Ullstein Verlag ist der Name von zwei Unternehmen, des Zeitungsverlags B.Z. Ullstein GmbH als Tochter der Axel Springer SE und der Ullstein Buchverlage GmbH als Tochter des schwedischen Medienunternehmens Bonnier. Beide gehen auf den historischen Ullstein Verlag zurück, der 1877 gegründet und 1945 aufgelöst wurde. Der Ullstein Verlag war in den 1920er Jahren der größte Verlag Europas. 1952 erfolgte die Neugründung, 2003 die Aufteilung der beiden Unternehmen.
Am 1. August 1877 gründete der Papiergroßhändler Leopold Ullstein den Ullstein Verlag als offene Handelsgesellschaft. Er hatte kurz zuvor den Verlag und das Druckhaus des Neuen Berliner Tageblatts in der Zimmerstraße 94 erworben. Da diese Zeitung wenig finanziellen Erfolg brachte, stellte er sie bald ein und übernahm stattdessen die Berliner Zeitung. Ullstein war liberal-demokratisch eingestellt, er kritisierte in den ersten Jahren öfter die Regierungspolitik.
1881 kaufte er das Gebäude in der nahegelegenen Kochstraße 23 und ließ 1885 ein neues Verlagsgebäude nach Plänen des Architekten Friedrich Schwenke errichten. Es folgten in den folgenden Jahren weitere Ankäufe und Neubauten umliegender Gebäude, sodass der Ullstein Verlag später das gesamte Karree besaß.
1887 gründete Leopold Ullstein die Berliner Abendpost, die die stillstehenden Druckmaschinen am Tag nutzen konnte und die Nachrichten der Berliner Zeitung am nächsten Tag in vielen Orten des Reiches verbreiten konnte. Beide Zeitungen erreichten bald eine Abonnentenzahl von über 100.000, was sich für die Anzeigen finanziell sehr positiv auswirkte.
1894 übernahm Ullstein die Berliner Illustrirte Zeitung. Mit vielen Zeichnungen und Fotos versehen wandte sie sich besonders an Frauen, begeisterte aber auch deren Männer mit Love-and-Crime-Storys. Ullstein rief außerdem 1898 die Berliner Morgenpost ins Leben, die später zur größten Tageszeitung Deutschlands heranwuchs. In Leopold Ullsteins Todesjahr 1899 hatte diese rund 160 000 Abonnenten.
Nach Ullsteins Tod 1899 übernahmen seine fünf Söhne das Unternehmen.
Nachdem 1904 der Straßenverkauf von Zeitungen zugelassen worden war und Louis Ullstein gleichzeitig die Produktionsabläufe nach US-amerikanischem Vorbild modernisiert hatte, wurde die Grundlage eines neuen Zeitungstyps in Deutschland gelegt: Die B.Z. am Mittag gilt als erstes Boulevardblatt Deutschlands und als „schnellste Zeitung der Welt“.
Den Söhnen gelang Anfang 1914 die Übernahme der Vossischen Zeitung, der ältesten Zeitung Berlins, die ihre Leserschaft im Beamtentum und bei Intellektuellen hatte. (Sie galt als innenpolitisch der Demokratischen Partei zugeneigt, während die 1898 gegründete Berliner Morgenpost eher den Sozialdemokraten nahestand.)
1903 gründeten die Gebrüder Ullstein 1903 den Ullstein Buchverlag in Berlin, der unter der verlegerischen Leitung von Emil Herz rasch zu einem der führenden deutschen Verlage aufstieg. Herz formulierte sein verlegerisches Programm mit einem klaren Bekenntnis zu inhaltlicher Vielfalt: „In diesem Haus wurden alle Strömungen eingefangen, alle Stimmen gehört, registriert und wie von einem riesigen Resonanzboden verstärkt der Öffentlichkeit wieder zugeführt.“
Seit 1909 erschien die erste große Weltgeschichte in sechs Bänden, herausgegeben von Julius von Pflugk-Harttung. Für solche anspruchsvollen, mehrbändigen Werke wurde 1919 der Propyläen Verlag gegründet. Autoren wie Bertolt Brecht, Carl Zuckmayer, Lion Feuchtwanger, Ödön von Horváth, Heinrich Mann, Benno Reifenberg und Franz Blei veröffentlichten bei Ullstein. Zwei Bestseller der 1920er Jahre waren Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues (1928) und Vicky Baums Menschen im Hotel (1929).
Außerdem erschienen ab 1910 Die Gelben Ullstein Bücher für nur eine Reichsmark, die viel Verbreitung fanden.
Konzept des Ullstein Zeitungsverlages seit den 1920er Jahren war es, erfolgreiche Schriftsteller zu binden, den Kaufanreiz mit Fortsetzungsromanen zu steigern, die eigens für Ullstein geschrieben waren, und die dann teilweise auch als Buch publiziert wurden. Eine Nachrichten- und Bildagentur gehörte ebenfalls zum Unternehmen, der heutige Ullstein-Bilderdienst.
In den 1920er Jahren wurde das Ullsteinhaus in Berlin-Tempelhof gebaut. Dort waren die Redaktions- und Verlagsräume sowie eine eigene Druckerei. Die Zeitungsredaktionen blieben in der Kochstraße im Zeitungsviertel.
Es wurden weitere erfolgreiche Zeitschriften gegründet, die eine große Leserschaft fanden, so Die Dame, der UHU als erfolgreiche und anspruchsvolle Kulturzeitschrift, Der Querschnitt, die beliebte Kinderzeitschrift Der heitere Fridolin und das populärwissenschaftliche Magazin Koralle. Der größte wirtschaftliche Erfolg wurde die Sonntagszeitung Die Grüne Post seit 1927, die sich eigentlich vor allem an eine ländliche Leserschaft richtete und bald über eine Million Abonnenten hatte.
Der Ullstein Verlag war liberal ausgerichtet.
„Ihr Motto war politischer Liberalismus und moderne Kultur (…). Sie waren anti-militaristisch, anti-chauvinistisch und im besten Sinne europäisch; die große Welle deutsch-französischer Freundschaft der Aera Briand-Stresemann war zum Teil dem Einfluss der Ullstein-Presse zuzuschreiben. Das Haus Ullstein war eine politische Macht und gleichzeitig die Verkörperung des fortschrittlichen und kosmopolitischen Geistes der Weimarer Republik.“
Dabei hatte jedoch der kommerzielle Erfolg immer eine besondere Bedeutung, das Publikumsinteresse war der wichtige Maßstab.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 nahmen die Spannungen zu den Verantwortlichen spürbar zu, ein spöttischer Artikel in der Grünen Post 1934 führte letztendlich dazu, dass die jüdische Familie Ullstein das Unternehmen verkaufte, um den drohenden Bankrott durch bevorstehende Boykottmaßnahmen zu verhindern.