Tschetschenien (tschetschenisch Нохчийн Республика, Noxçiyn Respublika, kurz: Нохчийчоь/Noxçiyçö, russisch Чеченская Республика/Tschetschenskaja Respublika, kurz: Чечня/Tschetschnja) ist eine im Nordkaukasus gelegene autonome Republik der Russischen Föderation. Die Region hat etwa 1,5 Millionen Einwohner und ist Heimat der überwiegend muslimischen Tschetschenen.
Die aus der Tschetscheno-Inguschischen ASSR hervorgegangene Republik war nach der Auflösung der Sowjetunion Schauplatz von zwei Kriegen zwischen teils islamistischen Separatisten und der russischen Zentralregierung, die zu schweren Zerstörungen führten. Der Konflikt endete mit dem Verbleib Tschetscheniens im russischen Staatsverband. Die tschetschenische Exilregierung ist Mitglied der UNPO. Teile der tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung wechselten 2007 zum Kaukasus-Emirat, das ebenfalls Anspruch auf Tschetschenien erhob.
Seit Ende der Kriege begann eine wirtschaftliche Erholung und der Wiederaufbau der Region. Sie wird seither allerdings zunehmend diktatorisch von Ramsan Kadyrow regiert. Unter ihm kommt es regelmäßig zu schweren Menschenrechtsverletzungen wie außergerichtlichen Tötungen und Folter seiner Gegner und vermuteter homosexueller Männer, was von der russischen Regierung geduldet wird.
Tschetschenien, früher im Föderationskreis Südrussland gelegen, wurde durch eine Ausgliederung ab dem 19. Januar 2010 dem neu gebildeten Föderationskreis Nordkaukasus zugeordnet. Es grenzt im Süden an Georgien, im Osten an die autonome Republik Dagestan, im Westen an die autonomen Republiken Inguschetien und Nordossetien-Alanien sowie im Norden an die Region Stawropol und wird vom Fluss Terek durchquert.
Tschetschenien hat 1.533.209 Einwohner (Stand 2022). Es sind wegen des jahrelangen Bürgerkriegs fast nur noch Tschetschenen, denn die früher zahlreichen Minderheiten, darunter Russen, Inguschen, Armenier und Ukrainer, haben das Land infolge des Krieges größtenteils verlassen. Als die Tschetschenen nach dem Zweiten Weltkrieg unter Stalin deportiert wurden, war die Region kurzfristig mehrheitlich von Russen bewohnt, nach der Wiederherstellung Tschetscheno-Inguschetiens erlangten die Tschetschenen ihre Bevölkerungsmehrheit aber zurück. Neben der Hauptstadt Grosny war der Norden Tschetscheniens das Zentrum der russischen Minderheit. Nordtschetschenien war teilweise erst Ende der 1950er-Jahre an Tschetschenien angeschlossen worden und bis dahin mehrheitlich von Russen bewohnt. In den Rajons Naurski und Schelkowskoi, die erst 1957 zu Tschetschenien kamen, lag 1939 der russische Bevölkerungsanteil bei 94 % bzw. 86 %, der der Tschetschenen bei 0,1 % bzw. 0,8 %. Seit den 1960er-Jahren nahm der russische Bevölkerungsanteil in Tschetschenien kontinuierlich ab, was zum einen an einer niedrigeren Geburtenrate lag, zum anderen an Abwanderung aus wirtschaftlichen Gründen und wegen zunehmender ethnischer Spannungen zwischen Russen und Tschetschenen. Mit dem Beginn des ersten Tschetschenienkrieges kam es zu einem Kollaps der Wirtschaft und ethnischen Säuberungen gegen Russen, die in einem Exodus dieser Bevölkerungsgruppe gipfelten. 160.000 Einwohner Tschetscheniens seien nach offiziellen Angaben seit 1994 durch den Krieg und seine Folgen ums Leben gekommen, teilte im August 2005 der tschetschenische Staatsratsvorsitzende Taus Dschabrailow mit. Von den Opfern seien etwa 100.000 russischer Abstammung, weitere 30.000 bis 40.000 seien tschetschenische Kämpfer oder Zivilisten gewesen, schätzte er. Die Zahl der zwischen 1991 und 1994 im Laufe der ethnischen Säuberungen aus Tschetschenien vertriebenen Russen wurde vom russischen Innenministerium mit über 20.000 angegeben. Diese Daten werden nicht durch unabhängige Quellen bestätigt.
Laut amtlicher Bevölkerungszählung von 2002 beträgt die Anzahl der Tschetschenen in Russland 1.360.253 Personen (1989: 898.999 Personen). Die Sprache der Tschetschenen gehört zu den kaukasischen Sprachen. Die Tschetschenen bekennen sich überwiegend zum Islam.
Zur früheren Geschichte: siehe Tschetschenen
Die russische Einflussnahme in Tschetschenien begann bereits im 16. Jahrhundert, als 1559 die Kosakenfestung Tarki gegründet wurde und 1587 das erste Kosakenheer entstand. Zu dieser Zeit lebten die Tschetschenen allerdings noch im gebirgigen Südteil, die Ebenen im Norden wurden erst im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts allmählich besiedelt. Nachdem sich bis 1801 die orthodoxen Länder Georgien und Ossetien unter den Schutz Russlands vor den Osmanen gestellt hatten, wurde die Georgische Heerstraße gebaut, die nahe an Tschetschenien vorbeiführte. Sie stellte die strategisch wichtigste Verbindung Russlands nach Südkaukasien dar und war eine häufige Zielscheibe für Raubüberfälle der Tschetschenen und Inguschen. Im Gegenzug entsandte Russland immer wieder Strafexpeditionen in das Gebiet der Bergvölker. Auch die Terekkosaken siedelten sich in Tschetschenien an.
Die Bergvölker widersetzten sich zäh den Russen. In den so genannten Muridenkriegen von 1828 bis 1859 wurden sie von Imam Schamil, einem Dagestaner, angeführt. Nach seiner Gefangennahme 1859 dauerte es noch bis 1864, bis die russischen Offiziere das Land durch weitere Kriegsmaßnahmen unter ihre Verwaltung gebracht hatten. Allerdings erstreckte sich ihre Macht nur auf die militärischen Stützpunkte entlang der Heerstraßen. Obwohl die russischen Truppen zahlenmäßig und waffentechnisch weit überlegen waren, leistete ein großer Teil der Bergbevölkerung weiteren Widerstand. Während des Russisch-Osmanischen Kriegs (1877–1878) erhoben sich die Kaukasier erneut gegen Russland. Dieser Aufstand wurde niedergeschlagen. Die russische Besatzung löste eine Auswanderungs- und Deportationswelle aus, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts anhielt. Tausende Kaukasier wurden in das Osmanische Reich (das damals außer der heutigen Türkei auch alle Länder des vorderen Orients einschloss) deportiert oder flüchteten dorthin.(→Muhacir) In den eingenommenen Städten und Dörfern wurden unter anderem Kosaken und Armenier angesiedelt. Tschetschenien gehörte während des Bestehens des Russischen Reiches zur Oblast Terek.
Infolge des Zerfalls des Russischen Kaiserreiches nach der Februarrevolution und der Oktoberrevolution bildete sich ab 1917 im Nordkaukasus die Bergrepublik, die bis 1918/19 bzw. 1920 bestand und von der weißen Freiwilligenarmee unter General Anton Iwanowitsch Denikin zerschlagen wurde. Schließlich wurde das Gebiet Anfang 1920 von der Roten Armee unter Sergo Ordschonikidse erobert.
1921 wurde Tschetschenien Teil der Sowjetischen Gebirgsrepublik und 1922 Autonomes Gebiet, das seinerseits 1934 mit dem inguschischen Autonomen Gebiet zum Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Gebiet vereint wurde und 1936 den Status einer ASSR erhielt. 1939 lebten in Tschetschenien 622.000 Menschen, von denen 58 % Tschetschenen und 34,3 % Russen waren.
Nach einer anfänglichen, vergleichsweise liberalen Phase unter Lenin, in der die Sprachen kleinerer Völker, darunter auch das Tschetschenische, zur Schriftsprache ausgebaut und gefördert wurden (Korenisazija), kehrte die Sowjetunion unter Stalin bald zu einer repressiven Kulturpolitik zurück, die speziell in Tschetschenien zu Unzufriedenheit führte. Ab 1939 kam es dort zu ersten Unruhen, bevor 1940/41 ein anti-sowjetischer Aufstand unter Führung von Hassan Israilow begann. Die Rebellion der Tschetschenen und anderer Kaukasusvölker wurde auch von einigen deutschen Saboteuren unterstützt (→Unternehmen Schamil). Tatsächlich unterstützten nur wenige Tschetschenen den Aufstand Israilows, der 1943 über rund 18.000 Unterstützer verfügte. Ob der tschetschenisch-nationalistisch gesinnte Ex-Kommunist Israilow seine Hoffnungen in die Wehrmacht steckte und zur Kollaboration bereit war, wird kontrovers diskutiert. Es gab allerdings nur kurzzeitig wenige Kontakte von Ende August bis Anfang Dezember 1942. Nachdem die deutsche Wehrmacht nicht bis nach Tschetschenien hatte vordringen können, wurde der Aufstand nach anfänglichen Erfolgen schnell niedergeschlagen.