Tycho Brahe (Tyge Ottesen Brahe, auch bekannt als Tycho de Brahe; * 14. Dezember 1546 auf Schloss Knutstorp, Schonen, damals Dänemark; † 24. Oktober 1601 in Prag oder in Benátky bei Prag, Königreich Böhmen) war ein dänischer Adliger und einer der bedeutendsten Astronomen. Der Umfang, die Sorgfalt und Genauigkeit seiner astronomischen Beobachtungen, die er noch ohne Fernrohre durchführte, waren für die damalige Zeit verblüffend. Damit hatte er entscheidenden Einfluss auf das Wissenschaftsideal späterer Generationen und begründete mit seiner Arbeitsmethodik des immer exakteren Messens und steten Nachprüfens den Arbeitsstil und die Methodik moderner Wissenschaft.
Tycho Brahe entstammte dem bekannten schwedisch-dänischen Adelsgeschlecht Brahe. Seine Eltern waren Otte Thygesen Brahe (1518–1571) und Beate Clausdatter Bille (1526–1602). Sein Vater wurde 1563 Reichsrat. Seine Lehnsmannschaft von Aalborg tauschte er 1567 gegen die Grafschaft Helsingborg ein, von wo aus er im Dreikronenkrieg Daniel Rantzau unterstützte. Tycho war eins von zwölf Geschwistern.
Am 19. April 1559 wurde er im Alter von zwölf Jahren an der Universität Kopenhagen immatrikuliert. Es folgte – wie an den von Humanismus und Reformation beeinflussten Universitäten damals üblich – das propädeutische Studium der Artes Liberales, bestehend aus den Fächern Grammatik, Dialektik, Rhetorik (Trivium) und Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie (Quadrivium). Eine Sonnenfinsternis im Jahr 1560 weckte Tychos großes Interesse an der Astronomie, und so begann er sich in dieses Fach zu vertiefen. Er las jedes Buch, das er bekommen konnte, und stellte immer wieder Sternbeobachtungen an. In den folgenden Jahren setzte er seine Studien an den Universitäten Leipzig, Wittenberg, Rostock und Basel fort. In Leipzig begann er unter anderem bei Johannes Hommel, später bei Valentin Thau mit astronomischen Studien. Unzureichende Beobachtungsmethoden damaliger Sternwarten führten dazu, dass er sich frühzeitig mit der Methodik und den Instrumenten zur Höhenpräzisionsmessung der Himmelskörperpositionen beschäftigte.
Im Alter von 20 Jahren verlor Brahe in Rostock bei einem Duell mit seinem Cousin Manderup Parsberg einen großen Teil seiner Nase; Grund war der Streit um eine mathematische Formel. Er trug der Überlieferung nach fortan eine Nasenprothese aus einer Gold-Silber-Legierung, die er mit einer Salbe anklebte. Als man jedoch 1901 sein Grab öffnete und den Schädel untersuchte, um Hinweise auf die besagte Prothese zu finden, fand man Reste von Kupfersalzen an der entsprechenden Stelle, die eher auf eine dünne Kupferfolie hindeuteten als auf eine schwerer zu tragende Prothese aus einer Goldlegierung.
Brahe beobachtete ab November 1572 (wie auch andere Zeitgenossen) eine Supernova im Sternbild Cassiopeia (sie war bis Frühjahr 1574 mit damaligen Methoden sichtbar), „ein Wunder, wie es seit Anbeginn der Welt nicht gesehen wurde“. Seine Schrift über den „neuen, nie zuvor gesehenen Stern“ machte ihn unter den Astronomen in ganz Europa berühmt. In dem Buch über den neuen Stern, das Brahe 1573 veröffentlichte, waren auch andere Abhandlungen, unter anderem zur Astrologie und der Beobachtung einer Mondfinsternis von 1573, bei der ihm erstmals auch seine Schwester Sophie Brahe assistierte. Das Erscheinen des neuen Sterns löste große Diskussionen unter Astronomen und anderen aus, da das Erscheinen neuer Sterne dem damaligen astronomischen Weltbild widersprach.
1573 heiratete er eine Bürgerliche, Kirsten Barbara Jørgensdatter, den Quellen nach eine Tochter des Pastors von Kågeröd. Sie bekamen acht Kinder (andere Schriften nennen neun), von denen sechs das Erwachsenenalter erreichten. Zu einer kirchlichen Eheschließung kam es nie, weil Brahe in diesem Falle seine Adelsprivilegien verloren hätte. Nach damaligem dänischen Recht war ihre Beziehung aber durch das Zusammenleben über mehr als drei Jahre und gemeinsame Kinder einer Ehe gleichgestellt (die Kinder, die später wie der Vater meist im Reichsgebiet lebten, reichten darüber Urkunden ein; sie galten rechtlich – wie bei morganatischen Ehen üblich – als Bürgerliche).
König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen finanzierte die Sternwarten Uraniborg und Stjerneborg auf der damals noch dänischen Öresundinsel Ven vor Landskrona, an denen Brahe 21 Jahre lang forschte. Brahe baute nicht nur alle benötigten Instrumente selbst, sondern druckte auch seine eigenen Bücher.
Tycho Brahe war ein herausragender beobachtender Astronom. Zu seiner Zeit gab es noch kein Teleskop. Seine Beobachtungen der Fixstern- und Planetenpositionen, die damals mit Abstand die präzisesten waren und mit einer Genauigkeit von zwei Bogenminuten auch heute nicht ohne weiteres zu erreichen sind, führte er mit Hilfe eines großen Mauerquadranten durch.
Aufgrund von Widersprüchen der Planetenbewegungen in den damals vorherrschenden Weltsystemen entwickelte er einen Kompromiss zwischen dem ptolemäisch-geozentrischen und dem kopernikanisch-heliozentrischen Planetensystem, das tychonisches Weltbild genannt wurde.
Nach dem Tod Friedrichs II. 1588 kürzte sein Nachfolger König Christian IV. die finanziellen Mittel, weshalb Brahe im Oktober 1597 auf Einladung seines Freundes Heinrich Rantzau in eines von dessen Gutshäusern, die Wandesburg bei Hamburg, zog.
Im September 1598 verließ Brahe Wandsbek mit seinen Söhnen und Studenten und wechselte 1599 nach Prag. Kaiser Rudolf II. hatte ihm eine Stelle als Hofmathematiker angeboten und wollte ihm dort eine neue Sternwarte erbauen lassen. Der Bau wurde jedoch erst nach Brahes Tod beendet.
Brahe hielt sich vom August 1599 bis Juni 1600 im ruhigeren Städtchen Benátky nad Jizerou (Venedig an der Iser) auf. Er starb 1601 in Prag. Seine Frau Kirstine kaufte ein Gut in Böhmen, das sie noch drei Jahre bis zu ihrem Tode bewohnte. Tycho und Kirstine Brahe wurden Seite an Seite in der Teynkirche in Prag beigesetzt.
Auf seinen Reisen durch Europa kam Tycho Brahe 1568 auch nach Augsburg. Fast drei Jahre stellte er hier Sternbeobachtungen an und lernte eines Tages auch den Augsburger Patrizier, Bürgermeister und begeisterten Astronomen Paul Hainzel kennen. Hainzel war fasziniert von der Idee eines Präzisionsgroßinstruments mit nie gekannter Genauigkeit. 1570 ließ er Brahe auf eigene Kosten in Göggingen südlich von Augsburg einen riesigen Quadranten mit einem Radius von 6,4 Metern aus Eichenholz anfertigen. Durch die Größe konnte die Skala aus Messing auf zehn Bogensekunden genau unterteilt werden. Brahe selbst führte allerdings mit dem Quadranten keine Beobachtungen durch, er hatte Augsburg bereits verlassen. Der Augsburger Quadrant wurde vier Jahre später von einem Sturm zerstört.
Am Abend des 11. November 1572 erblickte Tycho Brahe im Sternbild Kassiopeia einen Stern – so hell wie die Venus –, der dort nicht hingehörte. Ein Fixstern konnte es nicht sein, denn der Fixsternhimmel war ewig und unveränderlich, so die damalige, noch antike Überzeugung. Ein Planet konnte es auch nicht sein, denn er zeigte keinerlei Ortsveränderung. Ein Jahr nachdem der Stern erschienen war, verblasste er schließlich. Das Ereignis erregte in weiten Kreisen größtes Aufsehen. Brahe verfasste die Schrift De nova et nullius ævi memoria prius visa Stella, in der er seine Beobachtungen beschrieb. Aus der Unveränderlichkeit der Position des neuen Sterns schloss er darin kühn, dass er der Fixsternsphäre angehören musste. Seine Schrift, mit der er Aristoteles nicht nur widersprach, sondern ihn auch widerlegte, machte ihn unter den Astronomen in ganz Europa bekannt und öffnete ihm alle Türen. Zwar war eine Supernova bereits 1054 von Chinesen beobachtet worden, aber die mittelalterlichen europäischen Gelehrten der Scholastik hatten davon keine Kenntnis.
Brahe unternahm Reisen durch ganz Europa, um seine Ausbildung in der Jurisprudenz zu vervollständigen. Er nutzte diese Reisen aber auch, um möglichst vielen Astronomen zu begegnen. Brahe war überzeugt, dass in dem Zeitalter, in dem er lebte, wissenschaftlicher Fortschritt in der Astronomie nur durch sorgfältigste Beobachtung und Erfassung der Zahlen und Daten möglich war. Dies war damals eine ungewöhnliche Ansicht, galt göttliche Eingebung doch als einzige Form der Erkenntnis. Wie sollte man „durch Messen eines Wieviel das Warum erfahren können“, fragte man sich. So kam er auch nach Kassel zu dem für Sternkunde begeisterten Landgrafen Wilhelm IV., der Brahes besondere Begabung offensichtlich erkannte und Friedrich II. von Dänemark auf Brahe aufmerksam machte – Grund genug für den König, Tycho Brahe die Öresundinsel Ven auf Lebenszeit für seine Beobachtungen zur Verfügung zu stellen. Außerdem übernahm er alle Kosten für erforderliche Instrumente, Gebäude und Mitarbeiter, was immerhin 1–2 % der königlichen Einnahmen ausmachte. Im August 1576 wurde der Grundstein zu einer der berühmtesten Sternwarten aller Zeiten gelegt. 1580 wurde sie fertiggestellt.