Ursula Maria Lehr, geborene Leipold (* 5. Juni 1930 in Frankfurt am Main; † 25. April 2022 in Bonn), war eine deutsche Psychologin und Politikerin. Sie wirkte ab 1972 als ordentliche Professor für Pädagogik und pädagogische Psychologie an der Universität Köln, ab 1975 als Professorin für Psychologie an der Universität Bonn und erhielt 1986 den Lehrstuhl für Gerontologie an der Universität Heidelberg. Als CDU-Politikerin war sie von 1988 bis 1991 Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. Von 2009 bis 2015 war sie Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO). Danach übernahm sie von 2015 bis 2018 den stellvertretenden Vorsitz; ab 2018 war sie dort Ehrenvorsitzende.
Nach dem Abitur 1949 in Offenbach absolvierte die als Tochter von Gertrud Leipold, geborener Jendorff, und des Bankkaufmanns Josef Georg Leipold in Frankfurt geborene Ursula Leipold ein Studium der Psychologie, Philosophie, Germanistik und der Kunstgeschichte an den Universitäten Frankfurt am Main und Bonn. Sie war katholisch und heiratete 1950 Helmut Lehr. Aus der Ehe gingen die Kinder Volker und der spätere Rechtsanwalt Gernot Lehr hervor. Ihr Studium beendete Ursula Lehr 1955 als Diplom-Psychologin. 1954 erfolgte in Bonn ihre Promotion zum Dr. phil. bei Hans Thomae mit der Arbeit Beiträge zur Psychologie der Periodik im kindlichen Verhalten. Sie war dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der Universität Bonn tätig. Dort habilitierte sie sich 1968 mit der Arbeit Berufs- und Lebensschicksal – die Berufstätigkeit der Frau aus entwicklungs- und sozialpsychologischer Sicht. 1969 erfolgte ihre Ernennung zur außerplanmäßigen Professorin. In Bonn war sie zudem als wissenschaftlicher Abteilungsvorstand (Entwicklungspsychologie) und Direktorin des Psychologischen Instituts der Universität tätig.
Professorin in Köln, Bonn und Heidelberg
Im Jahr 1971 wurde sie als ordentliche Professorin auf den Lehrstuhl für Pädagogik und pädagogische Psychologie an der Universität zu Köln berufen, wo sie ab 1972 auch Direktorin des Pädagogischen Seminars war. Von 1973 bis 1976 und ab 1980 war sie Vizepräsidentin der deutschen Gesellschaft für Gerontologie. 1975 folgte sie dem Ruf der Universität Bonn als Ordinaria für Psychologie. Im Jahr 1976 wurde sie korrespondierendes Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gerontologie. 1986 nahm sie den Ruf der Universität Heidelberg auf den ersten deutschen Lehrstuhl für Gerontologie, der wissenschaftlichen Alternskunde, an. Einer ihrer ersten Mitarbeiter war Andreas Kruse, der Lehrs Nachfolger in Heidelberg wurde.
Mit Ingeborg Falck war sie Herausgeberin der Zeitschrift für Gerontologie.
Ende 1998 wurde Lehr als Professorin der Universität Heidelberg emeritiert. Von 1997 bis 1999 war Lehr Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie. Lehr galt als „Gerontologin der ersten Stunde“ und als Impulsgeberin für zwei Generationen deutscher Hochschullehrer auf diesem Gebiet. Sie war auch international für und in der Gerontologie tätig.
Forschungen zu berufstätigen Frauen und zur Altenpflege
Ihre ersten Forschungsthemen in den 1960er Jahren waren die Lebenssituation berufstätiger Frauen und die Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer. Lehr wies nach, dass psychische Spannungen in der Lebensmitte weniger körperlich bedingt sind (Klimakterium), sondern mehr mit Rollenkonflikten in der Familie und der Tochterrolle gegenüber den alternden Eltern verbunden sind (vor allem Unterstützung in Notlagen sowie Hilfe und Pflege). Erst viele Jahre später nahmen Regierungen und die Öffentlichkeit wahr, welche physischen und psychischen Belastungen die innerfamiliäre Altenpflege verursacht, so dass die Politik nach dem Pflegeversicherungsgesetz von 1995 über weitere Hilfestellungen nachdenkt.
Im Kontext der Familienpsychologie befasste Lehr sich ferner mit den Entwicklungschancen für Mutter und Kind, die aus gelungener Berufstätigkeit der Frau erwachsen, sowie mit den gegenseitigen Anregungen zwischen Vater und Kind. Ihre Forschungen zur Entwicklungspsychologie bestätigten den Wert einer gemeinsamen Verantwortung des Elternpaares für die Kindererziehung und das Tagesmutter-Modell.
Leistungsfähigkeit im Älterwerden
Den zweiten Schwerpunkt ihrer Forschungstätigkeit bildete die berufliche Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer. Schon in den 60er Jahren konnte sie die Vorteile nachweisen, die eine nach beiden Seiten flexible Altersgrenze bietet. Die berufliche Leistungsfähigkeit Älterer ist zwar mit jener der jüngeren Arbeitnehmer vergleichbar, sie sind jedoch oft Diskriminierungen im Betrieb ausgesetzt. Diese sind Ausdruck eines negativen Altersbildes sowie einer jugend-zentrierten Beschäftigungspolitik. Im Kontext dieser Forschungsprojekte stehen auch Beiträge zur Vorbereitung auf die Pensionierung sowie zur kreativen Gestaltung der nachberuflichen Zeit.
Ursula Lehr und Hans Thomae (Bonn) initiierten die erste deutsche Längsschnittstudie zum späten Erwachsenenalter, seiner psychischen Entwicklungsprozesse und der Wechselwirkung mit körperlichen und sozialen Veränderungen (Bonner Gerontologische Längsschnittstudie, BOLSA). Die Studie lief von 1965 bis 1987 und verwirklichte erstmals in der BRD einen interdisziplinären Ansatz der gerontologischen Forschung. Ihr zentraler Befund war der Nachweis großer Unterschiede zwischen gleichaltrigen Senioren in der Form ihres Alterns und ihrer Alternsprozesse, was sich in weiteren empirischen Untersuchungen bestätigte.
Lehr definiert die Entwicklung im Alter als einen Prozess, beeinflusst von biologischen, sozialen, ökologischen und persönlichkeitsspezifischen Faktoren („interindividuelle Unterschiede in den intraindividuellen Alternsformen“). Der wesentliche Schluss daraus ist die selbstverantwortliche Gestaltung des Alterns. Als weiterführendes Forschungsthema ergab sich die Frage, inwieweit man Entwicklungsprozesse im Alter durch spezifische Formen der Intervention fördern kann.
Gründung zweier Forschungszentren
Um diese Aspekte, die persönlich und gesellschaftlich immer drängender werden, umfassender erforschen zu können, gründete Lehr im Zuge ihrer Berufung an die Universität Heidelberg im Jahr 1986 im Auftrag der Landesregierung von Baden-Württemberg das Institut für Gerontologie und begann mit der Einrichtung des Aufbaustudiums der Gerontologie.
Das Institut für Gerontologie konnte unter ihr rasch ein eindeutiges Forschungsprofil entwickeln und konzentrierte sich auf Entwicklungsprozesse im Alter, die Bewältigung seiner Anforderungen und Belastungen und sein Rollenbild („Altersbild“). Neben der Förderung von Alltags- und kognitiver Kompetenz wird auch die Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer untersucht. 1991 erhielt das Institut den Status eines WHO-Kollaborationszentrums, was dem Austausch mit internationalen gerontologischen Institutionen starke Impulse gab und zu einigen WHO-Kongressen in Heidelberg führte. In die Lehre hat die Ordinaria einen interdisziplinären Ansatz eingeführt, der sich unter anderem in enger Kooperation mit der Geriatrie und Gerontopsychiatrie bei der Ausbildung zum Diplom-Gerontologen auswirkt. Schwerpunkte der Lehre sind neben Erkenntnissen der Grundlagen- auch jene der Interventionsforschung. Neuer Institutsleiter wurde 1997 Andreas Kruse.
Lehr begann kurz nach ihrer Bestellung zur Bundesfamilien- und -gesundheitsministerin, an der Gründung des als notwendig erachteten Deutschen Zentrums für Alternsforschung (DZFA) zu arbeiten. Unter ihrer Leitung befasste sich Mitte November 1988 in Stuttgart der sechste Zukunftskongress „Altern als Chance und Herausforderung“ mit interdisziplinären Aspekten des Alterns. Ministerpräsident Lothar Späth griff den Vorschlag für ein deutsches Forschungszentrum auf und vereinbarte mit Bundeskanzler Helmut Kohl eine Bund-Land-Finanzierung.
Schon am 28. November 1988 verabschiedete die Landesregierung Baden-Württembergs einen Grundsatzbeschluss und das Bundeswissenschaftsministerium bildete einen Arbeitskreis zur Definition des Forschungskonzepts. Im Oktober 1990 ging der Abschlussbericht an das Land Baden-Württemberg, das im November zustimmte. Doch die Verhandlungen zur Bund-Land-Finanzierung zogen sich über Jahre hin, und das DZFA verdankt nur der Beharrlichkeit von Lehr seine Gründung als Stiftung öffentlichen Rechts am 30. September 1995. Als Gründungsdirektorin sorgte Ursula Lehr für eine ausgewogene Mischung zwischen interdisziplinärer Grundlagenforschung und ihrer Umsetzung in die Praxis sowie in politische Entscheidungen.