Tung Chee-hwa GBM (chinesisch 董建華 / 董建华, Pinyin Dǒng Jiànhuá, Jyutping Dung2 Gin3waa4; * 7. Juli 1937 in Shanghai, China; † 8. September 2026 in Hongkong) war ein chinesischer Geschäftsmann und Politiker. Vom 1. Juli 1997 bis März 2005 war er der erste Chief Executive der Sonderverwaltungszone Hongkong nach der Übergabe der früheren britischen Kolonie an China. Im März 2005 trat er zwei Jahre vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit zurück; offiziell nannte er gesundheitliche Gründe, während zugleich über politischen Druck aus Peking spekuliert wurde.
Herkunft, Ausbildung und Familie
Tung wurde 1937 in Shanghai als ältestes von fünf Geschwistern geboren und kam im Alter von zwölf Jahren mit seiner Familie nach Hongkong, nachdem diese wie zahlreiche andere Shanghaier Unternehmerfamilien nach der kommunistischen Machtübernahme in China dorthin gezogen war. Sein Vater Tung Chao-yung war ein Schifffahrtsunternehmer, der aus einem einzelnen Frachtschiff eine der größten Reedereigruppen der Welt aufbaute.
Im Jahr 1960 schloss Tung an der University of Liverpool ein Studium des Schiffsmaschinenbaus mit einem Bachelorabschluss ab und arbeitete anschließend als Ingenieur bei General Electric in Massachusetts. Später arbeitete er auch in New York und San Francisco, bevor er nach Hongkong zurückkehrte. 1961 heiratete er Betty Chiu, eine Krankenschwester und Tochter eines Hongkonger Immobilienentwicklers; das Paar hatte drei Kinder.
1969 kehrte Tung nach Hongkong zurück und trat in das Familienunternehmen Orient Overseas ein; nach dem Tod seines Vaters 1982 übernahmen er und sein Bruder Tung Chee-chen die Leitung des Schifffahrtsgeschäfts. Während der weltweiten Rezession Anfang der 1980er-Jahre häufte die Unternehmensgruppe Schulden von mehr als 2,6 Milliarden US-Dollar an und wurde durch ein Rettungspaket von 120 Millionen US-Dollar gestützt, zu dem Unternehmen vom chinesischen Festland einen erheblichen Anteil beitrugen. Als Tung später Regierungschef Hongkongs wurde, führte diese Rettungsaktion zu Befürchtungen, er könne gegenüber Peking zu nachgiebig sein; Tung wies diesen Vorwurf zurück.
Im Jahr 2017 wurde der Verkauf von Orient Overseas an den staatlich kontrollierten chinesischen Konzern Cosco Shipping für rund 6,3 Milliarden US-Dollar vereinbart; die Übernahme wurde 2018 abgeschlossen. Die Familie Tung erhielt aus dem Verkauf mehr als vier Milliarden US-Dollar.
Tung wirkte an der Ausarbeitung des Basic Law, des nach der Übergabe geltenden Verfassungsgesetzes Hongkongs, mit und war zudem Berater chinesischer Spitzenpolitiker. 1992 wurde er in den Executive Council des letzten britischen Gouverneurs Chris Patten berufen. Patten beschrieb ihn später als höflichen, aber beharrlichen Vertreter chinesischer Interessen.
Obwohl Tung vor seiner Kandidatur für das Amt des Regierungschefs in der breiten Öffentlichkeit vergleichsweise wenig bekannt war, galt er als von Peking bevorzugter Kandidat. Ein weithin beachtetes Signal dafür war eine Begegnung im Januar 1996, als der chinesische Staats- und Parteichef Jiang Zemin bei einem Empfang in der Großen Halle des Volkes gezielt auf Tung zuging und ihm die Hand schüttelte. Noch im selben Jahr setzte sich Tung in dem stark kontrollierten Auswahlverfahren für das Amt des Chief Executive durch.
Am 1. Juli 1997 übernahm er mit der Übergabe Hongkongs an die Volksrepublik China die Leitung der neuen Sonderverwaltungszone. Zu seinen zentralen Aufgaben gehörte damit die praktische Umsetzung des von Deng Xiaoping entwickelten Prinzips „Ein Land, zwei Systeme“, das Hongkong die Beibehaltung seines kapitalistischen Wirtschaftssystems und ein hohes Maß an Autonomie garantieren sollte.
Bereits kurz nach Tungs Amtsantritt wurde Hongkong von der Asienkrise erfasst, die zu starken Kursverlusten, Angriffen auf die Hongkong-Dollar-Bindung und zum Platzen einer Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt führte. Im August 1998 kaufte die Hongkonger Regierung Aktien lokaler Unternehmen im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar, um den Aktienmarkt zu stabilisieren und gegen Spekulanten vorzugehen. Die Immobilienpreise fielen anschließend mehr als sechs Jahre lang; 2003 war mehr als jede fünfte Wohnung weniger wert als die darauf lastende Hypothek.
Tungs Regierung verfolgte zugleich das Ziel, durch einen starken Ausbau des Wohnungsbaus die hohen Immobilienpreise zu senken, geriet damit nach dem Einbruch des Marktes jedoch zunehmend in die Kritik. Zu den größeren Projekten seiner Amtszeit gehörte außerdem die Ansiedlung von Hong Kong Disneyland.
Mehrfach wurde Hongkong während seiner Amtszeit auch von schweren Gesundheitskrisen getroffen. Neben Ausbrüchen der Vogelgrippe H5N1 traf die Stadt 2003 die SARS-Epidemie; in Hongkong starben 299 Menschen, was fast 40 Prozent der weltweit registrierten SARS-Todesfälle entsprach.
Die schwerste politische Krise seiner Amtszeit entstand im Zusammenhang mit einer geplanten Umsetzung von Artikel 23 des Basic Law zur nationalen Sicherheit. Tung unterstützte ab 2002 ein umfangreiches Gesetzespaket gegen unter anderem Verrat und den Diebstahl von Staatsgeheimnissen, das von Rechtsanwälten, Journalisten und Unternehmen als mögliche Gefahr für die Meinungsfreiheit kritisiert wurde. Am 1. Juli 2003 demonstrierten mehr als 500.000 Menschen gegen die geplanten Sicherheitsgesetze und zugleich gegen die Amtsführung Tungs während der SARS-Krise; zahlreiche Demonstranten forderten seinen Rücktritt. Seine Regierung zog das Gesetzesvorhaben nach den Protesten zurück.
Die Proteste verstärkten zugleich eine bereits bestehende Demokratiebewegung und den politischen Widerstand gegen eine stärkere Kontrolle Hongkongs durch Peking. Tungs Regierung geriet zudem wegen der als unzureichend empfundenen Fortschritte bei der Ausweitung direkter Wahlen unter Druck. Das 2003 gescheiterte Vorhaben einer lokalen Gesetzgebung auf Grundlage von Artikel 23 wurde schließlich 2024 unter Chief Executive John Lee in neuer Form verabschiedet.
Im März 2005 trat Tung schließlich zurück. Seine Popularität war durch die politischen Auseinandersetzungen stark gesunken, als offiziellen Grund für seinen Rücktritt nannte er jedoch die gesundheitlichen Folgen der hohen Arbeitsbelastung. Sein Nachfolger wurde Donald Tsang.
Nach seiner Zeit als Regierungschef gehörte Tung über vier Amtsperioden als einer der stellvertretenden Vorsitzenden der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes dem höchsten politischen Beratungsgremium der Volksrepublik China an.
In den Pandora Papers, einem 2021 veröffentlichten großen Datenleck über Steueroasen, wurde er als Aktionär, Direktor oder Begünstigter von Offshore-Gesellschaften genannt.
Seinen letzten bekannten öffentlichen Auftritt hatte Tung im Juli 2021 bei einer Veranstaltung zum 100. Jahrestag der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas; wenige Monate später unterzog er sich Berichten zufolge einer Herzoperation. Am 8. September 2026 starb er im Alter von 89 Jahren in Hongkong; sein Büro gab seinen Tod noch am selben Tag bekannt. Er hinterließ seine Ehefrau und drei Kinder.