Temür ibn Taraghai Barlas (von mitteltürkisch temür ‚Eisen‘; * 8. April 1336 in Kesch; † 19. Februar 1405 in Schymkent), auch bekannt als Amir Temur, war ein zentralasiatischer Militärführer eines in Samarkand ansässigen turko-mongolischen Stammesverbands und Eroberer am Ende des 14. Jahrhunderts. In der westlichen Geschichtsschreibung ist er besser bekannt als Timur (persisch تیمور Tīmūr bzw. Taymūr), auch Timur Lenk oder Timur Leng (persisch تيمور لنگ, DMG Teymūr-i Lang, auch Tīmūr-i Lang, „Timur der Lahme“). Der Name Tamerlan, wie er ebenfalls noch in verschiedenen europäischen Sprachen in Gebrauch ist, leitet sich daraus ab.
Aufgewachsen in der nomadischen Stammeskonföderation des Tschagatai-Khanats, strebte er die Wiederherstellung des Mongolischen Reiches unter seinem Supremat an. In der Stellung eines Emirs war er der Begründer der Dynastie der Timuriden, deren Reich im Zenit der Macht weite Teile Vorder- und Mittelasiens einschloss. Timurs Herrschaft ist gekennzeichnet durch Brutalität und Tyrannei. Gleichzeitig galt er als großzügiger Kunst- und Literaturförderer und erkannte durch Unterredungen mit Ibn Chaldūn, die dieser in seiner Autobiographie beschrieb, die Bedeutung von Wissen.
Timur wird in einigen persischen Quellen auch als تیمور لنگ Timur-i Lang, ‚Timur der Lahme‘, bezeichnet. „Timur-i Lang“ wurde in Europa teils zu Tamerlan verkürzt. Aufgrund einer Verwachsung an der rechten Kniescheibe (Knochentuberkulose laut sowjetischen Forschern) war sein rechtes Bein gelähmt, dazu kam eine Verwachsung an der rechten Schulter. Des Weiteren hatte ein Pfeilschuss die Beweglichkeit der rechten Hand eingeschränkt, wie sowjetische Wissenschaftler bei einer Untersuchung des Skelettes im Jahre 1941 feststellten.
Er selbst bezeichnete sich als gurkāni ‚Schwiegersohn‘ und deutete damit auf seine Heirat in die Familie Dschingis Khans hin, um seine Herrschaftsansprüche zu untermauern.
Timur entstammte dem im 13. Jahrhundert in Transoxanien eingewanderten mongolischen Nomadenstamm der Barlas, welcher jedoch mit der Zeit eine Turksprache angenommen hatte und von den benachbarten turksprachigen Nomaden nicht mehr zu unterscheiden war. Der Stamm der Barlas teilte sich in mehrere Zweige auf, und Timurs Vater Taragai beherrschte als Stammesfürst die Gegend um Kesch und das Tal des Flusses Kaschkadarja. Die Barlas führten ihre Abstammung auf Qarchar Barlas zurück, einen militärischen Führer in Tschagatais Armee, und über diesen – wie einst auch Dschingis Khan – auf einen legendären mongolischen Kriegsherren mit dem Namen Bodon'ar Mungqaq. Die Kindheit Timurs liegt weitgehend im Dunkeln und wurde nach seinem Aufstieg stark mythologisiert. Seine Mutter Tikina-Chatun starb früh, er hatte drei Brüder und zwei Schwestern.
Als Heranwachsender trat Timur in die Dienste des Qaraunas-Emirs Kazagan (1346–1357), eine damals übliche Laufbahn für Kinder aus dem niederen Adel, und verblieb dort mehrere Jahre. Er nahm nach der Ermordung Kazagans durch einen Rivalen an den Bürger- und Stammeskriegen in Transoxanien teil und versuchte durch Intrigen und häufigen Positionenwechsel zwischen dem 1360 in diese Gegend eingefallenen Mongolenherrscher Tughluk Timur († 1363) und Hadschi Barlas, seinem Onkel, der den Widerstand gegen die Mongolen anführte, seine Machtbasis zu erhalten. 1361 fiel Tughluk Timur noch einmal in Transoxanien ein. Hadschi Barlas floh und kam auf ungeklärte Weise um. Tughluk Timur machte Timur, der sich als Erster der Macht des Mongolenfürsten unterwarf, zum Berater seines Sohnes und neuen Herrschers von ganz Transoxanien.
Timur versuchte, die Macht an sich zu reißen, jedoch überschätzte er seine Popularität, und sein Auflehnungsversuch wurde im Keime erstickt. Er musste fliehen und fand Unterschlupf bei seinem Schwager Hussain, dem Enkel Kazagans. Da aber Hussain über keine ausreichende Machtbasis verfügte, zogen die beiden in Begleitung weniger Soldaten umher, bevor sie sich entschlossen, in Choresmien um Hilfe zu ersuchen. Auf dem Weg dorthin wurde ihre Gruppe in einem Gefecht fast vollständig aufgerieben und Timur in der Nähe der Stadt Merw gefangen genommen. Bald war er wieder frei und sammelte um sich eine Gruppe von Abenteurern und Söldnern, die zum Schrecken Transoxaniens wurden.
1363 gelang es Timur und Hussain, die Truppen Ilias Hodschas zu schlagen und in die Stadt Kesch einzuziehen. Im selben Jahr besiegten sie den mittlerweile zum Khan aufgestiegenen Ilias Hodscha erneut. Er floh in sein östliches Stammland Mogulistan (Östliches Tschagatai-Khanat). Timur, der selbst keine Legitimation besaß, musste akzeptieren, dass von den versammelten Adligen ein Nachfahre Dschingis Khans namens Kabul Khan zum obersten Herrscher Transoxaniens gewählt wurde.
1365 wurden die transoxanischen Truppen vom wiedererstarkten Ilias Hodscha in einer Schlacht in der Nähe Taschkents vernichtend geschlagen. Die Mongolen besetzten große Gebiete und belagerten erfolglos Samarkand. Ilias Hodscha wurde wenig später von einem Rivalen umgebracht, und die Mongolen zogen sich nach Mogulistan zurück. Jedoch sah Timur sich starker Rivalität seines Schwagers Hussain ausgesetzt, der jetzt die Macht übernahm, und musste wiederum das unstete Leben eines Flüchtlings führen. Nach mehreren Scharmützeln und kleinen Auseinandersetzungen gelang es ihm, eine starke Armee aufzustellen. Er besetzte Baktrien und zog den Herrscher von Badachschan auf seine Seite. Kurz darauf stand seine Armee vor den Mauern von Balch. Hussain, von seinen Getreuen verlassen, unterwarf sich und ging als Pilger nach Mekka. Auf dem Weg dorthin wurde er – mutmaßlich auf Befehl Timurs – umgebracht. Am 10. April 1370 rief Timur sich zum Herrscher ganz Transoxaniens aus und nahm den Titel eines Emirs an.
Der Konflikt mit der Goldenen Horde unter Khan Toktamisch prägte während vieler Jahre die Politik Timurs und stellte für diesen eine ernst zu nehmende Herausforderung dar. Toktamisch erschien 1376 zum ersten Mal in Samarkand, jedoch nicht als Gegner, sondern als Bittsteller. Da seine Thronambitionen von Urus Khan vereitelt wurden, ersuchte Toktamisch Timur, ihm zu seinem Erbe zu verhelfen. Toktamisch bekam sehr schnell die von ihm erbetenen Truppen und griff die Goldene Horde an, wurde jedoch von Urus Khan vertrieben. Dann nahm Timur den Kampf selbst auf und ging im Winter 1376/77 mit großem Erfolg gegen Urus Khan vor. Urus Khan wurde in einer Schlacht bei Otrar vernichtend geschlagen und verstarb bald darauf. Somit gewann Toktamisch die Macht in der Goldenen Horde nur dank der tatkräftigen Unterstützung Timurs.
1387 erschien Toktamisch mit einem starken Heer an der Grenze zu Transoxanien. Da Timur sich zu diesem Zeitpunkt in Karabach befand und auf einen Überfall nicht vorbereitet war, hatte er kaum Truppen, um Toktamisch aufzuhalten. Sein Sohn Miran Schah kam ihm jedoch rechtzeitig zur Hilfe und Toktamischs Truppen wurden vernichtend geschlagen. Timur befahl, entgegen den Gepflogenheiten der Zeit, die Gefangenen zu schonen und sie in ihre Heimat zu entlassen. Damit wollte er der Goldenen Horde zeigen, dass er kein Feind der Dschingisiden, also der Nachkommen des Dschingis Khan, war.
Toktamisch missverstand diese Geste des guten Willens. Bereits im Winter 1388/89 erschien sein Heer, das in sich die ganze Völkervielfalt der Goldenen Horde – darunter auch Kaukasier, Russen und Bulgaren – vereinigte, wieder an den Grenzen von Timurs Reich. Im Januar 1389 kam es zur Entscheidungsschlacht in der Nähe von Chodschent. Die mit äußerster Härte geführte Schlacht wurde durch das unerwartete Eingreifen eines der Söhne Timurs, Omar Scheich, entschieden, der die Nachhut des Gegners aufrieb und ihn in Panik versetzte. Die Truppen Toktamischs flohen und zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen.
Dieser Überfall zeigte Timur, dass er die Bedrohung durch seinen früheren Schützling ernst nehmen musste. Er konnte nicht mehr gefahrlos seine Macht in Iran und Afghanistan konsolidieren, da er während seiner Abwesenheit mit ständigen Überfällen durch Toktamisch rechnen musste. Um diese Bedrohung ein für alle Mal zu beseitigen, zog Timur im Jahr 1391 gegen Toktamisch. Er beschloss, die Steppengebiete so schnell wie möglich zu überqueren und seinen Gegner zu einer Entscheidungsschlacht zu zwingen. Ganze drei Monate bewegte sich sein Heer durch die Weiten der kasachischen Steppe, immer bestrebt, die Spuren der Nomaden zu finden. Bei Tobolsk wandte sich das Heer nach Nordwesten. In dieser Gegend, die im heutigen Sibirien liegt, wurden die Armeen aus Mittelasien zum ersten Mal mit dem Polartag konfrontiert, so dass die Mullahs das Abendgebet vorübergehend aussetzten. Nach fast viermonatiger Suche gelang es Timurs Sohn Omar Scheich, den Feind in der Nähe des Flusses Kondurtscha westlich des Urals zum Kampf zu stellen. Timurs Hauptstreitmacht erschien wenige Stunden, nachdem der Kampf begonnen hatte. Die Schlacht dauerte mit mehreren Unterbrechungen drei Tage lang, vom 18. bis 21. Juni 1391, und endete mit der vollständigen Niederlage Toktamischs, der vom Schlachtfeld floh.