Sir Thomas Stamford Bingley Raffles (* 5. Juli 1781 in Port Morant, Jamaika; † 5. Juli 1826 in Highwood Hill, Middlesex, heute zu London) war ein britischer Kolonialadministrator und Forscher. Er war von 1811 bis 1816 Gouverneur des vorübergehend britisch beherrschten Java und von 1818 bis 1824 Gouverneur von Bengcoolen. In dieser Funktion gründete er 1819 eine britische Handelsniederlassung in Singapur und initiierte 1822 einen Stadtentwicklungsplan, womit er den Grundstein für das moderne Singapur legte.
Stamford Raffles wurde am 5. Juli 1781 auf dem Handelsschiff Ann vor der Küste von Port Morant, Jamaika geboren. Sein Vater, der verschuldete Kapitän des Schiffs, Benjamin Raffles († Juni 1797) und seine Frau Anne Raffles (geb. Lyde) waren auf dem Heimweg von den westindischen Inseln nach Großbritannien.
Das wenige Geld, das die Familie verdiente, reichte gerade für die Schule. 1795, im Alter von 14 Jahren, musste Raffles diese aber abbrechen, um seine Mutter und vier Schwestern finanziell zu unterstützen. So begann er in London als Angestellter für die Britische Ostindien-Kompanie zu arbeiten, die das Monopol auf den Handel mit den britischen Kolonien in Ostasien innehatte und viele der britischen Eroberungen in Übersee prägte. Dort kopierte er etwa zehn Jahre lang handschriftlich Briefe, Reporte und andere Texte. Trotz der widrigen Umstände brachte er sich während dieser Zeit mehrere Sprachen bei und studierte selbstständig Naturwissenschaften. Das brachte ihm einen guten Ruf ein.
So wurde er 1805 auf die Insel Penang (damals Prince of Wales Island) vor der Westküste Malaysias geschickt, wo seine lange Verbundenheit mit Südostasien begann. Auf Penang wurde er zum stellvertretenden Sekretär des neu eingesetzten Gouverneurs von Penang ernannt. Außerdem heiratete Raffles Olivia Mariamne Devenish, die Witwe eines Chirurgen aus Madras.
Auf Penang beschäftigte sich Raffles intensiv mit der Sprache und Kultur der malaiischen Völker auf der Insel. Diese Kenntnisse, aber auch sein Humor, erweckten das Interesse des Generalgouverneurs von Bengalen, Lord Minto. Dieser schickte ihn nach Malakka, um die Invasion Javas vorzubereiten.
1811 war das Königreich Holland und damit auch die Kolonie Java vom Kaiserreich Frankreich annektiert worden. Die Insel war schon vorher als Stützpunkt genutzt worden, um britische Handelsschiffe zu kapern und zu zerstören. Am 6. August 1811 landeten die britischen Truppen auf Java. Der Krieg wurde schnell innerhalb von 45 Tagen von Admiral Robert Stopford, General Frederick Augustus Wetherall und Colonel Rollo Gillespie gewonnen und die Insel besetzt. Lord Minto machte Raffles für den Sieg verantwortlich, weshalb er ihn am 11. September 1811 zum Gouverneur (Lieutenant-Governor) von Java ernannte.
Raffles regierte nun im Alter von 30 Jahren teilweise selbstbestimmend Java und zahlreiche kleine Inseln mit insgesamt mehreren Millionen Einwohnern. Als seinen Wohnsitz wählte er Buitenzorg (heute Bogor). Zwar setzte Raffles Briten als leitende Beamte ein, behielt aber wie die Franzosen viele niederländische Beamten in der Verwaltung. Er ordnete eine Landesvermessung an, teilte die Insel in sechzehn Verwaltungseinheiten auf und führte eine Bodensteuer ein. Außerdem stellte er dem englischen Vorbild entsprechend den Straßenverkehr auf Linksverkehr um.
Während der relativ kurzen britischen Herrschaft in Java führte Raffles einige bedeutende Militärexpeditionen gegen lokale javanische Prinzen durch, um sie der britischen Herrschaft zu unterwerfen.
Am bedeutendsten war der Angriff auf Yogyakarta am 21. Juni 1812, eine der beiden mächtigsten indigenen Gemeinden in Java. Die Erniedrigung der Bewohner war tiefgreifend. Dieses Ereignis könnte die tief verwurzelte Feindseligkeit gegenüber den europäischen Besatzern angeheizt haben, die schließlich den Java-Krieg der 1820er Jahre auslöste.
Während seiner Amtszeit als Lieutenant-Governor beschränkte Raffles den lokalen Sklavenhandel. Das stimmte mit der Linie der britischen Politik in den asiatischen Territorien überein – Sklaverei blieb allerdings weit verbreitet.
Unter Raffles wurden erstmals zahlreiche antike Denkmäler in Java systematisch katalogisiert. Der erste detaillierte englischsprachige Bericht über den Hindu-Tempel Prambanan wurde von Colin Mackenzie erstellt, während der buddhistische Tempel Borobudur von H. C. Cornelius vermessen und von Vegetation befreit wurde. In seinem Buch The History of Java hat Raffles die Geschichte der Insel seit der Antike beschrieben.
Nach viereinhalb Jahren wurde er allerdings als Gouverneur abgesetzt und durch John Fendall ersetzt. Seine Reformen waren für die Britische Ostindien-Kompanie zu teuer und nicht erfolgreich genug. Außerdem war seine erste Frau gestorben, ein Grund dafür, dass sich sein Gesundheitszustand zusehends verschlechterte.
Auch sein Fürsprecher Lord Minto war verstorben und Java fiel 1815 wieder an die Holländer. So kehrte er 1816 mit beschädigtem Ruf nach London zurück, um seinen Namen reinzuwaschen. Auf dem Weg besuchte er Napoléon Bonaparte auf St. Helena, fand ihn aber unangenehm und unbeeindruckend.
In der Gesellschaft Londons kam er gut an. So wurde er 1817 von Prinzregent Georg IV. zum Knight Bachelor geschlagen und in die Royal Society aufgenommen. Mit nach England brachte er seine umfangreiche völkerkundliche Sammlung.
Als 1817 sein Buch The History of Java erschien, hörte er auf, seinen Vornamen Thomas zu verwenden. Stattdessen benutzte er seinen Zweitnamen Stamford, wohl um nicht mit Sir Thomas Sevestre oder seinem Cousin Thomas Raffles verwechselt zu werden. Ebenfalls 1817, am 22. Februar, heiratete er seine zweite Frau, Sophia Hull.
Raffles wurde am 15. Oktober zum Lieutenant-Governor von Bencoolen (heute Provinz Bengkulu in Indonesien) ernannt und brach mit seiner Frau dorthin auf.
Am 19. März 1818 kamen die beiden in Bencoolen vor der Westküste Sumatras an. Trotz des Prestiges, das mit dem Titel des Lieutenant-Governor verbunden war, war Bencoolen ein koloniales Hinterland, dessen einziges relevantes Exportprodukt Pfeffer war. Das einzige, wofür man Bencoolen in Großbritannien kannte, war der Mord an dem früheren Residenten Thomas Parr.
Raffles fand den Ort heruntergekommen vor und machte sich sofort daran, Reformen umzusetzen. Diese ähnelten dem, was er auf Java umgesetzt hatte: Zum Beispiel die Abschaffung der Sklaverei und das Verbot von Hahnenkämpfen und ähnlichen Spielen. Die Sklaven ersetzte er durch ein Sträflings-Kontingent, das ihm aus Indien geschickt wurde.