An diesem Tag

Theodor Kramer (Lyriker)

Österreichischer Lyriker (1897–1958)

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Theodor Kramer (* 1. Jänner 1897 in Niederhollabrunn, Österreich-Ungarn; † 3. April 1958 in Wien) war ein österreichischer Lyriker.

Theodor Kramer wurde im niederösterreichischen Weinviertel als zweiter Sohn des Gemeindearztes (Sprengelarzt) von Niederhollabrunn geboren. Sein Vater, Dr. Max (Michael) Kramer (1862–1935), entstammte einer jüdischen Familie aus Mähren, seine Mutter Babette (genannt Betty, geb. Doctor, 1869–1943) kam aus Böhmen. Beide Eltern zogen 1928 nach Wien. Durch das Reichsbürgergesetz entrechtet, wurde Babette „Sara“ Kramer von den Nationalsozialisten am 22. Juli 1942 mit dem Transport Nr. 33 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert – und mit ihr an diesem Tag ca. 1 000 andere Einwohner Wiens, von denen kaum einer überleben konnte. Vom Tod seiner Mutter am 26. Januar 1943 im z. T. als „Altersghetto“ verbrämten Lager erfuhr er jedoch erst nach Kriegsende.

Theodor hatte als Kind zunächst Hausunterricht, kam dann für zwei Jahre an die Volksschule in Hollabrunn und wechselte im September 1907 auf das Realgymnasium in Stockerau. Zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Richard interessierte er sich für die Wandervogelbewegung und die Freideutsche Jugend, was wie seine noch bis 1931 stattfindenden langen Heimatwanderungen eine Quelle für seine spätere landschafts- und naturverbundene Lyrik war. Nach dem Umzug beider Brüder 1908 nach Wien-Leopoldstadt schloss er dort die Realschule Vereinsgasse (heute: Bundesrealgymnasium Lessinggasse) im Juli 1914 mit der Matura ab. Das im Oktober 1914 begonnene Studium an der k.k. Exportakademie Wien (heute: Wirtschaftsuniversität Wien) endete schon im Oktober 1915 durch die Einberufung als Offiziersanwärter zum Kriegsdienst.

Im Juni 1916 wurde Kramer im Ersten Weltkrieg in Wolhynien fast tödlich verwundet, musste nach seiner Genesung aber weiter bis zum Kriegsende als Leutnant in der österreichischen Armee in Ungarn und an der italienischen Front dienen; seine Erlebnisse bildeten die Grundlage für den Gedichtband Wir lagen in Wolhynien im Morast... (1931): „darin stellt der Autor den zeitgenössischen Tendenzen zur ideologisierenden Verklärung des Fronterlebnisses im Ersten Weltkrieg authentische Erinnerungsbilder an die verrohende Wirkung des Kriegs und an das Gefühl der Entwurzelung in der unmittelbaren Nachkriegszeit gegenüber. Die demonstrativ unheroische, das volltönende Pathos pazifistischer Dichtung meidende, ›Wir‹-Perspektive der Gedichte vermittelt wieder die Erfahrungswelt des einfachen, zum Kriegsdienst gezwungenen Soldaten und führt überwiegend in Szenerien abseits der Schützengräben“.

Das 1918 anschließende Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte, dann ab Sommersemester 1919 der Rechtswissenschaft an der Universität Wien brach er 1921 u. a. aus finanziellen Gründen ab; von 1919 bis 1921 hatte er währenddessen in der Deutsch-Österreichischen Kriegs-Getreide-Anstalt seinen Lebensunterhalt verdienen müssen. In der Folge arbeitete er als Buchhändler, u. a. in der Buchhandlung J. Berger am Kohlmarkt und in der Heller’schen Buchhandlung am Bauernmarkt, ab 1926 dann als Verlagsvertreter auf Provisionsbasis, war aber durch eine chronische Darmentzündung in der Ausübung seiner Arbeitstätigkeiten eingeschränkt.

1926 veröffentlichte „Die Bühne“ erstmals ein Gedicht von ihm, die Beteiligung am Lyrik-Wettbewerb des S.Fischer Verlages 1927 brachte eine „ehrenhafte Nennung“. Mit vermittelnder Hilfe von Leo Perutz und Joseph Kalmer konnte 1928 Kramers erster Sammelband „Die Gaunerzinke“ verlegt werden (mit z. B. zuvor in der „Arbeiter-Zeitung“ und im „Simplicissimus“ abgedruckter Lyrik), dieser erhielt im Jahr seines Erscheinens den Kunstpreis der Stadt Wien für Dichtkunst. Aufgrund seines monatelangen Krankenhausaufenthaltes ohne Anstellung, ermöglichten ihm ab Herbst 1931 nun die Lesungen, Vorträge, Radiosendungen und weitere Veröffentlichungen, dass er – unter sehr bescheidenen finanziellen Verhältnissen – als freier Schriftsteller leben konnte. Bei einer seiner Veranstaltungen lernte er 1929 die jüdische Rezitatorin und Schauspielerin Inge (Rosa) Halberstam (1894–1969) kennen, die er am 10. Juni 1933 heiratete.

Kramer wurde im Januar 1933 Gründungs- und Vorstandsmitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller und 1934 noch kurzzeitig zusammen mit Oskar Maria Graf Obmann-Stellvertreter derselben. Mit dem Dollfuß-Putsch 1934 gewann der Austrofaschismus zunehmend die Oberhand und der „Ständestaat“ reagierte mit konsequenten obrigkeitlichen Verboten auf sozialdemokratische oder sozialistische Bewegungen und deren Publikationen, wie z. B. die Arbeiterpresse. Theodor Kramer hatte bereits Anfang April 1933 mit klar betitelten Gedichten wie z. B. „Brief aus der Schutzhaft“ und „Im Konzentrationslager“ gewarnt, im Mai folgte „Im Arbeitslager“. Zur selben Zeit protestierte er gegen den Abdruck des – unpolitischen – „Maifeuer“ in der „Literarischen Welt“ (Berlin) vom 22. April 1933, nämlich im Kontext mit „Begrüßungsadressen an das NS-Regime“, und verbot die Publikation seiner Werke auch den anderen deutschen Verlagen, die mehr und mehr zum Sprachrohr nationalsozialistischer Propaganda werden sollten. Seine Mitgliedschaft des in Berlin ansässigen „Kartells lyrischer Autoren“, der Teil des „Schutzverbandes deutscher Schriftsteller“ (SDS) war, hatte er „freiwillig unter Protest“ zwei Tage nach der „Gleichschaltung“ des SDS am 10. März 1933, die durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda betrieben wurde, gekündigt (Kramer blieb im SDS Österreichs). Tatsächlich brachten Bestimmungen wie das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 und das Vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 31. März 1933 Stück für Stück gravierende Umwälzungen mit sich, die demokratische Weimarer Republik formierte sich innerhalb kurzer Zeit systematisch zum diktatorischen NS-Staat. Nach 1934 bot ihm die Wiener Zeitung als freiem Mitarbeiter weiterhin ein Forum. Sein vorerst letzter und umfangreichster Band war 1936 (mit Texten aus den Jahren von 1927 bis 1935) Mit der Ziehharmonika, mutig von Ernst Karl Winter im weiter aufstrebenden Austrofaschismus verlegt. Dies war nun nicht mehr von den bisher üblichen öffentlichen Auftritten begleitet, stattdessen bildeten private Vorlesungen und monatliche Spenden von Freunden (der „Kramer-Schilling“) seine Einkünfte.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich war Kramer als „Volljude“ und Sozialdemokrat ein Arbeits- und Berufsverbot auferlegt worden. Sämtliche seiner Schriften kamen auf die Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums. Das Leben der Juden in Wien änderte sich radikal, Kramer überlebte im August 1938 eine versuchte Selbsttötung; die zunehmend aussichtslose gesellschaftliche Situation verarbeitete er in dem (erst 1946 erschienenen) Wien 1938 / Die grünen Kader. Seiner Mutter posthum gewidmet, richtete er darin an seinen 1935 verstorbenen Vater die Zeilen Ich bin froh, daß du schon tot bist, Vater, / daß du starbst, bevor die Horde kam, / die mich schrubben ließ und mir im Prater / am Kastanienblust die Freude nahm. / Ich bin froh, daß dich zum Spaß kein Bube / zerrte je am langen weißen Bart […]. Die Bemühungen, seine Heimat mit einer Ausreisegenehmigung zu verlassen, wurden durch den „Judenstempel“ weiter erschwert, so lehnte ihn, Theodor „Israel“ Kramer, beispielsweise die Schweiz selbst als Durchreisenden ab. Zudem forderten i. d. R. die möglichen Zielländer den Nachweis eines dort gültigen Arbeitsvertrages oder einer finanziellen Bürgschaft; und ohne Vorlage ihres Einreisevisums nützte auch ein kostenpflichtig erstelltes deutsche Ausreisevisum nichts. Trotz der Schwierigkeiten gelang seinem Bruder Richard im Januar 1939 die Ausreise über Großbritannien in Richtung USA. Am 6. Februar 1939 schaffte es Kramers Frau mit einer Arbeitserlaubnis als Dienstbotin nach Wolverhampton zu emigrieren. Die gleiche Permit des British Home Office für ihn selber wurde jedoch vom britischen Konsul in Wien als Visums-Grundlage abgelehnt, da er für diese Arbeit ungeeignet sei. Auch die Bewerbung um eine Stellung als Bibliothekar an der Universität von Ciudad de Trujillo (Santo Domingo), in der hinsichtlich Einreisebestimmungen damals relativ liberalen Dominikanischen Republik, blieb umsonst.

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