Udo Lattek (* 16. Januar 1935 in Bosemb, Ostpreußen; † 31. Januar 2015 in Köln) war ein deutscher Fußballspieler und -trainer.
Als Trainer gewann Lattek mit dem FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach insgesamt acht deutsche Meistertitel. Mit dieser Bilanz ist er der erfolgreichste Vereinstrainer im deutschen Fußball. Er gewann mit den beiden Vereinen sowie dem FC Barcelona jeweils einen Wettbewerb im Europapokal (Europapokal der Landesmeister, UEFA-Pokal, Europapokal der Pokalsieger).
Lattek, über viele Jahre auch Fernsehexperte, war bis zum Bekanntwerden seiner Parkinson-Krankheit 2013 als Sport-Kolumnist tätig.
Udo Lattek wurde am 16. Januar 1935 im ostpreußischen Dorf Bosemb (heute Boże, Polen) geboren. Im Frühjahr 1945, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, flohen seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern wie viele Bewohner Ostpreußens vor der heranrückenden Roten Armee nach Westen (Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945–1950). Die Familie gelangte zunächst in Flüchtlingslager, unter anderem nach Dänemark. Später ließ sie sich im Rheinland nieder und lebte auf einem Bauernhof in Wipperfürth.
Lattek wuchs in einfachen Verhältnissen auf und entwickelte früh eine Leidenschaft für den Fußball. 1955 bestand Lattek das Abitur. Von 1955 bis 1958 studierte er in Münster Sport und Anglistik für das Lehramt und spielte mit Bayer Leverkusen in der höchsten und zweithöchsten Spielklasse. Anschließend war er ein Jahr lang am Engelbert-von-Berg-Gymnasium Wipperfürth, seiner ehemaligen Schule, tätig. Nach einer viermonatigen Anstellung am Gymnasium Canisianum in Lüdinghausen unterrichtete er 1961 am Gymnasium Zum Altenforst in Troisdorf als Sportlehrer. 1962 heiratete Lattek Hildegard, eine Sportlehrerin. Ihr Sohn Dirk starb 1981 im Alter von 15 Jahren an Leukämie. Daraufhin ging Lattek als Trainer des FC Barcelona mit seiner Frau für zwei Jahre nach Spanien.
Schon in jungen Jahren war er begeisterter Fußballspieler. Er spielte als Amateur für den SSV Marienheide, ehe er zu Bayer 04 Leverkusen wechselte, wo er am 29. März 1956 sein erstes Oberligaspiel (damals höchste deutsche Spielklasse) absolvierte. Die Werkself, die im Vorjahr als Tabellendritter noch knapp die Qualifikation für die Endrunde um die deutsche Fußballmeisterschaft verfehlt hatte, stieg im Jahr darauf überraschend ab. Nach einer Zwischenstation beim VfR Wipperfürth wechselte Lattek 1962 zum VfL Osnabrück, wo er drei Jahre lang in der Ober- und Regionalliga Nord spielte und in 70 Punktspielen 34 Treffer erzielte.
Deutscher Fußball-Bund (1965–1970)
Auf Empfehlung von Latteks Ausbilder im Trainerlehrgang, Hennes Weisweiler, bot der DFB im Frühjahr 1965 Lattek die Stelle des Trainers der Jugendnationalmannschaft an, die Lattek annahm. Zudem gehörte er als Assistent dem Trainerstab von Bundestrainer Helmut Schön für die A-Nationalmannschaft an, weshalb er auch zur Weltmeisterschaft 1966 nach England mitreiste.
Am 14. März 1970 übernahm Lattek das Traineramt beim FC Bayern München. Franz Beckenbauer soll ihn dazu bewogen haben, da die Spieler mit dem amtierenden Trainer Branko Zebec Probleme hatten und sich vehement für Lattek aussprachen. Lattek kannten sie aus der Nationalmannschaft. Seine Ernennung war umstritten, da er keinerlei Erfahrung als Vereinstrainer vorweisen konnte und gerade mal 35 Jahre alt war. Lattek und die Bayern beendeten die Saison als Vizemeister.
In den Reihen der Münchener standen mit Beckenbauer, Sepp Maier, Gerd Müller und Georg Schwarzenbeck vier Nationalspieler. Lattek ergänzte die Mannschaft noch mit den Jugendnationalspielern Paul Breitner, Uli Hoeneß und Rainer Zobel, die dem Ruf ihres ehemaligen Lehrmeisters an die Isar gefolgt waren. Lattek galt als taktisch und psychologisch gewieft, bevorzugte im Umgang mit seinen Spielern das offene Wort und trug so dazu bei, aus diesem Kader eine funktionierende Einheit zu formen. Er baute den FC Bayern zur stärksten deutschen Vereinsmannschaft auf und leitete die wohl erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte ein. Nach dem Sieg im DFB-Pokal 1970/71 wurde er mit den Bayern, die in den letzten Jahrzehnten bisher zweimal als Meister erfolgreich gewesen waren, von 1972 bis 1974 dreimal in Folge Deutscher Meister. 1974 folgte die europäische Krönung: Als erste deutsche Mannschaft gewannen die Bayern den Europapokal der Landesmeister (1:1, 4:0 gegen Atlético Madrid). Im Sommer 1974 bildeten die Bayern-Spieler – sechs waren während des Turniers Stammspieler – auch den Kern der deutschen Weltmeister-Elf, die im eigenen Land den WM-Titel gewann.
1974/75 spielten die Bayern ihre bis dahin schlechteste Bundesliga-Saison, während der auch eine Serie von 73 Heimspielen ohne Niederlage riss. Nach Unstimmigkeiten mit Vereinspräsident Wilhelm Neudecker wurde Lattek am 3. Januar 1975 entlassen und durch Dettmar Cramer ersetzt. Zu dem Zeitpunkt befand man sich in der Bundesliga nur auf dem 14. Tabellenplatz.
Borussia Mönchengladbach (1975–1979)
Für die Saison 1975/76 hatte Lattek eigentlich bei Rot-Weiss Essen unterschrieben, ging dann aber zu Borussia Mönchengladbach, dem amtierenden Meister und Bayernkonkurrenten der letzten Jahre: „Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl zwischen einem Fahrrad (Essen) und einem Mercedes (M’gladbach) hätten?“
In Mönchengladbach übernahm Lattek eine intakte Mannschaft mit Spielern wie Uli Stielike, Jupp Heynckes, Herbert Wimmer, Allan Simonsen, Rainer Bonhof, Wolfgang Kleff und Berti Vogts, aber er veränderte das Spielsystem der „Fohlen“. Anstelle des „Hurra-Stils“ seines Vorgängers Hennes Weisweiler legte er den Schwerpunkt mehr auf den Defensivbereich und gewann mit einer stabilen Abwehr die beiden nächsten Meisterschaften 1976 und 1977, was einen weiteren Titel-Hattrick in den 1970er Jahren bedeutete.
Auch stand er mit Gladbach 1977 nach Erfolgen über Austria Wien, AC Turin, FC Brügge und Dynamo Kiew, welches zuvor seinen Ex-Verein und Titelverteidiger FC Bayern München aus dem Wettbewerb befördert hatte, im Finale des Europapokals der Landesmeister. Bei einem Sieg im Endspiel in Rom wäre Lattek zum ersten Trainer geworden, der mit zwei verschiedenen Vereinen Landesmeisterpokale gewann. Der Erfolg blieb ihm und Gladbach aber verwehrt und man musste sich mit 1:3 dem FC Liverpool geschlagen geben.
In der folgenden Spielzeit 1977/78 wurde die erneute Meisterschaft nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz gegenüber dem 1. FC Köln verpasst. Im Landesmeisterpokal stießen die Gladbacher unter Latteks Leitung bis ins Halbfinale vor, wo man nach der Endspiel-Niederlage im Jahr zuvor erneut dem FC Liverpool und Bob Paisley unterlag.
Die Spielzeit 1978/79 wurde Latteks letzte als Gladbach-Trainer. Nach der Vizemeisterschaft im Jahr zuvor, wurde die Saison dieses Mal auf einem enttäuschenden zehnten Platz beendet. Im UEFA-Pokal schlug man sich unterdessen deutlich besser und zog nach Siegen über SK Sturm Graz, Benfica Lissabon, Śląsk Wrocław, Manchester City und den MSV Duisburg ins Finale ein, wo man auf den jugoslawischen Top-Verein Roter Stern Belgrad traf. Für Lattek war es nach den Landesmeistercup-Finals 1974 und 1977 das dritte europäische Endspiel in fünf Jahren. Das Hinspiel in Belgrad endete zunächst 1:1. Im Rückspiel im Rheinstadion zwei Wochen später konnten die Belgrader dann dank eines Treffers von Allan Simonsen mit 1:0 bezwungen werden und Lattek gewann seinen zweiten europäischen Titel. Nach der Saison verabschiedete sich Lattek nach vier erfolgreichen Jahren wieder vom Bökelberg und übergab sein Amt an Jupp Heynckes, der seine Spielerkarriere beendet hatte.
Mit Borussia Dortmund, wenige Jahre zuvor noch Zweitligist, verbrachte Lattek zwei vergleichsweise unspektakuläre Jahre im oberen Mittelfeld der Bundesliga. Diese Zeit wurde durch die schwere Krankheit seines Sohnes Dirk und dessen Tod 1981 überschattet. Das nahm Lattek zum Anlass, Deutschland zu verlassen und eine neue Herausforderung im Ausland zu suchen. Er bat BVB-Präsident Reinhard Rauball um die vorzeitige Freigabe und übernahm das Traineramt beim spanischen Traditionsverein FC Barcelona.