An diesem Tag

Tomi Ungerer

Französischer Zeichner, Grafiker und Illustrator (1931-2019)

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Jean-Thomas „Tomi“ Ungerer (* 28. November 1931 in Straßburg; † 9. Februar 2019 in Cork, Irland) war ein französischer Grafiker, Schriftsteller und Illustrator von Bilderbüchern für Kinder und Erwachsene. Ungerer verstand sich als Elsässer und überzeugter Europäer, blieb jedoch ein Skeptiker gegenüber der europäischen Bürokratie. Von 1976 an lebte er abwechselnd im Südwesten Irlands und in seiner Heimatstadt Straßburg.

Tomi Ungerer wurde 1931 nach zwei Schwestern und einem Bruder als jüngstes Kind der Familie geboren. Er entstammte einer alteingesessenen protestantischen Familie aus dem Elsass. Sein Vater Théodore Ungerer und Großvater Alfred Ungerer arbeiteten als Uhrmacher und Turmuhren­fabrikanten. Théodore Ungerer war darüber hinaus auch ein Künstler, Historiker und Büchersammler. Er wartete u. a. die astronomische Uhr des Straßburger Münsters. Außerdem entwarf und baute er die größte astronomische Uhr der Welt im Dom von Messina auf Sizilien. Ungerers Mutter Alice, geborene Essler (1896–1989), stammte aus einer oberrheinischen Industriellenfamilie. Er lernte seinen Vater nie richtig kennen, denn dieser starb 1935 an den Folgen einer Blutvergiftung, als Tomi fast vier Jahre alt war. Später widmete er einige Bilderbücher ausdrücklich vierjährigen Kindern.

Die Mutter zog nach dem Tod des Vaters mit Tomi und seinen drei Geschwistern zurück in ihr Elternhaus nach Logelbach, einem Industrievorort von Colmar, das von der Firma Haussmann zur Verfügung gestellt worden war. Der Vater von Ungerers Mutter war technischer Direktor bei der Spinnerei Haussmann. Ungerer wurde als Kind von seinen Spielkameraden ferngehalten, und zu Hause sprach man nur Französisch, denn Elsässisch galt als die Sprache des Volkes. In seinem Kinderbuch Kein Kuss für Mutter (1974) spielt er auf diese Fürsorglichkeit an. Als Jüngstem in der Familie habe man ihm nie zugehört und ihn nicht ernst genommen, dafür habe man ihm alle Streiche durchgehen lassen.

Erst mit neun Jahren ging Ungerer wegen der Schulpflicht, die die deutsche Besatzung eingeführt hatte, zur Volksschule. Innerhalb von drei Monaten erlernte er die deutsche Hochsprache und den elsässischen Dialekt. Zudem kam er erstmals mit den einfachen Dorfkindern in Kontakt, von denen ihn seine Mutter hatte fernhalten wollen. Auf diese Weise erlebte er die deutsche Besatzung zunächst als eine persönliche Befreiung. Ungerer lernte sich anzupassen: zu Hause war er Franzose, in der Schule der deutsche Hans und bei seinen Spielkameraden ein Elsässer. Trotz dieser Beschwernisse schätzte er sein Familienleben als bildend und aufbauend für Geist und Gemüt ein: „Ich bin wirklich aufgewachsen mit dem Respekt vor der Schönheit der Natur. Und das hat mich total geprägt, mein ganzes Leben. Wir hatten ein echtes altmodisches Familienwesen: Jeden Abend nach dem Essen wurde Karten gespielt, aus Büchern vorgelesen oder gesungen.“ Er wurde von früh an ermutigt, zu zeichnen und zu schreiben. Seine Bushaltestelle zur „Matthias Grünewald-Schule, Oberschule für Jungen“ (heute Lycée Bartholdi) in Colmar lag vor dem Musée d’Unterlinden, in dem er sich immer bei Regen aufhielt und so oft Grünewalds Isenheimer Altar bewundern konnte.

Seine Schuljahre wurden zunehmend von Krieg und Besetzung geprägt. Im Erdgeschoss des Elternhauses wurde ein Wehrmachtsoffizier einquartiert. Gegenüber lag die Fabrik Haussmann, die zu einem Gefangenenlager umfunktioniert wurde. Im Winter 1944/1945 wurde drei Wochen lang in einem Stellungskrieg um den Brückenkopf Elsass (französisch Poche de Colmar) gekämpft. Ungerer durchlief einen zweimaligen Wechsel der Unterrichtssprache – von Französisch zu Deutsch durch autoritäre, nationalsozialistische Lehrer und wieder zurück zum Französischen, das nun ebenso konsequent durchgesetzt wurde. Ebenso belastete ihn, dass nicht nur Hochdeutsch, sondern auch der regionale Dialekt verboten wurde. Daher bezeichnete er die Vorgehensweise der Franzosen als ein „kulturelles Verbrechen“ (crime culturel) und einen „kulturellen Mord“. Ihm wurde nahegelegt, seinen Akzent abzulegen, bevor er sich mit französischer Literatur beschäftige. Dies führte zu Schwierigkeiten mit dem Französischen, sodass er knapp das Baccalauréat (Abitur) verfehlte. Schließlich wurde er in seinem Abschlusszeugnis vom Schuldirektor als „pervers und subversiv“ beurteilt. Während der deutschen Besatzung lernte er nach der Berlitz-Methode so gut Englisch, dass er nach dem Krieg als Dolmetscher für die französischen Offiziere arbeiten konnte.

Mit zwölf Jahren schrieb er in sein Schulheft: „Ich werde der Wanderer sein.“ Seine frühen Jahre wurden tatsächlich zu ruhelosen Lehr- und Wanderjahren, er fuhr auf dem Fahrrad durch Frankreich, später quer durch Europa. Die Reisen führten ihn auch zu einem Méhari-Kamelreiter-Regiment in Algerien bei der französischen Fremdenlegion, wo unter Anleitung von Ungerer Nazilieder beim Marschieren gesungen wurden. Wegen einer Rippenfellentzündung lag er sechs Monate im Lazarett, dabei lernte er die arabische Musik kennen. Nach seiner Ausmusterung führten ihn seine Wanderungen zu Fuß und per Anhalter bis nach Nordnorwegen bei Murmansk ins sowjetische Grenzgebiet, danach war er auf kleinen Frachtern als Matrose im Nordatlantik unterwegs. Im Oktober 1953 schrieb er sich für ein paar Monate in der Straßburger École Municipale des Arts Décoratifs ein.

Einerseits hatte er Respekt vor dem Bildungsgut des Bildungsbürgertums, entwickelte eine Liebe zu den Büchern und schätzte besonders die Malerei. Andererseits hatte er auch eine große Energie und Willenskraft, sich mit Neuem auseinanderzusetzen und Grenzen zu überwinden, was ihm auch die US-amerikanische Kultur in Straßburg näher brachte. Im amerikanischen Kulturzentrum (Centre Culturel Américain, damals im amerikanischen Generalkonsulat) entdeckte er die Werke des Cartoonisten Saul Steinberg und des Zeichners James Thurber. Dort lernte Ungerer auch die amerikanische Fulbright-Studentin Nancy White kennen, mit der er eine Europareise machte und sie später heiratete. Bald stand sein Entschluss fest, sein Glück in der Neuen Welt zu suchen.

1956 wanderte Ungerer mit 60 Dollar und einigen Zeichnungen in der Tasche in die USA, nach New York, aus. Unterernährt und mit einer verschleppten Rippenfellentzündung wurde er von der Notfallstation eines Krankenhauses abgewiesen, wo man ihm eine Behandlung verweigerte, da er nicht genug Geld hatte. Anderntags sprach er bei der Kinderbuchlektorin von Harper, Ursula Nordström, vor, um einen Vertrag für sein Kinderbuch zu erhalten. Nordström lehnte zunächst bedauernd ab, nach seinem Zusammenbruch gewährte sie ihm schließlich einen Vorschuss von 500 Dollar Bargeld.

1957 gewann er seinen ersten Preis für sein erstes illustriertes Kinderbuch, The Mellops go flying, eine Geschichte mit kleinen Schweinchen. Programmatisch für sein Lebenswerk vereinten sich in den Figuren der kleinen Schweinchen kindliche Unschuld und in symbolischer Hinsicht das Laster. Das Buch wurde zum Bestseller. Im selben Jahr knüpfte er den Kontakt mit seinem späteren Hausverlag, dem Zürcher Diogenes Verlag. Nun arbeitete er gleichzeitig als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker.

In dem Zusammenhang illustrierte Ungerer 1967 im Auftrag des Diogenes Verlegers Daniel Keel das Erstlingswerk des damals in New York lebenden Journalisten Herbert Feuerstein, den satirischen Reiseführer "New York für Anfänger" [Quelle: Herbert Feuerstein "Die neun Leben des Herrn F." Autobiographie, S. 179 Abs. 2].

1956 heiratete er in den USA Nancy White, mit der er seit seiner Ankunft zusammen lebte. Da sie die Tochter des Sheriffs von Amarillo war, konnte sie ihm bei der schnellen Bewilligung der Greencard helfen. 1959 heiratete er die Herausgeberin und Journalistin Miriam Strandquest, mit der er die Tochter Phoebe (* 24. Mai 1961) hatte.

Mitte der 1960er-Jahre schockierte Ungerer mit den Cartoonbänden Geheimes Skizzenbuch und The Party, in denen er auf drastisch-satirische Weise die New Yorker Schickeria aufs Korn nahm. Ungerers Kreativität kannte nun auch keine Genregrenzen mehr, und er wandte gern alle Zeichentechniken an. 1969 erschien Fornicon, das später in England verboten wurde. Die Karikaturen stellten Potenzwahn, Sexismus und Gier bloß. Seine Drastik und Radikalität blieben immer die Mittel eines Moralisten. Die Ironie der dargestellten sexuellen Praktiken basierte auf dem Prinzip der Übertreibung und dem Übermaß einer noch nie gesehenen Technisierung und Mechanisierung sexueller Wünsche. Ungerer war daher nicht nur mit der Prüderie in den USA und England konfrontiert, sondern später auch mit der Rachsucht der Ostküsten-High-Society.

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