An diesem Tag

Theodor Schieder

Deutscher Historiker

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Theodor Wolfgang Martin Schieder (* 11. April 1908 in Oettingen im Ries; † 8. Oktober 1984 in Köln) war ein deutscher Historiker. Mit seinem wissenschaftlichen Werk, seinem Einfluss als akademischer Lehrer und seinen Aktivitäten als Wissenschaftsorganisator gilt er als einer der wichtigsten und einflussreichsten bundesdeutschen Neuzeithistoriker nach dem Zweiten Weltkrieg. In jüngerer Zeit wurden sein Engagement für den Nationalsozialismus und seine Rolle als ein möglicher „Vordenker“ der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik Gegenstand öffentlicher Kontroversen.

Theodor Schieder wurde als Sohn des aus Memmingen stammenden Notars Heinrich Schieder (1870–1953) und dessen Frau Margarete, geb. Autenrieth (1886–1956), in Oettingen im Ries (Kreis Nördlingen) geboren und wuchs in Oettingen, Augsburg und Kempten (Allgäu) in einer bürgerlich-protestantischen Familie auf. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums bei St. Anna in Augsburg studierte er von 1926 bis 1933 Geschichte, Germanistik und Geographie an den Universitäten München und Berlin. Schieder wurde dabei von dem Renaissance-Historiker Paul Joachimsen beeinflusst. Nach dessen Tod wurde er 1933 bei Karl Alexander von Müller in München über das Thema Die kleindeutsche Partei in Bayern in den Kämpfen um die nationale Frage promoviert. Ein Jahr später heiratete Schieder. Aus der Ehe gingen drei Söhne und eine Tochter, darunter der spätere Historiker Wolfgang Schieder, hervor.

Bereits während der Schulzeit hatte sich Schieder der Jugendbewegung angeschlossen. Während des Studiums leitete er die Münchner Gilde „Greif“ der antisemitischen, militaristischen und radikalnationalistischen Deutsch-Akademischen Gildenschaft. Zu seinen älteren Bundesbrüdern gehörten Theodor Oberländer und Friedrich Weber. Schieder orientierte sich zum jungkonservativen Flügel der Gilden und gehörte von März bis Oktober 1930 der Volkskonservativen Vereinigung unter Gottfried Treviranus an. Nach der Anti-Young-Plan-Kampagne interessierte er sich vermehrt für die radikalen revisionistischen Vorstellungen Karl Haushofers, der seine Konzepte der Münchner Gilde persönlich vorstellte. Von den Nationalsozialisten grenzte sich Schieder zu diesem Zeitpunkt ab. Er vertrat stattdessen eine jungkonservative Reichsidee in Anlehnung an Arthur Moeller van den Bruck. Als Volkstumshistoriker gehörte Schieder, so der Historiker Ingo Haar, der „Elite im Wartestand an, die die deutsche Frage in Europa autoritär und militärisch zu klären suchte.“

Während des Nationalsozialismus

Schieder profitierte nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ von den Verbindungen seiner Bundesbrüder Erich Maschke, Rudolf Craemer, Theodor Oberländer und Günther Franz. Mit einem Stipendium der Publikationsstelle Berlin-Dahlem begann er 1934 mit der Arbeit an seiner Habilitation. Im selben Jahr erhielt er auf Empfehlung Maschkes die Leitung der „Landesstelle Ostpreußen für Nachkriegsgeschichte“, einer Außenstelle des Preußischen Geheimen Staatsarchivs an der Albertus-Universität Königsberg, übertragen. Schieders Stelle diente nach seiner eigenen Beschreibung der „Aufspürung und Nennung wissenschaftlicher Themen und schließlich der Auskunftsvermittlung an Behörden und Organisationen“.

In Königsberg schloss sich Schieder dem Kreis um den Historiker Hans Rothfels an. Von seinem ursprünglich bevölkerungsgeschichtlichen Konzept einer Siedlungsgeschichte Westpreußens in der Zeit von 1466 bis 1772 musste er sich 1935 verabschieden, weil, so Schieder selbst in einem Brief an Albert Brackmann, „die politischen Ergebnisse“ zum Teil „nicht sehr erfreulich“ seien. Stattdessen verfolgte er einen ideengeschichtlichen Ansatz, indem er die „Idee“ des Reiches dem westlichen Nationalstaatsprinzip als Konzept zur „Neuordnung“ Ostmitteleuropas gegenüberstellte. 1939 habilitierte er sich schließlich mit der Studie Deutscher Geist und ständische Freiheit im Weichsellande. Politische Ideen und politisches Schrifttum in Westpreußen von der Lubliner Union bis zu den polnischen Teilungen (1569–1772/73) bei Kurt von Raumer, der inzwischen Rothfels’ Lehrstuhl übernommen hatte. Schieder arbeitete an dem von Gunther Ipsen verantworteten Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums mit und befasste sich dazu mit der „Memelfrage“ und dem italienischen Faschismus.

Schieder war ehrenamtlicher Mitarbeiter des NS-Hauptschulungsamtes in Königsberg, er beantragte am 11. Juli 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.284.680). Im Sommer 1939 wurde er von Gauleiter Erich Koch in den Expertenstab für Volksgruppenfragen des Reichsinnenministeriums entsandt, der an der Vorbereitung des Krieges gegen Polen mitwirkte. Nach dem Überfall auf Polen erarbeitete Schieder am 7. Oktober 1939 die Denkschrift einer Arbeitsgruppe der Nord- und Ostdeutschen Forschungsgemeinschaft (NOFG) über die „Siedlungs- und Volkstumsfragen in den wiedergewonnenen Gebieten“. Die Arbeitsgruppe hatte sich vom 4. bis 7. Oktober 1939 auf Initiative Hermann Aubins in Breslau getroffen und über Fragen der Neuordnung Polens gesprochen. In der Denkschrift rechtfertigte Schieder den „Volkstumskampf“ und Deportationen als Wiedergutmachung nach dem Versailler Vertrag, warnte vor den „Gefahren rassischer Vermischung“, plädierte für die „Herauslösung des Judentums aus den polnischen Städten“ und die „Entjudung Restpolens“ sowie für die Beseitigung der polnischen Intelligenz. Insofern Schieder die Überseewanderung der Juden gegenüber der Abwanderung in den polnischen Reststaat bevorzugte, lassen sich, so Götz Aly, die Konturen des Madagaskarprojektes erkennen.

Schieder arbeitete Gauleiter Koch zu, dem er über den Einfluss der Nationaldemokratie Polens bis auf die Kreisebene und über das Wirken der früheren preußischen Ansiedlungskommission berichtete. Die Landesstelle Ostpreußen bearbeitete dazu wie schon vor dem Krieg Akten, Nachlässe sowie beschlagnahmte Dokumente und stellte die gewonnenen Informationen für vertrauliche Auskünfte zur Verfügung. 1941/42 vertrat Schieder den Lehrstuhl von Kleo Pleyer an der Universität Innsbruck, begutachtete um die Jahreswende 1941/42 aber auch die Bevölkerungsverhältnisse in Białystok. Koch dankte Schieder im Januar 1942 persönlich, dass die Landesstelle Material geliefert habe, das wesentliche Dienste geleistet habe „und das heute bei der Neugestaltung der Regierungsbezirke Zichenau und Bialystok uns ein bedeutsames Hilfsmittel ist.“ Harold Steinacker und Reinhard Wittram versuchten nach Pleyers Tod Schieder als dessen Nachfolger zu gewinnen. Koch jedoch, der den herzleidenden Schieder 1942 für unabkömmlich erklären ließ, setzte im Mai 1942 dessen vor allem von Herbert Grundmann betriebene Hausberufung als Professor für Neuere Geschichte an der Universität Königsberg durch. Hier wirkte Schieder als Dekan der philosophischen Fakultät (ab 1943), war als „Lektor des Amtes für Presse und Propaganda“ aktives Mitglied im NS-Dozentenbund und arbeitete mit dem Bund Deutscher Osten zusammen, für den er Gutachten verfasste. 1944 trat er der „Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der bolschewistischen Weltgefahr“ im Amt Rosenberg bei, für die er die Schwerpunkte „Liberalismus und Marxismus“ bearbeiten wollte.

In der Bundesrepublik Deutschland

1944/45 floh Schieder mit seiner Familie nach Dietmannsried in den Westen. Er bemühte sich zunächst vergeblich um Universitätsstellen in Hamburg, Göttingen, Münster und Frankfurt am Main. Im Juli 1947 wurde er nicht zuletzt auf Betreiben Peter Rassows für einen Lehrstuhl an der Universität Köln vorgeschlagen, musste aber zunächst seine Entnazifizierung erreichen. Er hatte dies bereits in Hamburg und Göttingen versucht, um das für ihn ungünstige amerikanisch-bayerische Befreiungsgesetz zu umgehen. Mit Hilfe einer Reihe von Kollegen wie Hans Rothfels, die schriftlich Schieders politische Haltung erläuterten, gelang ihm am 28. November 1947 bei der Außenstelle Immenstadt des Amtsgerichts Kempten-Land die Entnazifizierung. Am 8. November 1948 wurde er zum Ordinarius in Köln ernannt, wo er trotz Rufen nach Göttingen (1954), Freiburg (1957) und München (1963) bis zu seiner Emeritierung 1976 lehrte. Als „begnadeter Wissenschaftsorganisator“ wurde er einer der einflussreichsten westdeutschen Historiker.

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