Ulrich Beck (* 15. Mai 1944 in Stolp; † 1. Januar 2015 in München) war ein deutscher Soziologe.
Weit über die Fachgrenzen hinaus bekannt wurde Beck mit seinem 1986 erschienenen und in 35 Sprachen übersetzten Buch Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Darin beschrieb er unter anderem die „Enttraditionalisierung der industriegesellschaftlichen Lebensformen“, die „Entstandardisierung der Erwerbsarbeit“ sowie die Individualisierung von Lebenslagen und Biographiemustern. Beck kritisierte soziologische Betrachtungsweisen, die in nationalstaatlichen Aspekten und Begrifflichkeiten verharrten. Die technisch-ökonomischen Fortschritte im industriegesellschaftlichen Rahmen sah er – etwa am Beispiel der Atomkraftnutzung – von ungeplanten Nebenfolgen übernationalen und teils globalen Ausmaßes überlagert und in Frage gestellt. Bezugspunkte seiner Theoriebildung waren zunehmend die Erscheinungsformen und Folgen grenzüberschreitender Umweltprobleme und der Globalisierung.
Beck war Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, an der London School of Economics and Political Science und an der FMSH (Fondation Maison des Sciences de l’Homme) in Paris. Die Forschung und Theoriebildung Ulrich Becks war mit vielerlei aktivem politischen Engagement verbunden. Im Folgenzusammenhang der Finanzkrise ab 2007, die zu einer Staatsschuldenkrise im Euroraum führte, verfasste er 2012 gemeinsam mit dem Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit das Manifest „Wir sind Europa!“, das ein Freiwilliges Europäisches Jahr für alle Altersgruppen propagierte mit dem Ziel, Europa im tätigen Miteinander seiner Bürger „von unten“ neu zu gründen.
Ulrich Beck wurde als Sohn des Marineoffiziers Wilhelm Beck und seiner Frau Magarete, geb. von Schulz-Hausmann, in Stolp (heute Słupsk, Polen) geboren und wuchs in Hannover auf. Nach dem Abitur nahm er zunächst in Freiburg im Breisgau ein Studium der Rechtswissenschaften auf. Später erhielt er ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes und studierte Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politische Wissenschaft an der Universität München. Dort wurde er 1972 bei Karl Martin Bolte promoviert und sieben Jahre später im Fach Soziologie habilitiert. Ulrich Beck war bis zu seinem Tod mit der Familiensoziologin Elisabeth Beck-Gernsheim (1946–2025) verheiratet, mit der auch gemeinsame Bücher entstanden.
Professuren hatte Beck von 1979 bis 1981 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und von 1981 bis 1992 in Bamberg inne. Er wirkte jahrelang in Konvent und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie mit. Von 1999 bis 2009 war Ulrich Beck Sprecher des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierten Sonderforschungsbereichs 536: „Reflexive Modernisierung“, eines interdisziplinären Kooperationszusammenhangs zwischen vier Universitäten im Münchner Raum. Hier wurde Becks Theorie reflexiver Modernisierung interdisziplinär anhand eines breiten Themenspektrums in entsprechenden Forschungsprojekten empirisch überprüft.
Beck war Mitglied des Kuratoriums am Jüdischen Zentrum München und des deutschen PEN. Im März 2011 wurde er Mitglied der Ethikkommission für sichere Energieversorgung. Vom Europäischen Forschungsrat wurde ihm 2012 ein Projekt zum Thema „Methodologischer Kosmopolitismus am Beispiel des Klimawandels“ mit fünfjähriger Laufzeit bewilligt.
Ulrich Beck starb am 1. Januar 2015 im Alter von 70 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Er ist auf dem Münchner Nordfriedhof beerdigt.
Im Anschluss an die Erfolgspublikation „Risikogesellschaft“ von 1986 publizierte Ulrich Beck während der folgenden 25 Jahre eine Vielzahl weiterer Beiträge zu der sein Forschen bestimmenden Frage: Wie können gesellschaftliches und politisches Denken und Handeln angesichts des radikalen globalen Wandels (Umweltzerstörungen, Finanzkrise, globale Erwärmung, Krise der Demokratie und der nationalstaatlichen Institutionen) für eine historisch-neuartig verflochtene Moderne geöffnet werden?
Zum Gegenstand von Becks Forschungen, Publikationen und politischen Initiativen wurden hauptsächlich länderübergreifende und weltumspannende soziologische Zusammenhänge. Besonderes Augenmerk richtete er dabei auf Chancen und Probleme der europäischen Integration, auf die Globalisierungstendenzen und -herausforderungen sowie auf die Perspektiven einer Weltinnenpolitik.
Im Erscheinungsjahr von Ulrich Becks Studie Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne kam es am 26. April zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, auf die Beck gleich eingangs Bezug nahm: „Vieles, das im Schreiben noch argumentativ erkämpft wurde – die Nichtwahrnehmbarkeit der Gefahren, ihre Wissensabhängigkeit, ihre Übernationalität, die »ökologische Enteignung«, der Umschlag von Normalität in Absurdität usw. – liest sich nach Tschernobyl wie eine platte Beschreibung der Gegenwart.“ Am Ende des 20. Jahrhunderts erweise sich die im Zuge der technisch-industriellen Verwandlung und weltweiten Vermarktung in das Industriesystem hereingeholte Natur als eine vernutzte und verseuchte. „Gefahren werden zu blinden Passagieren des Normalkonsums. Sie reisen mit dem Wind und mit dem Wasser, stecken in allem und in jedem und passieren mit dem Lebensnotwendigsten – der Atemluft, der Nahrung, der Kleidung, der Wohnungseinrichtung – alle sonst so streng kontrollierten Schutzzonen der Moderne.“ Dies sei das Ende der klassischen Industriegesellschaft, wie sie das 19. Jahrhundert hervorgebracht habe, sowie der herkömmlichen Vorstellungen unter anderem von nationalstaatlicher Souveränität, Fortschrittsautomatik, Klassen oder Leistungsprinzip.
Markantes Unterscheidungsmerkmal der Risikogesellschaft im Vergleich zu den Unsicherheiten, Bedrohungen und Katastrophen früherer Epochen – die Naturgewalten, Göttern oder Dämonen zugeschrieben wurden – sei die Bedingtheit ökologischer, chemischer oder gentechnischer Gefahren durch von Menschen getroffene Entscheidungen: „Beim Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 hatte die Welt aufgestöhnt. Aber die Aufklärer haben nicht, wie nach der Atomreaktor-Katastrophe von Tschernobyl, die Industriellen, die Ingenieure und Politiker, sondern Gott vor das Menschengericht zitiert.“ Beck stellt fest, Technologen hätten heutzutage grünes Licht, die Welt umzukrempeln, ja selbst „Verfassungsänderungen des Lebens“ voranzutreiben, die mit der Humangenetik unlegitimiert Einzug hielten. „Man wundert sich nur irgendwann später, daß es die Familie ähnlich wie die Dinosaurier und die Maikäfer nicht mehr gibt.“ Die „brave new world“ könne Wirklichkeit werden, „wenn und weil der kulturelle Horizont zerbrochen und abgestreift wurde, in dem sie noch als ‚brave new world’ erscheint und kritisierbar ist.“
Deutlich unterscheidet Beck zwischen Risiko und Katastrophe. Risiko schließt demnach die Antizipation zukünftiger Katastrophen in der Gegenwart ein. Daraus ergeben sich Ziel und Möglichkeiten der Katastrophenvermeidung, etwa mit Hilfe von Wahrscheinlichkeitsrechnungen, Versicherungsregelungen und Prävention. Lange bevor 2008 weltweit die Finanzkrise ausbrach, prognostizierte Beck: Die neuen Risiken, die eine globale Antizipation globaler Katastrophen in Gang setzen, erschüttern die institutionellen und politischen Grundlagen moderner Gesellschaften (siehe zuletzt die weltweite Kontroverse über die Risiken der Atomenergie nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima). Der neue Typus globaler Risiken sei durch vier Merkmale gekennzeichnet: Entgrenzung, Unkontrollierbarkeit, Nicht-Kompensierbarkeit und (mehr oder weniger uneingestandenes) Nichtwissen. Weil aber globale Risiken teilweise auf Nicht-Wissen beruhen, sind die Konfliktlinien der Weltrisikogesellschaft kulturell bestimmt. Wir haben es – so Beck – mit einem clash of risk cultures zu tun.
Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ wurde als eines der 20 bedeutendsten soziologischen Werke des Jahrhunderts durch die International Sociological Association (ISA) ausgezeichnet.
Die Theorie reflexiver Modernisierung (siehe auch die Unterscheidung von Erster und Zweiter Moderne) arbeitet den Grundgedanken aus, dass der Siegeszug der industriellen Moderne über den Erdball Nebenfolgen erzeugt, die die institutionellen Grundlagen und Koordinaten der nationalstaatlichen Moderne infrage stellen, verändern, für politisches Handeln öffnen. Für Beck handelt es sich im Kern um die Selbstkonfrontation von Modernisierungsfolgen mit den Modernisierungsgrundlagen: