Thomas Karl Leonard Kemmerich (auch Thomas L. Kemmerich; * 20. Februar 1965 in Aachen) ist ein deutscher Politiker (parteilos, bis 2025 FDP). Er war vom 5. Februar bis zum 4. März 2020 der sechste Ministerpräsident des Freistaates Thüringen.
Seine Wahl zum Ministerpräsidenten mit Stimmen von AfD, CDU und FDP löste die Regierungskrise in Thüringen 2020 aus. Der Vorgang wurde in der Öffentlichkeit als „Tabubruch“ und als erste Kooperation bürgerlicher Parteien mit einer rechtsextremen Partei seit der Weimarer Republik eingeschätzt. Bereits am nächsten Tag plädierte Kemmerich für eine vorgezogene Neuwahl des Landtages und kündigte seinen Rückzug an. Er trat weitere zwei Tage später offiziell zurück und war bis zur Wahl seines Nachfolgers Bodo Ramelow (Die Linke) noch geschäftsführend im Amt.
Kemmerich war von 2015 bis zu seinem Parteiaustritt im September 2025 Vorsitzender der FDP Thüringen. Er war von 2009 bis 2014 sowie von 2019 bis 2024 Mitglied des Thüringer Landtags und dort ab 2019 Vorsitzender der FDP-Fraktion und solches auch ab der Verkleinerung der FDP-Fraktion zur Gruppe im Jahr 2021. Außerdem war er von 2017 bis 2019 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er galt als Vertreter einer rechts- und nationalliberalen Strömung in der FDP und warnte häufiger vor einem linksliberalen Kurs der Partei. Wenige Tage nach seinem Austritt aus der FDP übernahm er den Vorsitz des von Frauke Petry in Vorbereitung einer Parteigründung initiierten Vereins „Team Freiheit“.
Im Jahr 1984 bestand Kemmerich am Pius-Gymnasium in Aachen das Abitur und absolvierte bis 1989 eine Ausbildung im Groß- und Einzelhandel. Parallel studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Bonn und schloss das Studium ebenfalls im Jahr 1989 mit dem Ersten Staatsexamen ab.
Nach der politischen Wende kam Kemmerich nach Erfurt und machte sich dort im Januar 1990 gemeinsam mit einem Studienfreund als Unternehmensberater selbstständig. Er beriet landwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen aus dem Handwerk.
Ab 1991 wandelte Kemmerich den Dienstleistungskombinats-Betriebsteil „Friseur & Kosmetik“ sowie die Produktionsgenossenschaft (PGH) des Friseurhandwerks aus Weimar, Rudolstadt, Auerbach und Sömmerda zur Friseur Masson GmbH um. 2000 wurde das Unternehmen in die Friseur Masson AG umgewandelt, deren Vorstandsvorsitzender Kemmerich wurde.
Ab Dezember 2017 war Kemmerich einer von zwei geschäftsführenden Gesellschaftern der Uhrenwerk Weimar GmbH, markenrechtlich hervorgegangen aus dem 1990 aufgelösten VEB Uhrenwerk Weimar.
Die Gesellschaft Uhrenwerk Weimar GmbH wurde am 23. Februar 2024 per Liquidation durch Kemmerich aufgelöst.
Ministerpräsidenten in Thüringen dürfen laut Landesverfassung ohne Zustimmung des Landtags weder der Leitung noch dem Aufsichtsgremium eines auf Erwerb ausgerichteten Unternehmens angehören. Nach Antritt seines Amtes als Ministerpräsident legte Kemmerich darum, laut Angaben des Sprechers der Thüringer FDP-Fraktion, seinen Posten beim Uhrenwerk Weimar nieder. Allerdings ist er weiterhin, ohne die erforderliche Zustimmung des Landtags, Vorstandsvorsitzender der Friseur Masson AG. Er behält diesen Posten bis zur Wahl eines Nachfolgers durch die Aktionärsversammlung.
Die Kommunalwahlen in Thüringen 2006, bei denen in mehreren Thüringer Städten SPD-Bewerber zu Oberbürgermeistern gewählt wurden (unter anderem Andreas Bausewein in Erfurt), nannte Kemmerich später als Auslöser für sein eigenes politisches Engagement. Er gründete einen Thüringer Landesverband der FDP-nahen Vereinigung Liberaler Mittelstand und wurde zunächst dessen Landesvorsitzender; seit November 2011 steht er der Vereinigung als Bundesvorsitzender vor. 2006 trat er in die FDP ein, ab 2007 war er FDP-Kreisvorsitzender in Thüringens Landeshauptstadt Erfurt. Bei den Kommunalwahlen in Thüringen 2009 führte er die Partei zurück in den Erfurter Stadtrat und wurde dort ihr Fraktionsvorsitzender.
Bei der Landtagswahl 2009 zog er über Platz 3 der FDP-Landesliste auch in den Landtag ein und begleitete dort als wirtschaftspolitischer Sprecher das Ressort „Wirtschaft, Arbeit, Technologie“. Bei der Oberbürgermeisterwahl in Erfurt am 22. April 2012 erhielt Kemmerich als FDP-Kandidat mit 2,6 % der Stimmen die wenigsten Stimmen aller sieben Angetretenen.
Bei der Landtagswahl in Thüringen 2014 schied die FDP wieder aus dem Landtag aus, wodurch auch Kemmerich, auf Platz 4 der Landesliste, sein Mandat verlor. Er gehörte weiterhin dem Erfurter Stadtrat an und war dort Mitglied einer gemeinsamen Fraktion von FDP, Freien Wählern und Piraten. Im 2019 neu gewählten Stadtrat war er Vorsitzender der dreiköpfigen FDP-Fraktion. Am 11. Juni 2020 wurde bekannt, dass Kemmerich laut einer Entscheidung des Verwaltungsgerichts in Weimar sein Mandat im Erfurter Stadtrat verlieren werde. Die Präsidentin des Verwaltungsgerichts sagte, die zuständige Kammer des Gerichts habe sich nicht davon überzeugen können, dass Kemmerich seinen „Aufenthaltsschwerpunkt“ zum Zeitpunkt der Wahl in Erfurt gehabt habe. Damit gelte der Wohnort der Familie als Hauptwohnsitz Kemmerichs – das sei seit 2009 Weimar. Kemmerich habe in Erfurt nicht als Stadtrat kandidieren dürfen, weil er dort nicht seinen Hauptwohnsitz hatte. Kemmerich kündigte an, in Berufung zu gehen. Das Urteil des Verwaltungsgerichts wurde im August 2021 durch das Thüringer Oberverwaltungsgericht bestätigt. Damit verlor Kemmerich sein Mandat im Erfurter Stadtrat.
Nach dem Rücktritt von Franka Hitzing als FDP-Landesvorsitzende wurde Kemmerich am 29. November 2015 auf einem Sonderparteitag in Stadtroda mit 85 von 143 gültigen Stimmen (59 Prozent) zu ihrem Nachfolger gewählt.
Zur Bundestagswahl 2017 trat Kemmerich als FDP-Kandidat im Wahlkreis Erfurt – Weimar – Weimarer Land II und als Spitzenkandidat auf der Landesliste der FDP in Thüringen an und wurde in den 19. Deutschen Bundestag gewählt. Dort war er Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Energie und im Unterausschuss Regionale Wirtschaftspolitik und ERP-Wirtschaftspläne sowie stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft.
Im November 2018 wurde er in Weimar zum Spitzenkandidaten der FDP Thüringen für die Landtagswahl 2019 gewählt, bei der erst das endgültige amtliche Endergebnis die sehr knappe Rückkehr der Partei in den Landtag bestätigte: Die FDP erhielt 5,007 % und lag nur 73 Stimmen über der Sperrklausel. Kemmerich wurde von der fünfköpfigen FDP-Fraktion zum Vorsitzenden gewählt. Sein Bundestagsmandat legte Kemmerich am 14. November 2019 nieder, Nachrücker war Reginald Hanke.
Im Dezember 2020 erklärte Kemmerich zunächst den Verzicht auf eine erneute Spitzenkandidatur bei der Wahl zum achten Thüringer Landtag. Im Mai 2021 schied er aus dem Bundesvorstand der FDP aus, nachdem er sein Amt als Beisitzer bereits seit Mai des Vorjahres hatte ruhen lassen (siehe Abschnitt „Kontroversen“).
Im Juni 2021 wurde Kemmerich erneut zum Landesvorsitzenden in Thüringen gewählt.
Im Oktober 2023 wurde er zum Spitzenkandidaten seiner Partei für die Landtagswahl im September 2024 gewählt. Auf Plakaten der im Juni 2024 angelaufenen Wahlkampagne wurde er als „Einer, der die Karre aus dem Dreck zieht“ bezeichnet. Ein anderes Plakat mit der Unterschrift „Zurückgetreten, um Anlauf zu nehmen“ zeigte den Blumenstrauß, den Susanne Hennig-Wellsow ihm anlässlich seiner Wahl zum Ministerpräsidenten 2020 vor die Füße warf. Bei der Landtagswahl verpassten die FDP und somit auch Kemmerich den Wiedereinzug in den Thüringer Landtag. Er hatte dazu neben dem ersten Platz auf der Landesliste als Direktkandidat im Wahlkreis Erfurt II kandidiert, wo er 3,1 % der Stimmen erhielt.