Tina Modotti, eigentlich Assunta Adelaide Luigia Modotti Mondini, (geboren 16. August 1896 in Udine, Italien; gestorben 6. Januar 1942 in Mexiko-Stadt) war Schauspielerin, Fotografin und Revolutionärin. In ihren Fotografien verband sie strenge, modernistische Form mit sozialrevolutionärer Haltung; neuere Ausstellungen – etwa Tina Modotti. L’œil de la révolution (Jeu de Paume, Paris, 2024) – und aktuelle Forschung betonen zunehmend ihr eigenständiges Werk jenseits prominenter Beziehungen. Das Museum of Modern Art bewahrt über 30 Fotografien Modottis, darunter Workers Parade (1926).
Kindheit und Jugend in Italien und Österreich
Tina Modotti war das zweite von sechs Kindern von Giuseppe Modotti, einem Arbeiter, der sich als Mechaniker und Zimmermann durchs Leben schlug, und der Näherin Assunta Mondini. Als sie zwei Jahre war, zog die in ärmlichen Verhältnissen lebende Familie auf der Suche nach Arbeit nach Klagenfurt. Ob Tina Modotti bereits in Kärnten, in Ferlach, die Schule besuchte oder erst nach ihrer Rückkehr nach Udine 1905, ist umstritten. Ihr gebräuchlicher Rufname Tina ist eine Verkürzung der Koseform Assuntina ihres ersten Vornamens. Der Familienname war ursprünglich Modotto und wurde Jahrzehnte vor ihrer Geburt durch einen Schreibfehler zu Modotti verändert.
Kurz nachdem die Familie nach Udine zurückgekehrt war, brach ihr Vater, der sich in der Arbeiterbewegung engagierte, zu seinem nach San Francisco ausgewanderten Bruder auf. Obwohl Tina Modotti eine gute Schülerin war, musste sie im Alter von zwölf Jahren auf den Besuch einer höheren Schule verzichten und als Näherin arbeiten gehen, um mit zum Unterhalt der Familie beizutragen. Zugleich half sie ihrem Onkel Pietro Modotti in seinem Fotostudio, der ihr die Grundlagen der Fotografie beibrachte. Ihre ältere Schwester Mercedes reiste 1911 zum Vater; Modotti folgte 1913 mit 16 Jahren in die USA.
Übersiedlung in die Vereinigten Staaten
Nachdem Tina Modotti 1913 ihrem Vater und ihrer älteren Schwester in die USA nachgereist war, die inzwischen in San Francisco lebten, arbeitete sie dort zunächst als Näherin, fertigte Batiken an und hatte kleine Auftritte auf Bühnen in San Franciscos „Little Italy“. Sie wurde in North Beach durch Theaterauftritte lokal bekannt und arbeitete u. a. als Mannequin in einem Kaufhaus.
Im Jahr 1915 lernte sie den kanadischen Maler und Dichter Roubaix del' Abrie Richey (Robo) kennen, den sie 1917 heiratete. Ab 1918 lebte das Paar in Los Angeles, wo Modotti ab 1920 in drei Filmen spielte. Ihr Haus wurde zu einem Treffpunkt der Bohème; in diesem Umfeld lernte sie den Fotografen Edward Weston kennen, mit dem sie – obwohl er verheiratet war – eine Beziehung einging und dessen Modell sie wurde. Roubaix del' Abrie ging 1921 nach Mexiko. Tina reiste ihm nach, da er ihr ein Land von magischer Schönheit beschrieb. Er starb jedoch zwei Tage vor ihrer Ankunft, am 9. Februar 1922, an den Pocken.
Während ihres Aufenthalts in Mexiko ließ sich Tina vom „lichterfüllten“ Land, seinen Künstlern und der allgemeinen Aufbruchstimmung faszinieren. Als bald darauf in San Francisco ihr Vater starb, kehrte sie für kurze Zeit dorthin zurück und publizierte 1923 Texte und Gedichte ihres Mannes in The Book of Robo.
Ende Juli 1923 zogen Tina Modotti, Edward Weston und sein ältester Sohn Chandler nach Mexiko. Vereinbart war, dass Modotti sich um Westons Studio und Haushalt kümmern und im Gegenzug das Fotohandwerk erlernen würde. Westons Frau und seine drei übrigen Kinder blieben in den USA. Modotti führte das gemeinsam aufgebaute Studio, arbeitete als Übersetzerin und vernetzte sich in der Hauptstadt mit Diego Rivera, Frida Kahlo und David Alfaro Siqueiros.
Zwei Monate nach ihrem Eintreffen in Mexiko ließ sich das Paar in Mexiko-Stadt nieder, wo sich die beiden in der postrevolutionären Bohème bewegten, unter Künstlern wie den Muralisten David Alfaro Siqueiros, Diego Rivera und José Clemente Orozco und den Fotografen Manuel und Lola Álvarez Bravo. Die „drei Großen“ Maler gründeten 1924 die revolutionäre Zeitschrift El Machete, die 1928 Organ der Partido Comunista Mexicano (PCM) wurde.
1924 stellte Modotti ihre Arbeiten in einer Ausstellung zusammen mit Weston erstmals vor. Deren Eröffnung fand in Anwesenheit des Staatspräsidenten statt. Ihre Fotografien aus dieser Zeit, von Westons Stil beeinflusst, werden heute zu Höchstpreisen gehandelt. Bei kurzen Aufenthalten in San Francisco, 1925 und 1926, besuchte sie ihre inzwischen erkrankte Mutter, lernte die Fotografin Dorothea Lange kennen und erwarb eine Graflex, die zu dieser Zeit bei Amerikas Pressefotografen beliebteste Kamera, die weitaus handlicher war als Westons Apparate. Zurück in Mexiko, bereiste sie drei Monate lang das zentrale Hochland, um zusammen mit Weston das Bildmaterial für Anita Brenners Buch über die Wurzeln zeitgenössischer mexikanischer Kunst, Idols Behind Altars (1929), zu erstellen.
Auf eigene Rechnung experimentierte Modotti mit „dekontextualisierten“ Objekten (u. a. Telephone Wires, Calla Lily) und arbeitete – anders als der stärker formalistisch argumentierende Weston – zunehmend politisch, etwa mit Aufnahmen von Wandbildern Riveras und Orozcos. Sie schrieb: „I consider myself a photographer, nothing more“ („Ich betrachte mich als Fotografin, nicht mehr“). 1926 entstand das aus erhöhter Perspektive fotografierte May-Day-Bild Workers Parade (Campesinos), in dem die Rücken der marschierenden ejidatarios mit ihren Sombreros zum ikonischen Klassenzeichen werden; Abzüge befinden sich u. a. im MoMA.
1926 trennte sich das Paar, und Weston ging zurück in die USA. Modotti hatte eine Beziehung mit dem kommunistischen Maler Xavier Guerrero, der wenig später an die Moskauer Lenin-Schule ging. Sie trat 1927 der PCM bei, arbeitete für die Sandinistenbewegung Manos fuera de Nicaragua und nahm an Demonstrationen für Sacco und Vanzetti teil, wobei sie den italienischen Revolutionär und Agenten der Komintern Vittorio Vidali kennenlernte.
Sie lebte weiterhin von Porträtfotografie, arbeitete aber auch für die Magazine Forma, die radikale New Masses in den USA, die auch einen von ihr übersetzten Artikel Guerreros über revolutionäre Kunst abdruckte, und für Horizonte. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörten jetzt auch der Fotograf Manuel Álvarez Bravo, der Schriftsteller John Dos Passos, die Schauspielerin Dolores Del Rio und die junge Frida Kahlo (manche Quellen vermerken, es sei Modotti gewesen, die die Kahlo mit Rivera bekannt gemacht habe).
Ab September 1928 hatte sie eine intensive Liebesbeziehung zum emigrierten kubanischen Revolutionär Julio Antonio Mella. Zu dieser Zeit fand ihr politisches Engagement bereits deutlichen Ausdruck in ihren Fotos (z. B. Arbeiterhände, Illustration for a Mexican Song). Als Mella am 10. Januar 1929 auf offener Straße vor ihren Augen erschossen wurde, versuchten Zeitungen, Modotti zu kompromittieren; zwei Tage später wurde sie vernommen, jedoch entlastet – die Kampagnen hielten an.
Im Juni wurde in Mexiko die kommunistische Partei verboten. Die Eröffnung der Modotti-Ausstellung in der Autonomen Universität von Mexiko-Stadt am 3. Dezember 1929 geriet zur politischen Demonstration, sowohl wegen der politischen Brisanz der Bilder (viele davon aus Tehuantepec) als auch wegen der provokanten Präsentation durch den Maler David Alfaro Siqueiros.
Das Magazin Mexican Folkways publizierte Ende 1929 Modottis Manifest Sobre la fotografia (Über die Fotografie).
Ausweisung aus Mexiko und Aufenthalt in der Sowjetunion