Theodor Reik (* 12. Mai 1888 in Wien, Österreich-Ungarn; † 31. Dezember 1969 in New York City) war ein österreichisch-amerikanischer Psychoanalytiker.
Reik entstammte einem wenig religiös gebundenen, jüdischen Elternhaus. Sein Vater war Max Michael Reik (1840–1907), seine Mutter Caroline Reik, geb. Trebitsch (1851–1910). Reik hatte noch zwei Brüder und zwei Schwestern. 1907 absolvierte er das Sophien-Gymnasium mit seiner Matura.
Hiernach studierte unter bedrückenden materiellen Verhältnissen in Wien Psychologie, Philosophie, Literatur- und Religionswissenschaft. 1910 machte er Bekanntschaft mit Sigmund Freud und las dessen Werk Die Traumdeutung. Freud, der sich mit dem jungen Studenten anfreundete, unterstützte bald darauf mehrere Jahre dessen Ausbildung zum Psychoanalytiker durch einen monatlichen Geldbetrag. 1912 erschien Reiks Doktorarbeit Flaubert und seine „Versuchung des heiligen Antonius“, die erste auf psychoanalytischer Grundlage stehende literaturkritische Studie.
Reik heiratete 1914 in Wien Ella Oratsch († 1934). Sie emigrierte 1934 mit ihrem gemeinsamen Sohn Adam (* 1915) nach Israel. In den Niederlanden heiratete er 1934 seine zweite Ehefrau Marija Čubelić (1904–1960). Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor, Miriam Margaret Reik (1938–2009).
Im Ersten Weltkrieg wurde Reik von Januar 1915 bis Oktober 1918 als Kavallerieoffizier eingezogen. Über seine Erfahrungen berichtete er später kurz in The Search Within.
Zwischen 1921/22 arbeitete er am Berliner Psychoanalytischen Institut, (BPI), kehrte aber 1922 erneut nach Wien zurück.
Reik arbeitete bis 1928 als Sekretär der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Danach wurde er erneut Mitarbeiter am Berliner Psychoanalytischen Institut, bis er als Jude aufgrund der nationalsozialistischen Machtübernahme zur Emigration gezwungen war: Reik floh 1933 in die Niederlande (Mitglied der Vereeniging van Psychoanalytici in Nederland), 1938 emigrierte er in die USA.
Reik war im Gegensatz zu den meisten Psychoanalytikern seiner Zeit kein ausgebildeter Mediziner, was ihn in Konflikt mit dem damaligen Gesetz brachte, das nur Ärzten die Ausübung von Heilberufen gestattete. 1925 wurde er wegen Kurpfuscherei angeklagt, da er ohne medizinische Ausbildung psychoanalytische Therapien betrieb. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, nahm dies zum Anlass, die Schrift Die Frage der Laienanalyse (1926) zu veröffentlichen, in der er klar Stellung bezog für eine fundierte psychotherapeutische Ausbildung und zugleich für die Zulassung anderer Berufssparten zur Psychotherapie und Psychoanalyse.
Das Klima in der US-amerikanischen Psychoanalyse, die sich in diesem Punkt den Wünschen Freuds widersetzte und Nicht-Medizinern die Zulassung zur Ausbildung und Ausübung der Psychoanalyse verwehrte, erschwerte es Reik, sich dort psychoanalytisch zu betätigen. So verweigerte ihm die Psychoanalytische Vereinigung von New York die vollwertige Mitgliedschaft. 1948 gründete Reik die National Psychological Association for Psychoanalysis, eine eigene psychoanalytische Vereinigung, die auch Nichtmedizinern offenstand. Ihr angegliedert war eine Klinik, die seinen Namen trug. Die neue Vereinigung gibt auch eine eigene Zeitschrift (The Psychoanalytic Review) heraus.
Reik hinterließ ein umfassendes Schrifttum, von dem die religionspsychologischen neben den kriminal- und kunstpsychologischen Schriften als die bedeutendsten gelten. Seine Werke „Der eigene und der fremde Gott“ wie „Geständniszwang und Strafbedürfnis“ aus der Mitte der 1920er-Jahre sind in ihrer analytischen Brillanz weiterhin grundlegend, wie auch die umfangreiche Studie „Aus Leiden Freuden“ noch heute als bahnbrechendes Werk über den Sado-Masochismus gilt. Masochismus erscheint dort, abweichend von gängigen Theorien, letztlich als passiver Sadismus. Monografien und Arbeitstagebücher gehören ebenfalls zu Reiks Werk. Reik war bis zu seinem Tod als Psychoanalytiker in eigener Praxis tätig.
1961 promovierte der Psychoanalytiker Arno Gruen bei Reik. Seit den 1970er Jahren wurden Reiks Schriften wieder auf Deutsch zugänglich gemacht.
In Berlin erinnert seit dem 29. Mai 2005 eine Gedenktafel aus der Reihe Mit Freud in Berlin an ihn und sein Leben und Wirken.
Der eigene und der fremde Gott
Anknüpfend an die Schrift Totem und Tabu von Sigmund Freud von 1913 erklärt Theodor Reik in seinem 1923 erschienenen Werk Der eigene und der fremde Gott die Entstehung und Entwicklung christlicher und jüdischer Religionsvorstellungen mit psychologischen Phänomenen wie Gefühlsambivalenz, Schuldgefühl, Verdrängung und Abwehr. So sei zum Beispiel die Vorstellung der unberührten Jungfrau Maria in der christlichen Theologie das Überbleibsel einer verdrängten inzestuös begehrten Muttergöttin in der Antike und hinter der Feindseligkeit der Christen gegen Judas stehe eigentlich die verdrängte Feindseligkeit gegen Gott, die aus einem unbewussten Schuldgefühl auf Judas projiziert werde. Der fremde Gott oder religiöse Riten anderer Völker würden als unheimlich empfunden, weil sie an eigene ursprüngliche, animistische Überzeugungen anknüpfen, die verdrängt wurden. Im Grunde, so Reik, enthalte der fremde Gott verdrängte Anteile des eigenen Gottes. So sei z. B. die in jeder Religion ursprünglich weitverbreitete Anklage des Ritualmordes eine vom unbewussten Schuldgefühl diktierte Projektion der Feindseligkeit gegen den eigenen Gott auf ein fremdes Volk:
„Die Religion, die dem Schuldbewußtsein, der Vatersehnsucht und dem Trotz ihre Entstehung verdankt und zum Schutz gegen den Ansturm gewalttätiger und feindseliger Impulse aufgebaut wurde, muss sich immer wieder gerade dieser Tendenzen erwehren; die unbewußte Feindseligkeit gegen den eigenen Gott gehört zum eigentlichen Wesen der Religion und ist nicht von ihr ablösbar.“
Der weitverbreitete Judenhass und Antisemitismus lasse sich in diesem Sinne ebenfalls damit erklären, dass die Juden unbewusst „Vaterrepräsentanten“ seien. Das Beschneidungsritual der Juden nähre die Kastrationsangst, denn der (geliebte und zugleich gefürchtete) Vater ist der drohende Kastrator. Hierzu Reik: "Freud hat zuerst auf die Bedeutung des Kastrationskomplexes in der Psychogenese des Antisemitismus hingewiesen; er bemerkt, dass der Knabe schon in der Kinderstube hört, "dass dem Juden etwas am Penis – er meint ein Stück des Penis – abgeschnitten werde und das gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten." Dieser Erklärungsansatz des Antisemitismus wurde 30 Jahre später von dem Psychoanalytiker Rudolph Loewenstein in seinem Werk Psychoanalyse de l'Antisemitisme aufgegriffen und vertieft.
Richard Beer-Hofmann. Leipzig : Rudolf Eichlers Verlag, 1912
Flaubert und seine „Versuchung des heiligen Antonius“. 1912.