Torquato Tasso (* 11. März 1544 in Sorrent; † 25. April 1595 in Rom) war ein italienischer Dichter des 16. Jahrhunderts, der Zeit der Gegenreformation. Am bekanntesten wurde er durch das Epos La Gerusalemme liberata (Das befreite Jerusalem, ins Deutsche auch als Gottfried von Bulljon übersetzt), in dem er ein fiktives Gefecht zwischen Christen und Muslimen am Ende des Ersten Kreuzzuges während der Belagerung von Jerusalem beschreibt; bekannt wurde er auch wegen seiner Paranoia, an der er den größten Teil seines Lebens litt.
Bernardo Tasso, der Vater Torquatos, war ein Graf aus dem Hause Tasso von Bergamo, von dem sich auch die Linie derer von Thurn und Taxis (italienisch della Torre e Tasso) ableitet. Zwischen 1532 und 1558 arbeitete er als Sekretär im Dienste Ferrante Sanseverinos, des Fürsten von Salerno. Tassos Mutter war Porzia dei Rossi, die Tochter einer noblen neapolitanischen Familie mit Wurzeln in Pistoia.
Torquato wurde in Abwesenheit seines Vaters geboren, da dieser von 1543 bis 1544 mit seinem Herrn am vierten italienischen Krieg zwischen Karl V. und Franz I. teilnehmen musste. Von seinen Geschwistern lernte Tasso nur seine ältere Schwester Cornelia kennen, da der 1542 geborene Bruder (er hieß ebenfalls Torquato) im Jahr seiner Geburt verstarb.
Nach der Rückkehr des Vaters nach Sorrent im Januar 1545 zog die Familie im Sommer desselben Jahres nach Salerno, wo Torquato Tasso seine ersten Jahre verbrachte. Als Ferrante Sanseverino mit Pedro Álvarez de Toledo, dem Vizekönig von Neapel, in Konflikt geriet, wurde er geächtet und enteignet. Bernardo Tasso blieb seinem Herrn jedoch treu und verließ ebenfalls die Stadt, um diplomatische Aufgaben in Ferrara und später Paris anzunehmen. Seine Ehefrau zog inzwischen zu ihren Eltern nach Neapel, wo Torquato in einer von Jesuiten betriebenen Schule erzogen wurde. Er lernte mit raschem Fortschritt Latein, Griechisch und Rhetorik. Die frühe Reife seines Intellekts und seine religiöse Leidenschaft erregten allgemeines Aufsehen, so dass er schon mit acht Jahren Berühmtheit erlangte.
1554 wurde dem zehnjährigen Torquato Tasso erlaubt, in Begleitung seines Hauslehrers Don Giovanni Angeluzzo zu seinem Vater zu ziehen, der inzwischen eine Wohnung im Palast des Kardinals Ippolito II. d’Este bewohnte. Porzia Tasso blieb in Neapel und starb nur wenige Monate später unter mysteriösen Umständen. Die Nachricht von ihrem plötzlichen Tod, nachdem sie kurz zuvor über Unwohlsein geklagt hatte, erreichte Bernardo und Torquato Tasso im Jahr 1556. Den Schmerz über dieses Ereignis verarbeitete Tasso später in der Kanzone Al Metauro. Bernardo Tasso war überzeugt, dass seine Frau von ihren Brüdern vergiftet worden war, da diese auf eine Rückzahlung der Mitgift spekulierten. Zu einem Rechtsstreit kam es jedoch erst, als sich Cornelia Tasso im selben Jahr gegen den Willen ihres Vaters verheiratete und ihr Anspruch auf eine Mitgift aus dem mütterlichen Vermögen geprüft werden sollte. Im Rahmen des Verfahrens wurde nun auch Torquato Tasso, wie zuvor schon sein Vater, zum Rebellen erklärt und der Besitz der verstorbenen Porzia Tasso zwischen ihren fünf Brüdern, ihrer Tochter Cornelia und der Regierung aufgeteilt. Aus dieser Zeit ist ein Brief des zwölfjährigen Torquato Tasso an die gleichnamige Nichte von Vittoria Colonna erhalten, in dem er sie als Ehefrau des einflussreichen García de Toledo Osorio um finanzielle Unterstützung bittet.
Im September 1556 wurde Torquato Tasso in Begleitung von Don Angeluzzo und Cristoforo Tasso (einem Cousin zweiten Grades, der zum Studium nach Rom gekommen war) zu Cristoforos Familie nach Bergamo geschickt. Dort lernte Tasso seinen Cousin Ercole kennen, der später ebenfalls eine Karriere als Schriftsteller begann.
Acht Monate später wurde Torquato von seinem Vater nach Pesaro gerufen, wo dieser zunächst als Gast und später als Bediensteter von Guidobaldo II. della Rovere lebte. Am Hof von Urbino wurde der junge Torquato Tasso zum Studiengefährten von Francesco Maria II. della Rovere, des Erben des Herzogs von Urbino, und wurde unter anderem von dem italienischen Schriftsteller Girolamo Muzio unterrichtet.
Im Frühling 1559 unternahm Torquato Tasso mit seinem Vater eine Reise nach Venedig, wo er unter anderem Sperone Speroni, Girolamo Ruscelli und Francesco Patrizi da Cherso kennenlernte. Torquato, der in der Abtei Cava de’ Tirreni das Grab von Papst Urban III. gesehen hatte und dem bei dieser Gelegenheit die Geschichte des Ersten Kreuzzuges erzählt worden sein soll, begann möglicherweise in diesem Jahr mit der Arbeit an den ersten drei Gesängen des späteren Gerusalemme. Der Text ist jedoch nur fragmentarisch erhalten und könnte auch in zeitlicher Nähe zum Rinaldo entstanden sein.
Im Jahr 1560 begann Torquato Tasso in Padua mit dem Studium der Rechtswissenschaften, besuchte aber im Jahr darauf nur noch Vorlesungen in Philosophie und Sprachfertigkeit bei Francesco Piccolomini (1520–1604) und Carlo Sigonio. In jenen Jahren gehörte Tasso auch einem privaten Kreis von Gelehrten rund um Sperone Speroni an. In dieser Umgebung arbeitete er intensiv an der Fertigstellung des Rinaldo. Das erzählende Gedicht wurde im Sommer 1562 mit einer Widmung an Luigi d’Este, den damaligen Dienstherrn von Bernardo Tasso, veröffentlicht.
Im November 1562 begann Tasso ein Studium in Bologna, wo er oft private Literatur-Akademien besuchte. Den Sommer verbrachte er bei seinem Vater in Mantua, wo dieser als Sekretär von Guglielmo Gonzaga arbeitete. Zu Beginn des Jahres 1564 gingen Torquato Tasso aus unbekannten Gründen die finanziellen Mittel aus, die er zur Fortsetzung seines Studiums benötigte. Ungefähr zeitgleich wurde er beschuldigt, sich als Pasquillant zu betätigen, was zur Beschlagnahmung all seiner Papiere und letztlich zu einem Gerichtsprozess führte, von dem die Akten erhalten geblieben sind. Tasso floh nach Modena zu Tommaso Rangone, einem alten Förderer seines Vaters. Von dort aus schrieb er einen Brief an den Päpstlichen Legaten in Bologna, in dem er zwar zugibt, die Schmähschriften rezitiert zu haben, sich aber nicht über deren Verfasser äußert. Im März 1564 kehrte Tasso auf Einladung von Scipione Gonzaga nach Padua zurück. Er wurde unter dem Namen Pentito Mitglied der von Gonzaga gegründeten Academia degli Eterei und nahm an der Universität seine unterbrochenen Studien wieder auf. Ob Tasso seine Studien jemals abschloss, ist nicht bekannt. Während seines Aufenthaltes in Padua verfasste er seine ersten lyrischen Stücke. Einige davon widmete Tasso der jungen Hofdame Lucrezia Bendidio, die einer vornehmen ferraresischen Familie entstammte und vielfach als Tassos erste Liebe bezeichnet wird. Die anderen tragen meist eine Widmung an Laura Peverara, die als Sängerin im Canto delle Dame di Ferrara Berühmtheit erlangt hatte.
Nach Beendigung seines Studiums im Sommer 1565 begab sich Tasso nach Ferrara, um als Hofdichter in die Dienste des Kardinals Luigi d’Este zu treten. Dort lernte er unter anderem Giovan Battista Nicolucci und Giovanni Battista Guarini kennen. Am Hof hatte er auch die Gelegenheit, weiter am Gerusalemme zu arbeiten und stellte im Laufe des Jahres 1566 die ersten sechs Canti des Gottifredo fertig.
Am 5. September 1569 starb Bernardo Tasso im Beisein seines Sohnes in Ostiglia. Im Oktober 1570 reiste Tasso zusammen mit anderen Höflingen nach Paris, wo sie finanzielle Angelegenheiten des Kardinals klären sollten und im Kloster Chaalis wohnten. Der Kardinal selbst kam erst im Februar 1571 an, um an den Hochzeitsfestlichkeiten für Karl IX. teilzunehmen. In seinem Dialog Cattaneo (1585) erwähnt Tasso, dass er während seines Aufenthaltes in Frankreich den Dichter Ronsard kennen lernte.
Am 15. April 1571 kehrte er für ein paar Tage nach Ferrara zurück, dann reiste er nach Rom, von dort nach Pesaro und Urbino, wo er Lucrezia d’Este traf, die im Jahr zuvor den Prinzen Francesco Maria II. della Rovere geheiratet hatte. Mit ihr kehrte er im September nach Ferrara zurück. Ab Januar des Jahres 1572 nahm er Dienst unter Herzog Alfonso II., dem Bruder von Kardinal Luigi d’Este, zuerst ohne fest definierte Tätigkeit, ab 1576 offiziell als Historiker des Hofes, und erlangte unter diesem zunehmend Bekanntheit.