Der Apostel Thomas († der Überlieferung nach um 72 in Mailapur) ist einer der zwölf Jünger Jesu (vgl. Mk 3,18 u. ö.). Er wird auch Didymos genannt. In der syrischen Tradition erscheint er als Judas Thomas, da Thomas dort als Beiname verstanden wird.
In der katholischen, der orthodoxen und der anglikanischen Kirche wird der Apostel Thomas als Heiliger und Märtyrer verehrt; auch die evangelischen Kirchen erinnern an ihn.
Der Name Thomas, altgriechisch Θωμᾶς Thōmâs, leitet sich vom aramäischen תְּאוֹמָא təʾōmāʾ „Zwilling“ bzw. תאם taʾam „gepaart“ ab. In der Bibel wird er auch bei der griechischen Übersetzung Δίδυμος Dídymos „Zwilling“ genannt. Die Bibel gibt keinen Hinweis auf einen Zwilling des Thomas.
Die Vetus Syra liest in Joh 14,22 „Thomas“ (sy5) bzw. „Judas Thomas“ (syc), anstelle von „Judas, nicht der Iskariot“ (NTG).
Thomas wird in allen vier im Neuen Testament zusammengestellten Listen der Apostel erwähnt. In den ersten drei Evangelien steht er neben Matthäus, dem Zöllner (Mt 10,3 ; Mk 3,18 ; Lk 6,15 ). In der Apostelgeschichte ist er neben Philippus zu finden (Apg 1,13 ). Daraus, dass er in der Apostelgeschichte gegenüber den Synoptikern vom vierten ins dritte Jüngerpaar aufrückt, wird gelegentlich geschlossen, dass Thomas später an Bedeutung gewann, was mit dem johanneischen Zeugnis übereinstimmt.
Während er in den drei synoptischen Evangelien und der Apostelgeschichte jeweils nur in der Jüngerliste Erwähnung findet, bietet das Johannesevangelium einige Angaben, die Züge seiner Persönlichkeit nachzeichnen. Er wird als nüchterner Wirklichkeitsmensch beschrieben, der zwar fragt, jedoch der erkannten Wahrheit sofort Gehorsam schenkt.
„Mit Jesus gehen, um zu sterben“ (Joh 11,16)
Den ersten Auftritt hat Thomas im Johannesevangelium im Zusammenhang der Auferweckung des Lazarus. Die Erzählung ergänzt seinen Namen durch die griechische Übersetzung Didymus. Hier zeigt er sich als „nüchterne[r] Wirklichkeitsmensch, der richtig erkennen will, um richtig zu handeln“. Als Jesus sich entschließt, nach Betanien zu gehen, um Lazarus aufzuerwecken, warnen ihn die Jünger vor der Gefahr, gesteinigt zu werden (Joh 11,8 ). Jesus bleibt bei seinem Entschluss, woraufhin Thomas sich an die anderen Jünger wendet und sagt: „Lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben!“ (Joh 11,16 )
Es ergibt sich das Bild eines tatkräftigen, treuen und entschlossenen Jüngers, der eine feste Bindung an Jesus hat. Er betont, dass die Jünger Jesu nicht allein lassen wollen, was sich auch in den Äußerungen des Petrus in Mk 14,31 widerspiegelt. Die Auferstehung wird hier jedoch nicht thematisiert, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Jesus am Ende von den Jüngern verlassen wird. Der Mut, den Thomas zeigt, zeugt jedoch eher von verzweifelter Treue als gläubiger Hoffnung.
Das zentrale Thema der Abschiedsreden – der Gedanke, dass die Nachfolge bedeutet, an Jesu Leiden und Kreuz teilzuhaben – wird hier im Johannesevangelium erstmals thematisiert.
„Wie können wir den Weg kennen?“ (Joh 14,5)
Die zweite Erwähnung des Thomas findet sich im Kontext der Abschiedsreden Jesu (Joh 13–17,5 ). Jesus kündigt seinen bevorstehenden Tod an und sagt, dass er die Jünger später zu sich holen wird, damit sie bei ihm sind. Er erklärt, dass die Jünger den Weg wissen (Joh 14,4 ). An dieser Stelle äußert sich Thomas: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ (Joh 14,5 ) Jesu Antwort ist ein Ich-bin-Wort: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Joh 14,6 )
Jesus hat bereits zuvor wiederholt gesagt, dass er zum Vater gehen wird, der ihn gesandt hat, doch die Frage des Thomas zeigt, dass die Jünger dies nicht verstanden haben.
In dieser Erzählung zeigt sich Thomas als grüblerischer Frager. Er gesteht offen, dass er Jesus nicht versteht. Vage, fromme Ausdrücke reichen ihm nicht, denn er will wirklich verstehen. Darin liegt eine große Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit. Zudem weist die Frage darauf hin, dass zwischen intellektuellem Wissen und einem lebensmäßig erfassten Wissen ein großer Schritt liegt.
Der Theologe William Barclay schreibt dazu:
Thomas als Zweifler (Joh 20,24–29)
Thomas war bei der ersten Erscheinung des Auferstandenen am Ostertag nicht anwesend (Joh 20,24 ). Als die Jünger ihm davon erzählen, stellt er die Bedingung, die Auferstehung erst zu glauben, wenn er die Nägelmale berührt (Joh 20,25 ). Eine Woche später, als die Jünger wieder beisammensitzen, erscheint Jesus ihnen erneut. Nach einem Friedensgruß wendet er sich direkt an Thomas und fordert ihn auf, seine Wundmale zu berühren, wobei er beinahe wörtlich Thomas’ Forderung wiederholt. Er schließt mit der Aufforderung an Thomas, gläubig zu werden (Joh 20,26 f ). Ohne die Wunden Jesu zu berühren, findet Thomas zum Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28 ) Die Perikope schließt mit einer Seligpreisung Jesu derer, die, ohne zu sehen, glauben (Joh 20,29 ), die sich jedoch nicht gegen Thomas richtet, sondern vielmehr an die nachfolgenden Generationen, die aufgrund des Zeugnisses der ersten Jünger zum Glauben an Jesus finden.
Hier ist Thomas ein von der Jüngergemeinschaft getrennter Zweifler, der durch Jesu Zuwendung zum gläubigen Bekenner der Gottheit Jesu wird. Über den Grund, weshalb Thomas am Ostertag nicht mit den Jüngern beisammensaß, wird in der Auslegung dieser Stelle teilweise spekuliert. Meist wird seine Abwesenheit dadurch gedeutet, dass er in seiner Trauer und seinem Schmerz allein sein wollte. Die Jünger kommen mit der Auferstehungsbotschaft zu ihm. Die bereits in den vorherigen Äußerungen des Thomas mitklingende schwerblütige Natur des Apostels kann die Auferstehung nicht einfach glauben. Um keiner Täuschung anheimzufallen – den Auferstandenen zu sehen könnte auch eine Vision sein –, möchte er sich handgreiflich davon überzeugen, dass es sich wirklich um den Jesus handelt, der am Kreuz starb. Für seine Weigerung, die Auferstehung ohne Berührung zu glauben, verwendet er eine Formulierung, die Zukünftiges in bestimmtester Form verneint. Dabei wird deutlich, dass die Wirklichkeit der Auferstehung Jesu entscheidend ist.