Tournai (französisch, aus lateinisch Turnacum; niederländisch , deutsch veraltet Dornick) ist eine Stadt am Fluss Escaut (niederländisch: Schelde) in der Provinz Hennegau (niederländisch Henegouwen, französisch Hainaut) im picardischen Teil von Wallonien, dem überwiegend frankophonen Teil Belgiens. Sie hatte am 1. Januar 2019 gemäß den Angaben des nationalen Registers 69.233 Einwohner. Die Stadt liegt etwa 85 km südwestlich von Brüssel. Mit einer Fläche von über 213,75 km² ist sie die größte Gemeinde Belgiens.
Seit dem Zusammenschluss belgischer Gemeinden 1977 besteht die Gemeinde Tournai aus 30 Entitäten oder Sektionen. Das sind neben der alten Stadt Tournai 29 Dörfer. Alle diese Sektionen waren vor 1977 eigenständige Gemeinden. Durch die Fusion wurde Tournai zur flächenmäßig größten Kommune Belgiens, mit einer Fläche von 213,75 km². Die Kommune gliedert sich in fünf Distrikte: Tournai, Froidmont, Gaurain, Kain und Templeuve. Von den insgesamt etwa 70.000 Einwohnern leben gut 30.000 in der Kernstadt Tournai.
Tournai ist Teil des Arrondissements Tournai-Mouscron in der Provinz Hainaut. Diese gehört wiederum zur Wallonischen Region sowie zur Französischen Gemeinschaft Belgiens. Tournai ist frankophon.
Die Kommunalwahl am 14. Oktober 2018 führte zu folgendem Ergebnis:
Die Sozialisten und die Liberalen hatten gegenüber der letzten Kommunalwahl 2012 deutliche Verluste erlitten, die bis 2018 regierende Koalition dieser beiden Parteien zerbrach. Wahlsieger war Ecolo mit starken Zugewinnen. Es bildete sich eine Koalition von PS und Ecolo, zum Bürgermeister wurde Paul-Olivier Delannois von der Sozialistischen Partei gewählt.
Nach der Wahl wurde eine Koalition aus MR, LE und Ecolo eingegangen. Sie kommen zusammen auf 22 der 39 Sitze.
Man könnte eine Koalition aus PS und Ecolo bilden. Sie kämen auf 108 von 195 Sitzen.
Tournai liegt an der Stelle des römischen Turnacum, das seit diokletianischer Zeit als Nachfolger von Castellum Menapiorum der Hauptort (civitas) der Menapier war. Sie ist nach Arlon und Tongern die drittälteste Stadt Belgiens. Die Anlage einer ersten Befestigung wird auf das Ende des dritten Jahrhunderts oder Beginn des vierten Jahrhunderts datiert. Allerdings fand sich bei Ausgrabungen in der rue de La Loucherie südlich der Domkirche eine große bäuerliche Hofanlage aus der Eisenzeit, deren Einfriedungen bis zum Vieux Marché du Beurre reichten.
In den 50er Jahren wurde unter Kaiser Claudius der Norden Galliens ausgebaut und die Grenze nach Germanien militärisch gesichert. So wurde an der Stelle eines vicus ein römisches Militärlager an der Furt über die Schelde erbaut, an der sich wichtige Handelsstraßen kreuzten und vor allem die zur befestigten Römerstraße ausgebaute Verbindung zwischen Boulogne-sur-Mer und Köln die Schelde überquerte. Diese Straße ist in Belgien als Chaussée Brunehaut bekannt und wird in Deutschland neuerdings als Via Belgica bezeichnet. Von dem Römerlager wurden 1954 Teile des umlaufenden Wassergrabens entdeckt.
In der Folge zeigte sich die Befestigung als zu schwach, im zweiten Jahrhundert plünderten Chauken die Stadt, im dritten Jahrhundert Franken und Alemannen. Möglicherweise auf Kaiser Diokletian geht die nachfolgende Befestigung zurück. Tournai wurde in dieser Zeit zum Hauptsitz der keltisch-germanischen Menapier. Die römische Garnison bestand zu dieser Zeit vor allem aus germanischen Laeten. Die Vandalen überfielen und plünderten Römerlager und vicus 406, womit die römische Zeit in Tournai endete.
Dass Römer unter ihrem König Lucius Tarquinius Priscus im Jahre 606 vor Christus den Ort gegründet hätten, der deswegen als „zweites Rom“ gelte, ist eine mittelalterliche Legende. Ebenso ist ein römischer oder gallischer Heerführer Turnus nicht historisch gesichert, der die lokalen Gallier gegen Julius Cäsar im Gallischen Krieg angeführt habe. Er wurde aber lange Zeit als Erklärung für den Namen Tournai angeführt, dessen erste Überlieferung Tornacus ist und als „Siedlung des Turnus“ gedeutet wurde.
Die Stadt wurde Mitte des 5. Jahrhunderts unter Merowech merowingischer Herrschaftssitz, von wo aus auch Childerich I. agierte. Nach 487 verlegte Chlodwig I. den Königssitz nach Soissons. Die Stadt gehörte seitdem zum Frankenreich und kam im 10. Jahrhundert zur Grafschaft Flandern.
Nach der Schlacht bei Guinegate wurde die Stadt von den Engländern belagert und musste am 24. September 1513 kapitulieren. Der spätere englische Kardinal Thomas Wolsey bemächtigte sich gegen den von Papst Leo X. als gewählten Bischof 1513 eingesetzten Lois Guillard 1514 des Bistums Tournai. Wolsey gab es erst 1519 für eine jährliche Leibrente von 12.000 Livre des französischen Königs Franz I. frei.
1521 kam die Stadt in den Besitz der Habsburger und blieb auch nach der Unabhängigkeit der Republik der Sieben Vereinigten Provinzen bei den Spanischen Niederlanden. Ab 1714 gehörte sie zu den Österreichischen Niederlanden.
1653 wurde in Tournai das Grab des Königs Childerich entdeckt, dessen Grabbeigaben 1831 teilweise gestohlen wurden. Der andere Teil befindet sich in der Bibliothèque nationale de France in Paris.
1667 wurde Tournai im Rahmen des Devolutionskrieges (1667–1668) zwischen Frankreich und Spanien belagert und nach vier Tagen durch Kapitulation der Spanier von den Franzosen erobert.
1709 wurde Tournai während des Spanischen Erbfolgekrieges von den Truppen des Herzogs von Marlborough und des Prinzen Eugen von Savoyen eingenommen. Nach dem Barrieretraktat von 1715 gehörte der Ort zu den Festungen, die mit Besatzungen der Republik der Vereinigten Niederlande belegt waren.
Im Jahr 1745 wurde die Stadt im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges von französischen Truppen unter dem Maréchal de Saxe belagert und erobert, wobei die Zitadelle komplett zerstört wurde. Tournai war bis zum Frieden von Aachen (1748) in französischer Hand und wurde anschließend zurückgegeben.