An diesem Tag

Timm Ulrichs

Deutscher Künstler

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Timm Ulrichs (* 31. März 1940 in Berlin; † 29. April 2026 ebenda) war ein deutscher Künstler und Professor für Bildhauerei und „Totalkunst“.

Timm Ulrichs wurde 1940 in Berlin geboren und verlebte seine frühe Kindheit in Bremen. Die Mutter war Stenotypistin und der Vater, der in Südafrika geboren wurde und eine englische Mutter hatte, technischer Zeichner. Die Familie wurde ab 1943 nach Prenzlau evakuiert. Beim Einmarsch der Roten Armee floh sie in die amerikanische Zone. Die Mutter und vier Kinder schafften es bis ins Oldenburger Land in die Nähe von Wildeshausen. In der Nähe von Dötlingen erlebten sie das Kriegsende mit. 1954 zog die Familie nach Bremen, wo Ulrichs 1959 das Abitur ablegte. Er begann anschließend ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule Hannover, das er 1966 nach dem Vordiplom abbrach. Er war zunächst als freier Künstler aktiv und jobbte als Eisverkäufer und Tellerwäscher.

1961 gründete Ulrichs die „Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus mit Zimmer-Galerie & Zimmer-Theater“. 1969 kam eine „Kunstpraxis (Sprechstunden nach Vereinbarung)“ dazu. Da er mit Galeristen nicht zurechtkam, verkaufte er Plakate, Postkarten, Flugblätter und Drucksachen selbst. 1968 bezeichnete er sich selbst als „zu Unrecht verkanntes Genie aus Hannover“. „Künstler wird man durch Entschluss, nicht durch Talent“, bekannte Ulrichs im September 1985 gegenüber dem Zeit Magazin.

Ab 1959 war er gemäß eigener Bezeichnung als „Totalkünstler“ aktiv. In diesem Jahr gründete Ulrichs in Hannover die „Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus und Extemporismus“, die zur Verbreitung, Entwicklung und Produktion von Totalkunst dienen sollte. Weiterhin erklärte er sich 1961 zum „ersten lebenden Kunstwerk“ und organisierte 1966 eine öffentliche Selbstausstellung bei Galerie Patio in Frankfurt am Main. Ulrichs war von 1969 bis 1970 Gastprofessor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und von 1972 bis 2005 Professor für Bildhauerei und Totalkunst an der Kunstakademie Münster.

Seine erste Totalkunst-Retrospektive fand 1970 in Krefeld statt, sieben Jahre später war er Teilnehmer der Documenta 6 in Kassel. Große Einzelschauen fanden 1980 in Lüdenscheid, 1991 in Madrid und Recklinghausen, 2001 in Antwerpen (Plastik und Skulpturen) sowie 2002 in Hannover (Druckgrafik) statt. Von November 2010 bis Februar 2011 widmeten das Sprengel Museum und der Kunstverein Hannover „dem Pionier der Konzeptkunst und selbst ernannten «Totalkünstler» Timm Ulrichs“ eine große Retrospektive unter dem Titel Betreten der Ausstellung verboten.

Im Januar 2020 wurde Ulrichs für sein Lebenswerk mit dem Käthe-Kollwitz-Preis geehrt. Unter dem Titel Weiter im Text präsentierte die begleitende Ausstellung in der Akademie der Künste „einen viel zu kleinen Ausschnitt“ seines Œuvres. Eine weitere Ausstellung im März im Haus am Lützowplatz mit dem Titel Ich, Gott und die Welt sollte in 100 Tagen um je eine Arbeit wachsen und so einen wirklichen Überblick über sein Werk vermitteln.

Zu Ulrichs Werken zählt ein Ehering „in Form einer sogenannten «Musterbeutelklammer» zum Verschließen von Briefen“: 2008 heiratete Timm Ulrichs die in Berlin lebende Künstlerin Ursula Neugebauer. 2018 veröffentlichte der Filmemacher Ralf-Peter Post den Dokumentarfilm Der Totalkünstler (89 min), der im Mai 2018 im Sprengelmuseum in Hannover und im März 2020 in der Akademie der Künste in Berlin aufgeführt wurde.

Timm Ulrichs starb im April 2026 im Alter von 86 Jahren in Berlin. Seine Urne wurde am 19. Mai in seinem selbstgeschaffenen Grabmal in der Künstler-Nekropole in Kassel bestattet. Im August 2026 fand im Sprengel Museum Hannover eine überaus gut besuchte Gedenkveranstaltung zu Ehren von Timm Ulrichs statt.

Ulrichs arbeitete interdisziplinär. Er war ein Vertreter von Neodadaismus, Body Art und Konzeptkunst. Ebenfalls beschäftigte sich Ulrichs mit Druckgrafik, dem Künstlerbuch und Performance-Kunst. Bekannt ist er darüber hinaus durch seine Beschäftigung mit der Sprache. Ulrichs setzte Tautologien, Paradoxien und Mehrdeutigkeiten in der Sprache künstlerisch um – z. B.: „Am Anfang war das Wort am …“ – sowie verbale Begriffe, meist in Form von Plastiken oder Installationen.

Kontinuierlich hat Ulrichs auch Kunst im öffentlichen Raum betrieben. Große, oft themen- und standortbezogene Plastiken von Ulrichs sind zu sehen u. a. vor dem Magdeburger Hauptbahnhof (Erd-Achse), nahe der Münchner Allianz-Arena in Fröttmaning (Versunkenes Dorf), im Freilichtmuseum Middelheim in Antwerpen (Musterhäuser, Typ Bomarzo), in der Altstadt von Recklinghausen (Das Ganze und die Teile), in Bergkamen (Pyramide zum Mittelpunkt der Erde), in Mülheim/Ruhr-Styrum (Zwischen den Zeilen), in Sinsheim (Hausgeburt), vor der Galerie Nordhorn (Der Findling), in Essen etwa 150 m nordöstlich des Museums Folkwang (UMRAUM), am Museum Ritter, Waldenbuch, (Die Quadratur des Kreises, 2010) oder am Marktplatz Einbeck (von null bis unendlich).

Ab 1968 begann Ulrichs Installationen für eine Fotoserie unter dem Titel Fotografieren verboten, die er über mehrere Jahre fortführte. Ulrichs’ kritische Sicht auf den zeitgenössischen Kunstbetrieb führte bereits auf dem ersten Internationalen Kunstmarkt Köln (IKM) 1975 zu dessen Aktion Ich kann keine Kunst mehr sehen. Ulrichs persiflierte, mit Blindenstock und Armbinde auftretend, die nach seinen eigenen Worten „immer weiter um sich greifenden musealen Friedhöfe“. 1996 entstand der Gedenkstein für Wolfgang Borchert in Hamburg an der Außenalster nahe dem Literaturhaus Hamburg mit einem Text aus Borcherts Generation ohne Abschied. 2012 wurde Ulrichs in die Stiftung für Konkrete Kunst und Design Ingolstadt aufgenommen.

1974 ließ sich Ulrichs im Goethe-Institut in Barcelona über dem Herzen eine Zielscheibe tätowieren; er „tätowierte sich zur lebenden Zielscheibe“. Die Tätowierung wurde von Ramón Draper, einem spanischen Fremdenlegionär hand-poked durchgeführt; „mehr gerissen als gestochen“, wie Ulrichs selbst bemerkte. Ulrichs wollte, nach eigenem Bekunden, „mit einem politischen Manifest die Gegner des Franquismus unterstützen.“ Die Idee zu dieser Aktion stammt aus dem Jahr 1971.

Bilder der von Streckenbach nachbearbeiteten Zielscheibentätowierung wurden erstmals im Rahmen der Sonderausstellung Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli (2019/20), Abteilung Streckenbach-Kohrs-Ulrichs, im Museum für Hamburgische Geschichte gezeigt.

Im Rahmen der Ausstellung Timm Ulrichs: Tätowier-Bilder (Januar bin März 1975) im Kunstverein Hannover fand eine Tätowieraktion statt, auf der Horst Streckenbach neben sechs weiteren Personen sein späteres Mentee Manfred Kohrs vor laufender Kamera des NDR tätowierte. Eine Auswahl an Standardtätowiermotiven wurde 1975 von der Kestnergesellschaft-Hannover als Siebdruckmappe (limitiert 1-100/100, sign., dat. und nummeriert, 60 × 60 cm), herausgegeben. Im Januar 1975 berichtete der NDR in der Sendung Nordschau-Magazin über das Happening im Kunstverein Hannover. „Sammy“ aus Frankfurt über seine Kunst und das Tätowieren.

„Mein Leben wird von der Geburt bis zum Tod ununterbrochen gefilmt“, plante Ulrichs bereits 1961. Auf sein rechtes Augenlid ließ er sich im Mai 1981 ebenfalls von Streckenbach die Worte „The End“ tätowieren – der Abspann für den ultimativ letzten Film. Streckenbach hatte zunächst den Hannoveraner Tätowierer Manfred Kohrs für diese Arbeit vorgesehen. Es kam zwar 1980 zu einem Treffen zwischen Kohrs und Ulrichs, die Ausführung überließ Kohrs dann doch seinem Mentor Streckenbach, der über eine lange Erfahrung mit kosmetischen Tätowierungen im Gesicht verfügte.

Das Ende ins Auge gefasst hat Ulrichs 1970 im Rahmen seiner in Literatur, Aktion, Video und Fotografie ausgeführten Werkgruppe Filmvorstellungen vorgestellt (1961–1971): „Um zu demonstrieren, daß alles, was in mein Blick-Feld fällt oder mir unter die Augen kommt, Film ist, beschrifte ich (mittels Tätowierung) meine Augenlid-Vorhänge (…) mit dem Wort, Ende‘: Schließen sie sich, ist auch mein Augen-Kino beendet. (…)“. Und 1984 schrieb er dazu (verkürzt): „Ist der Augenblick zu guter Letzt gekommen, da man mir die Augen zum ewigen Schlaf zudrückt, erscheint auf dem rechten Lid die Schlußpointe: die letzte Vorstellung einer bühnenreif intendierten Lebensführung und -aufführung.“ Die Arbeit 'The End' gehört zu den bekanntesten Werken des Künstlers. Diese Installation umfasst ein Foto des geschlossenen Augenlides samt der Tätowierung, auf Leinwand 150 × 150 cm, sowie einen Videofilm in der Länge von rund sechs Minuten, der die Aneinanderreihung von 60 »End« Einstellungen und Schlussbildern aus verschiedenen Filmklassikern zeigt und anschließend den 1981 in Samy’s Tattoo Studio in Frankfurt am Main durchgeführten Tätowiervorgang.

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