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Tulpenmanie

Periode der Niederlande, in der Tulpen zum Spekulationsobjekt wurden

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Bei der Tulpenmanie (auch Tulipomanie, Tulpenwahn, Tulpenblase, Tulpenfieber oder Tulpenhysterie; niederländisch tulpenwoede, tulpengekte oder bollengekte) handelt es sich um eine Periode im Goldenen Zeitalter der Niederlande, in der Tulpenzwiebeln zum Spekulationsobjekt wurden.

Tulpen waren seit ihrer Einführung in die Niederlande in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein Liebhaberobjekt. Sie wurden in den Gärten der gesellschaftlich gehobenen Schichten des gebildeten Bürgertums, der Gelehrten und der Aristokratie kultiviert. Zu den auf Tauschhandel gegründeten Beziehungen dieser Liebhaber kam zum Ende des 16. Jahrhunderts der kommerzielle Handel mit Tulpen hinzu. In den 1630er Jahren stiegen die Preise für Tulpenzwiebeln auf ein vergleichsweise extrem hohes Niveau, bevor der Markt zu Beginn des Februars 1637 abrupt einbrach.

Die Tulpenmanie wird als die erste verhältnismäßig gut dokumentierte Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte angesehen. Sie wird auch metaphorisch zur Charakterisierung anderer, anscheinend irrationaler und riskanter Finanzentwicklungen gebraucht. Die Deutungen über den Anlass, den Verlauf und die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Tulpenmanie gehen auseinander. Für die traditionelle Lesart der Ereignisse und Auswirkungen, die sich schon in der zeitgenössischen Kritik findet und von späteren Interpretationen aufgegriffen wurde, handelten in den 1630er Jahren große Teile der niederländischen Bevölkerung mit Tulpen bis in die untersten Gesellschaftsschichten. Der rasche Preisverfall habe demgemäß den Ruin vieler Beteiligter bedeutet und der niederländischen Wirtschaft insgesamt einen schweren Schaden zugefügt. Andere Lesarten bemühen sich, den Preisanstieg und Preisverfall von Tulpen im Lichte der Markteffizienzhypothese nicht als irrationale und singuläre Manie darzustellen, kehren institutionelle Ursachen für die Blase hervor und schwächen die gesamtwirtschaftliche Bedeutung ab.

Tulpenliebhaberei in den Niederlanden

Der Mittelpunkt der Artenvielfalt der Pflanzengattung Tulpen (Tulipa) liegt im südöstlichen Mittelmeerraum. Von den Persern übernahmen die Türken die Kultivierung der Tulpen im 15. Jahrhundert. Im Osmanischen Reich galt sie als eine der edelsten Blumen und wurde spätestens im 18. Jahrhundert in großen Mengen in den Gärten des Sultans gepflanzt. Aus dem Osmanischen Reich gelangten Tulpen um 1555–60 über Konstantinopel (heute Istanbul) nach Wien. Wahrscheinlich importierte erstmals Ogier Ghislain de Busbecq, ein flämischer Edelmann und Botschafter von Kaiser Ferdinand I. am Hofe Süleyman I., Tulpensamen und -zwiebeln. Von ihm hat sich auch eine der frühesten, möglicherweise sogar die erste angefertigte Beschreibung eines Westeuropäers von einer Tulpe überliefert. In einem Brief vom 1. September 1555 gab er ihr den Namen Tulipan. Auch auf anderen Wegen, etwa aus Südeuropa oder im Zuge des Handels mit der Levante, gelangten Tulpen nach Mitteleuropa. 1559 sah der Schweizer Gelehrte Conrad Gessner im Garten des Augsburger Bankiers Johannes Heinrich Herwarth eine rote Tulpe, die er als Tulipa Turcarum beschrieb. Die Einführung der Tulpe leitete in der Gartenkultur die sogenannte orientalische Periode ein, in der neben Tulpen auch Hyazinthen und Narzissen Eingang in die westeuropäischen Gärten fanden und sich dort großer Wertschätzung erfreuten.

Der flämische Botaniker Carolus Clusius, seit 1573 Präfekt des Kaiserlichen Heilkräutergartens (Hortus botanicus medicinae) in Wien, kultivierte Tulpen ab 1574 in großem Stile. Im Garten Maximilians II. ließ er Zwiebeln und Samen auspflanzen bzw. aussäen. In der Folgezeit wurden blühende Tulpen unabhängig voneinander in Brüssel (1577), in Leiden (1590), in Breslau (1594) und in Montpellier (1598) beschrieben. Nach einer Station in Frankfurt am Main wurde Clusius 1593 zum Professor für Botanik in Leiden berufen und stand dort dem Hortus botanicus vor. Wie bereits in Frankfurt und in Wien war Clusius in Leiden ein wichtiger Punkt in einem Netzwerk an Blumenliebhabern, den liefhebbers. Sie waren durch ihren gehobenen gesellschaftlichen Rang, ihre humanistische Bildung und ihre Wertschätzung für Pflanzen miteinander verbunden. Im exklusiven Zirkel dieser Enthusiasten mischten sich Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Kreise. Zu den Blumenliebhabern zählten Gelehrte, gebildete und wohlhabende Bürger (Apotheker, Ärzte, Notare, Händler, Advokaten) sowie Adlige, für welche alle der Umgang mit Pflanzen keine Landwirtschaft, sondern eine Liebhaberei war.

Tulpen wurden aufgrund mehrerer Eigenschaften geschätzt. Sie waren neu, exotisch, exklusiv, dekorativ und anspruchsvoll. Um ihre Begeisterung für die Blumenzucht und liefhebberij zu pflegen, legten Amateure private Gärten an und besuchten sich gegenseitig in diesen, um sich über die Kultivierung der neuen Sorten auszutauschen und die jeweiligen Exemplare in Augenschein zu nehmen. Befördert wurde die Anlegung privater Gärten durch das Wachstum der holländischen Städte jenseits der Stadtmauern. So wurden beispielsweise die Häuser, die in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an den Kanälen der Amsterdamer Herengracht, Keizersgracht und Prinsengracht gebaut wurden, mit rückwärtigen Gärten entworfen. In anderen Städten wie in Haarlem legte man Gärten außerhalb der Stadtmauern an. In diesen Gärten wurden nicht mehr nur Heil- und Nutzkräuter gezogen, sondern die Gärten dienten auch der Kultivierung neuer Pflanzenarten wie Tulpen. So enthielt der Hortus botanicus in Leiden, der vor allem für Pflanzen zur medizinischen Verwendung angelegt wurde, bei Clusius’ Tod mehr als 600 Tulpenzwiebeln, mit denen keinerlei medizinische Wirkung verbunden wurde. Manche Blumenliebhaber spezialisierten sich auf das Sammeln und die Zucht von Tulpen, die in den Beeten mit großzügigem Abstand zueinander einzeln wuchsen.

Ausdruck fand die gesteigerte Wertschätzung und Bekanntheit für Blumen in den Stillleben, wie sie in dieser Periode etwa von Ambrosius Bosschaert d. Ä., Balthasar van der Ast und Roelant Savery, aber auch Rembrandt van Rijn gemalt wurden. In manchen dieser Werke taucht die Tulpe in Verbindung mit anderen Gegenständen als Symbol der Vanitas auf. Die kurze Blühdauer von April bis Juni und das zeitige Vergehen der Pflanzen nach der Blüte machten die Tulpen, so eine Lesart dieser Bilder, zum Memento mori.

Tulpen wurden auch in Wunderkammern gesammelt. Diese Sammlungen waren im Prinzip unterteilt in naturalia und artificialia. Jedoch wurden in der Praxis in der Natur vorkommende und menschgemachte Objekte zusammengesammelt und ausgestellt. Beispielsweise gehörte zum Hortus botanicus in Leiden auch eine Galerie (das Ambulacrum), in der die Raritätensammlung des Barent ten Broecke d. Ä. (Bernardus Paludanus) untergebracht war. Tulpenzwiebeln und Bilder von Tulpen fanden sich in diesen Kunst- und Naturalienkabinetten neben Kunstwerken und anderen raren und wertvollen Dingen wie Straußeneiern, Narwalhörnern, seltenen Mineralien und Muscheln. Manche Autoren wie der Sieur de La Chesnée Monstereul gingen so weit, die Tulpe zu den artificialia und nicht zu den naturalia zu zählen, weil in den Tulpenzüchtungen natürliche und menschliche Faktoren zusammenkamen.

Das Sammeln von Tulpen und anderen Raritäten wurde bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden kritisch begutachtet. In seiner 1614 erschienenen polemischen Sammlung von Emblemen Sinnepoppen (‚Sinnsprüche‘, Amsterdam 1614) vergleicht Roemer Visscher den Eifer der Sammler von Muscheln mit dem der Sammler von Tulpen. In zwei aufeinander folgenden Blättern zeigt er zum einen exotische Muscheln unter dem Titel Tis misselijck waer een geck zijn gelt aen leijt („Es ist verrückt, für was ein Narr sein Geld ausgibt“), zum anderen Tulpen unter der Überschrift Een dwaes en zijn gelt zijn haest ghescheijden („Ein Narr und sein Geld sind eilends geschieden“).

Die Tulpenliebhaber unterhielten ihre Beziehungen durch den Tausch, nicht den Verkauf von Tulpen. Ihr Ansehen (Reputation) beruhte auf Kennerschaft, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und der Bereitschaft, Wissen und Güter bereitwillig zu tauschen. Jedoch bedingte die hohe Wertschätzung und Seltenheit der Tulpen auch, dass sie zu einem finanziell kostbaren Gut wurden. Dies zeigt sich etwa in den Diebstählen von Tulpenzwiebeln. So wurde Clusius allein 1569 zweimal bestohlen, und ihm wurden dabei über 100 Tulpen entwendet. Zu der Kultur der Blumenliebhaber trat der wirtschaftliche Handel mit Blumen. Seit mindestens der Mitte der 1570er Jahre wurden seltene Pflanzen und Blumen gehandelt. Clusius berichtet beispielsweise von Händlern, die 1576 Schneerosen in Wien verkauft hätten. Zu den etablierten Amateuren und ihren Tauschgeschäften kamen neue Teilnehmer hinzu, die mit Blumen kommerziell handelten (rhizotomi ‚Wurzelschneider‘, wie Clusius sie nannte). Es finden sich aber auch Belege, dass die liefhebbers selbst und nicht nur neu dazukommende Händler aktiv an der Kommodifizierung der Tulpen teilgehabt haben und Tulpen sowohl kauften als auch verkauften.

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