen. In diesem Jahr kam auch ihr gemeinsamer Sohn Petr zur Welt. Richter verbot die Bekanntmachung von Příhodas Vaterschaft. Nach Europa zurückgekehrt, mietete sich Příhoda in Sankt Wolfgang am Wolfgangsee ein Zimmer und bereitete sich auf Konzerte in Wien vor.
Příhodas große Erfolge in Mitteleuropa begannen mit einem Konzert, das Vlastimil Tusar und seine Gattin Hedda im Mai 1923 im Gebäude der tschechoslowakischen Botschaft in Berlin veranstalteten. Nach Tusars frühem Tod im März 1924 wurde Příhoda eine Affäre mit dessen erst 33-jähriger Witwe Hedda nachgesagt.
Nachdem er mit Paganinis „Nel cor piu non mi sento“-Variationen bereits begeisterte Reaktionen auslöste, nutzte Příhoda diese zur Vervollkommnung seiner Technik und trieb sie in einer eigenen Bearbeitung auf die Spitze. Die „Nel cor-Variationen“ begleiteten ihn bis an sein Lebensende.
Als Příhoda Mitte der 1920er Jahre an der Spitze der europäischen Violinvirtuosen stand, machte er in Wien die Bekanntschaft mit Arnold Rosé. Bei einem Konzert am 11. November 1928 lernte er dessen Tochter Alma Rosé kennen. Sie heirateten am 16. September 1930 in Wien. Trauzeugen waren Vater Arnold Rosé und der Schriftsteller Franz Werfel. Im Jahr 1930 erwarb Příhoda in Zaryby unweit Prag ein Landgut. Von hier aus setzte das Ehepaar seine Konzerttätigkeit teils getrennt, teils gemeinsam fort. Alma Rosé gründete 1933 die Frauenkapelle „Wiener Walzermädeln“. Im März 1936 wurde die an Turbulenzen reiche Ehe in der Tschechoslowakei geschieden. Um die Jahreswende 1935/36 wirkte Příhoda bei dem österreichisch-italienischen Gemeinschaftsfilm Die weiße Frau des Maharadscha mit.
Von 1936 bis 1943 war er mit der Viertel-Jüdin Dr. Jetty Kreuz verheiratet.
Der Zweite Weltkrieg schränkte Příhodas Konzerttätigkeit drastisch ein. Dies gab ihm jedoch Gelegenheit, seine Lehrtätigkeit zu intensivieren. Gemeinsam mit dem Cellisten Paul Grümmer sowie den Pianisten Michael Raucheisen, Friedrich Wührer und Hans Erich Riebensahm (sie wirkten von Anfang an alternierend mit) unterhielt er von 1937 bis Mitte 1944 das Meistertrio. Sein letztes heimatliches „Kriegs-Konzert“ fand am 31. März 1944 im Prager Smetana-Saal statt. 1944 gab er noch Konzerte in München, Nürnberg, Dresden und Leipzig. In München unterrichtete Příhoda an der Musik-Akademie bis zum Ende des Krieges.
Das Kriegsende bedeutete keine Verbesserung seiner Lage. Das Zentralkomitee der Stadt Prag verurteilte ihn u. a. wegen seines Auftretens in Deutschland zu einer Geldstrafe und belegte ihn für Tschechien – nicht aber für die Slowakei – mit Auftrittsverbot. Der Geiger Dusan Pandula erlebte diese Zeit in Prag mit: „Man müsste aber auch über ihn schreiben, wie er von den eigenen Tschechen misshandelt war nach 1945. Er, Ludikar und Talich, also drei absolute Spitzen, mussten marschieren über Wenzelsplatz, wurden bespuckt, geschlagen und mussten Latrinen putzen.“ Während einer Konzertreise in Frankreich telefonierte er seiner Frau, sie solle „mit Sack und Pack“ nach Rapallo kommen, wohin auch er – ohne in die Tschechoslowakei zurückzukehren – gegen Ende 1946 nachkam.
Die Wiener Presse erreichte durch Kampagnen, in denen sie Příhoda die Schuld am Tod seiner ersten Frau gab, dass er keine Engagements mehr erhielt und bereits vereinbarte Konzerte abgesagt wurden. 1946 wurde Příhoda in Österreich voll rehabilitiert. Mit Konzerten in Alexandria, Ankara, Istanbul und Italien konnte er an frühere Erfolge anknüpfen. Ab 1947 konzertierte er auch in Wien wieder jährlich. Die italienischen Behörden bereiteten zunehmend Schwierigkeiten. Dieser Querelen war er bald so überdrüssig, dass er im Oktober 1948 das Angebot des ihm befreundeten türkischen Botschafters ergriff, die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen. So konnte er unbehelligt seinen Wohnsitz in Rapallo beibehalten und von hier aus seine Konzertreisen unternehmen. Im Januar 1949 konzertierte er ein letztes Mal in den USA, danach in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Die amerikanischen Agenten lehnten ihn mehr als deutlich wegen seines Wirkens in Nazi-Deutschland ab. In dieser Zeit stellten sich Herz- und Atembeschwerden ein, die ihn erheblich beeinträchtigten.
Privat wohnte und lehrte er ab 1950 in St. Gilgen am Wolfgangsee, das er von seinem früheren Aufenthalt in dieser Gegend in angenehmer Erinnerung hatte. Seine rege pädagogische Tätigkeit konzentrierte sich hauptsächlich auf Prag, Salzburg, München und ab 1950 als Hochschulprofessor an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien.
Im Jahre 1954 entstand im WDR Köln ein Konzertmitschnitt des 4. Violinkonzertes von Henri Vieuxtemps mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter Leitung von Franz Marszalek. Wenige Tage nach diesem Konzert brach sich Příhoda in Salzburg bei einem Unfall den rechten Oberarm. Gesundheitliche Probleme beeinträchtigten Příhoda zunehmend. Příhoda konnte ab Januar 1955 wieder konzertieren, aber die psychischen und physischen Belastungen und sein Herzleiden erzwangen eine Einschränkung seiner Tätigkeiten. Er nahm einen zweiten Wohnsitz in Wien, um das Pendeln zwischen Wohnort und der Musikhochschule zu vermeiden.